Vor einiger Zeit besuchte ich eine Lehrerfortbildung. Eigentlich ging es darum, wie wir als Beratungslehrer unseren Kollegen helfen können, den Unterricht besser zu gestalten. Aber immer wieder merke ich, dass das Lehrer- und Muttersein nicht wirklich weit auseinanderliegen. Am Ende der Fortbildung gab uns unser Fortbilder für unsere zukünftige Aufgabe noch einen Leitsatz mit auf den Weg: „Ihr seid keine Fehlerpolizei, sondern Schatzsucher!“
Damit meinte er, dass wir bei unseren Unterrichtsbesuchen nicht nur nach Defiziten des Lehrers suchen sollen, sondern unser Augenmerk vor allem auf die positiven Seiten des Lehrers richten und diese auch lobend erwähnen sollen. Ein Motto, nicht nur um als Beratungslehrer erfolgreich zu sein, sondern auch als Eltern?
Bin ich zu Hause jemand, der nach „Schätzen“ bei meinen Kindern Ausschau hält, oder bin ich oft eher ein Fehlerpolizist meiner Kinder? Eigentlich bin ich mir ja im Klaren darüber, dass Kinder viel Lob und positive Rückmeldung brauchen, aber lebe ich das auch? Kritisieren ist ja um so vieles einfacher …
Lob-Murmeln
Neulich las ich von einem Unterrichtsexperiment. In einer Klasse wurde gemessen, wie oft die Kinder im Unterricht störten. Danach wurden zwei verschiedene Verhaltensweisen des Lehrers ausprobiert. Erstens: Der Lehrer kritisiert die Schüler, die sich unangemessen verhalten und weist sie zurecht. Zweitens: Der Lehrer beachtet die störenden Schüler nicht, lobt aber konsequent die Schüler, die sich angemessen verhalten. Und, welch Überraschung: Beim kritisierenden Lehrer nahmen die Störungen im Unterricht zu, während beim lobenden Lehrer die Unterrichtsstörungen abnahmen. Müsste das nicht auch zu Hause bei meinen Kinder funktionieren? Das einzige Problem: Loben ist gar nicht so einfach und kommt leider auch meistens nicht automatisch – das Kritisieren hingegen schon …
Mir gefiel die Idee einer Kollegin in der Schule, die diese positive Kraft des Lobens in ihrem Unterricht einsetzen wollte. „Zu Anfang jeder Stunde stecke ich zehn Murmeln in meine linke Hosentasche“, erklärte sie mir. „Jedes Mal, wenn ich einen Schüler gelobt habe, wechsle ich eine der Murmeln in die andere Hosentasche. Am Ende der Stunde müssen alle Murmeln die Hosentasche gewechselt haben.“ Ich habe es ausprobiert. Unglaublich, wie schwer es ist, zehnmal in einer Schulstunde einen Schüler zu loben.
Schatzsucher-Lupe
Und ehrlich gesagt ist es auch nicht einfach, meine eigenen Kinder regelmäßig zu loben. Damit mir das gelingt, muss ich zum Schatzsucher werden. Nicht, dass sie nichts tun würden, was das Lob verdient hätte, aber die negativen Dinge fallen leider viel eher auf: die Schuhe, die nicht ins Regal geräumt sind, die Klassenarbeit, die nicht gerade berauschend ausfiel, die Spielzeuge, die überall herumliegen … Die Liste ist sicher für alle Eltern individuell fortsetzbar. Mein Kind zu loben hingegen ist etwas, das einer bewussten Entscheidung bedarf. Ich entscheide mich heute dafür, meine Fehlerpolizeimütze abzulegen und meine Schatzsucher- Lupe in die Hand zu nehmen. A propos Lupe, hier ein paar Richtlinien fürs Loben:
1. Es dürfen auch kleine Dinge gelobt werden
Nicht nur die Bestnote in Mathe ist eines Lobes Wert. Bemerkungen wie „Super, du hast deine Hausaufgaben ja schnell gemacht“, oder „Danke, dass du deine Schuhe aufgeräumt hast“, sind kleine Sätze mit großer Wirkung.
2. Nicht nur Handlungen loben
Nicht nur das, was das Kind macht, darf gelobt werden, sondern auch das, was das Kind ist. „Du bist die beste Tochter der Welt!“, „Ich freu mich so, dass du mein Kind bist!“ Wenn Kinder mit Sicherheit wissen, dass sie von den Eltern geliebt und angenommen sind, dann ist es auch nicht so schlimm, wenn sie mal einen Fehler machen.
3. Kinder beim Loben lauschen lassen
Besonders wertvoll kann es für ein Kind sein, wenn es ein Lob nur „zufällig“ mithört. Oft erzählt mir mein Mann mit lauter Stimme, wie toll mein Sohn oder meine Tochter ist, wohl wissend, dass sie im Nebenzimmer mithören.
4. Realistisch bleiben
Wir sollten nie Dinge loben, die gar nicht lobenswert sind, und auch nicht maßlos übertreiben. Kinder wissen meist ganz genau, wann sie etwas geleistet haben und wann nicht. Wenn ich anfange, auf unrealistische Weise zu loben, verliert mein Lob an Wert. Egal was, wann und wie ich lobe – jedes Mal kann ich bei meinen Kindern beobachten, wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, wenn sie etwas positives über sich selbst hören. Unsere Kinder brauchen Grenzen und sicherlich oft auch Korrektur von Seiten der Eltern, aber noch mehr als das brauchen sie unsere tägliche Anerkennung und die damit verbundene Sicherheit, dass wir sie lieben und wertschätzen. Wie viele Murmeln hätten heute schon unsere Hosentasche gewechselt?
Margit Luz de Salvatierra lebt mit ihrem Mann Miguel und ihren beiden Kindern in Santa Cruz/Bolivien. Sie arbeitet dort an der Deutschen Schule.




