Zweite Halbzeit

Ingrid Jope hat nachmittags „frei“. Das heißt, sie sitzt nicht im Büro. Dafür flitzt sie von Aufgabe zu Aufgabe …

Schönen Feierabend!“ – wünscht mir mein Kollege wie fast jeden Tag, als ich gegen 13.30 Uhr das gemeinsame Büro verlasse. Während ich mich auslogge, den Büroschlüssel im Rucksack verstaue und Auto- sowie Hausschlüssel zutage fördere, rumort es in mir. Da ploppt ein Gedanke in meinem Hirn auf, den ich in die „Schublade“ schiebe: „Muss ich gleich im Auto aufschreiben, damit ich es morgen im Büro nicht vergesse.“ Danach steuere ich unsere Familienkutsche durch die Dreißiger-Zone, die am Ende einer Sackgasse zum Kindergarten führt. Das Wort „Feierabend“ liegt mir immer noch etwas ungeschmeidig auf der Zunge. Es klingt nach in Ruhe etwas Leckeres essen, Beine hochlegen, vielleicht ein Buch lesen oder eine gute Zeitschrift, wahlweise einen warmen Tee oder ein kühles Bier trinken. Was mich jetzt gleich erwartet, fühlt sich anders an. Ein verschwitzter Dreckspatz begrüßt mich verhalten begeistert. Vor Müdigkeit und voller Eindrücke ist er nicht mehr der besten Laune und schafft es kaum, sich aus der versandeten Matschhose und der verdreckten Jacke zu schälen. Wenige Minuten später kommt unsere Tochter mit sechs Stunden Schultrubel in den Knochen nach Hause. „Mama, hier ist ein Elternbrief.“ – „Mama, ich hab solchen Hunger!“ – „Mama, fährst du mich heute zu Carina?“ – „Mama, wo ist mein Sammelalbum?“ Als das selbstgebaute Legoschiff zerbricht, steht der erste Geschwisterstreit ins Haus. Ich bin beschäftigt damit, das Küchenchaos zu managen, wütende Kinder zu besänftigen, den Antwortabschnitt für die Schule auszufüllen, Termine zu planen, Waschmaschine und Meerschweinchen zu füttern. Schon ermahne ich die Kinder: „Beeilung, sonst kommen wir zu spät zur Logopädie.“ Auf dem Rückweg kaufe ich noch die Zutaten fürs Abendessen ein, anschließend koche ich, hänge Wäsche auf, beantworte schnell noch ein paar Mails, telefoniere mit der Mutter einer Freundin unserer Tochter, um die Fahrt zum späteren Schulanfang morgen abzusprechen. Glücklich schaffe ich es gerade noch so zu meiner Pilates-Stunde. Der Mann, den ich liebe, übernimmt das „Abendchaos“. Als ich nach der Dusche aufs Sofa sinke, ist das Wort wieder da: Feierabend! Diesmal mit dem richtigen Gefühl. Wenn ich an die Zeit zwischen 13.30 Uhr und jetzt denke, passt eine andere Bezeichnung viel besser: Zweite Halbzeit. So ein volles Familien- und Berufsleben verdient keinen Bequemlichkeitspreis. Es ist stressig und hält mich in Atem, besonders wenn zusätzliche Arbeitsstunden im Büro und zu Hause oder Krankheitszeiten anstehen. Irgendwas ist immer. Aber inmitten meines wirklichen Feierabends weiß ich auch: Es ist so kostbar, eine Familie zu haben. Und es inspiriert und erfüllt mich, als Reha-Prozessbegleiterin zu arbeiten. Diese „Rush-Hour des Lebens“ fordert mich, sie lässt mich aber auch wachsen – an Belastbarkeit, Frustrationstoleranz, kreativer Krisenbewältigung. Oder – wie das Schild besagt, das ich kürzlich auf dem Schreibtisch eines anderen Kollegen entdeckt habe: „Mich regt nichts auf – bin dreifacher Vater!“

Ingrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/Ruhr.

 

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