Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat sich bestürzt über den Tod von Kindern in staatlicher Obhut gezeigt und Konsequenzen gefordert. «Der Tod von Chantal und Zoe ist eine Tragödie», sagte sie der Tageszeitung «Die Welt» (Freitagsausgabe). «Vor Ort muss jetzt schonungslos aufgeklärt werden, welche Fehler und Versäumnisse es gab.» Das UN-Kinderhilfswerk UNICEF kritisierte, die Jugendämter seien häufig überlastet.

 Leutheusser-Schnarrenberger betonte, noch wichtiger als Aufklärung sei «die Lösung der strukturellen Probleme». Um die Arbeitsbelastung bei den Jugendämtern zu verringern, habe sie eine Gesetzesreform auf den Weg gebracht. Diese stelle sicher, dass sich ein Amtsvormund in Zukunft höchstens um 50 Kinder kümmere. Der Vormund solle persönlichen Kontakt zum Kind halten und es einmal im Monat zu Hause besuchen. Die Regeln träten zum 5. Juli 2012 in Kraft.

 Der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, Christian Schneider, sagte den Dortmunder «Ruhr Nachrichten» (Freitagsausgabe), wirksame Prävention scheitere häufig an «Überlastung, Fehleinschätzungen und fehlenden Informationen bei den Behörden». Um Gefahrenzeichen rechtzeitig zu erkennen, seien Wissen, Erfahrung und Zeit nötig.

 Die elfjährige Chantal aus dem Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg war am 16. Januar nach Einnahme des Heroin-Ersatzstoffes Methadon gestorben. Dem Jugendamt war offensichtlich entgangen, dass die Pflegeeltern seit Jahren an einem Methadon-Programm teilnehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem gegen die Pflegeeltern.

 Die zwei Jahre alte Zoe starb in der Nacht zum Dienstag offenbar an den Folgen eines Schlages in den Bauch, der einen Darmriss verursacht hatte. Im Auftrag des Jugendamtes hatte ein freier Träger die Familie in Berlin-Weißensee betreut. Gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten wird wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt.

 UNICEF geht davon aus, dass jährlich etwa 150 Kinder in Deutschland an den Folgen von Vernachlässigung und Gewalt sterben, und verweist auf entsprechende Zahlen des Bundes Deutscher Kriminalbeamter aus dem Jahr 2009.

 Der Kriminologe Christian Pfeiffer bestreitet diese Zahl und meint, «dass die Gefahr für Kinder in Deutschland weiter zurückgeht». Die Zahl der Kinder, die durch Gewalt oder Vernachlässigung der Eltern ums Leben kommen, sinke. «1994 wurden in Deutschland 112 Kinder bis sechs Jahre von ihren Eltern getötet. Im Jahr 2010 waren es 54», sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen den «Ruhr Nachrichten». Pfeiffer sieht auch keine groben Missstände bei den Behörden, im Gegenteil: «Die Mitarbeiter der Jugendämter schauen sehr viel genauer hin als in der Vergangenheit.»

Quelle:epd