Immer mehr Frauen leiden unter schwachen Männern. Ihre Männer bringen zwar im Beruf Stärke auf, zu Hause aber sind sie passiv und nachgiebig. Stimmt etwas mit den Männern nicht? Oder liegt es an den Frauen, die ihren Partner entmannen?

Sie gibt den Ton an. Wenn es etwas zu planen gibt, wendet man sich unwillkürlich an sie, nicht an ihren Mann. Sie lässt ab und zu durchblicken, dass sie sich von ihm mehr Stärke wünschen würde. Als Außenstehender denkt man sich: „Gar nicht so leicht bei einer Frau, die so viel Power hat.“

Vielleicht haben Sie in Ihrem Bekanntenkreis ein Paar, bei dem sich eine etwas zu starke Frau und ein etwas zu lieber Mann gegenüberstehen. Vielleicht kennen Sie ein solches Muster auch aus Ihrer eigenen Beziehung. Das Problem ist nicht, dass solch ein Paar gegen die gängigen Klischees von Männern und Frauen verstößt, sondern dass ihre Beziehung oft darunter leidet.

In meiner Praxis begegne ich immer mehr Menschen, deren Beziehung in eine erotische Sackgasse geraten ist: Er ist in der Beziehung passiv und fügsam geworden, sie kann als Frau nichts mehr für ihn empfinden. In anderen Partnerschaften ist der Mann erotisch blockiert: Sie ist so bedrohlich stark geworden, eine Übermutter! Seine Liebe zu ihr scheint verloren gegangen zu sein. Er fühlt sich plötzlich zu mädchenhaften Frauen hingezogen.

Solch eine verhängnisvolle Entwicklung deutet sich oft schon zu Beginn der Beziehung an und nimmt dann ihren Weg in eine erotische Sackgasse. So haben es Andrea und Erik * in ihrer Ehe erlebt. Wie es dazu kam, beschreiben sie allerdings ganz unterschiedlich. Andrea sieht es so: „Ich habe Eriks Unabhängigkeit bewundert, die Art, wie er seinen Beruf lebt und Menschen begegnet. Einfach cool, aufrecht und so, dass man sich mit ihm sehen lassen kann. Aber irgendwann hat Erik immer öfter nachgegeben, wenn ich etwas wollte. Das brauche ich gar nicht. Ich will lieber ein Gegenüber, an dem ich mich reiben und mit dem ich mich auseinandersetzen kann. Jemand, der mir auch mal eine Grenze setzt, wenn ich zu viel will. Aber wenn es Streit gab, hat sich Erik gefügt oder zurückgezogen. So kann ich Erik aber nicht mehr attraktiv finden, so passiv und schwach. Er ist auch irgendwie unsicher geworden.“

Erik sieht die Entwicklung anders: „Schon von Anfang an hat Andrea mehr bestimmt in unserer Beziehung. Sie hat einfach mehr vorausgeplant, mehr verhandelt und für ihre Wünsche immer eine einleuchtende Begründung gehabt. Irgendwann fand ich es zu anstrengend, so viel Energie aufzuwenden, um mich in einer Kleinigkeit durchzusetzen. Andrea hat auch höhere Ansprüche als ich. Ich muss im Beruf schon viel Disziplin aufbringen, da will ich nicht auch noch unser Privatleben durchorganisieren. Andreas Vorwurf, dass sie mich zu schwach findet, kam für mich ganz überraschend. In meinem Beruf erreiche ich doch meine Ziele. Und meine Freunde halten mich bestimmt nicht für ein Weichei. Wie soll ich Andrea das Gefühl geben, dass ich stark und männlich bin? Zuhause den Macho raushängen? In der Mucki-Bude trainieren? Das wäre doch alles aufgesetzt.“

Erotische Sackgassen

In unterschiedlicher Weise kann eine Partnerschaft dahin führen, dass ein Mann immer weniger männlich und die Frau immer stärker erscheint:

Beziehungsthema Nähe: Der starken Frau fällt es schwer, Nähe zuzulassen. Am Anfang der Beziehung ging das natürlich, aber heute erlebt sie die Annäherung ihres Mannes irgendwie unangenehm oder unpassend. Sie will auch gar nicht allzu viel Nähe, sondern sich lieber den Reiz bewahren, einander fremd zu werden und sich neu zu finden. Die Erfahrung, nicht anzukommen oder sogar abgewiesen zu werden, kann betroffene Männer verunsichern und ihnen das männliche Selbstbewusstsein rauben.

Beziehungsthema Erotik: Die starke Frau erlebt ihren Mann im Laufe der Jahre immer weniger männlich. Oft liegt es an den Lebensumständen, dass ein Mann zuhause erschöpft ist oder sich auf die Vaterrolle konzentriert. Den lieben Mann trifft die Kritik, nicht mehr männlich genug zu sein. Er versucht herauszufinden, wie er in der richtigen Weise männlich sein kann. Aber so wirkt er bald wie ein Junge, der es seiner Mutter recht machen will. Und das ist alles andere als sexy.

Beziehungsthema Einfluss:
Die starke Frau bestimmt immer mehr in der Beziehung. Er denkt: „Ich werde immer passiver, weil du so viel bestimmst.“ Sie denkt: „Ich muss so viel bestimmen, weil du so passiv bist.“ Ein Teufelskreis, in dem die Enttäuschung bald stärker wird als die gegenseitige Anziehung.

Beziehungsthema Überlegenheit: Sie ist oft besser darin, ihre Gefühle auszudrücken, Beziehungen aufzubauen und sich von anderen Rückenstärkung zu holen. Starke Frauen sind darin oft besonders gut, vermissen es aber bei ihrem Mann. Sie wollen mit ihm über die Beziehung reden und wünschen sich, dass er noch andere Ansprechpartner hat als die Ehefrau. Solche Erwartungen können einen Mann ganz hilflos machen. Wenn er sich jetzt zurückzieht, kommt er sich noch unzureichender vor. Je mehr er sich aber auf das Gebiet von Gefühlen und Beziehungen ziehen lässt, desto stärker muss er seine Unterlegenheit spüren.

Wenn die starke Frau weniger bestimmend und fordernd wäre, würde sich die männliche Stärke nicht wieder von selbst entfalten? Wenn der Mann wieder Mann wäre, könnte die Frau sich dann nicht auch einmal anlehnen und ihm die Führung überlassen? Wer soll sich zuerst ändern? Meine Meinung: der Mann. Denn erstens läge die Initiative sonst schon wieder bei der Frau. Zweitens ist es männlich, für die Liebe einen beschwerlichen Weg zu gehen. Drittens ist der Veränderungsweg für den Mann einfacher. Um sich zu verändern, muss sich die starke Frau komplizierten Lebensthemen stellen: dass sie zwei gegensätzliche Männerbilder in sich trägt, ein idealisiertes, dem kein Mann gerecht werden kann, und ein enttäuschtes, das Männer schnell als verletzend und unzureichend wahrnimmt; dass sie männliche Stärke zwar ersehnt, aber auch fürchtet und manchmal sogar beneidet. Männer dagegen können anpacken, was eigentlich nahe liegt.

Day of Independence

Für Männer gilt es, ihre Unabhängigkeit auszurufen, was sie auf dreierlei Weise befreit:

Was männlich ist, bestimme ich! Männlichkeit darf sich nicht an den Gefühlen der Ehefrau festmachen, ob sie ihren Mann gerade als männlich erlebt oder nicht. Vielleicht hat sie mehr erwartet, vielleicht ist ein Wunschbild zerbrochen. Aber schließlich hat sie vor der Heirat lange genug Zeit gehabt zu erleben, auf was für einen Typ Mann sie sich einlässt. Viele wichtige Quellen von Männlichkeit liegen außerhalb der Partnerschaft: Gute Männerfreundschaften, Männergemeinschaft im Sport, in der Gemeinde, unter Kollegen, das Erleben beruflicher Potenz, Väterlichkeit. Wenn die Männlichkeit Wachstum braucht, dann auf diesen Feldern, nicht im Versuch, die weiblichen Wünsche nach Männlichkeit zu erfüllen. Das wäre auch paradox, denn Männlichkeit ist ja gerade das andere, das die Frau nicht kennt, ein Geheimnis, in das sie nicht eindringen kann.

„Entmannendes“ Verhalten stoppe ich! Dominiert werden und als Mann abgewiesen werden, macht jeden Mann irgendwann klein. Das darf ein Mann nicht zulassen. Er wahrt eine Grenze durch beständige Konfrontation: „Jetzt bin ich schon zum dritten Mal abgeblitzt, als ich mich dir zärtlich nähern wollte. Das geht doch nicht. Wenn ich dir in anderen Situationen oder auf andere Art und Weise leichter nahe kommen kann, dann sag es bitte. Aber wenn du dich regelmäßig als Frau verschließt, tut das unserer Ehe nicht gut und dann muss sich bei dir etwas bewegen.“ „Es macht mich mürbe, wenn wir bei kleinen Entscheidungen so lange und so zäh verhandeln. Bei den kleinen Dingen kann mal der eine, mal der andere entscheiden.“
Entmannendes Verhalten muss immer wieder kurz und freundlich thematisiert werden: „Das geht so nicht!“, „Das tut uns nicht gut“. Wenn ein Mann schon sehr verunsichert ist, kann der Rat anderer helfen: Was ist ein angemessenes Nachgeben und was ein sich Dominierenlassen? Was ist ein angemessener Freiraum, auf den ein Mann Rücksicht nimmt, und wo beginnt weibliche Verschlossenheit?

Ich kämpfe mit offenem Herzen. Starke Frauen sehnen sich nach einem Mann, mit dem sie sich auseinandersetzen können. In wichtigen Fragen darf er sich nicht entziehen, auch wenn er noch so entmutigt oder harmoniebedürftig ist. Familienplanung, der Einsatz von Zeit und Geld, wichtige Beziehungen und das soziale Engagement – dazu muss ein Mann Stellung beziehen und dafür kämpfen, dass sich auch seine Wünsche und Visionen in der Beziehung verwirklichen.
Auch wenn die Frau vielleicht besser argumentieren kann, kann er trotzdem Position beziehen oder sich Bedenkzeit nehmen, um in der Stille oder in einem Gespräch mit einem Freund Klarheit zu finden. Wichtige Fragen müssen nicht sofort entschieden werden, sie können über Wochen bewegt werden, bis eine Lösung entsteht, in der sich beide wiederfinden können. Noch wichtiger als die Lösung selbst ist einer starken Frau oft, zu erleben, dass ein Mann ihrer Stärke standhält, spürbar ist, bei ihr bleibt und etwas Gemeinsames entsteht.

Beziehungsneuland entdecken

Was geschieht mit Paaren, die einen Weg aus der Sackgasse suchen? Die starke Frau wird verletzlicher. Sie spürt bald, wie irritierbar sie in ihrer erotischen Erlebnisfähigkeit ist und wie tief manche Beziehungsängste gehen. Das ist nicht angenehm, aber es befreit die Beziehung: Stärke und Schwäche verteilen sich neu, dem Mann öffnen sich neue Möglichkeiten, Stärke zu zeigen und Halt zu geben. Die Sexualität gewinnt neue Spielräume.

Sexualität ist ja nicht nur die Antwort einer Frau auf einen umwerfend männlichen Mann, oder eines Mannes auf eine umwerfend weibliche Frau. Der Sex lebt auch vom Kuschelfaktor, von der lustvollen Körpererfahrung, von der Möglichkeit, sich für einige Momente sehr nahe zu kommen.

Schließlich entdecken Männer eine neue Unabhängigkeit. Bisher hat ihre Unabhängigkeit auf Rückzug beruht, jetzt lernen sie, sich abzugrenzen und zu streiten und machen dabei nicht die schlechteste Figur. Am Ende stehen Paare, die nach außen ein ungewöhnlich starkes Team sind, sich nach innen aber Verletzlichkeit zugestehen. Sie erleben wieder die aufregende und doch bergende Liebe, die sie aus der Zeit des Verliebtseins kennen.

Jörg Berger ist Therapeut mit eigener Praxis.