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Brotzeit, Vesper, Pausenbrot?

Von Stefanie Böhmann


Bild:

Sven Gerhardt

Wie viel Dialekt darf sein?

Als Familie haben wir gerade den Umzug von Bayern nach Hamburg hinter uns gebracht. Unsere Kinder wurden in Bayern vier Jahre lang durch den Kindergarten und Freunde von dem bayrischen Dialekt geprägt. Unsere Frage ist nun: Müssen wir sie darauf hinweisen, dass man in Hamburg eben keine „Brotzeit“ mehr macht, sondern dafür eher Gelächter erntet? Mit viel elementareren Fragen beschäftigen sich bayrisch redende Freunde, die sich überlegen, ob sie ihrem Kind überhaupt Bayrisch beibringen sollen oder ob ihr Kind nicht als „Sepp“ und „vom Lande kommend“ in der Schule abgestempelt wird.


Die Sprache des Gefühls


Für unsere Freunde ist aber das Bayrische die Muttersprache. Mit dieser können sie Wärme und Abneigung ausdrücken und sich spontan äußern. Der Dialekt ist Teil ihres Lebens, mit dem sie auch ihren Kindern Vertrauen vermitteln können und den sie auch an ihre Kinder weitergeben möchten. Versuchen sie Hochdeutsch zu reden, passt es nicht zu ihnen und wirkt aufgesetzt. erschiedene Wissenschaftler haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Professor Rowley beispielsweise ist gebürtiger Brite und arbeitet seit 1988 am „Bayrischen Wörterbuch“. Er ist der Überzeugung, dass der Dialekt die Identität eines Menschen ausdrückt. In ihm spiegelt sich das Alltagsleben wider. Sprache ist somit ein wichtiger Teil der Kultur einer Gesellschaft, der unbedingt erhalten werden muss. Wenn nun Eltern versuchen, „schön zu sprechen“ oder reines Hochdeutsch, dann schaffen sie Distanz zu ihren Kindern.


Dialekt in der Großstadt?


Kultur hin oder her, in die Stadt gehört der Dialekt nicht. Diese Meinung vertreten Kritiker der Mundart und verunsichern damit viele, die Dialekt sprechen. Sie gehen von einem sehr steinigen Weg für Kinder aus, die mit dem Dialekt aufwachsen. Die Kinder würden in der Schule ausgestoßen, weil sie nicht verstanden werden. Schnell erhalte ein Kind den Stempel des Provinzlers. Nur die sogenannte Hochsprache gilt als städtisch, gescheit und fein. Doch die PISA-Studie hat den Mundart- Befürwortern Aufwind gegeben. Denn Bayern und Baden-Württemberg haben im Bereich der Sprachkompetenz im Vergleich zu den anderen Bundesländern sehr gut abgeschnitten. Gerade diese Bundesländer sind aber bekannt für ihre ausgeprägten Dialekte. Mundart-Experte Hans Triebel ist davon überzeugt, dass Dialekte die Sprachkompetenz fördern. Kinder lernten zwei Sprachen und müssten schon früh zwischen zwei verschiedenen Sprachebenen unterscheiden. Dieser Wechsel trainiere die Auffassungsgabe und das abstrakte Denken von Kindern. Die Voraussetzung für die sprachliche Entfaltung sei durch die Mundart viel höher. Der Münchner Sprachwissenschaftler Wolfgang Schulze forderte sogar, dass das Hochdeutsche als Zweitsprache erlernt wird und die Kinder im Dialekt unterrichtet werden.


Hürde in der Schule


Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des deutschen Philologenverbandes, steht der Mundart kritischer gegenüber. Er kann die These nicht unterstreichen, dass Dialektkinder immer die besseren Schüler seien. Wer sich beim Erlernen einer Sprache schwertut, dem wird auch der Erwerb der Hochsprache nicht leichtfallen. Meidinger spricht eher von einer Hürde, die Kinder in der Schule und vor allem beim Übergang in die weiterführende Schule mit ihrem Dialekt überwinden müssen, denn die Hochsprache ist in jedem Fall zu erlernen. Ist diese Hürde allerdings überwunden, sind die Kinder, die Mundart sprechen, wieder im Vorteil, weil sie den Wechsel der Sprachebenen beherrschen. Man könnte nun entgegnen, dass Hürden dazu da sind, um sie zu überwinden. Letztendlich muss es jede Familie selbst entscheiden, ob sie ihren Kindern den Dialekt vermitteln will oder nicht. Denn nur, wenn man selbst davon überzeugt ist, kann man ihn seinen eigenen Kindern überzeugend weitergeben. Unsere Freunde haben sich für den bayrischen Dialekt entschieden, da sie beide aus Bayern stammen. Ihr Sohn gehört gerade durch seine Mundart ganz besonders zu ihnen. Ohne sein „Pfiati“ („Gott behüte dich“) würde mir bei ihm etwas fehlen.


Stefanie Böhmann ist Grundschullehrerin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hamburg.

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