Ist ein bisschen Heimlichkeit erlaubt?

Adrian findet, dass seine Frau Merle zu streng mit den Kindern ist. Wenn er mit den Kleinen alleine ist, versucht er besonders großzügig zu sein. Immer mit dem Hinweis: „Erzählt das aber nicht eurer Mutter!“ Merle hat das neulich mitbekommen und ihm vorgeworfen, dass er ihr in den Rücken fällt. Adrian kontert: „Du siehst das viel zu eng!“ Wie einig muss man sich als Paar in der Erziehung sein? Ist ein bisschen Heimlichkeit erlaubt, wenn es der Sache möglicherweise dient?

Das ist eine interessante Geschichte. Wenn ich dazu ein Landschaftsbild malen sollte, würde ich eher dunkle Farben wählen. Auf einer Wiese säßen ein paar Kinder mit unsicherem Ausdruck. Mehrere unverbundene Pfade führen durch das Gras zu ihnen. Mutter und Vater stehen weit voneinander entfernt jeweils auf einem dieser Wege. Beide strecken den Kindern die Hände entgegen und versuchen, sie jeweils zu sich zu ziehen. Eine ganze Reihe von Fragen tauchen für den Betrachter dabei auf:

Warum stehen die Eltern hier nicht zusammen und gehen unterschiedliche Wege in der Erziehung?

Scheinbar ist es Adrian und Merle nicht möglich, frei und offen über ihre jeweiligen Ansätze ins Gespräch zu kommen. Vielleicht haben sie nicht gelernt, Konflikte auf Augenhöhe auszutragen und um Einigkeit zu ringen. Einigkeit bedeutet nicht, einer Meinung zu sein, sondern den anderen in seiner Sichtweise anzunehmen und als Ergänzung und eigene Horizonterweiterung zu begreifen. Wobei sich das Paar im Ringen um einen Konsens auch besser kennen lernen und neue Wege zueinander finden könnte und darin Eins werden, ohne die eigene Wahrnehmung verleugnen zu müssen. Manchmal kann ein Kompromiss, zu dem beide verbindlich stehen, eine Brücke sein, und wenn es offen und klar ausgesprochen wird, kann auch mal der Vater und mal die Mutter ihren Gaben und Stärken gemäß bestimmen. Der Konsens scheint aber immer der Königsweg. Dabei gilt es gemeinsam einen vielleicht ganz neuen Pfad im Zusammenwirken mit dem Anderen zu treten. Das braucht sicher Zeit, Ausdauer und den Willen, den „Unwegbarkeiten“ und Unwägbarkeiten zu trotzen. Auf Dauer bringt dieser neue Weg die ganze Familie aber näher zusammen.

Wie kommt es zu dem Empfinden der übertriebenen Strenge?

Menschen sind unterschiedlich und in jedem steckt die Tendenz, eigene Wege zu gehen. Die Andersartigkeit, die den Partner zunächst attraktiv macht, führt später manchmal auch zu Spannungen. Das spiegelt sich hier in der Kindererziehung wider. Merle macht wahrscheinlich sehr klare Ansagen und scheut keine Konflikte mit den Kindern, um ihre Werte und Anschauungen zu vermitteln, während Adrian den ausgleichenden, bewahrenden Part übernimmt. Oft versuchen sich Partner darin unbewusst auszugleichen. Je strenger hier die Mutter empfunden wird, desto mehr versucht der Vater das mit Zugeständnissen in der Waage zu halten. Wenn die beiden darüber kein offenes Gespräch führen und keine Annäherung erfahren, verstärken sich die Gefühle immer weiter. Deshalb stehen sich die Eltern im Bild dann an den so entfernten, unverbundenen Wegen fast in Opposition gegenüber. Die Kinder werden verunsichert und wissen nicht, wessen Hand sie ergreifen sollen.

Wie erleben es die Kinder?

Dabei gibt es für ein Kind auf Dauer nichts Besseres als das Zusammenstehen, die Einigkeit der Eltern auf einem gemeinsamen Weg. Auch wenn es aus Kindersicht zunächst günstiger erscheint, die Eltern ausspielen zu können. „Was Mama mir verweigert, bekomme ich sicher vom Papa – und ich habe den Papa ja auch in der Hand. Denn wenn Mama wüsste, was er mir erlaubt, wäre das für ihn sicher nicht schön!“ Dazu ist es in diesem Fall bereits gekommen. Die Kinder sind hier die Opfer eines dysfunktionalen Systems. Wenn Kinder Beständigkeit und Zuverlässigkeit erfahren, ist das eine Grundfeste für ihre zukünftige Bindungsfähigkeit und eigene Stabilität. Dabei lernen sie Autorität anzuerkennen und mit Grenzen umzugehen. Sie wissen, woran sie sind, können Vertrauen entwickeln und entspannter durchs Leben gehen. Der Satz: „Kinder braucht man nicht zu erziehen, sie machen sowieso alles nach, was ihnen vorgelebt wird“, steht für sich allein sicher nicht als letzte Wahrheit, bekommt in dieser Geschichte aber eine besondere, eher negative Aussicht. Welche Haltung zu Offenheit, Konfliktfähigkeit und Transparenz werden sie von ihren Eltern übernehmen?

Was für weitere Folgen können Heimlichkeiten entwickeln?

In der Bibel finden wir viele Geschichten, die sich um Heimlichkeiten ranken. In jedem Fall bringen sie eine schlechte Frucht hervor. Die bekannteste Erzählung ist wohl die um David, der sich heimlich mit einer fremden Frau einließ. Die Folgen trafen ihn sehr hart und es war auf Dauer auch nicht zu verheimlichen.

In Eheberatungen werde ich oft mit den Folgen von Heimlichkeiten konfrontiert. Paare, deren Vertrauen brüchig geworden ist, fehlt die Basis für ein entspanntes, freies Leben miteinander. Oft sind es die kleinen Füchse, die graben. Vertrauen ist ein kostbares Gut, auf das sorgsam geachtet werden sollte, denn es ist nur schwer zurückzugewinnen. In dem hier genannten Fall geht es um den Einfluss auf die gemeinsamen Kinder; in anderen Fällen um Finanzen oder Freundschaften, Alkohol oder Pornografie. Einmal erzählte mir ein Mann, dass er noch einen Sportwagen in einer fremden Garage hatte, von dem seine Frau nichts wusste.

In unserer Geschichte hier würde ich zu ganzer Offenheit ermutigen. Vielleicht ist es zunächst schwer, diesen Weg aufeinander zuzugehen; aus der bereits genannten Konfliktunfähigkeit oder auch der Angst vorBeschämung oder vor dem Verlust des ach so lieb gewonnenen Heimlichen oder weil der Andere sich von mir distanzieren könnte. Der Gewinn wird auf Dauer aber überwiegen. Nichts verbergen zu müssen entspannt, befreit, heilt und stellt vertrauensvolle Nähe her – auch in der Kindererziehung. Gerne würde ich in meinem Bild neue Wege malen, Wege, auf denen sich die Eltern begegnen. Dann eine Bank, auf der sie sich ausruhen und ein offenbarendes Gespräch führen können, um dabei nach einem gemeinsamen und spannenden Weg zur Seele der nach wie vor verunsicherten Kinder zu suchen. Die Kinder werden es ihnen sicher danken.

Christof Matthias ist freiberuflicher Supervisor und Regionalleiter von Team.F.

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