Wie im Schleudergang

Elisabeth Vollmer über nächtliches Danken und ein spontanes Picknick.

Leben, das sich anfühlt wie der Schleudergang der Waschmaschine: Meist sind es diese Wochen, in denen ich meine Überforderung durch Unleidigkeit und überzogene Anforderungen an die Umwelt quittiere und emotional dann völlig gegen die Wand fahre. Letzte Woche war das anders. Ganz unfassbar anders. Die Rahmenbedingungen waren heftig: Personalnotstand und eine Fortbildung verdoppelten mal eben meine Arbeitszeit. Ein akut brennender Krisenherd bei der Arbeit sorgte für zusätzliche Belastung. Außer Dienstag war jeder Abend belegt. Und schließlich gab es ja auch noch einen Haushalt und eine Familie … Kein Wunder also, dass ich schon in der Nacht von Sonntag auf Montag wach lag und mir überlegte, wie ich das alles hinkriegen sollte. Ein Wunder war es allerdings für mich, dass ich plötzlich die Idee hatte, Gott zu danken für alles Gute, das mir einfällt. Ich begann klein – „Danke, dass ich in einem warmen Bett liege.“ – und weitete den Kreis. Immer mehr fiel mir ein. Und darüber schlief ich ein. Die nächste Nacht das Gleiche: meine Gedanken kreisen, ich liege wach, beginne zu danken, werde ruhig und schlafe ein. Wunderbar! Dienstag ist der einzige freie Abend. Ich will etwas Schönes machen, überlege und packe spontan unseren Rucksack mit Abendessen und Rotwein. Zu zweit fahren wir an die Berghauser Kapelle, gehen ein Stück, breiten die Picknickdecke aus, essen gemütlich, reden ungestört, genießen einen gigantischen Sonnenuntergang. Ein wunderschöner Abend! Einfach so – und so einfach zu haben – und so ein großer Grund, Danke zu sagen. Ich merke, wie gut mir dieser Abend tut und dass die Dankbarkeit die Sorgen schrumpfen lässt. Trotzdem ist die Woche heftig und ich bin am Freitagabend platt. Um 18.45 Uhr komme ich von der Fortbildung nach Hause. Um 19.30 Uhr singt unsere Tochter in einem Konzert. Sie rechnet nicht mit uns. Aber freuen würde sie sich. Einmal durchatmen, dann fahren wir los. Ich sitze, lausche und genieße. Ein wunderschönes Konzert! Dafür könnte ich in der nächsten Nacht danken – tue ich nicht, ich schlafe durch! Samstag: zweiter Teil der Fortbildung, den Abendtermin – eine Geburtstagseinladung – streiche ich. Stattdessen mache ich mit meiner Tochter einen gemütlichen Mädels- Abend mit einer DVD. Am Sonntag dann die einzige Chance, mich zu erholen, bevor die nächste Woche ihren Tribut fordern wird. Und ich werde durch einen wunderbaren Sonntag beschenkt. Diesmal machen wir das Picknick mit Kaffee und Kuchen. Traumhaftes Wetter, blühende Bäume, entspannte Menschen, zwei Musiker, die Gitarre spielen. Ich habe das Gefühl, in einem Bilderbuch zu Gast zu sein. Ich höre, rieche, schmecke, sehe, fühle, genieße und erhole mich ganz wunderbar! So könnte es immer sein – wünsche ich mir, wohl wissend, dass es auch wieder andere Wochen geben wird. Aber die „nächtliche Dankbarkeit“, die Freiheit, eine Einladung abzusagen und diese simple Idee mit dem Picknick – das nehme ich mir vor, öfter umzusetzen, wenn sich der Alltag grade wieder so anfühlt wie der Schleudergang der Waschmaschine…

 

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