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Anne Clark/iStock
Von Sabine Zinkernagel
29. November
Es ist der Montag nach dem ersten Advent. Noch habe ich keinen Gedanken an unseren Jahresrückblick-Kontakthalte- Weihnachtsgruß-Rundbrief verschwendet. Wahrscheinlich schaffe ich es trotzdem noch, die Briefe wie letztes Jahr pünktlich am 24. Dezember zur Post zu bringen. Aber offensichtlich gibt es auch schnellere Schreiber.
Heute liegt der erste Rundbrief in unserer Post. Natürlich von Barbara. Sie war schon in der Schule so: perfekt durchorganisiert. Es wundert niemanden, dass sie vier Kinder, einen Halbtagsjob und diverse Ehrenämter locker unter einen Hut bekommt. Ihr Hut ist eben besonders breit. Was hatte sie im letzten Jahr berichtet? Während mein Sohnemann „Hänschen klein“ mit einem Finger ins Keyboard tippte, hatte Barbaras Ältester sein erstes Geigen-Vorspiel mit Bravour gemeistert. Und Klein-Joshua krabbelte mit sechs Monaten fröhlich durch die Wohnung und schlief längst durch. Barbara vermisste ihre Arbeit, die sie für den Nachzügler unterbrochen hatte. Dafür renovierte sie in ihrem neu erworbenen Haus Zimmer für Zimmer. Nachdenklich drehe und wende ich Barbaras diesjährigen Brief in meinen Händen. Bevor ich ihn lese, muss ich meinen Gemütszustand checken: Ist er so stabil, dass er eine weitere Auflage der Erfolgsstorys verkraftet?
Heute Morgen haben sich meine Jungs einigermaßen selbstständig angezogen. Es liegt kein Ärger in der Luft. Also atme ich einmal tief durch und öffne Barbaras Brief. Klar, Judith hat bei ihrem ersten Reitturnier den dritten Platz gemacht, Jannis lernt Polnisch. Wenn Barbara mit ihrem Ältesten aneinandergeraten ist, setzt sie sich ans Klavier, er nimmt die Geige, und beim gemeinsamen Musizieren finden sie wieder zueinander. Und was schreibt meine Schulfreundin diesmal über Klein-Joshua? Rezitiert er schon den Faust-Prolog? Nein. „Er nagt nicht mehr an den Möbeln.“ Wie bitte? Letztes Jahr hatte Barbara mit keinem Wort erwähnt, dass ihr Jüngster die Tischkante als Zahnungshilfe missbrauchte. Wären meine Kinder auf solche Ideen gekommen, hätte das bei mir garantiert einen mittelschweren Brüllanfall ausgelöst.
Und bei Barbara? Sie schreibt ja gar nicht, dass sie die individuell gestalteten Möbelecken mit einem gelassenen Lächeln hingenommen hätte. Ich male mir aus, wie sie beim vierten Mal innerhalb eines Tages reichlich genervt ihren Sohnemann in eine andere Ecke des Zimmers verfrachtet. Wie sie ihn keine zehn Minuten später wieder beim Nagen erwischt. Wie sie ihn unter lautstarkem Protest vom Stuhlbein trennt. Und so weiter und so fort. Barbara hat es als Erfolgsmeldung formuliert, aber auf einmal erahne ich die Dramen, die sich dahinter abgespielt haben könnten.
Und wie war das mit Jonas, ihrem Ältesten? Wer eine Versöhnung per Musizieren braucht, muss sich vorher verkracht haben. Knallende Türen, gegenseitige Vorwürfe, Schmollwinkel und Tränen inklusive. Nur beschreibt Barbara das nicht so im Detail. Mein Adrenalinspiegel sinkt spürbar, als ich beginne, eine ganz normale Familienrealität aus den Erfolgsstorys herauszulesen. Mein Neid lässt tatsächlich etwas nach. Ich werde mich irgendwann bei Joshuas Nagezähnen bedanken müssen.
29. Dezember
Inzwischen habe ich ein gutes Dutzend Weihnachts-Rundbriefe gelesen. Es gab weitere, die bei mir mehr Frust als Mitfreude auslösten. Aber Barbaras Brief geht mir trotzdem nicht aus dem Kopf. Wahrscheinlich ist er der Grund, weshalb ich dieses Jahr an ihren Geburtstag denke und sie anrufe. „Dein Brief ist heute angekommen“, berichtet meine Freundin. „Ich muss dir ja mal sagen, dass ich deine Kraft bewundere. Wie du trotz all deiner Belastungen immer noch so engagiert in der Gemeinde herumwirbelst. Und die Gelassenheit, mit der du das alles managst. Ich glaube, in deiner Situation wäre ich schon längst ein nervliches Wrack.“ Wie bitte?
Etwas verwirrt versuche ich zu rekapitulieren, was ich eigentlich in meinem Rundbrief berichtet habe. Krabbelgruppe, Kindergottesdienst, Hauskreis – und alles macht mir riesig Spaß. Mein Frust, wenn mal wieder niemand kommt, blieb unerwähnt. Ebenso wie die Tatsache, dass ich an solchen Tagen für Mann und Kinder ziemlich unausstehlich werden kann. Von meinen Rabauken habe ich lieber ein paar schlagfertige Antworten zitiert als ihre Wortwahl bei unseren täglichen Diskussionen über den Sinn von Hausaufgaben. Und ich habe geschrieben, dass beide Kinder uns trotz ihrer Handicaps viel Freude bereiten – „in der Regel“. Anhand dieser drei Worte versuche ich, Barbara meine Wirklichkeit hinter den positiven Worten zu erklären. Schildere ihr einige der drastischsten Ausnahmen von dieser Regel. Genau wie Barbara habe ich die Wahrheit geschrieben, nichts als die Wahrheit – aber eben nicht die ganze Wahrheit.
„Warum verschweigen wir das alles, unsere Ausrutscher, unsere ganz normalen Probleme mit den Kindern? Wir kennen uns doch zu gut, als dass wir uns gegenseitig etwas vormachen müssten.“ Meine Frage bleibt etwas ratlos in der Telefonleitung hängen. Bis Barbara schließlich doch ein Grund einfällt: „ Judith stand hinter mir, als ich den Brief getippt habe. Wenn ich erwähnt hätte, dass sie beim zweiten Turnier vom Pferd gefallen ist, hätte sie eine Woche lang kein Wort mehr mit mir gesprochen. Ich will doch nicht, dass meine Kinder ausziehen, wenn sie zu Gesicht bekommen, was ich über sie verbreitet habe.
Und außerdem – ich will doch auch mal stolz sein dürfen auf meine Kinder!“ Klar, das darf sie. Das versuche ich ja auch. Und genau dafür nutze ich die Rundbriefe. Grundlose Wutanfälle, verschlampte Schulbücher oder uneinsichtige Gemeindemitglieder vergesse ich in der Regel nicht so schnell wie die kleinen, oft mühsam erkämpften Erfolgserlebnisse. Da tut es gut, sich einmal im Jahr zu überlegen, was ich Positives über meine Familie und die Gemeinde berichten kann. Rundbrief-Schreiben als Therapie gegen den Alltagsfrust. Das muss ich dann aber meinen Freundinnen auch zugestehen. Meinen Neid zügeln und versuchen, die Realität hinter den Erfolgsstorys herauszulesen.
Am Ende des Telefonates meint Barbara noch: „Wenn dir mal wieder alles zu viel wird, lass die Rundbriefe liegen. Ruf mich lieber an. Erzähl, dass du deinen Erwartungen an dich nicht annähernd gerecht wirst. Dann kann auch ich gestehen, dass ich keine Bilderbuch-Mami bin. Und dann sagen wir uns gegenseitig, dass wir uns trotzdem bewundern. Okay?“
Sabine Zinkernagel lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Wiesenburg im Landkreis Potsdam-Mittelmark.
Quelle:family
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