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Franziska lebt am Existenzminimum: „Hoffnung habe ich keine“

Wie ist es, in diesen Tagen als alleinerziehende Mutter von Hartz IV zu leben? Franziska* weiß das nur zu gut.

Zu Besuch in Plauen, Sachsen. Die im Tal liegende Innenstadt beeindruckt mit ihrer Schönheit. Neubau-Villen, breite Straßen und das viele Grün passen eigentlich nicht ins Bild. Denn in dieser Stadt wohnt auch Franziska* [Name von der Redaktion geändert] mit ihren beiden Kindern – am Existenzminimum. Im zweiten Stock eines schlichten, gelben Mietshauses hat sie eine Bleibe gefunden.

Franziska ist Mitte 30 und hat lange, dunkle Haare. Ihre Augen sind groß und leuchten. Wenn sie lacht, lachen zwei Grübchen in ihren Mundwinkeln gleich mit. Die Sächsin wohnt allein mit ihren zwei Kindern (6 und 13 Jahre) in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Aufgeteilt ist diese in zwei Kinderzimmer und ein Wohnzimmer. Franziska schläft in Letzterem. Nachts klappt sie das Sofa auf. „Manchmal ist mir das unangenehm, wenn fremde Menschen mich besuchen kommen. Aber es ist mir wichtiger, dass es meinen Kindern gut geht und sie ein eigenes Zimmer haben.“

Dass es den Kindern gut geht, ist Franziska in allen Lebensbereichen das Wichtigste. Doch da sie Hartz IV bekommt, muss sie dafür kreativ werden. Früher schon, doch jetzt aufgrund der steigenden Kosten noch mehr. Ihren Kindern soll es an nichts mangeln. Franziska erzieht bindungsorientiert und auf Augenhöhe und achtet darauf, dass sie den Kids ihre Wünsche erfüllen kann. Oftmals muss sie dabei trotzdem verzichten.

Ausgewogene Ernährung? Fehlanzeige!

Zum Beispiel darauf, den Kindern eine ausgewogene, biologische und nachhaltige Ernährung bieten zu können. Stattdessen kauft sie das billige Fleisch und die abgepackte Wurst. Die letzten zehn Tage des Monats sind immer finanziell schwierig. Normalerweise backt sie dann Eierkuchen oder versucht, Nudeln in allen möglichen Varianten zu kochen. Im vergangenen Monat ging dafür ihr letztes Sonnenblumenöl zur Neige. In diesem Monat sind Nudeln so teuer geworden, dass Franziska sich neue Essensvariationen einfallen lassen muss, die ihre Kinder auch gern essen.

„Das Geld rinnt mir durch die Hände“

Auch Kleidung für die Kinder und Schuhe kauft die Mutter gebraucht. Franziska sucht lange, bis sie schöne Kleidung für die Kinder findet. Das macht sie online über eine App. Bewusst sucht sie nach Menschen, die mehrere Teile verkaufen. So spart sie Porto.

Damit die Mittdreißigerin weiß, welche Schuhe ihren Kindern passen, geht sie mit ihnen vorher zum Anprobieren in einen Schuhladen. Gefallen den Kindern Schuhe, sucht sie nach genau nach diesen Exemplaren gebraucht online. Es ist umständlich, aber gar nicht anders möglich bei dem knappen Budget, das Franziska hat. Die dringend benötigten Fußballschuhe müssen aktuell warten, denn da gab es bisher Second Hand keine, die gepasst hätten. „Ich frage mich immer, wie andere Eltern das machen. Ich kann gut mit meinem Geld umgehen, aber aktuell steigen die Kosten und es rinnt mir durch die Hände.“

Drogenabsturz mit Crystal

Franziska gießt Kaffee mit aufgeschäumter Milch in stilvolle Gläser, die sie vor zwei Jahren im Resterampenverkauf erworben hat. In ihrer Küche ist nicht zu erkennen, dass die Familie unter der Armutsgrenze leben muss. Ebenso im Rest der Wohnung: Die Kinderzimmer sind gefüllt mit Spielzeug, liebevoll und gemütlich eingerichtet. Das Wohnzimmer ist stilvoll und alles ist sauber und aufgeräumt.

Beim Kaffee erzählt die Mutter von ihrer Vergangenheit: Franziska hat nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. In dieser Zeit stürzte sie mit Drogen ab und nahm Crystal. In keinem anderen Bundesland lässt sich diese Droge so günstig erwerben wie in Sachsen. Und nirgendwo sonst wird so viel Crystal im Abwasser gefunden wie hier. Hergestellt in tschechischen Laboren, gelangt es über die Grenze zwischen Erzgebirge und sächsischer Schweiz auf den deutschen Markt.

„Ich habe mich für ein Leben in Armut entschieden“

Aufgrund ihrer Abhängigkeit wurde Franziska nach der Ausbildung nicht übernommen und hangelte sich in den folgenden Jahren von Minijob zu Minijob, immer mit dem Spagat, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen und sich eine Zukunft aufzubauen.

Ihre zwei Kinder waren nicht geplant. Sie nicht zu bekommen, stand für Franziska aus ethischen Gründen nicht zur Debatte. Trotzdem fragt sie sich manchmal, „ob es nicht besser gewesen wäre, erst Karriere zu machen und Geld zu verdienen, als zuerst die Kinder zu bekommen. Ich habe mich damit für meine Kinder, die ich über alles liebe, und für ein Leben in Armut entschieden“, sagt sie – und zuckt dabei resigniert mit ihren Achseln.

Luxusgut Döner

Als die Pandemie begann, hatte Franziska gerade eine Ausbildung begonnen. Dann kam der Lockdown und sie verbrachte 14 Stunden am Tag am Laptop und musste, wie so viele andere Eltern, gleichzeitig auf ihre Kinder achten. Nach einem Jahr konnte sie diesen Spagat nicht mehr aushalten, hatte das Gefühl, auszubrennen. Sie brach die Ausbildung mit guten Noten ab, um gesund zu bleiben und für ihre Kinder da sein zu können. Heute arbeitet sie nun wenige Stunden als Essenslieferantin für Kindergärten und Schulen. Vom Trinkgeld kann sie ihren Kindern freitags endlich mal einen Döner kaufen oder den Wunsch eines Pullovers für zehn Euro realisieren.

Stromnachzahlung bedeutet Mahnung

Trotzdem: Franziskas Ausgaben müssen genau abgestimmt sein. Nichts darf dazwischenkommen, damit die Haushaltskasse ausgeglichen bleibt. Passiert etwas Unvorhergesehenes, zum Beispiel durch eine Stromnachzahlung oder durch neue Fußballschuhe, dann kommt Franziska aus der Misere nicht mehr heraus und muss Rechnungen wochenlang schieben und Mahnungen in Kauf nehmen. Franziska zahlt aktuell 95 Euro für Strom und bangt jetzt schon vor der nächsten Erhöhung. Wie sie diese bezahlen soll, weiß sie nicht.

Der Bremer Erwerbslosenverband warnt in einem Beitrag der NDR Sendung „buten un binnen“ vor genau diesen sozialen Folgen. Wenn die Menschen ihre Rechnungen nicht gleich zahlen können, zieht das immer weitere Schulden nach sich. Laut Expertinnen und Experten reichte das Geld von Empfängerinnen und Empfängern von Hartz IV schon vorher nicht für eine gesunde Ernährung. 155, 82 Euro bekommt eine alleinstehende Person im Monat für Lebensmittel überwiesen.

Sexarbeit ist keine Lösung

„Manchmal bin ich so verzweifelt, dass ich mir nachts überlege, getragene Unterwäsche von mir zu verkaufen, Telefonsex anzubieten oder zu OnlyFans [eine Online-Plattform, bei der unter anderem Nacktbilder verkauft werden, Anm. d. Red.] zu gehen. Aber wie soll ich das den Kindern erklären, wenn das jemals rauskommen würde?“, sagt Franziska: „Ohne Geld kommt man aus der Lage nicht heraus. Ich kann nicht mal wegziehen aus Plauen. Würde ich woanders anfangen mit dem wenigen Geld, das ich habe, würde ich in einer teureren Stadt vielleicht noch weniger haben oder noch schlechter wohnen.“

Plauen liegt im Südwesten von Sachsen, im Vogtland. Es ist die fünftgrößte Stadt des Landes. Trotzdem fühlt sich Franziska abgehängt in der sächsisch grünen Idylle. Immerhin werden nun zwei neue Spielplätze gebaut. Die Mieten sind günstig. 75 Quadratmeter gibt es schon für 375 Euro kalt.

„Hoffnung habe ich keine“

Es gibt kein Entkommen aus der Situation ohne Netzwerk und ohne ausreichend Geld. Franziska hat depressive Tage, wartet dann nur darauf, dass das wacklige Kartenhaus zusammenbricht. Sollte das passieren, hofft sie, dass sie irgendwoher Hilfe bekommt. „Hoffnung habe ich keine. Meine Kinder sind diejenigen, für die ich jeden Morgen aufstehe und weiterlebe“, sagt die Mutter mit ernster Stimme.

Und sie fügt hinzu: „Ich sehe uns trotzdem nicht als typische Hartz-IV-Familie mit all den Vorurteilen, die damit einhergehen. Bei uns ist es sauber, meinen Kindern geht es gut. Ich spreche in der Öffentlichkeit nicht über unsere Armut, damit wir in keine Schublade gesteckt und die Kinder nicht gemobbt werden. Mit einer Vorabmeinung über uns hätten wir noch weniger Chancen.“

Auto ist das große Glück

Vor zwei Jahren hat sie ein altes Auto geschenkt bekommen, das war ihr großes Glück. Damit konnte sie den Kindern etwas Bildung ermöglichen und fuhr in die nächsten Ortschaften, an Seen, in ein Spaßbad. Damit konnte sie ihnen etwas geben, was es in Plauen nicht gibt. Nun wird das Benzin teuer und diese Option fällt damit weg.

Was sie sich wünschen würde, wenn ihr alle Möglichkeiten offenstehen würden? Wie aus der Pistole geschossen sagt Franziska: „Ich würde als Erstes einmal mit meinen Kindern in den Urlaub fahren, ein neues Auto kaufen, was nicht gleich kaputt geht, eine größere Wohnung mit einem Schlafzimmer für mich und Kleidung für die Kinder. Und ich würde einmal mit ihnen ins Restaurant gehen.“ Franziskas größter Wunsch ist, dass ihre Kinder es besser machen als sie und schaffen, aus Plauen wegzukommen. Sie wünscht ihnen, dass sie nicht auf die falsche Bahn geraten.

Von Priska Lachmann

Gemeinsames Plumpsklo: So ärmlich lebte Familie Oelschläger in der DDR

Die Windeln trockneten sie überm Esstisch und heizten mit Kohleofen. Erinnerungen an die erste eigene Wohnung von Ute und Jörg Oelschläger in der DDR.

Herbst 1984: Wir beziehen stolz unsere erste eigene Wohnung im Erdgeschoss einer früheren Mühle, direkt am Mühlteich. Das dreistöckige Wohnhaus ist auf Bruchstein gegründet und nicht unterkellert. Uns gehören eine beheizbare Wohnstube mit ca. 20 m2, eine Küche und ein weiteres Zimmer, beide zusammen bringen es auf rund 7,5 m2. Das ist ein Riesenfortschritt. Bisher wohnten wir zu dritt in den sieben unbeheizten Quadratmetern meines Kinderzimmers.

Klo ohne Heizung

Verheiratete ohne Kind hatten in der DDR kaum eine Chance, eine Wohnung zu bekommen. Mit Baby stieg diese geringfügig. Um einen der begehrten Wohnungsbezugsscheine auf dem Amt zu ergattern, brauchte man entweder Beziehungen oder viel Eigeninitiative, um Eingaben zu schreiben oder ständig auf Behörden vorzusprechen. Als wir diese anderthalb Zimmer angeboten bekamen, hatten wir keine Chance, nein zu sagen, wohl wissend, dass einem Einzug viel Arbeit vorausgehen würde.

Wir hatten diese Wohnung nicht für uns allein. Zwei Zimmer, die von unserem Flur abgingen, gehörten einer alten Dame, der ehemaligen Hausbesitzerin. Sie wohnte bei ihren Kindern über uns, kam aber zum Schlafen herunter. Unsere Toilette befand sich im Eingangsbereich des Treppenhauses, und wir teilten sie uns mit der Nachbarin. Es handelte sich um ein sogenanntes PC (Plumpsklo) mit undichtem Fenster und ohne Heizung. Die darunter liegende Grube war undicht und durchfeuchtete die Wände dieser Hausseite. Unsere vier Fenster öffneten zwar zur Teichseite, die lud aufgrund der Wasserqualität aber nicht gerade zum Lüften ein.

Baumaterial war Mangelware

Nach der ersten Begehung stand fest, dass Elektrik, Wasser- und Abwasserleitungen neu verlegt und der lose Putz durch neuen ersetzt werden musste. Da Baumaterial Mangelware war, war ich oft zeitig früh am öffentlichen Fernsprecher in der Postfiliale und telefonierte die Baustoffversorgungen nach Material ab. Beim Putzabschlagen rieselte ein Fachwerkbalken aus der Wand, und wir standen in der Küche der freundlichen Nachbarin.

Dank der Hilfe von Freunden und unserer handwerklich begabten Eltern konnten wir endlich einziehen, als unsere Tochter ein halbes Jahr alt war. In das Schlafzimmer passte unser dreitüriger Schrank mit Aufsatz, unser Bett, ein Kinderbett und später noch eine Wiege. Bei offener Schranktür blieb kein Durchgang. Auch unsere Küche war ein Wunderwerk der Raumnutzung. Rechts von der Tür waren ein Glutos-Herd (Kohleofen mit Kochfläche), ein Gasherd, ein Minihandwaschbecken und zuletzt der totale Luxus: eine elektrische Duschkabine. Sie reichte an der Stirnseite bis an das Fenster heran.

Alles eng

Direkt unter dem Fenster war noch Platz für die Schleuder (später ein beliebter Besuchersitz) und daneben schloss sich die Spüle an. Diese ließ sich nur auf der rechten Seite öffnen, denn unmittelbar davor stand die halbautomatische Waschmaschine. Nahtlos folgten noch 1,50 m Küchenzeile mit Kühlschrank. In der Zimmermitte stand der Tisch mit zwei Stühlen an den Stirnseiten. Um etwas aus den unteren Küchenteilen zu entnehmen, musste der Tisch vor den Herd und danach zurückgeschoben werden. Im Winter benutzten wir eine Fünffachleine vom Fenster zur Tür. Da trockneten die Windeln bei Ofenhitze über uns und dem eventuellen Gast.

Im Wohnzimmer gleich links neben der Tür stand ein kleiner Dauerbrandofen, der Unmengen Braunkohlebriketts verschlang. Er warf die meiste Wärme an den ihm gegenüberliegenden alten Nussbaumschrank. Bei Einhaltung des Mindestabstandes zum Ofen war hinter dem Schrank gerade noch Platz für eine Liegefläche von zwei mal zwei Metern. Sie fungierte wahlweise als Couch, Kinderspielfläche oder Gästebett.

Rote bemalte Wasserrohre

Der Fußboden war kalt und trotz Teppich kaum als Spielplatz geeignet. Ein Laufgitter half bedingt. Im Wohnzimmer war noch Platz für eine Kommode, einen zweitürigen Schrank und einen ausziehbaren Tisch mit vier Stühlen. Abstellmöglichkeiten wie Dachboden oder Vorratskammer gab es nicht.

Der praktischen Enge haben wir versucht, mit Farbtupfern individuelle Gemütlichkeit zu geben. Zur weißen Wand bekamen die Türrahmen und Fenster eines jeden Zimmers eine andere Farbe. Grün im Schlafzimmer, Braun im Wohnzimmer und Rot in der Küche. Die Aufputzabwasserrohre in kräftigem Rot waren vielleicht nicht üblich, aber ein Blickfang, genau wie ein roter Gästehocker.

Dankbar für den heutigen Luxus

Diese erste eigene Wohnung haben wir geliebt, auch wenn wir unter der Enge oft gelitten haben. Familienveränderungen forderten ständige Anpassung. Ein Jahr nach unserem Einzug wurden uns Zwillinge geboren. Erst 1987, kurz vor der Entbindung von Kind Nr. 4, konnten wir in eine größere Wohnung umziehen. Und auch die war von Anfang an wieder zu klein …

Unser Trautext, Psalm 128, hat sich über die Jahre mehr als erfüllt. Wir wurden immer getragen und versorgt. Dankbar sitzen wir heute im eigenen Haus und haben so viel Platz wie nie. Die Türen halten wir noch immer offen, so wie schon damals in der Enge. Ein Teil der alten Holzmöbel hat alle Umzüge überlebt und erinnert uns an die Anfänge. Die Kinder sind aus dem Haus und Kindeskinder werden geboren. Wir bekommen Solarstrom vom Dach, Wärme von der Sonne oder aus dem Kamin. Das ist Luxus. Global betrachtet waren wir schon 1984 privilegiert und sind es heute noch viel mehr. Dessen sind wir uns bewusst, und dafür sind wir dankbar.

Ute Oelschläger ist verheiratet und Mutter von sechs erwachsenen Kindern. Sie ist Hausfrau mit floristischem Minijob und Zeit für kreative Hobbys und lebt in Borsdorf bei Leipzig.

Ein Monatsgehalt für Strom in Beirut: „Es ist besser für unsere Kinder, wenn sie gehen“

Die Kinder von Raffi Messerlian verlassen den Libanon aus wirtschaftlichen Gründen. Der Vater trauert – und doch weiß er keine andere Lösung. Ein Interview.

Reverend Raffi, Sie leben in Beirut im Libanon. Nehmen Sie uns mit hinein in die Welt der Gerüche, Farben und Geräusche Ihres Heimatlandes.
Ich denke an die duftende Zeder, mit ihren Farben grün, weiß und rot, wie sie auf unserer Landesflagge abgebildet ist. Der Baum erinnert an eine lange Geschichte, über die auch die Bibel viel zu sagen hat. Auch der Duft von Kiefern ist typisch für den Libanon. Kirchenglocken, deren Klang sich mischt mit den Rufen der Muezzin von den Minaretten im Land, weisen auf die Werte im Libanon hin, wo Christen und Muslime Tür an Tür wohnen. Sie leben miteinander in einer einzigartigen Kultur.

Das ist die eine Seite des Landes. Es gibt auch die andere. Erzählen Sie von der wirtschaftlichen Situation im Libanon.
Der Libanon hat sehr große soziale, wirtschaftliche und finanzielle Probleme. Die krasse Inflation im Land führt dazu, dass die Menschen von Tag zu Tag ärmer und hoffnungsloser werden. Eins unserer größten Probleme ist, dass es uns an Strom fehlt. Vom Staat bekommen wir zwei Stunden Strom täglich. Alles andere müssen wir privat dazukaufen. Möchte ich für meine Familie 14 bis 16 Stunden Strom am Tag haben, habe ich meinen kompletten Lohn dafür ausgegeben. Dann ist für nichts anderes mehr Geld übrig. Das kann man sich vielleicht schwer vorstellen, wenn man in einem Land lebt, in dem es normal ist, 24 Stunden am Tag Strom nutzen zu können.

Menschen protestieren – ohne Sicht auf Besserung

Gegen diese Entwicklung haben Menschen in Beirut Ende 2019 protestiert.
Und seither ist es immer schlimmer geworden. Nach der Explosion am Hafen von Beirut im August 2020 gab es wieder verstärkt Proteste. Die Krise hat sich immer weiter zugespitzt und die Menschen verlieren den Mut. Im November 2019 hat mein Sohn Hovsep angefangen, davon zu sprechen, dass er wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme keine Perspektive im Libanon für sich sieht.

Was sind stattdessen seine Pläne?
Hovsep möchte sein Studium beenden und das Land dann verlassen. Als Vater verstehe ich ihn, weil die Situation hier tatsächlich hoffnungslos und sehr schwer ist. Aber natürlich sind wir auch sehr traurig, wenn er unsere Familie verlässt. Ich kann es ihm nicht übel nehmen, weil der Libanon gefühlt alle 15 Jahre eine Krise durchmacht, die das Leben hier extrem unsicher macht. Von 1975 bis 1990 hatten wir Bürgerkrieg im Land. Nun ist es die wirtschaftliche Situation und eine korrupte politische Führung, die Leute daran hindert, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu stillen.

Junge Menschen können keine Familie gründen

Die Situation verbessert sich nicht, wenn die jungen Leute abwandern.
Das nicht, aber sie finden hier im Land kaum Jobs, nachdem sie vorher ein kleines Vermögen in ihre Ausbildung gesteckt haben. Und selbst wenn sie einen Job bekommen, ist ihr Lohn im Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Geldes so gering, dass sie sich davon kein Haus oder irgendwas leisten können, was ihnen ermöglichen würde, eine eigene Familie zu gründen. Manche sehen auch deswegen die Auswanderung als Perspektive, weil sie auf diese Weise ihre Familie, die im Libanon zurückbleibt, unterstützen können.

Wie ist es denn mit Ihrer Tochter? Wo lebt sie?
Meine Tochter Nayiry ist eine Woche nach ihrer Hochzeit in die Niederlande ausgewandert. Uns war klar, dass sie auswandern würde. Dazu muss man wissen: Wir leben auf dem Campus der Armenischen Kirche in Beirut, wo wir auch eine Schule betreiben. Unser Viertel ist sehr stark bevölkert. Es gibt auch viele arme Menschen dort, Afrikaner und vor allem syrische Flüchtlinge. Unsere Tochter hat einen Syrer geheiratet, der mit seiner Familie geflohen ist, als der Krieg dort begonnen hat. Unser Schwiegersohn wollte auf keinen Fall zurück nach Syrien, sollte die Situation sich so ändern, dass sie gezwungen wären, zurückzugehen. Deswegen war es ihm wichtig, einen europäischen Pass zu bekommen, und er hat eine gute Arbeitsstelle in den Niederlanden gefunden.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie darüber nachdenken?
Wir sind einerseits glücklich für sie, weil sie es geschafft haben, in ein stabiles Land zu ziehen und der Situation, die wir hier im Mittleren Osten haben, entkommen sind. Andererseits sind wir natürlich sehr traurig, weil wir uns sehr nahestanden und sie jetzt weg sind. Es ist auch völlig klar, dass sie nie mehr zurückkommen werden.

Kontakt zur Tochter über WhatsApp

Wie oft können Sie Ihre Tochter sehen?
Ich habe das Glück, beruflich viel reisen zu können. Deswegen kann ich sie alle paar Monate besuchen. Für meine Frau ist es unglaublich schwer. Sie vermisst sie sehr. Wir reden über WhatsApp miteinander. Natürlich wünschen wir uns, dass die Situation hier besser wäre und sie bei uns leben könnten. Das würde unser Leben reicher machen.

Sie sind Pastor. Haben Sie sich bei Gott über die Situation beklagt?
Ehrlich gesagt habe ich nicht mit Gott gehadert. Ich habe es ziemlich schnell so akzeptiert, wie es ist. Ich bete, dass Gott meine Kinder segnet, egal, wo sie sind.

Vielen Familien geht es ähnlich

Befinden sich viele Familien in einer ähnlichen Situation?
Ja, ich kenne viele Familien, deren Kinder auswandern. Wir haben alle dieselben Sorgen. Aber wir können uns auch damit arrangieren, weil wir wissen, dass es für die Zukunft unserer Kinder besser ist, wenn sie den Libanon verlassen.

Was sagen Sie jungen Menschen, die nach Perspektiven suchen?
Natürlich ermutigen wir sie, hierzubleiben. Aber ich versuche sie auch zu verstehen, wenn sie – wie meine Kinder – keine Hoffnung hier sehen, wo wir leben. Wenn sie reisen, geben wir ihnen mit auf den Weg, ihre christlichen Werte beizubehalten. Ich empfehle ihnen auch dringend, den Kontakt zu ihrer Familie aufrechtzuerhalten und in dem Land, in dem sie sind, ihre libanesischen Wurzeln nicht zu vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Reverend Raffi Messerlian ist am 13. Februar 1968 geboren. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seine 24-jährige Tochter lebt in den Niederlanden, sein 21-jähriger Sohn noch im Libanon. Raffi Messerlian hat Pädagogik und Theologie studiert und arbeitet seit 1996 als Pastor in Beirut. Als Präsident des Jugendverbandes „World Christian Endeavor“, in Deutschland als EC-Verband bekannt, ist er auch international viel unterwegs.

Stefanie Ramsperger arbeitet als freie Journalistin und leitet die Öffentlichkeitsarbeit des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC). Sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Hintergrund: Libanon

Die Weltbank hat die Situation im Libanon zu einer der weltweit zehn schwersten ökonomischen Krisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts erklärt. Die Inflation ist immens: Die libanesische Währung hat in den vergangenen Jahren 90 Prozent ihres Wertes verloren. Korruption und Unsicherheit prägen die politische Situation im Land. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Dass es an Strom mangelt, ist nicht nur ein Problem für Privathaushalte, sondern auch im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel für Krankenhäuser.

„Einige Abenteuer erlebt“

Wohnen im sozialen Brennpunkt

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