Was tun gegen Beziehungsangst?

Claudia und Mark sind schon eine Weile zusammen. Doch seit einigen Wochen merken beide, dass sie sich voneinander entfernen. Mark hat den Eindruck, dass Claudia eine Mauer hochzieht, die er nicht mehr durchbrechen kann. Claudia fühlt sich durch die Beziehung immer mehr eingeengt. Mark glaubt, dass sie Angst vor einer Beziehung hat und sich deshalb zurückzieht. Könnte er recht haben? Wie kann Claudia für sich selbst Klarheit finden?

Die Spannungen und die Differenzen, die Claudia und Mark miteinander erleben, sind vielen Paaren vertraut. Wenn ich es richtig verstehe, sehnt Mark sich eher nach Nähe. Ihm ist es wichtig, das Band der Liebe enger und intensiver zu knüpfen. Während für Claudia zunehmend im Mittelpunkt steht, trotz und neben der Beziehung zu Mark, Freiheit und Autonomie zu leben. Wenn diese Freiheit beschnitten wird, fühlt sie sich eingeengt. Das macht Claudia Angst. Es scheint mir dabei aber nicht um eine einseitige Beziehungsangst von Claudia zu gehen. Häufig entwickelt sich in solchen Fällen ein sich gegenseitig bedingendes Muster, das ich im Folgenden näher erläutern will.

Jede Beziehung besteht im Spannungsfeld von Autonomie und Bindung und Nähe und Distanz. Dabei hat sich bei Mark und Claudia, wie bei vielen Paaren, diese Polarität auf die jeweiligen Partner verteilt. Ein Partner, hier Claudia, steht für Autonomie. Der andere übernimmt die Seite der Bindung. Jetzt sind – das erlebe ich bei vielen Paaren, die in die Beratung kommen – die jeweiligen unbewussten Bedürfnisse der Einzelnen zum Konfliktfeld für das Paar geworden. Eine Negativspirale entsteht: Mark sucht Nähe, während Claudia auf Abstand geht. Der Abstand, den Claudia lebt, macht Mark Angst, und er versucht (unbewusst), wieder Nähe herzustellen. Dies wiederum veranlasst Claudia zu mehr Distanzbemühungen.

Diese Polarität und Spannung ist wichtig, wenngleich sie mühsam zu leben ist. Bis jetzt haben die beiden noch keinen Weg gefunden, um mit diesem Kontrast hilfreich umzugehen. Im Gegenteil: Es haben sich ein Konflikt und eine Streitdynamik entwickelt. Jeder sieht durch das Bedürfnis des anderen das eigene Bedürfnis bedroht. Bei beiden entsteht das Grundgefühl Angst.

In diesem Konflikt zeigt sich eine Entwicklungsaufgabe für die Beziehung: Wie könnten Mark und Claudia in guter Weise so leben, dass die Polarität nicht trennt, sondern dass jedes Bedürfnis gelebt werden kann? Nicht: Entweder – oder; sondern: sowohl als auch?

Um diese Spannung konstruktiv gestalten zu können, müssen die beiden immer wieder miteinander ins Gespräch kommen. Wie, wann und womit kann Beziehung intensiviert und Nähe gestaltet werden? Wo, wann und wodurch kommt das Bedürfnis nach Eigenständigkeit zur Geltung? Um beides leben zu können, müssen beide zunächst einmal lernen, mit der Angst, die sie jeweils erleben, hilfreich umzugehen. Hierzu ein paar Ideen:

Gefühle brauchen Achtsamkeit

Wichtig ist, dass die unangenehmen Gefühle nicht verdrängt oder ignoriert werden, sondern dass sie als hilfreiches Signal gewertet werden, denn sie weisen auf die Bedürfnisse hin. Zum Wahrnehmen gehört Achtsamkeit.

Eine kleine Achtsamkeitsübung könnte sein, innezuhalten und in Ruhe auf den eigenen Atem zu achten. Man nimmt bewusst wahr, wie der Atem kommt und wieder geht … kommt und wieder geht. Wenn Gedanken durch den Kopf schwirren, nimmt man sie wahr und lässt sie wieder gehen. Es sind nur Gedanken.

Im Augenblick der Ruhe kann man sich den Gedanken und Emotionen im Hinblick auf die Beziehung zuwenden. Nicht urteilend (gut/schlecht), sondern beobachtend-interessiert und neugierig. Folgende Fragen können die Aufmerksamkeit lenken: Welche Gefühle, im Blick auf unsere Beziehung, nehme ich bei mir wahr? Welche Gedanken kommen mir, im Blick auf unsere Beziehung? Hilfreich ist es, wenn man die eigene Furcht oder Sorge benennen kann: „Das ist meine Angst vor Nähe/vor Distanz …“ Vielleicht lässt sich erspüren, was im Augenblick der Angst im Körper vor sich geht: Wo ist die Angst zu spüren? Wie fühlt sie sich an? Eher kalt oder warm? Hart oder weich? Leicht oder schwer?

Gefühle brauchen Zuwendung

In einem weiteren Schritt geht es darum, sich diesem Gefühl zuzuwenden. Dazu lässt man den eigenen Atem an die Stelle des Körpers strömen, wo man die Angst am intensivsten spürt. Wenn die Angst beispielsweise als Enge-Gefühl im Brustbereich spürbar ist, atmet man bewusst in diesen Bereich. Es hilft nicht, die Angst abzuwehren oder davor zu fliehen. Die Angst wird dann weniger, wenn man sich ihr zuwendet.

Um der Angst die Dynamik zu nehmen, kann man sich auch einen Satz ins Bewusstsein rufen, der diese Situation anspricht. Das könnte beispielsweise ein Wort von Jesus sein. In Johannes 16,33 sagt er: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Vielleicht ist es aber auch ein Motto, das die angstvolle Seite ernst nimmt und trotzdem beruhigt.

Wenn man die eigene Sorge wahrgenommen hat und benennen kann, dann fällt es leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen, um einander mitzuteilen, was sich jeder wünscht. Wichtig erscheint mir, dass Claudia und Mark lernen, das Bedürfnis des anderen wertzuschätzen.

Daniel Gulden ist Dozent für Seelsorge an der Evangelischen Missionsschule und selbstständiger systemischer Therapeut.
www.beziehungs-weise.biz

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