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Stress vor Weihnachten: Wenn im Advent der Burnout brennt

Der „besinnliche“ Advent ist die stressigste Zeit des Jahres. Das belastet auch die Paarbeziehung. Paartherapeutin Ira Schneider erklärt, was die Adventszeit retten kann.

Der Dezember ist angebrochen: Hiermit heiße ich euch Herzlich Willkommen in dem wohl stressigsten Monat des Jahres! Gleichzeitig ist es ein Monat, der besinnlich, kuschelig, ruhig und gemütlich sein soll. So richtig passt dieses Bild eines entschleunigten Ruhemomentes nicht zu dem von außen geforderten Marathon. Nicht zuletzt ist der Dezember der Monat, der gesellschaftlich den höchsten Anspruch hat, „perfekt“ zu werden. Ein Monat, der voller Erwartungen steckt. So können wir in diesem Sinne alle ein altbekanntes Lied umdichten: Statt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt“ heißt es dann „Advent, Advent, unsere Energie brennt aus!“ Es ist ein Monat, der nicht nur Energie bindet, sondern diese auch Paaren regelrecht raubt.

Nicht mit mir!

Eigentlich soll der Monat doch besinnlich und fast schon magisch sein. Das Essen muss schmecken. Die Deko muss stehen. Die Geschenke sollen gefälligst gefallen. Kein Wunder, dass sich viele Paare im Dezember zerreißen. Im Job müssen sie Jahresabschlüsse durchpeitschen, für die Kinder werden Adventskalender gebastelt, Festlichkeiten werden organisiert, Päckchen verschickt, Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt und Termine und Adventsfeiern werden auch noch im Wochenkalender untergebracht.

Es gäbe sicherlich zahlreiche Tipps, was Paare tun oder lassen könnten. Ganze Listen darüber ließen sich niederschreiben. Am besten schreibe ich eine neue Liste: mit Not-To-Dos, also, was man alles lassen sollte. Wenn das eure Hoffnung war, kurze und schnelle Tipps für den Advent zu erhalten, dann muss ich euch leider enttäuschen. Aber was ich euch entgegenwerfen kann, ist hoffentlich eine warme Woge der Entlastung. Zwei Dinge sind während des Dezembers wahr: Egal, wie ihr den Dezember dreht und wendet. Er bleibt wohl oder übel immer etwas knackig. Was aber auch wahr ist: Ihr dürft neue Grenzen setzen.

Tradition im Advent: Stress

Starten wir mit dem ersten Teil der Wahrheit. Es ist in Ordnung, wenn euch dieser Monat stresst. Ihr dürft gestresst sein. Ihr müsst nicht auch noch das nicht-gestresst sein leisten. Es ist ok, wenn ihr euch zwischen Stille und Eile nicht entscheiden könnt. Es ist ok, wenn ihr euch rastlos und überfordert fühlt. Euer Zeitmanagement ist nicht schuld daran. Euer Abwägen, euer Zusagen und euer Absagen sind nicht der Knackpunkt. Wie wir Weihnachten feiern, ist ein strukturelles Problem. Eins, das sich zutiefst in unsere Gesellschaft hineintradiert hat. In diesem Monat zahlt nicht nur unser Portemonnaie einen hohen Preis, auch unser Nervenkostüm wird auf die Probe gestellt.

Wenn Paare sich diesen Ist-Zustand gewähren, weicht der der Druck möglichst, „entspannt sein zu müssen“. Ohne Druck möchte ich euch behutsam zusprechen, dass es kein „Ihr müsst kürzertreten“ sein muss. Es ist vielmehr ein „Ihr dürft kürzertreten“. Wie oft verwehren Paare sich selbst ihre eigentlichen Bedürfnisse, weil der Druck von außen so hoch ist. Ihnen fehlt nachvollziehbarerweise eine gewisse innere Erlaubnis.

Zuviel

Der zweite Teil der Wahrheit, verkennt den ersten Teil nicht, aber er macht euch Mut eigene Wege zu gestalten und Grenzen zu setzen. Daher dürft ihr beides: Zum einem vollkommen gestresst sein und euch der Akzeptanz hingeben, dass der Dezember ein besonderer Monat ist und bleibt. Ende. Ihr dürft aber auch das Nein-Sagen und Absagen ausprobieren, wenn ihr beispielsweise bestimmte Konstellationen bei Zusammenkünften vermeidet, weil sie euch zu viel sind. Oder ihr dürft Feierlichkeiten früher verlassen. Ihr dürft kürzertreten, wenn es um Weihnachtsgeschenke geht. Ihr dürft Weihnachtspost weglassen, wenn sie euch zu viel wird. Ihr dürft all das, was euch zu viel ist wahrnehmen und dürft euch selbst begrenzen.

Auch wenn die Harmonie rund um die Festlichkeiten euch hoch oben auf der Agenda schweigend anschreit, ist es okay, wenn ihr für euch als Paar sorgt. Not-To-Do-Listen umzusetzen oder grundsätzlich Grenzen rundum die Feiertage zu setzen, kann im ersten Moment eine unliebsame Aufgabe sein. Abgrenzung kann durch Unverständnis im Außen Spannungen erzeugen. Das heißt: Es müssen die Folgen der eigenen Grenzen ausgehalten werden oder sie müssen zumindest aushaltbar sein. Es ist eine besondere Herausforderung für Paare, für sich selbst und für sich als Familie zu entscheiden und folglich auszuhalten, dass Erwartungen enttäuscht werden. Doch nur enttäuschte Erwartung haben die Chance in gedämpfter und weniger fordernder Kleidung im kommenden Jahr wieder anzuklopfen. Es hilft. Denn dann werden aus überhöhten Anforderungen vielleicht realistische Erwartungen. Das kann entlasten!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Mehr unter: @ira.schneider_

Warum Kinder Grenzen brauchen…

… und sie für uns Eltern noch wichtiger sind.

Von Anna Koppri

Wegen sowas muss man doch nicht weinen.“ „Jetzt stell dich nicht so an.“ „Iss deinen Spinat, die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen.“ „Weil ich das sage.“ „Nichts passiert, steh wieder auf.“ „Gib Opa einen Kuss.“ – Diese Liste könnte ich ewig fortführen. Als ich Kind war, gehörten solche Sätze in vielen Familien selbstverständlich zur Erziehung – genau wie körperliche Züchtigungen. Permanent wurde über uns Kinder und unsere Körper bestimmt. Die Erwachsenen wussten am besten, was gut für uns war und wie wir uns zu fühlen oder zu verhalten hatten. Man war der Überzeugung, dass Kinder erst zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden müssten. Sie sollten sich möglichst gut anpassen und wenig auffallen. Heute fällt es mir noch immer schwer, meine Bedürfnisse wahrzunehmen, mich selbst ernst zu nehmen und meinen Empfindungen zu trauen.

Ich möchte, dass meine Kinder anders aufwachsen. Sie sollen frei ihre individuelle Persönlichkeit entfalten können und sich angenommen und geliebt wissen. Die intuitive Wahrnehmung für ihre Bedürfnisse und ihre individuellen Emotionen möchte ich ihnen nicht abtrainieren. Trotzdem sollen sie mich als Autorität wahrnehmen, an der sie sich orientieren können und die im Zweifelsfall die Richtung vorgibt. Deshalb habe ich jede Menge Ratgeber über beziehungs- und bedürfnisorientierte Erziehung gelesen, über Begleiten ohne Strafen und unverbogene Kinder. Doch weshalb fällt es mir oft so schwer, das alles in die Tat umzusetzen? Warum sage ich trotzdem Wenn-dann-Sätze und weiß mir manchmal nicht anders zu helfen, als mit Belohnung zu locken oder mit Einschränkungen zu drohen? Warum werde ich laut oder nutze meine körperliche Überlegenheit, um meine Kinder zu etwas zu bringen, das sie nicht wollen

Mehr Grenzen setzen

Nach der Geburt meines zweiten Kindes bekam ich die Rückmeldung von einer weisen Mutter, der ich vertraue, dass ich meinem willens- und gefühlsstarken Großen (damals 3) nicht genug Grenzen setzen würde. Zuerst war ich innerlich empört: „Ich will ihm ja auch gar keine Grenzen setzen!“ Doch dann habe ich mich auf eine Reise begeben zu Grenzen und zu mir, und ich habe erfahren, welche Art von Grenzen meine Kinder von mir brauchen.

Nora Imlau schlüsselt in ihrem Buch „Mein Familienkompass“ auf, wie unterschiedlich das Wort Grenzen von verschiedenen pädagogischen Strömungen gefüllt wurde und wird. In der autoritären Erziehung sind Grenzen Regeln, die Erwachsene mehr oder weniger willkürlich setzen und denen Kinder Folge zu leisten haben, um Disziplin zu erlernen.

In der autoritativen Erziehung werden Grenzen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt. Sind sie einmal gesetzt, müssen sie eingehalten werden, um dem Kind Halt und Orientierung zu geben. Ausnahmen gibt es nicht, es sei denn, die Regel wird im Dialog neu verhandelt und verändert. Ich denke, dass wir alle diese Art von Grenzen in unsere Familiensysteme aufgenommen haben, und ich bin überzeugt, dass sie vieles erleichtern. So muss nicht jeden Abend neu darüber diskutiert werden, dass sich alle die Zähne putzen. Damit diese Grenzen die Kinder jedoch nicht entmündigen oder in ihrer Entwicklung einschränken, halte ich es für wichtig, festgesetzte Regeln immer wieder zu überprüfen: ob sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder noch angemessen sind, ob alle einen Konsens darüber haben und ob sie eine sinnvolle Funktion erfüllen. Grundsätzlich halte ich es für wertvoll, wenn wir dialogbereit sind und Regeln situativ anpassen, anstatt diese stur durchzusetzen, um unseren Alltag zu erleichtern.

Die eigenen Grenzen wahren

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hielt gar nichts davon, Kindern Grenzen in Form von starren Regeln zu setzen. Stattdessen empfand er es als essenziell, die eigenen Grenzen zu wahren und auch dem Kind dieses Recht zuzugestehen.

Das war für mich ein „Aha-Erlebnis“. Meinen Kindern tut es gut, wenn ich ihnen meine eigenen Grenzen aufzeige. Nicht um sie zu begrenzen oder ihnen vermeintlichen Halt durch einen „Gartenzaun von Regeln“ zu geben. Sondern um ihnen zu vermitteln, dass jeder Mensch Grenzen hat, die geachtet werden sollen. Kinder orientieren sich an uns, besonders, wenn sie noch klein sind. Deshalb ist es kein Wunder, dass mein Großer bei Tisch immer auf meinen Schoß geklettert kam, sobald er aufgegessen hatte. Ständig habe ich ihm gesagt, dass ich selbst noch in Ruhe aufessen will und er mich so lange in Ruhe lassen soll. Doch er hat gespürt, dass ich mir innerlich gar nicht so sicher war, ob es okay ist, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Die Glaubenssätze, die tief in mir eingebrannt sind, flüsterten mir etwas anderes zu: „Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als deine eigenen Grenzen. Wenn du etwas nicht magst, musst du es halt aushalten.“

Im Arbeitskontext mit Kindern habe ich immer wieder Bewunderung von Kolleginnen und Kollegen für meine scheinbar nie versiegende Geduld geerntet. Dass ich häufig schon längst innerlich gekocht habe, konnten sie ja nicht sehen. Damals im Job ist es selten vorgekommen, dass mein Geduldsfaden riss. Umso stärker bin ich nun mit meinen eigenen Kindern herausgefordert. Denn jetzt kann ich nicht mehr nach einer Schicht nach Hause fahren und mich ins Bett legen, um wieder zu mir selbst zu finden. Jetzt muss ich, wenn es hart auf hart kommt, 24 Stunden am Tag „funktionieren“. So anstrengend das manchmal ist und so bestürzt ich bin, wenn ich wieder einmal anders reagiere, als ich eigentlich möchte, so dankbar bin ich für diese „harte Schule zu mir selbst“.

Wenn alles aus dem Ruder läuft

Manchmal, wenn ich vor Müdigkeit oder Stress nicht mehr klar denken kann und mein großer Sohn wiederholt über meine Grenzen trampelt, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Ich verliere aus dem Blick, dass mir ein gefühlsstarker Fünfjähriger gegenübersteht und fühle mich wie das kleine Mädchen, dessen Grenzen mutwillig übertreten werden. Das tut weh, und im Kurzschluss habe ich meinen Sohn einmal an den Schultern gepackt und geschüttelt. Das geht natürlich gar nicht. Ich hätte früher nie geglaubt, dass ich zu so etwas in der Lage wäre. Gewaltfreiheit war immer schon mein höchstes Erziehungsideal. Umso wichtiger ist es zu lernen, endlich gut für mich zu sorgen und für solche Situationen ein Frühwarnsystem mit entsprechenden Handlungsstrategien zu finden.

Seit ich weiß, dass es am wichtigsten ist, meine eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen, mache ich mir immer häufiger bewusst, dass ich genauso wichtig und ernst zu nehmen bin wie jeder andere Mensch. Ich muss dafür sorgen, dass meine Bedürfnisse befriedigt und meine Grenzen geachtet werden. Anstatt allzu hart mit mir ins Gericht zu gehen, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, versuche ich immer wieder eine gütige Haltung mir selbst gegenüber einzunehmen.

Eine Stunde Rückzug mit einem Buch kann Wunder wirken oder auch nur ein paar bewusste tiefe Atemzüge am Fenster. Wenn ich bei mir angekommen und in meiner Kraft bin, kann ich meinen Kindern ein viel stärkeres und klareres Gegenüber sein.

Ich erlaube es mir, mir Zeit zu lassen und zu überlegen, ob ich etwas möchte oder nicht, wenn meine Kinder mich etwas fragen. Wenn ich müde bin oder keine Lust habe, die fünfte Geschichte zu erzählen, sage ich das ganz klar. Und es hilft mir zu wissen, dass ich damit nicht nur zu mir selbst und meinen Bedürfnissen stehe, sondern meine Söhne dadurch lernen, dass sie auch Grenzen setzen und Nein sagen dürfen.

Die Wut aus dem Körper tanzen

Mit kleinen Kindern ist es natürlich nicht immer so einfach, gut für sich zu sorgen. Manchmal muss ich stundenlang ein schreiendes Kind wiegen, obwohl ich viel lieber endlich „Feierabend“ hätte. Da hilft es, mir innerlich bewusst zu machen, dass es mich gerade echt nervt, dass der Kleine schon zum fünften Mal aufgewacht ist. Ich fühle mich in meiner kostbaren Zeit für mich selbst beschnitten. Darüber darf ich traurig oder wütend sein. Anstatt die Wut runterzuschlucken und weiter tapfer auszuhalten und über meine Grenzen zu gehen, mache ich Musik an und tanze die Wut aus meinem Körper, bevor sich das Babyfon das nächste Mal meldet. Das hilft mir, bei mir zu bleiben. Oder ich gönne mir zur Belohnung bewusst etwas Besonderes, um mir zu zeigen, dass ich auch wichtig bin: ein Eis, einen Film oder eine geplante Auszeit am nächsten Tag.

Wäre es nicht schön, wenn wir – die Kinder, die allzu viel aushalten und sich anpassen mussten – es durch unsere Kinder endlich schaffen, zu dem zu finden, was uns ausmacht? Wenn wir zu unseren individuellen Empfindungen, Interessen und Begabungen durchdringen und damit unseren Platz in der Gesellschaft finden würden? Wenn wir unseren eigenen Raum einnehmen, werden wir es auch besser schaffen, unseren Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei zu entfalten. Wenn sie schon in ihren ersten Lebensjahren erleben dürfen, dass sie mit ihrem individuellen Wesen angenommen sind, wir wirkliches Interesse an ihnen haben und ihre Grenzen respektieren, brauchen sie in ihrer Jugend viel weniger Grenzen zu übertreten, um sich selbst zu finden – so eine These von Susanne Mierau aus ihrem Buch „Frei und unverbogen“.

Anna Koppri lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und bei der Berliner Stadtmission.

Warum Kinder Grenzen brauchen – und Eltern erst recht

Eltern setzen Kindern Grenzen, klar. Es gibt aber zwei verschiedene Arten von Grenzen. Welche das sind und wie man sie unterscheidet, erklärt die Autorin und Mutter Anna Koppri.

Wegen sowas muss man doch nicht weinen.“ „Jetzt stell dich nicht so an.“ „Iss deinen Spinat, die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen.“ „Weil ich das sage.“ „Nichts passiert, steh wieder auf.“ „Gib Opa einen Kuss.“ – Diese Liste könnte ich ewig fortführen. Als ich Kind war, gehörten solche Sätze in vielen Familien selbstverständlich zur Erziehung – genau wie körperliche Züchtigungen. Permanent wurde über uns Kinder und unsere Körper bestimmt. Die Erwachsenen wussten am besten, was gut für uns war und wie wir uns zu fühlen oder zu verhalten hatten. Man war der Überzeugung, dass Kinder erst zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden müssten. Sie sollten sich möglichst gut anpassen und wenig auffallen. Heute fällt es mir noch immer schwer, meine Bedürfnisse wahrzunehmen, mich selbst ernst zu nehmen und meinen Empfindungen zu trauen.

Ich möchte, dass meine Kinder anders aufwachsen. Sie sollen frei ihre individuelle Persönlichkeit entfalten können und sich angenommen und geliebt wissen. Die intuitive Wahrnehmung für ihre Bedürfnisse und ihre individuellen Emotionen möchte ich ihnen nicht abtrainieren. Trotzdem sollen sie mich als Autorität wahrnehmen, an der sie sich orientieren können und die im Zweifelsfall die Richtung vorgibt. Deshalb habe ich jede Menge Ratgeber über beziehungs- und bedürfnisorientierte Erziehung gelesen, über Begleiten ohne Strafen und unverbogene Kinder. Doch weshalb fällt es mir oft so schwer, das alles in die Tat umzusetzen? Warum sage ich trotzdem Wenn-dann-Sätze und weiß mir manchmal nicht anders zu helfen, als mit Belohnung zu locken oder mit Einschränkungen zu drohen? Warum werde ich laut oder nutze meine körperliche Überlegenheit, um meine Kinder zu etwas zu bringen, das sie nicht wollen

Mehr Grenzen setzen

Nach der Geburt meines zweiten Kindes bekam ich die Rückmeldung von einer weisen Mutter, der ich vertraue, dass ich meinem willens- und gefühlsstarken Großen (damals 3) nicht genug Grenzen setzen würde. Zuerst war ich innerlich empört: „Ich will ihm ja auch gar keine Grenzen setzen!“ Doch dann habe ich mich auf eine Reise begeben zu Grenzen und zu mir, und ich habe erfahren, welche Art von Grenzen meine Kinder von mir brauchen.

Nora Imlau schlüsselt in ihrem Buch „Mein Familienkompass“ auf, wie unterschiedlich das Wort Grenzen von verschiedenen pädagogischen Strömungen gefüllt wurde und wird. In der autoritären Erziehung sind Grenzen Regeln, die Erwachsene mehr oder weniger willkürlich setzen und denen Kinder Folge zu leisten haben, um Disziplin zu erlernen.

In der autoritativen Erziehung werden Grenzen und Regeln gemeinsam mit den Kindern ausgehandelt. Sind sie einmal gesetzt, müssen sie eingehalten werden, um dem Kind Halt und Orientierung zu geben. Ausnahmen gibt es nicht, es sei denn, die Regel wird im Dialog neu verhandelt und verändert. Ich denke, dass wir alle diese Art von Grenzen in unsere Familiensysteme aufgenommen haben, und ich bin überzeugt, dass sie vieles erleichtern. So muss nicht jeden Abend neu darüber diskutiert werden, dass sich alle die Zähne putzen. Damit diese Grenzen die Kinder jedoch nicht entmündigen oder in ihrer Entwicklung einschränken, halte ich es für wichtig, festgesetzte Regeln immer wieder zu überprüfen: ob sie dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder noch angemessen sind, ob alle einen Konsens darüber haben und ob sie eine sinnvolle Funktion erfüllen. Grundsätzlich halte ich es für wertvoll, wenn wir dialogbereit sind und Regeln situativ anpassen, anstatt diese stur durchzusetzen, um unseren Alltag zu erleichtern.

Die eigenen Grenzen wahren

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hielt gar nichts davon, Kindern Grenzen in Form von starren Regeln zu setzen. Stattdessen empfand er es als essenziell, die eigenen Grenzen zu wahren und auch dem Kind dieses Recht zuzugestehen.

Das war für mich ein „Aha-Erlebnis“. Meinen Kindern tut es gut, wenn ich ihnen meine eigenen Grenzen aufzeige. Nicht um sie zu begrenzen oder ihnen vermeintlichen Halt durch einen „Gartenzaun von Regeln“ zu geben. Sondern um ihnen zu vermitteln, dass jeder Mensch Grenzen hat, die geachtet werden sollen. Kinder orientieren sich an uns, besonders, wenn sie noch klein sind. Deshalb ist es kein Wunder, dass mein Großer bei Tisch immer auf meinen Schoß geklettert kam, sobald er aufgegessen hatte. Ständig habe ich ihm gesagt, dass ich selbst noch in Ruhe aufessen will und er mich so lange in Ruhe lassen soll. Doch er hat gespürt, dass ich mir innerlich gar nicht so sicher war, ob es okay ist, meine eigenen Bedürfnisse durchzusetzen. Die Glaubenssätze, die tief in mir eingebrannt sind, flüsterten mir etwas anderes zu: „Die Bedürfnisse der anderen sind wichtiger als deine eigenen Grenzen. Wenn du etwas nicht magst, musst du es halt aushalten.“

Im Arbeitskontext mit Kindern habe ich immer wieder Bewunderung von Kolleginnen und Kollegen für meine scheinbar nie versiegende Geduld geerntet. Dass ich häufig schon längst innerlich gekocht habe, konnten sie ja nicht sehen. Damals im Job ist es selten vorgekommen, dass mein Geduldsfaden riss. Umso stärker bin ich nun mit meinen eigenen Kindern herausgefordert. Denn jetzt kann ich nicht mehr nach einer Schicht nach Hause fahren und mich ins Bett legen, um wieder zu mir selbst zu finden. Jetzt muss ich, wenn es hart auf hart kommt, 24 Stunden am Tag „funktionieren“. So anstrengend das manchmal ist und so bestürzt ich bin, wenn ich wieder einmal anders reagiere, als ich eigentlich möchte, so dankbar bin ich für diese „harte Schule zu mir selbst“.

Wenn alles aus dem Ruder läuft

Manchmal, wenn ich vor Müdigkeit oder Stress nicht mehr klar denken kann und mein großer Sohn wiederholt über meine Grenzen trampelt, gerät alles aus dem Gleichgewicht. Ich verliere aus dem Blick, dass mir ein gefühlsstarker Fünfjähriger gegenübersteht und fühle mich wie das kleine Mädchen, dessen Grenzen mutwillig übertreten werden. Das tut weh, und im Kurzschluss habe ich meinen Sohn einmal an den Schultern gepackt und geschüttelt. Das geht natürlich gar nicht. Ich hätte früher nie geglaubt, dass ich zu so etwas in der Lage wäre. Gewaltfreiheit war immer schon mein höchstes Erziehungsideal. Umso wichtiger ist es zu lernen, endlich gut für mich zu sorgen und für solche Situationen ein Frühwarnsystem mit entsprechenden Handlungsstrategien zu finden.

Seit ich weiß, dass es am wichtigsten ist, meine eigenen Grenzen zu kennen und zu verteidigen, mache ich mir immer häufiger bewusst, dass ich genauso wichtig und ernst zu nehmen bin wie jeder andere Mensch. Ich muss dafür sorgen, dass meine Bedürfnisse befriedigt und meine Grenzen geachtet werden. Anstatt allzu hart mit mir ins Gericht zu gehen, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge, versuche ich immer wieder eine gütige Haltung mir selbst gegenüber einzunehmen.

Eine Stunde Rückzug mit einem Buch kann Wunder wirken oder auch nur ein paar bewusste tiefe Atemzüge am Fenster. Wenn ich bei mir angekommen und in meiner Kraft bin, kann ich meinen Kindern ein viel stärkeres und klareres Gegenüber sein.

Ich erlaube es mir, mir Zeit zu lassen und zu überlegen, ob ich etwas möchte oder nicht, wenn meine Kinder mich etwas fragen. Wenn ich müde bin oder keine Lust habe, die fünfte Geschichte zu erzählen, sage ich das ganz klar. Und es hilft mir zu wissen, dass ich damit nicht nur zu mir selbst und meinen Bedürfnissen stehe, sondern meine Söhne dadurch lernen, dass sie auch Grenzen setzen und Nein sagen dürfen.

Die Wut aus dem Körper tanzen

Mit kleinen Kindern ist es natürlich nicht immer so einfach, gut für sich zu sorgen. Manchmal muss ich stundenlang ein schreiendes Kind wiegen, obwohl ich viel lieber endlich „Feierabend“ hätte. Da hilft es, mir innerlich bewusst zu machen, dass es mich gerade echt nervt, dass der Kleine schon zum fünften Mal aufgewacht ist. Ich fühle mich in meiner kostbaren Zeit für mich selbst beschnitten. Darüber darf ich traurig oder wütend sein. Anstatt die Wut runterzuschlucken und weiter tapfer auszuhalten und über meine Grenzen zu gehen, mache ich Musik an und tanze die Wut aus meinem Körper, bevor sich das Babyfon das nächste Mal meldet. Das hilft mir, bei mir zu bleiben. Oder ich gönne mir zur Belohnung bewusst etwas Besonderes, um mir zu zeigen, dass ich auch wichtig bin: ein Eis, einen Film oder eine geplante Auszeit am nächsten Tag.

Wäre es nicht schön, wenn wir – die Kinder, die allzu viel aushalten und sich anpassen mussten – es durch unsere Kinder endlich schaffen, zu dem zu finden, was uns ausmacht? Wenn wir zu unseren individuellen Empfindungen, Interessen und Begabungen durchdringen und damit unseren Platz in der Gesellschaft finden würden? Wenn wir unseren eigenen Raum einnehmen, werden wir es auch besser schaffen, unseren Kindern den Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei zu entfalten. Wenn sie schon in ihren ersten Lebensjahren erleben dürfen, dass sie mit ihrem individuellen Wesen angenommen sind, wir wirkliches Interesse an ihnen haben und ihre Grenzen respektieren, brauchen sie in ihrer Jugend viel weniger Grenzen zu übertreten, um sich selbst zu finden – so eine These von Susanne Mierau aus ihrem Buch „Frei und unverbogen“.

Anna Koppri lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie arbeitet als Autorin und bei der Berliner Stadtmission.

Party statt Schule

„Meine Tochter (17) will nur noch Party machen. Sie hält sich an keine Absprachen, kommt und geht, wann sie will. Schule ist ihr egal. Was kann ich tun?“

 

Zunächst einmal ein kleiner Trost: Es ist nichts Neues, dass Jugendliche auf Regeln pfeifen und nicht auf ihre Eltern hören: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dieser Satz wird dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben, der von 470 – 399 v. Chr. lebte. Schon er hatte mit dem provokanten Verhalten der Jugend zu kämpfen.

SOUVERÄN BLEIBEN
Wenn Jugendliche sich über Grenzen hinwegsetzen, ist es wichtig, dass die Eltern souverän bleiben und sich nicht provozieren lassen. Natürlich ist es schwer, einfach zu Hause abzuwarten, ob das Kind tatsächlich wieder pünktlich und heil von der Party zurückkommt. Dieses Loslassen ist für alle Eltern ein Lernprozess. Je schwerer er uns fällt, umso mehr rebelliert unser Kind und hält die vorgegebenen Zeiten erst recht nicht ein. Deshalb ist es wichtig, eine eigene Souveränität zu erlangen. Gebet ist dabei eine wesentliche Hilfe. Trotzdem müssen sich die Kinder natürlich daran halten, zu den vereinbarten Zeiten wieder zu Hause zu sein.

GESETZLICHE AUSGEHREGELN
Der deutsche Gesetzgeber hilft hier, denn er gibt sehr genau vor, wie lange Heranwachsende in welchem Alter wegbleiben dürfen (in der Schweiz gibt es leider keine einheitliche Regelung). 16- bis 18-jährige dürfen bis 24 Uhr in einer Disco oder Gaststätte bleiben. Reden Sie mit Ihrer 17-Jährigen und sagen Sie ihr, dass Sie sich Sorgen machen, wenn sie sich nicht an Absprachen hält. Weisen Sie Ihr Kind unaufgeregt und sachlich auf die Konsequenzen hin, die dieses Verhalten nach sich zieht. Sollte sie sich nicht an die Regeln halten, wird der Ausgang ganz gestrichen, oder Sie überlegen sich eine andere Konsequenz.

PARTYS STATT REGELN
Wenn Ihrer Tochter die Schule egal ist, gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Finden Sie heraus, ob der Grund für die schlechten Noten im fehlenden Interesse für die Schule oder in einer zunehmenden Überforderung liegt. Im ersten Fall hat es Sinn, die Prioritäten – eventuell mit Hilfe von Lehrergesprächen – wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Im zweiten Fall sollten Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter nach Alternativen Ausschau halten, wie eine andere Schulart oder eine Ausbildung. Manchmal hilft es auch, einfach die Klasse zu wiederholen. Überforderung kann durchaus ein Grund dafür sein, dass Ihr Kind mehr Sinn daran sieht, Partys zu machen, als sich um die Schule zu kümmern. Wenn Ihre Tochter Sie nicht mehr in ihr Leben hineinlässt, dann müssen Sie das akzeptieren. Sie wird erwachsen und will sich abgrenzen. Sie müssen es allerdings nicht akzeptieren, wenn Ihre Tochter Ihre Regeln nicht mehr einhält. Machen Sie Ihr klar, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen darf, dass sie sich aber trotzdem an die Regeln zu halten hat, die Sie ihr vorgeben.

 

Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.

Oktopus-Sehnsucht

Ingrid Jope hätte manchmal gern zehn Arme.

Mamaaaa!“ – Unüberhörbar dringt der Ruf aus der Richtung des stillen Örtchens an mein Ohr. Unser Dreijähriger hat sein großes Geschäft fabriziert. Während ich abwische, fordert er mich (als späte Nachwirkung des Ohne-Windel-Trainings) auf: „Du kannst sagen: Ich bin stolz auf dich!“ Ich muss schmunzeln, und anerkennende Worte kommen ganz von selbst über meine Lippen. Die Drittklässlerin hat eine Frage bei den Mathehausaufgaben. Noch bevor ich die Antwort geben kann, klingelt das Telefon. Der Handwerker schafft es nicht rechtzeitig und fragt, ob er zwei Stunden später kommen kann. Zu diesem Zeitpunkt bin ich allerdings mit den Kindern beim Zahnarzt vorgemerkt. Das Essen auf dem Herd riecht verdächtig angebrannt. Es klingelt an der Haustür. Eine Nachbarin bringt das Paket, das sie heute Vormittag für uns angenommen hat. Aus dem Kinderzimmer höre ich frustriertes Heulen. Das fast fertiggestellte Bügelperlen-Herz ist auf den Boden gefallen. Die Perlen sind auf dem ganzen Fußboden verteilt. Manchmal wünsche ich mir, Gott hätte sich Mütter mit zehn Armen und zehn Händen ausgedacht. Die fehlenden acht könnten doch während der Schwangerschaft dazuwachsen. Mit dieser Oktopus-Ausstattung könnte man gleichzeitig im Suppentopf rühren, mit der Arztpraxis telefonieren, bei den Hausaufgaben assistieren, den umgekippten Saft aufwischen und Bügelperlen aufsammeln. Oder wahlweise das Baby trösten, mit dem Kindergartenkind puzzeln und nebenbei noch ein berufliches Meeting per Telefonkonferenz bewältigen und die Einträge im Kalender machen. Ja, warum eigentlich nicht? Er muss sich etwas dabei gedacht haben. Darin, dass Gott uns keine zehn Hände zugedacht hat, steckt die Botschaft: Er wollte keine Multitasking-fähige, ständig beschäftigte Alleskönner-Super-Mutti. Er schenkt uns Zeit und Kraft und Liebe – aber eben nur für 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche. Er schenkt uns so viel Kraft und Nerven, wie man mit zwei Händen und einem Herzen aufbringen kann. Wir dürfen Grenzen haben. Wenn wir alles könnten, was wir wollten und was andere in Form von Bedürfnissen und Wünschen an uns herantragen – Hand aufs Herz –, dann würden wir noch mehr hetzen und uns noch mehr in den Tag packen. In unserer Begrenzung liegt die Chance, dass wir lernen, gute Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen, dass wir den Wald der Erwartungen ausforsten und im Stehenlassen von Lücken barmherzig werden mit uns selbst und anderen. Nebenbei buchstabieren unsere Kinder, was es heißt, zu warten, Verständnis zu haben, nicht alle Wünsche erfüllt zu bekommen – auch wenn das manchmal ein mühsamer Weg ist. Und daran, dass ihre Eltern keine Alles- gleichzeitig-super-Könner sind, lernen sie, gut mit ihren eigenen Gaben und Grenzen zu leben. Alles in allem bin ich doch froh, dass ich keine Oktopus- Mutter sein muss.

Ingrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/Ruhr. Weitere Mutmach-Texte für Mütter sind in ihrem neuen Buch zu finden: „Mit dem Papst nach Bullerbü. Von Mamastress und Maxiglück“ (Brunnen)

Die Wut der Kinder aushalten

Wie schafft man es, Kindern bedingungslose Liebe zu vermitteln und gleichzeitig klare Grenzen zu setzen? Anregungen von Stefanie Diekmann

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Nicht nur auf die Grenzen blicken!

Grenzen bestimmen unser Leben. Georgia Mix plädiert dafür, nicht immer nur auf die Grenzen zu sehen, sondern das „Lebensland“ innerhalb der Grenzen zu kultivieren.

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„Wie ein Zaun, der den Garten der Liebe schützt“

Wenn Mann und Frau eine Beziehung eingehen und heiraten, bilden sie eine neue Einheit. Warum innerhalb dieser Einheit Grenzen entscheidend wichtig sind, damit die Liebe gedeihen kann, erklärt der Psychotherapeut Jörg Berger im Interview.

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