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Sie sind hier: Family: Partnerschaft genießen. Familie gestalten. / Heftartikel / Ehe in der Pubertät

Ehe in der Pubertät

27 Dez 2012 / 0 Kommentare / in Heftartikel, Wir alle/vonTine Winkler

Wenn Kinder in die Pubertät kommen, dann kriselt häufig nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung. Auch die Beziehung zwischen den Ehepartnern kann ins Trudeln geraten. Wie man dem entgegenwirkt, erläutern die Paarberaterin Felicitas A. Lehnert und der Theologe Dr. Volker A. Lehnert im Gespräch mit family-Redakteur Christof Klenk.

Ihr neues Buch heißt „Ehe in der Teenie-Krise“. Was sind besondere Herausforderungen, denen sich Väter und Mütter in dieser Zeit stellen müssen?

Felicitas Lehnert: Eltern geraten in den Spagat zwischen der Pubertät der Kinder und den Erinnerungen an die eigene Pubertät. Aber die Merkmale der Teenagerwelt damals passen häufig nicht auf die Teenagerwelt von heute, weil die Welt eine andere geworden ist. Wir erziehen unsere Kinder in eine Welt, die wir selbst nicht gelernt haben. Dies ist eine Gratwanderung und eine große Herausforderung. Sie sagen auch, dass Eltern von Teenagern sich entwickeln müssen. Wohin sollen sie sich entwickeln?

Volker Lehnert: In die nächste Reifestufe. Die „Aufzucht der Kleinen“ kommt zu einem Abschluss. Damit auch das eigene Leben in die nächste Stufe kommt, sind neue Perspektiven, neue Ziele und Zukunftspläne für die eigeneBeziehung nötig.

Felicitas Lehnert: Diesen Entwicklungsschritt weiter zu gehen, ist erstrebenswert. Die Teeniephase der Kinder ist eine entscheidende Phase für die Eltern. Wenn man sie durchlebt, durchleidet und für sich eine Perspektive findet, dann ist das ein enormer Schritt. Ein Mensch verändert sich nur in der Krise. Wenn alles gut läuft, besteht kein Anlass zur Veränderung.

Wie kann sich eine kriselnde Ehe der Eltern auf die Pubertät der Kinder auswirken?

Felicitas Lehnert: Kinder lernen von ihren Eltern – so auch den Umgang mit Krisen. Gelingt es den Eltern, eine Krise als Herausforderung anzugehen und zu bewältigen, so lernen Kinder: Probleme sind dazu da, sie zu lösen. Scheitern Eltern an dieser Aufgabe, so lernen Kinder Ohnmacht. Dieses Grundgefühl werden sie in ihre eigene Partnerschaft hineintragen.

Sie sagen, wenn die Kinder massiv pubertieren, dann liegt etwas im Argen mit der Beziehung der Eltern. Wenn sie es gar nicht tun, auch.

Felicitas Lehnert: In einer Familie kann man nicht ein einzelnes Mitglied isoliert betrachten. Auffälliges Verhalten des Pubertierenden – egal, in welche Richtung – sagt nicht nur etwas über das Kind. Eltern stehen vor der Frage: Warum? Wo liegen die Wurzeln? Was hat das mit uns zu tun? Was tragen wir zu diesem Verhalten bei? Und: Wovon lenkt der scheinbare ‚Problemfall Kind‘ möglicherweise ab? Ist es nur Symptomträger?

Volker Lehnert: Wenn man die Ursachen für die Probleme des Kindes sucht, stößt man sehr häufig auf Verletzungen und Verdrängungen der Eltern.

Nun haben wir wahrscheinlich alle Verdrängtes und Unverarbeitetes, das wir lieber nicht anrühren wollen. Seien es unverwirklichte Träume oder Enttäuschungen.

Felicitas Lehnert: So wenig wie Eltern ein Anrecht auf perfekte Kinder haben, so wenig haben Kinder ein Anrecht auf perfekte Eltern. Auch dies gilt es nicht zu verdrängen. Die Schwere der Schatten wiegt unterschiedlich von Mensch zu Mensch. Das entbindet aber nicht von der Aufgabe, sich ihnen zu stellen.

Ist das unausweichlich?

Felicitas Lehnert: Ja. Genauso wie unsere genetischen Dispositionen uns ein Leben lang begleiten, genauso werden wir unsere familiären Prägungen niemals abstreifen können. Wir können sie verdrängen, sie ignorieren, uns ihnen ausliefern. Oder wir können sie erkennen, annehmen, gestalten und eventuell sogar lieben lernen.

Viele Familien leiden auch darunter, dass die gemeinsame Zeit zwischen Alltag und Berufsleben auf der Strecke zu bleibt.

Volker Lehnert: Das neue Zauberwort heißt ‚Work-Life-Balance’. Dabei geht es darum, dass genügend Zeitressourcen für die Beziehungspflege eingeplant werden. Wir beobachten mit großer Sorge, dass unser gesellschaftlichesLeben immer mehr Zeit für Aufgaben in Anspruch nimmt, die nichts mit unseren Primärbeziehungen zu tun haben. Unsere Prioritäten liegen bei genauem Hinsehen zunehmend außerhalb unserer Familie. Wer aber die Zeit an einer guten Beziehungspflege spart, der spart am falschen Ende.

Felicitas Lehnert: Die Plattitüde, es käme lediglich auf die Qualität der Zeit an, die man miteinander verbringt, ist zu kurzsichtig. Es gibt keine Qualität ohne ein Mindestmaß an Quantität.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch über „abwesende Väter“. Herr Dr. Lehnert, Sie sind auch ein viel beschäftigter Mann. Wie haben Sie dafür gesorgt, genügend anwesend zu sein?

Volker Lehnert: Als unsere Kinder klein waren, war ich als Gemeindepfarrer tätig. Das ist einerseits eine Belastung, denn Kinder müssen ihren Vater häufig mit vielen anderen Menschen teilen. Anderseits habe ich diese Zeit als großes Privileg erlebt, denn viele Tätigkeiten im Pfarrdienst finden zu Hause statt. Dadurch war ich immer wieder in der Familie präsent. Meine Frau und ich haben uns damals auch klare Regelungen für unsere Paarbeziehung gesetzt. Ich hatte in der Regel montags meinen freien Tag, gelegentlich kamen die Großeltern zur Kinderbetreuung und ein Abend in der Woche gehörte nur uns beiden. Solche Zeiten muss man sich erstreiten. Manche behaupten, sie hätten keine Zeit für Partnerschaft und Familie, aber jeder Mensch hat 24 Stunden am Tag – und damit muss man gut haushalten.

Neben den Vätern, die abwesend sind, berichten Sie auch über Männer, die nicht die Vaterrolle einnehmen. Wie kann man das verstehen?

Felicitas Lehnert: Die Emanzipation hat zu Recht eingeklagt, dass Väter sich mehr in die Familie einbringen, aber nicht als Ersatzmütter, sondern als Väter, mit der Aufgabe des Schutz-Gebens, des Halten-Könnens, des Leiten-Könnens … Kinder brauchen Väter, aber nicht in der Funktion des großen Bruders oder der zweiten Mutter.

Ist das die Schuld der Väter?

Felicitas Lehnert: Es geht hier nicht um Schuld. Väter sind heute häufig verunsichert. Alte Rollenverständnisse sind überholt, neue oft noch nicht gefunden. Der eigene Vater fungiert häufig nicht mehr als Vorbild. Und Frauen haben oft sehr große Erwartungen.

Was wäre die spezifische Väter- und Männerrolle?

Felicitas Lehnert: So wie es eine wichtige Aufgabe der Mutter ist, ihr Kind emotional satt zu machen, so ist es eine wichtige Aufgabe des Vaters, sein Kind emotional stark zu machen.

Volker Lehnert: Ein Vater sollte eine Art ‚Leitwolf’ sein. Dieser hat eine schützende Funktion und weicht keiner Bedrohung aus. Dadurch fühlt sich das ‚Rudel’, also die Familie, geschützt.

Felicitas Lehnert: Ein Vater muss sich bewusst sein, dass er sowohl bei seiner Tochter als auch bei seinem Sohn das Männerbild prägt. Der Sohn sieht: So werde ich mit meiner Frau umgehen. So werde ich mit meinen Kindern umgehen. So wichtig wird mir Familie sein … Die Tochter sieht: So wird ein Mann mit mir umgehen. So wird ein Mann mit meinen Kindern umgehen. So wird ein Mann zu seiner Familie stehen.

Sie schreiben auch über die Mutterrolle und dass es schwierig für Mütter ist, wenn ihre Töchter als „neue Schönheit“ erblühen.

Felicitas Lehnert: Das muss nicht, kann aber problematisch sein, insbesondere, wenn die Mutter sich über ihr Äußeres oder ihr Jungsein definiert und es ihr schwerfällt, in die nächste, durchaus attraktive Altersphase einzutreten. Unsere Kinder sind die nachfolgende Generation, die uns durch ihr Heranwachsen ständig vor Augen führen, dass ein Verharren in einer Lebensphase, mögen wir uns auch noch so an sie klammern, nicht möglich ist.

Wenn Sie die Aufgaben von Müttern und Vätern beschreiben, beziehen sich auf recht feste Rollenbilder. Sind sie unveränderlich?

Felicitas Lehnert: Nein. So viele Menschen es gibt, so viele Familien es gibt, so viele Varianten der Rollenaufteilung gibt es auch. Wichtig ist, dass jedes Paar seine eigene Rollenaufteilung findet. Das Kriterium ist, dass es der Familie dabei gut geht.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Wenn Teenager große Schwierigkeiten haben, tragen sie häufig die Probleme aus, die die Eltern mit sich selbst haben, sind Felicitas und Volker Lehnert überzeugt. In der aktuellen family 01/13  können Sie ihre Reaktion auf den konkreten Fall “Mein Sohn beschimpfte mich aufs Übelste” nachlesen.

Interessiert? Dann testen Sie doch gleich family!

 

Foto: thinkstock/PolkaDot

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