
Viele Kinder kennen Hase und Igel nur noch vom Fernsehen. Anders die Kinder, die einen Naturkindergarten besuchen. Sie gehen in den Wald, um die Dinge, die andere nur noch aus Filmen kennen, live zu erleben. Vor etwa 20 Jahren wurde in Dänemark der erste Waldkindergarten gegründet. Inzwischen sprießen Waldkindergärten auch bei uns in Deutschland wie Pilze aus dem Waldboden. Nur wenige Eltern und andere Fachleute konnten sich anfänglich vorstellen, wie man Kinder täglich drei bis vier Stunden ungeschützt dem Wetter aussetzen kann. Auch die bange Frage, was ein Kind ohne Spielzeug im Wald anfangen soll, wurde aufgeworfen. Aber im Wald wird es nie langweilig. Durch das, was die Kinder im Wald vorfinden, werden Phantasie und Kreativität gefördert. Die jahreszeitlich unterschiedlichen Gerüche und Farben, das Rauschen der Blätter und die Stimmen der Tiere, die verschiedenen Früchte, Bäume und Sträucher -- all das erzeugt unmittelbare Sinneserfahrungen. Dadurch entstehen eigene Bilder und Phantasien, die die Kinder in intensives Rollenspiel umsetzen. Und auch mit dem Wetter kann man sich arrangieren. Die Erfahrung zeigt, daß der Körper nach einer Anpassungsphase widerstandsfähig wird. "Waldkinder" sind weniger krank als ihre Freunde im Regelkindergarten.
Was aber macht den Aufenthalt in der Natur so attraktiv für Kinder? Erzieher und Lehrer betonen immer wieder, daß Kinder insgesamt schwieriger werden und die Verhaltensauffälligkeiten zunehmen. Computerspiele und Fernsehprogramme bestimmen zunehmend die Freizeit. Eine Folge davon ist, daß etwa 60 Prozent der Kinder an Haltungsschwäche leiden, 30 Prozent Übergewicht haben, 40 Prozent durch ein labiles Herz- Kreislaufsystem geschwächt sind und 30 bis 40 Prozent aller Kinder an Störungen in den Bewegungsabläufen leiden. Auch sind mehr Unfälle als früher zu verzeichnen. Kinder haben heute allgemein zu wenig Bewegung.
Auf diesen Mangel ist der Wald- und Naturkindergarten eine wichtige Antwort. Viele Regelkindergärten haben deshalb alternativ zu ihren Gruppen im Haus eine Gruppe, die täglich in den Wald geht. Andere verbringen mit jeder Gruppe einmal wöchentlich einen Kindergartentag im Wald.
Im Wald, ihrem "Gruppenraum" ohne Dach und Wände, erleben die Kinder Natur pur. Im Alter zwischen drei und sechs Jahren sind sie naturgemäß mit einem überdurchschnittlichen Bewegungsdrang ausgestattet. Das Laufen auf unterschiedlichem Untergrund wie Laub, Holz, Steine und Erde fördert den Gleichgewichtssinn. Durch das Erleben, den eigenen Körper auch in schwierigen Situationen zu beherrschen, gewinnt das Kind Vertrauen zu seinem Körper, wird leistungsfähiger.
Ein Kind das seinem Bewegungsdrang weitgehend nachgehen kann, entwickelt auch seine feinmotorischen Fähigkeiten, denn die Entwicklung der Grobmotorik ist der Grundstein für die Feinmotorik.
Im freien Bewegen in der Natur wird das Kind ganzheitlich angeregt. Herz, Hand und Verstand werden gebraucht, um sich gegenseitig behilflich zu sein und Arbeiten zu bewältigen, die einer allein nicht leisten kann, z. B. den Handwagen im hügeligen Gelände fortzubewegen, einen schweren Stein zu bewegen, ein Haus aus Zweigen zu bauen. In all dem sind Kinder anders aufeinander angewiesen als in einem kindgerecht eingerichteten Raum. Mit dem Verstand müssen die Kinder ein Problem erfassen und eine Lösung finden. Dabei wird die Zusammenarbeit von Auge und Hand gefördert. Was das Auge sieht, muß das Gehirn erfassen, deuten, und die Hände setzen dies um. Diese Fähigkeit ist notwendig, wenn die Kinder z. B. in der Schule von der Tafel abschreiben müssen. Ihr ungestörtes Spiel im Wald erhöht die Fähigkeit zur Konzentration.
Die körperliche und geistige Entwicklung gehen bei einem Kind, das auf diese Weise genügend Bewegungsfreiraum hat, Hand in Hand. Eltern, deren Kinder einen Naturkindergarten besuchen, berichten, daß ihr Kind wesentlich ausgeglichener und ruhiger ist, und auch zu Hause überwiegend im Freien spielt. Dies motiviert oft auch die Geschwister, ihren sicheren Platz vor dem Fernseher zu verlassen.
Auch wenn sie nicht die Möglichkeit haben, Ihr Kind an einem Naturkindergarten teilnehmen zu lassen, gehen Sie so oft wie möglich ins Freie mit Ihrem Kind. Dort kann es auf natürliche Weise Erfahrungen machen und seine Lust auf eigene Abenteuer aus erster Hand ausleben.
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