Unsere Tochter klaut

„Unsere Tochter ist ein fröhliches, kluges Mädchen. Seit einiger Zeit steckt sie aber immer wieder Sachen ein. Wenn wir sie fragen, sagt sie, die habe sie geschenkt bekommen. Wir machen uns Sorgen, dass ihr etwas fehlt. Was können wir tun?“

Fangen Kinder an zu stehlen, ist es immer ratsam, nach den Motiven für dieses Verhalten zu fragen. In den meisten Fällen kann man davon ausgehen, dass das Kind unbedingt ein Spielzeug oder eine Süßigkeit haben und nicht darauf warten wollte. Ist das Stehlen ein einmaliger Ausrutscher, kann man das gelassen mit dem Kind besprechen und mit einer angemessenen Wiedergutmachung aufarbeiten. In der Regel sind die meisten Kinder einsichtig und haben ein Gespür dafür, dass ihr Verhalten nicht richtig war.

RAUM FÜR EHRLICHKEIT
Allerdings beschreiben Sie, dass Ihre Tochter wiederholt gestohlen und im Gespräch auch ausweichend reagiert hat. Ihre Sorge, dass Ihrer Tochter etwas fehlen könnte, ist berechtigt, und es ist gut, dass Sie hier genau hinsehen. Wenn Kinder immer wieder etwas mitgehen lassen und anscheinend auch nicht ehrlich sein können, ist es durchaus möglich, dass eine innere Not vorliegt. Dann braucht das Kind unbedingt Hilfe. Es ist auf jeden Fall der richtige Weg, dass Sie Ihre Tochter auf die eingesteckten Dinge angesprochen haben. Solche Gespräche sollten Sie in Ruhe und ohne Beschuldigungen und Vorwürfe führen, damit sich Ihr Kind öffnen und die Wahrheit sagen kann. Hier ist Ihr Ton ganz entscheidend. Versichern Sie Ihrem Kind, dass es keine Angst vor Strafe haben muss und mit all dem, was es beschäftigt, zu Ihnen kommen kann. Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind nicht bloßstellen, sondern Raum für Offenheit und Ehrlichkeit geben.

URSACHENFORSCHUNG
Stehlen Kinder immer wieder, kann das ganz unterschiedliche Ursachen haben. Manche Kinder erleben in ihrer Schule ein Umfeld, in dem andere Kinder viel mehr besitzen. Der Wunsch, mithalten zu können und dazuzugehören, ist groß, und so scheint Stehlen für sie eine Lösung zu sein. Andere Kinder versuchen, sich durch das Verschenken von stibitzten Süßigkeiten Anerkennung bei den Mitschülern zu erwerben. Wieder andere füllen durch die geklauten Dinge einen emotionalen Mangel innerhalb der Familie oder in der Schule. Steckt eine größere innere Not hinter dem Verhalten eines Kindes, wird sich das aber vermutlich auf mehrere Lebensbereiche auswirken. Konkret könnten Sie überlegen: Gab es in den letzten Wochen gravierende Veränderungen im Leben Ihres Kindes? Wie erleben Sie grundsätzlich ihre Tochter im Alltag? Ist sie das fröhliche und kluge Mädchen – so, wie Sie sie kennen? Wie erleben Ihr Partner, die Lehrer oder Großeltern Ihre Tochter? Wenn Sie sich mit diesen Fragen auseinandersetzen, können sie vermutlich den Motiven für das Verhalten Ihres Kindes auf die Spur kommen. Und dann gilt es, zunächst dafür zu sorgen, dass Ihr Kind hier Entlastung bekommt. Erklären Sie Ihrem Kind aber auch die Folgen seines Verhaltens. Stehlen und Vertuschen sind keine Lösung für die Probleme, sondern bewirken, dass das Vertrauen zwischen Eltern und Kindern verlorengeht. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kindern ist ein hohes Gut – und Ihr Kind sollte wissen und erleben, dass Ihnen das am Herzen liegt.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin, arbeitet in der Redaktion von SevenEleven und ist Mitarbeiterin von Team.F. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid. www.sonja-brocksieper.de

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