Foto: Sophie Kröher

„Der Schmerz hört nie auf“ – Drei Mütter erzählen, wie sie die Totgeburt ihres Kindes erlebt haben

Die Fotografin Sophie Kröher trifft Mütter, die ein Kind verloren haben. Ihr erzählen sie, wie sie den Verlust verarbeitet haben – und neue Hoffnung fanden.

Ab wann ist eine Frau Mutter? Und ist sie es nicht mehr, wenn ein Kind stirbt? Wer definiert eigentlich, ab wann sie Mutter ist? Sophie Kröher trifft Frauen, die einen Verlust erlebt haben und berichten, wie sie damit umgegangen sind. Dazu hat sie ein einzigartiges Fotoprojekt gestartet und bereits eine erste Ausstellung veranstaltet.

Lea
Wenn der Sturm tobt

Lea Bauer, Lehrerin, seit 12 Jahren verheiratet, 1 Sohn, 2 Töchter (eine davon still geboren), aus Schorndorf. Foto: Sophie Kröher

Lea Bauer, Lehrerin, seit 12 Jahren verheiratet, 1 Sohn, 2 Töchter (eine davon still geboren), aus Schorndorf. Foto: Sophie Kröher

Hinter all den bunten Bildern von Familienmitgliedern, die auf meinem Sideboard stehen, steht eines in schwarzweiß. Es ist das Bild meiner ältesten Tochter. Auf dem Foto trägt sie eine kleine gestrickte Mütze und ist in ein Tuch eingewickelt. Mehr hat man ihr nicht mehr angezogen, nachdem sie still auf diese Welt kam. Ein Stück von mir zerbrach am Tag ihrer Geburt. So platt das klingen mag: Es war einfach nichts mehr wie vorher.

Mitten in der Schwangerschaft erlitt ich eine Präeklampsie, eine Schwangerschaftserkrankung mit Bluthochdruck, die schnell und heftig verlief. Daher musste ich plötzlich entbunden werden. Das Kind überlebte nicht.

Die schlimmste Erfahrung im Leben

Das und die Ohnmacht, plötzlich krank zu werden, nichts ändern zu können, das Kind für immer loszulassen und zu verabschieden, gehörte zu den schlimmsten Erfahrungen, die ich bisher in meinem Leben machen musste.

Obwohl das alles wirklich furchtbar war, bin ich nicht an Gott verzweifelt. Das sehe ich wirklich als Geschenk an. Dafür bin ich sehr dankbar. In dieser Zeit habe ich darüber hinaus begriffen, warum Psalmisten Dinge schreiben wie „Du bist meine feste Burg“, „Du bist mein Schild und mein Heil“, „Du bist meine Sicherheit“ – weil es nichts anderes im Leben gibt, was mir Burg, Schild, Heil und Sicherheit sein und geben kann. Ich habe erfahren, wie brüchig und unsicher diese Welt ist und wie schnell alles anders sein kann. Ich habe in dieser Zeit aber auch erlebt, dass ich mit Gott an der Seite davor keine Angst zu haben brauche. Dass meiner Seele wohl sein kann, auch wenn der Sturm tobt. Und ein Sturm waren die plötzliche Geburt, der Schrecken über deren Umstände und auch die Trauer, die zu Beginn in so hohen Wellen kamen, dass ich sie kaum überblickte, und die später abflachten.

Schmerz bis heute

Sicherlich haben mir liebe Menschen, die uns beistanden, die Bestattung, Zeit allein, nachdenkend, lesend, zu zweit mit meinem Mann und auch Seelsorge geholfen, über all das so hinwegzukommen, dass ich mich danach auf zwei weitere Schwangerschaften, die – Gott sei Dank! – erfolgreich liefen, einlassen konnte.

Dennoch hört der Schmerz nicht auf. Immer noch kommt er in Wellen und meist unerwartet: Wenn ich über den Weihnachtsmarkt schlendere und auf Tassen den Namen meiner Tochter lese oder wenn ich Kinder ihres Jahrgangs sehe und denke: „Was wäre, wenn …?“

Nicht immer erzähle ich von meiner großen kleinen Tochter, nur im engen Freundes- und Bekanntenkreis spreche ich von meinen drei Kindern. Das Bild steht nicht zufällig hinter all den anderen. Denn ich möchte nicht immer erklären und schon gar keine Erklärungen, möchte auch nicht erschrecken oder verunsichern. Trotzdem war sie da und sie bleibt auch da. Nicht nur gerahmt in schwarz-weiß, sondern ganz lebhaft in meiner Erinnerung, in meiner Vorstellung und in meiner Hoffnung auf ein Wiedersehen.

Annelie*
Eigentlich fünf Kinder

Früher dachte ich, Kinder bekommt man einfach. Umso härter traf es mich, dass die Realität für uns ganz anders aussah: 2011 wurde festgestellt, dass nur eine künstliche Befruchtung in Frage kommt und wir nicht auf natürlichem Weg Nachwuchs bekommen werden können. Schon immer hatte ich das Gefühl, dass Gott uns Kinder schenken möchte und wir Eltern werden sollen. Daher kam dieser Weg für uns in Frage. Nach sechs künstlichen Befruchtungen war ich insgesamt dreimal schwanger. Zweimal habe ich die Kinder vor der 12. Schwangerschaftswoche verloren. Einmal waren es Zwillinge.

Im Stich gelassen

Die erste Fehlgeburt hat uns damals am schwersten getroffen. Es war schwer, da wir nicht einmal wussten, ob wir überhaupt Eltern werden können. Ich wurde nach der dritten Kinderwunschbehandlung mit Zwillingen schwanger und verlor sie wieder. Ich kam mir von Gott im Stich gelassen vor. Ich konnte es nicht verstehen. Wie konnte er das zulassen? Der Boden unter meinen Füßen geriet mehr als nur ins Wanken. Meine Unbeschwertheit ging durch dieses Erlebnis verloren. Konsequenzen und Schmerzen sind mir seitdem viel mehr bewusst. Und ich weiß: Gott ist treu, aber wir bewegen uns trotzdem in einer Welt, die nicht heil ist.

Wieder schwanger, wieder verloren

Ich bekam dann später gesunde Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Irgendwann, nach drei Jahren kam in mir der Wunsch nach einem dritten Kind hoch. Mein Mann und ich hatten nach viel Gebet den Eindruck, dass Gott uns ein drittes Kind schenken möchte. So gingen wir den Weg einer weiteren künstlichen Befruchtung. Ich wurde wieder schwanger und ich verlor es wieder. Als ich beim Arzt saß und erkannte, dass dieses dritte Kind nicht mehr in mir ist, war es mir, als würde ich in tausend Teile zerbersten. Ich brauchte zwei Ausschabungen, es war schrecklich. Ich hatte aber trotzdem die ganze Zeit das Gefühl, dass Gott da ist und mich festhält, auch wenn ich es nicht verstehen konnte.

Bloß keine Floskeln

Ich habe viel Unterstützung und Mitgefühl in den Zeiten der Trauer erfahren. Floskeln haben mir bei der Trauer allerdings nicht geholfen. „Es wird alles zum Besten dienen“, war einer dieser Sätze und ein falscher Zeitpunkt dazu. Zuhören, Mitweinen, Nachfragen … Das hätte ich noch mehr gebraucht.

Ich liebe es, Mama zu sein. Wir dürfen kleine Menschen ins Erwachsensein begleiten. Das ist ein besonderer Prozess. Das eigene Leben ist nicht mehr so wichtig. Ich denke viel selbstloser und viel mehr an meine Kinder und verschenke einen Teil meines Lebens an sie und erhalte so viel Leben und Wärme zurück. Dafür bin ich endlos dankbar. Ich werde immer eigentlich fünf Kinder haben, aber 3 davon sind schon wieder bei unserem himmlischen Vater und warten dort auf uns. Das tröstet mich sehr.

*Name von der Redaktion geändert

Barbara
Plötzlich Mama – und plötzlich nicht mehr

Barbara, studierte Sozialwirtschafterin und freie Fotografin, 33 Jahre alt, 10 Jahre verheiratet mit Daniel, 1 Sohn, 1 Tochter, aus Fürth. Foto: Sophie Kröher

Barbara, studierte Sozialwirtschafterin und freie Fotografin, 33 Jahre alt, 10 Jahre verheiratet mit Daniel, 1 Sohn, 1 Tochter, aus Fürth. Foto: Sophie Kröher

Nachdem wir fünf Jahre verheiratet waren, waren wir „bereit“ dafür, eine Familie zu gründen. Ich wurde sofort schwanger. Mit dem Tag, an dem ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, war mein Leben nicht mehr dasselbe. Völlig neue Gefühle und Gedanken übermannten mich. Ich wusste, dass ich nun nicht mehr nur für mich lebte, sondern von heute an eine völlig neue Verantwortung trug. Ich war „plötzlich Mama“.

Fehlgeburt? Nicht bei mir!

Der erste Ultraschalltermin beim Frauenarzt zeigte das ganz offensichtlich! Alles war gut und ich konnte es kaum erwarten, die großen Neuigkeiten meiner Familie und meinen Freunden zu erzählen! Doch da gab es ja diese Regel, dass man die ersten zwölf Wochen noch damit warten soll – denn es soll wohl Frauen geben, die in dieser Zeit eine Fehlgeburt haben. Was das genau war, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich bewusst, und es kam auch kein einziges Mal der Gedanke in mir auf, dass ich eine dieser Frauen sein könnte …

Das Herz schlägt nicht mehr

Bis ich einige Wochen später wieder beim Frauenarzt war. Ich war Ende der zehnten Schwangerschaftswoche. Beim Ultraschall konnte man das kleine Leben erkennen, doch als die Frauenärztin weiter schallte, wurde sie auf einmal ganz ruhig. Ihr Gesicht wurde ernster und sie sah mich mit den Worten an: „Frau Meredith, ich kann leider keinen Herzschlag mehr finden!“ Diese Worte stellten mein Leben erneut auf den Kopf: Schock, ich kann es nicht glauben. Ich will es nicht wahrhaben. Das kleine Leben, dass gerade unter meinem Herzen zu wachsen angefangen hatte, sollte es nun nicht mehr geben? Mein Baby war tot und ich würde es nie sehen?

Schrecklicher Termin im Krankenhaus

Die Ärztin versuchte, mir Mut zuzusprechen und wollte mir wohl Zeit geben, um mich von meinem Kind zu verabschieden. Deshalb gab sie mir für Montag noch mal einen Termin, um nachzusehen, ob das kleine Herz wohl doch noch schlägt.

Drei Tage voller Beten, Hoffen, Glauben, dass Gott ein Wunder tun würde oder dass alles nur „Fehlalarm“ war. Doch am Montag kam die traurige Gewissheit: Das Herz unseres kleinen Babys schlug nicht mehr. Ich bekam eine Überweisung ins Krankenhaus. Dort fand die Ausschabung statt. Der wohl schrecklichste Krankenhausaufenthalt meines Lebens. Das wollte ich doch alles gar nicht. Wieso muss ich das nun erleben? Trauer, Schmerz, auch ein bisschen Wut auf Gott waren meine emotionalen Reaktionen.

In Schmerz und Trauer alleingelassen

Als ich vom Krankenhaus nach Hause kam, übermannte Einsamkeit und Leere mein Herz und unsere Wohnung. Und ich fühlte mich, als ob ein Teil von mir mit gestorben war. Freunde stellten mir Blumen vor die Tür mit lieben Worten. Abends lag ich im Bett und hörte das Baby unserer Nachbarn schreien … Mein Herz schrie auch!

Eine völlig neue Erfahrung war für mich: Ich war mit meiner Trauer und meinem Schmerz allein! Selbst mein Mann konnte den tiefen Schmerz und Verlust, wie ich ihn erlebte, nicht nachempfinden. Während für ihn das Leben ganz normal weiterging, weinte ich mir die Augen aus und fühlte mich in meinem Schmerz und meiner Trauer alleingelassen! Nur Gott war da und ich wusste immer noch, dass er ein guter Gott ist, auch wenn ich nicht alles verstand … Er war da und weinte und trauerte mit mir.

Nach neun Monaten: Glück

Als ich einige Wochen später für einen Bluttest zum Frauenarzt musste, sagte die Ärztin beim Blick auf die Ergebnisse: „Entweder ist hier was falsch gelaufen oder Sie sind wieder schwanger!“ Und genauso war es. Neun Monate später brachte ich unseren Sohn Joscha Lias zur Welt. Ein gesundes und glückliches Kind. Zwei Jahre später dann seine Schwester Emmie Joy – was für eine Freude sie für uns alle ist! Und was für ein Geschenk des Lebens!

Heute bin ich Mama von drei Kindern. Es ist ein Abenteuer, das manchmal hart, herausfordernd und auch sehr schmerzvoll sein kann, doch trotzdem oder gerade deshalb ist es das wertvollste Geschenk und eine wundervolle Aufgabe. Ich liebe jeden Tag, den ich mit meinen Kindern erleben darf und danke Gott täglich für meine wunderbaren Kinder!

Heilsame Zeit

Die Erfahrung einer Fehlgeburt hat mich positiv verändert: Sie hat mich demütig gegenüber der Größe und Allmacht Gottes gemacht und gleichzeitig mein Herz mit großer tiefer Dankbarkeit erfüllt über das, was er mir alles schenkt und anvertraut.

In meinem Trauerprozess haben mir vor allem die Zeiten allein mit Gott gutgetan. Ich habe viel christliche Musik gehört und mich von Gottes Wort und seinen Zusagen füllen lassen. Außerdem war es so heilsam, ein paar wenige Menschen an meiner Seite zu haben, die mit mir geweint und gefühlt haben und die vor allem auch immer wieder nachgefragt haben, wie es mir geht.

Nicht immer und jedem sage ich, dass ich drei Kinder habe. Doch oft erzähle ich gerade jungen Frauen und werdenden Mamas meine Geschichte. Auch meinen eigenen Kindern habe ich schon erzählt, dass sie eine große Schwester im Himmel haben.

Sophie
Die Mutter hinter dem Projekt

Foto: Sophie Kröher

Foto: Sophie Kröher

Sophie Kröher ist Fotografin und Mama. Sie sammelt Fotos und Geschichten von Müttern, die einen Verlust erlebt haben und möchte ihnen mit diesem Projekt eine Stimme geben (definemother.com). Sophie hat ihren ersten Sohn Henri in der 23. Schwangerschaftswoche als Frühgeburt, aufgrund einer vorzeitigen Plazentalösung, still geboren. Die Fotos für ihr Projekt entstehen analog und dadurch ganz bewusst. Ihrer Fotografie hat sie den Untertitel „storytelling photography“ verliehen, denn für sie ist jeder Mensch einzigartig und jede seiner Geschichten ist wertvoll und vor allem wert, erzählt zu werden.

Zusammengestellt und protokolliert von Priska Lachmann.