Muss er den gemeinsamen Urlaub mit Oma abnicken?

Beim Kaffeetrinken mit Enkelin Julia ist eine Idee entstanden: Oma will Julias Familie in der Osterwoche zum gemeinsamen Urlaub auf Texel einladen. Julia ist von der Idee begeistert. Als sie ihrem Mann Florian davon erzählt, ist der sauer, weil die Sache kaum noch rückgängig gemacht werden kann. Florian wirft Julia vor, dass sie sich nicht richtig von ihrer Herkunftsfamilie gelöst hat. Julia versteht nicht, warum er so negativ auf eine tolle Idee reagiert. Was können sie tun?

In dieser kleinen Geschichte gibt es drei Menschen (oder noch mehr) mit einer guten Idee. Oma verbindet wahrscheinlich besondere Erinnerungen mit der Insel. Außerdem hat sie das Bedürfnis, mit ihren Kindern, Enkeln und deren Partnern Zeit zu verbringen. Sie wünscht sich Kontakt, ein gutes Miteinander und Zeit für gemeinsame Erlebnisse – alles berechtigte Bedürfnisse! Was ist mit Julias Idee? Julia wünscht sich, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen und möchte außerdem auf Grund ihres stressigen Berufsalltages ein wenig ausspannen. Sie ist total begeistert von der Idee ihrer Oma, vor allem, weil diese sich auch finanziell an dem Urlaub beteiligen möchte. Für Julia ist diese Vorstellung voll in Ordnung, es ist ja ihre Oma und sie fühlt sich damit von ihr geliebt und beachtet. Florian ist derjenige, der mit den Ideen der beiden Frauen konfrontiert wird und für den das alles eine Neuigkeit darstellt. Das, was ihm da vorgeschlagen wurde, überfordert ihn offensichtlich für den Moment. Wahrscheinlich kommt er aus einer Familie mit einer ganz anderen „Kultur“, gemeinsame Urlaube mit der Großfamilie gehörten möglicherweise nicht dazu. Jedenfalls ist es für ihn selbstverständlich, dass alle Betroffenen in eine solche Entscheidung mit einbezogen werden.

Für Julia ist dagegen eine andere Familienkultur selbstverständlich und sie ist irritiert, weil Florian so verärgert auf ihren tollen Vorschlag reagiert. Sie hatte nur Gutes damit im Sinn und sieht sich plötzlich einer ganzen Reihe von Vorwürfen gegenüber. Hat sie sich tatsächlich nicht „richtig“ von ihrer Herkunftsfamilie gelöst und was bedeutet das überhaupt?

Zwischen Julia und Florian könnte ein grundsätzliches Missverständnis bestehen, das durch diesen Konflikt zutage tritt. Beide gehen davon aus, dass Familie gleich Familie ist und dass das, was für Julia völlig okay und normal ist, auch für Florian so sein muss. Denn schließlich liebt er sie ja und wer jemanden liebt, der will immer nur das Beste für den anderen, oder etwa nicht?

Sicherlich wünscht Florian seiner Julia alles Glück dieser Erde und sich eine gute, harmonische Beziehung. Nicht eingeplant sind dabei die Erfahrungen der Herkunftsfamilie, die oft unterschiedlicher nicht sein können. Auch wenn sich äußerlich vieles ähnelt, so ist doch jede Familie ein kleiner Kosmos für sich mit eigenen Regeln, Abstimmungen, Absprachen, Ritualen, Konfliktstrategien und vielem mehr. Im Falle dieses Konfliktes stößt Julias Kosmos auf Florians. Er spürt, dass zwischen seiner Frau und ihrer Familie eine starke Bindung besteht, auf die er zunächst keinen Zugriff hat. Bei Florian entsteht vielleicht ein Gefühl von Irritation und auch Einsamkeit. Er verpackt es hinter einem Berg von Vorwürfen.

Wenn Julia die Situation entschärfen will, dann könnte sie Florian einen Moment Zeit geben, damit dieser sich erst einmal an den neuen Gedanken gewöhnt und damit auseinander setzt. Wichtig könnte es auch sein, ihn in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, denn es fühlt sich sehr unangenehm an, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. In einer ruhigen Minute könnte Julia dann mit ihrem Mann reden, was diese Situation wirklich für ihn bedeutet:

  • Wir beide – Paarfragen Was genau hat dich so ärgerlich gemacht?
  • Was steckt hinter deinem Vorwurf, ich hätte mich nicht richtig gelöst? Welchen Wunsch hättest du an mich?
  • Wie wollen wir in Zukunft mit solchen Situationen umgehen, was denkst du?

Natürlich ist Julia auch herausgefordert, sich selbst zu fragen, wie stark die Beziehung zu ihrer Herkunftsfamilie und zu bestimmten Personen, zum Beispiel zu der Oma in ihre Ehe hinein wirkt. Hat sie die Vorstellung, dass Florian „automatisch“ mit der Hochzeit ein Teil der Großfamilie geworden ist? Dann irrt sie sich. Natürlich wird er immer bekannter und vertrauter werden mit ihren Eltern, den Großeltern und Geschwistern, aber es könnte sein, dass er sich mit Julias Familie immer „anders“ fühlt als mit seiner eigenen.

Beide Partner brauchen Zeit, um sich an die jeweilige Sippe der/des anderen zu gewöhnen und es gehört Fingerspitzengefühl und Akzeptanz dazu, damit zwischen wildfremden Menschen eine gute Beziehung entstehen kann.

Was machen wir jetzt?

Es könnte passieren, dass das Thema „Osterurlaub“ nach einigen Gesprächen darüber so emotional besetzt ist, dass sich keine direkte Einigung erzielen lässt. Mit ein bisschen Abstand könnten sich beide noch einmal ganz neu der Frage nähern: Was machen wir in den Osterferien?

a) Wir fahren mit Oma und der ganzen Sippe an die Ostsee wie geplant, aber schauen, dass ausreichend Paarzeit für uns beide bleibt, die wir dann jeweils nach Abstimmung gestalten.

b) Wir sagen der Familie ab und organisieren einen Urlaub in den Bergen, so wie es sich Florian gewünscht hat. Julia würde dann ganz alleine noch zwei Tage zu ihrer Oma fahren.

c) Wir entwickeln einen ganz neuen Plan – neuer Ort, neues Ziel – als Paar und laden dann die restliche Familie und Florians Bruder zu einem gemeinsamen Osterurlaub ein. Jeder zahlt seine Unterkunft selbst, und für die Verpflegung gibt es eine gemeinsame Kasse.

Anhand dieser konkreten Ideen könnten Florian und Julia gemeinsam üben, was Ablösung von der Herkunftsfamilie bedeuten kann und wie sich eine neue Beziehung gestalten lässt, in die Florian gleichberechtigt einbezogen ist. Der Familie wird das deutliche Signal gegeben: hier hat sich etwas verändert, Julia und Florian sind ein Paar und wollen auch so von den anderen gesehen werden. Vielleicht braucht die Oma ein bisschen Zeit, sich daran zu gewöhnen. Aber je klarer Julia und Florian sich sind, umso leichter wird es auch dem Rest der Familie fallen, mit der neuen Situation umzugehen. Florian wiederum lernt zu akzeptieren, dass Julias Liebe zu ihrer Oma keine Konkurrenz zu ihrer Liebe zu ihm darstellt, sondern eher eine Bereicherung. Wer viel liebt und sich sehr geliebt fühlt, kann auch viel verschenken. Das, was Julia an Wärme und Liebe von ihrer Familie bekommt, füllt den Liebestank auf, aus dem auch ihrer beider Liebe sich nährt.

Antje Rein ist Systemische Therapeutin/ Familientherapeutin DGSF (www.lebens-nah.de).

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