
"Ich habe wohl alles falsch gemacht!" oder "Ich bin an allem schuld!", lautet der verzweifelte Ausspruch aufgelöster Eltern, wenn ihr Jugendlicher über die Stränge schlägt oder sich mit tiefen seelischen Problemen plagt.
Da treibt sich ein Achtzehnjähriger in einer Clique herum, kommt am Sonntag erst in den Morgenstunden von der Disko heim und hat überhaupt kein Interesse mehr am Gemeindeleben. Und die Eltern haben nur böse Ahnungen, was sich in dieser Zeit so abspielt. Oder Eltern beobachten besorgt, wie ihre Tochter immer weniger isst, Ausflüchte nennt, um nicht an den Familienmahlzeiten teilzunehmen und immer dünner wird.
Dann spürt man förmlich den Vorwurf anderer, deren Kinder solche Sachen natürlich nicht machen und fragt sich beständig: "Was haben wir nur falsch gemacht...?". Solche Eltern sehen sich häufig als totale Versager, quälen sich mit Selbstvorwürfen und verlieren den Blick und die Kraft für die jüngeren Geschwister.
Finden Sie sich in solch einem "Schuldturm" wieder, sollten Sie unbedingt zwischen "berechtigter" und "unberechtigter" Schuld unterscheiden lernen! Stellen Sie sich der berechtigten Schuld und versuchen Sie, sie zu bereinigen – aber lassen Sie sich von unberechtigter Schuld das Leben nicht noch zusätzlich schwer machen.
Um das auseinander zu sortieren, braucht man manchmal die Beratung anderer. Es ist eine "Erziehungslüge" zu meinen, Eltern würden den größten oder gar einzigen Einfluss auf ihre Kinder ausüben. Da waren und sind noch viele andere Miterzieher und außerdem ist Ihr Kind schon lange in einem Alter, in dem es seine eigenen Entscheidungen treffen und für sie gerade stehen muss. Verlieren Sie nicht den Blick für die Realität und geben Sie sich nicht für alles die Schuld!
Allerdings sollten Sie aufrichtig zu dem stehen, wo Sie wirklich Schuld trifft: Unbeherrschtheit, Unverständnis, zu große Kontrolle, Härte, Vernachlässigung...
Vielleicht ist es schon seit längerem dran, genau darüber mit Ihrem Jugendlichen zu sprechen und ihn für Ihre Anteile an den Konflikten und der Entfremdung zwischen Ihnen und ihm um Vergebung zu bitten. Aber bringen Sie bitte nicht lange Erklärungen, warum und wieso Sie so genervt und ungerecht waren. Das steht jetzt nicht zur Debatte. Sondern bitten Sie ganz schlicht um Vergebung und fragen Sie: "Was meinst du, können wir wieder zu einander finden?" "Wie können wir künftig besser miteinander klar kommen?"
Es geht doch darum: Wertschätzung wieder herzustellen, größere Eigenständigkeit zu gewähren und in den verbleibenden Jahren des Zusammenlebens Freunde zu bleiben.
Es mag sein, dass so ein Gespräch nicht möglich erscheint, weil der Jugendliche zu abweisend ist oder sich nicht darauf einlassen will. Dann versuchen Sie es in Briefform mit der Bitte um einen Gesprächstermin. Vielleicht ist es auch sinnvoll, eine Person zu dem Gespräch hinzuzunehmen, zu der Ihr Kind Vertrauen hat.
Stellen Sie sich darauf ein, dass es hart werden kann. Es mögen viele Vorwürfe kommen, die vielleicht sachlich gar nicht so zutreffen. Aber so ist Ihrem Kind zumute und das hat es verletzt!
Behalten Sie einen kühlen Kopf und analysieren Sie die Situation. Bemühen Sie sich herauszufinden, wogegen Ihr Jugendlicher rebelliert bzw. was ihm seelische Nöte macht, in welchem Ausmaß Sie dazu beigetragen haben und welche anderen Einflüsse vorliegen.
Mit diesen Informationen können Sie sich auf eine Lösungssuche machen. Scheuen Sie sich nicht, dabei fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, besonders wenn es sich um Drogenprobleme oder Magersucht handelt.
Es gibt selten schnelle Lösungen und es kann auch ein zu spät geben. Der Trost: "Es ist nie zu spät ..." gilt nicht für
alle Situationen.
Wofür kann es im Umgang mit einem Jugendlichen zu spät sein? Auf jeden Fall für Strafen! Die Erziehungsmaßnahmen, die in den Teenagerjahren gerade noch so funktioniert haben, klappen bei einem Achtzehnjährigen nicht mehr. Vielmehr sollte man verhandeln, um das Zusammenleben einigermaßen erträglich zu halten. Es ist auch zu spät für Vorwürfe und Vorhaltungen: "Wie kannst du uns das nur antun?" Es kann auch leider zu spät sein für ein weiteres Zusammenleben. Wenn ein Jugendlicher ausgezogen ist und auf eigenen Beinen steht, kann durch den Abstand ein "Sich-wieder-finden" manchmal eher möglich werden, als wenn man stets aufeinander hockt.
Es ist jedoch nie zu spät, um Vergebung für berechtigte Schuldanteile zu bitten und Versöhnung anzubieten, auch wenn sie zunächst einmal ausgeschlagen werden sollte. Es ist nie zu spät, immer wieder Gesprächsbereitschaft zu signalisieren und kleine Liebesbeweise zu säen. Es ist auch nie zu spät, für das "verlorene Kind" zu beten, zu warten und es anzunehmen, wenn es wieder die Nähe sucht – so wie es uns Jesus in dem Gleichnis von dem "verlorenen Sohn" in Lukas 15 geschildert hat.
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