Die „Mein-Kind-bedeutet-mir-alles“-Falle

Kinder brauchen Aufmerksamkeit. Wenn sie allerdings zu viel davon bekommen, geraten sie in eine Rolle, die weder ihnen noch der Familie gut tut. Von Clara Evers-Zimmer

Maxi ist fast acht Jahre alt, als ich ihn in der Tagesklinik kennenlerne. Ein hübscher Junge mit braunem Igelhaar und großen Augen. Er ist hier, weil er in der Schule nicht klarkam. Er stand regelmäßig im Unterricht auf, um zu tun, wonach ihm gerade zumute war. Er forderte fast die gesamte Aufmerksamkeit der Lehrerin für sich ein. In der zweiten Klasse sagte die Lehrerin, sie könne ihn nicht länger unterrichten. Nun ist er in der Tagesklinik der Kinderpsychiatrie. Ich mag Maxi gern. Wir machen Unterricht in der Natur, pflücken Blumen für seine Mutter, und im Zusammensein wird mir klar, unter welch schwerer Last Maxi leidet. Er ist das Familienoberhaupt einer siebenköpfigen Patchworkfamilie, der erstgeborene Sohn nach vier Schwestern. Während wir uns auf den Weg vom Unterrichtsplatz im Grünen zurück zur Tagesklinik machen, sehe ich hinter den Bäumen eine hellgekleidete Frau umherhuschen. Maxis Mutter. Sie beobachtet uns. Sie ist wie Maxis Schatten. Immer denkt sie über ihn nach, immer ist sie in seiner Nähe. Immer unter Druck. Die Familie sitzt fest in der „Kind-auf-dem- Thron“-Falle. Maxi ist etwas Besonderes, so wie Josef es für seine Eltern war – seine Geschichte kann man in der Bibel im 1. Buch Mose, Kapitel 37 nachlesen: Josef war der Liebling seines Vaters, bekam von ihm ein besonderes Gewand und gab damit an, dass er was Besseres sei als seine Brüder. Auch Maxi macht jedem klar, dass er auf dem Thron sitzt. Weil er von seinen Eltern gelernt hat, dass er etwas ganz Besonderes ist, versteht er in der Schule die Welt nicht mehr. Wie sollte er sitzen und lernen können wie die anderen Kinder? Und Rechnen fällt ihm ganz schwer. Na, das macht er dann erst mal gar nicht mehr. Seine Seele kann es nicht ertragen, dass er sich anstrengen muss, dass er nicht nur großartig ist, sondern ein Mensch mit Fehlern und Schwächen.

EINE ZU GROSSE ROLLE
Ich möchte damit nicht sagen, es sei falsch, wenn unser Kind uns sehr viel bedeutet. Kinder sind uns von Gott gegeben. Die Fähigkeit, bedingungslos zu lieben, lässt sich durch Kinder wunderbar erfahren. In den ersten Jahren und in besonderen Notzeiten ist es richtig, wenn unser Kind uns alles bedeutet. Schwierig wird es aber, wenn ein Kind eine zu große Rolle in der Familie spielt. Wenn es als so besonders wahrgenommen wird, dass es immer eine Sonderbehandlung bekommt. Die Zahl dieser „Josefskinder“ hat zugenommen: „Mein Kind ist etwas Besonderes.“ „Ohne mein Kind wäre es in seiner Schulklasse viel langweiliger“. Der Anteil der Eltern, die dies in Untersuchungen so oder ähnlich angeben, ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Darin spiegeln sich die narzisstischen Tendenzen unserer Zeit. Über „Josefskinder“ wird sehr viel gesprochen. Bei jedem Hinbringen oder Abholen dringen die Wortfetzen der Eltern unvermeidlich an mein Ohr: vorzeitige Einschulung, mehr geistiges Futter, hervorragend, IQ, Testung, Beratung, mehr Förderung und auf jeden Fall Sport und Englisch! Als mein Ältester 2006 in den Kindergarten kam, gab es in seiner Gruppe offiziell weder ein hochbegabtes noch ein hochsensibles, hyperaktives oder autistisches Kind. Neun Jahre später weiß ich in der Kindergartengruppe unserer Zwillinge von mindestens fünf Hochbegabten und zehn Hochsensiblen. Diese Zahlen liegen weit über denen, die statistisch zu erwarten wären (Hochbegabung: ein Kind von 50 bis 60 Kindern, Hochsensibilität: ein bis zwei Kinder pro Klasse). Schwedischen Wissenschaftlern ist der Nachweis gelungen, dass zu viele Kinder eine Diagnose haben, die nicht auf sie zutrifft. Ich erlebe Eltern, die von Arzt zu Arzt laufen, weil sie eine Diagnose für den Kindergarten oder die Schule brauchen. Könnte es sein, dass es sich in manchen Fällen um Josefskinder handelt?

GEWÜNSCHTESTE WUNSCHKINDER
Kinder zu haben, ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Eltern haben die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, in der Regel selbst getroffen. Sie haben die Anzahl der Kinder und den Zeitpunkt für die Geburt geplant. Kinder haben ihren Preis. Wer diesen Preis bezahlt, möchte dann auch alles richtig machen. In unserer Gesellschaft gibt es wenig Anerkennung für diejenigen, die Kinder großziehen. Da Anerkennung und Aufmerksamkeit die gefragteste Währung in einer von Medien dominierten Welt sind, müssen die Kinder den Aufwand rechtfertigen, den sie verursachen. Sie müssen gelingen und etwas Besonderes sein. Deshalb bedeuten sie ihren Eltern alles und werden zu Josefskindern gemacht. Neugeborene und Kleinkinder brauchen Eltern, die rund um die Uhr verfügbar sind. Aber wer braucht es, dass Kindergarten- und Schulkinder der Lebensinhalt ihrer Eltern sind, dass es keine anderen Gesprächsthemen mehr gibt, dass die Ehe zur Versorgergemeinschaft für die gewünschtesten Wunschkinder wird, dass ein Kindergeburtstag zu vollständiger Erschöpfung führt, dass Kinder entscheiden, mit wem die Familie sich trifft und dass die Gedanken fast pausenlos um die Bedürfnisse und Förderangebote für diese Kinder kreisen?

DEN MANGEL WIEDERGUTMACHEN
Die „Mein-Kind-bedeutet-mir alles“-Falle ist typisch für eine Welt, in der Bedürfnisbefriedigung per „Wisch und Klick“ im Sekundentakt zur Gewohnheit wird. Selbstoptimierung erscheint nicht nur machbar, sondern notwendig. Als Eltern sind wir davor ein Stück weit geschützt. Wir können nicht ständig um unsere Bedürfnisse kreisen. Aber dann wird eben nicht das Selbst optimiert, sondern das Kind. Ich geriet mit meinem ältesten Kind in den ersten Jahren immer wieder in die „Mein-Kind-bedeutet-mir-alles“- Falle. Daher weiß ich, dass jede und jeder, der in dieser Falle steckt, seine eigene Geschichte hat. Meine Geschichte, die mir erst nach und nach bewusst wurde, ging so: Als Kind hockte ich morgens um 5:50 Uhr vor einem noch geschlossenen Kindergarten und zehn Stunden später hing ich mit schmerzenden Armen am Zaun, um endlich einen Blick auf die heraneilende Mama zu ergattern. Als ich selbst Mutter wurde, fehlte mir völlig das Maß. So versuchte ich unbewusst durch mein übergroßes Engagement den erlittenen Mangel an Zeit und Aufmerksamkeit stellvertretend an meinem Kind wiedergutzumachen. Dies führte in die völlige Erschöpfung. Gott arbeitete mit mir an diesem Thema und half mir die Falle, in der ich saß, zu erkennen.

DAS LOCH IN DER SEELE STOPFEN
Für Kinder, denen in ihrer Familie eine Position eingeräumt worden ist, die ihnen nicht zusteht, ist dies ein großes Entwicklungsrisiko. Manche spüren, dass die Eltern ein schlechtes Gewissen haben. Dieses schlechte Gewissen bezieht sich häufig auf Ereignisse aus der Schwangerschaft, auf die Geburt oder die Säuglingszeit. Den meisten Eltern ist es nicht wirklich bewusst, woher ihre Motivation kommt, diesem Kind alles unterzuordnen. Besonders schmerzlich ist es für Eltern, die vor die Aufgabe gestellt werden, ein Kind großzuziehen, wenn nicht alles nach Plan lief: ungeplante Kinder, frühgeborene Kinder, Kinder, die nach langer ungewollter Kinderlosigkeit oder vielen Fehlgeburten geboren werden, Kinder mit Behinderungen oder Krankheiten, Mehrlinge, Kinder in materiell schwierigen Verhältnissen, Scheidungskinder … Hier droht die Falle besonders häufig zuzuschnappen. Die Eltern versuchen alles, um die Not oder den Mangel zu kompensieren. Gefühle von Schuld, Scham oder Angst regieren im Hintergrund und führen dazu, dass ein Kind auf den Familienthron gerät. Häufig ist den Familien nicht klar, dass sie ein Josefskind heranziehen. Dieses Unbewusste raubt den Familienfrieden, bis es ans Licht kommt. Kinder bieten für viele Menschen das, wonach unser menschliches Wesen sich ursprünglich sehnt: Liebe und Sinn. Kinder sind mit beidem völlig überfordert. Sie können nicht das Loch in unserer Seele stopfen. Kinder sind auch keine Sinnstifter.

DER WEG AUS DER FALLE
Was in der Säuglings- und teilweise in der Kleinkindzeit gut für die Entwicklung ist, weil es die Bindung und das Vertrauen fördert, wird später zu einem Teufelskreis. Josefskinder werden immer schwieriger zufriedenzustellen. Ihr Belohnungszentrum im Gehirn ist durch die vielen Erfahrungen von Sonderbehandlung größer ausgeprägt. Häufig spielen sie eine so herausragende Rolle in der Familie, dass ihre Allmachtsphantasien auch lange nach dem Ende dieser Entwicklungsphase (mit etwa sechs Jahren) bestehen bleiben. Josefskinder fordern ihren Eltern immer mehr ab und drängen in die Führungsrolle. Aber hinter dem kleinen Chef der Familie versteckt sich ein Kind, das nach Führung sucht und nach der Erfahrung menschlicher Begrenztheit. Genau diese Erfahrung verweigern die Eltern, um sich selbst nicht den damit verbundenen Gefühlen von Ohnmacht, Trauer, Wut und eigener Unzulänglichkeit stellen zu müssen. Die zugrundeliegenden Mechanismen können betroffene Eltern aufgrund der hohen Anforderungen, die sie an sich und ihr Kind stellen, oft nicht reflektieren. Gerade hier liegt aber der Weg aus der Falle: sich Zeit nehmen und reflektieren. Gute Freunde oder Seelsorger können dabei helfen. Wir brauchen Vertrauen in Gott und Demut, um Kinder als das zu sehen, was sie sind: Geschenke Gottes, die für eine Zeit lang in unsere Obhut gegeben sind, mit einem eigenen Weg und einer eigenen Geschichte.

 

Clara Evers-Zimmer lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Sie studiert im Master Psychologie, ist ehrenamtliche Seelsorgerin und arbeitet als Fachautorin für Frauen,- Kinder- und Familienthemen: www.psycho-logisch.hamburg

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