
Kinder am Tisch
Gila Nickel ist Mutter eines betroffenen Kindes, arbeitet als Erzieherin an einer Schule für Lernhilfe und macht eine Ausbildung zur integrativen Lerntherapeutin. Ihr Ziel: Eine Schule für alle.
Warum sollten Kinder mit speziellem Förderbedarf nicht in einer Förderschule unterrichtet werden?
Es gibt eine Vielfalt von Förderschulen. Den größten Anteil hat die Schule für Lernhilfe. Vor allem diese Kinder könnten in einem anderen System besser gefördert werden. In den Förderschulen wird ein Schonraum aufgebaut. Man versucht die Kinder zu motivieren,indem man ihnen differenzierten Lernstoff gibt. Das Ziel ist, dass die Kinder nach etwa zwei bis drei Jahren wieder in eine Regelschule gehen sollten. Das geschieht aber nur selten. Außerdem leben die Kinder in einem sozialen Ghetto. In der Schule für Lernhilfe stammen viele Kinder aus bildungsfernen Schichten oder aus Migrantenfamilien. Sie besuchen die Förderschule nicht nur, weil sie Lernhilfebedarf haben, sondern auch wegen Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Die Erziehungsaufgabe der Lehrer nimmt sehr viel Zeit in Anspruch – zu Lasten des Unterrichts und der individuellen Förderung. Außerdem ist es für Förderschüler unheimlich schwierig, soziale Kontakte aufzubauen; sie haben oft gar keine Freundschaften am Ort, weil die Mitschüler weit auseinander wohnen.
Wie sieht in Ihren Augen das ideale Konzept für die Integration beziehungsweise Inklusion von Kindern mit Förderbedarf aus?
Ich engagiere mich für die Gründung einer Privatschule, die den Zielgedanken Inklusion hat. Inklusion bedeutet, dass sich die Institutionen Menschen mit Behinderung anpassen müssen und nicht umgekehrt. Damit geht Inklusion weiter als Integration. Schule wird zum natürlichen gemeinsamen Lebensraum. In „unserer“ Schule soll es kleine Klassen mit maximal 22 Kindern geben, davon fünf Kinder mit unterschiedlichem sonderpädagogischen Förderbedarf. Es unterrichten immer mindestens zwei Lehrer, davon ein Sonderpädagoge. Der Unterricht muss differenziert sein. Die Kinder arbeiten mit unterschiedlichen Materialien und Aufgabenstellungen, aber alle an der gleichen Sache.
Aber Ihr Ziel ist es ja eigentlich nicht, dass es einzelne Privatschulen gibt, die auch Kinder mit Förderbedarf aufnehmen …
Mein persönlicher Traum wäre es, dass es im ganzen Land überwiegend solche Schulen gibt – auch öffentliche. Ich wünsche mir, dass 80 bis 90 Prozent der Kinder mit Behinderungen eine normale Schule besuchen und nur noch ein sehr kleiner Teil eine eigenständige Fördereinrichtung benötigt. Der nächste Schritt auf diesem Weg ist es, einen Rechtsanspruch auf den Besuch der Regelschule zu schaffen. Denn sobald Ihr Kind diesen sonderpädagogischen Stempel hat, ist es fast unmöglich, es auf einer Regelschule unterzubringen. Und es gibt viel zu wenig Schulen, die Integration, geschweige denn Inklusion anbieten, leider auch zu wenig christliche Schulen. Selbst staatliche Schulen, die gemeinsamen Unterricht anbieten, können nur begrenzt Kinder aufnehmen, weil sie zu wenig finanzielle Mittel bekommen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.
Webtipps:
• www.eine-schule-fuer-alle.info
• www.gemeinsamlebengemeinsamlernen.de
Quelle:family
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