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Sven Gerhardt
Jeder von uns hat schon einmal – mit sicherem Abstand und schmunzelnd – ein Kind beobachtet, das sich im Supermarkt aus Wut schreiend auf den Boden wirft. Doch was passiert eigentlich entwicklungspsychologisch gesehen während der oft zitierten Trotzphase mit dem Kind? Im Laufe der Entwicklung finden verschiedene Abnabelungsprozesse statt. Der erste gleich nach der Geburt: Das Kind wird buchstäblich abgenabelt, es kann nun außerhalb des mütterlichen Körpers überleben. Während der ersten ein bis eineinhalb Jahre braucht das Kind die Mutter sehr stark und nimmt sich selbst und seine engste Bezugsperson als eine Einheit wahr. Im Laufe des zweiten Lebensjahres – manchmal auch schon früher, bei manchen auch erst nach dem zweiten Geburtstag – findet das Kind heraus, dass es eine eigene Person ist und unabhängig von der Mutter existiert! Und eine eigene Existenz bedeutet auch: einen eigenen Willen haben, eigene Pläne machen, sich unabhängig machen. Genau genommen ist also die Trotzphase ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit: die Entdeckung der eigenen Persönlichkeit. Und Selbstständigkeit ist schließlich ein Ziel, das alle unsere Kinder erreichen sollen.
Regeln und Strukturen helfen
Wie also können wir unsere Minis in ihrer Entwicklung unterstützen, ohne ihnen alle Ideen durchgehen zu lassen? Zunächst einmal ist es ganz wichtig, dem Kind einen Rahmen zu setzen, innerhalb dessen es sich ausprobieren kann. Mit der weißen Sonntagshose gibt es kein Matschen in der Pfütze, mit Gummistiefeln und Regenhose darf sich der kleine Wicht aber im Wasser austoben. Vorhersehbare Regeln und Strukturen erleichtern dem Kind den Tag. Dazu gehört auch ein Tagesablauf, der sich nicht ständig grundlegend ändert, sondern bestimmte wiederkehrende Stationen (Mahlzeiten, Einkaufen, Spaziergänge oder Spielplatzbesuche) enthält. Wenn Ihr Kind einen Wutanfall hat, sehen Sie es nicht als persönliche Unzulänglichkeit. Alle Eltern müssen da durch. Bewahren Sie Ruhe und einen kühlen Kopf. Kinder spüren Unsicherheit sehr schnell und nutzen sie schamlos aus. Entscheiden Sie je nach Situation, wie viel Sie Ihrem Kind zugestehen können: Wenn es meint, mitten auf der Straße stehen bleiben zu müssen, um einer Schnecke zuzusehen, werden Sie natürlich keine Kompromisse eingehen und das Kind auch völlig gegen seinen Willen von der Straße nehmen. Wenn Sie aber zum Beispiel auf dem Spielplatz sind und nach Hause möchten, das Kind sich aber mit Händen und Füßen wehrt, können Sie ruhig auch mal in Verhandlungen treten und Ihrem Kind noch ein paar Minuten zugestehen.
Verhandeln und konsequent bleiben
Das Kind lernt dadurch, dass seine Meinung und sein Wille geachtet und respektiert werden. Allerdings heißt es dann auch: Setzen Sie Ihre Ankündigung durch und verlassen Sie nach der Schonfrist wirklich den Spielplatz, auch wenn der Mini schreiend hinterherläuft! Das Kind wird auf jeden Fall ausprobieren, wie weit sein persönlicher Einfluss reicht und wo die Grenzen tatsächlich liegen. Da ist Konsequenz gefragt, auch wenn es manchmal schwer fällt. Im Übrigen macht die Vorhersehbarkeit der Ereignisse für das Kind vieles leichter. Kündigen Sie Veränderungen an! Auch wenn Ihr Kind noch keinen Zeitbegriff hat, wird es verstehen, dass es nicht mehr lange spielen kann, wenn Sie sagen, dass Sie in fünf Minuten aus dem Haus müssen. Das Kind kann sich darauf einstellen, die Ansage gibt ihm Sicherheit. Und geben Sie Ihrem Kind die Chance, seinen Drang auszuleben, etwas selbst zu tun: Lassen Sie es beim Einkaufen helfen, beim Wäsche aufhängen, geben Sie ihm ganz kleine Aufgaben, die sein Selbstwertgefühl stärken. Die Trotzphase ist für die Minis wie eine kleine Pubertät: Sie wollen groß und unabhängig sein, brauchen aber andererseits dennoch ganz stark den Schutz und die Nestwärme der Eltern. Die Gefühlswelt steht eben Kopf, und es braucht eine Weile, bis sich die Lage wieder eingespielt hat und das Kind innere Sicherheit erlangt hat. Ganz wichtig für trotzgeplagte Eltern: Behalten Sie Ihren Humor und tun Sie auch etwas für sich! Und machen Sie sich bei aller Mühe immer wieder bewusst, dass Ihr Kind gerade etwas lernt, das ganz wichtig ist, um in unserer Gesellschaft gutbestehen zu können: Gefühlswahrnehmung, Durchsetzungsfähigkeit, Abgrenzung.
Was tun Sie,wenn Ihr Kind trotzt?
Haben Sie einen Weg gefunden, um die Situation zu entspannen, ohne inkonsequent zu sein? Oder geht es Ihnen immer noch an die Nieren, wenn sich Ihr Kind völlig daneben benimmt? Gibt es überhaupt einen Königsweg? Die Trotzphase ist für alle Eltern eine echte Herausforderung – nicht nur für Sie! Tauschen Sie sich mit anderen family-Lesern aus:
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