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Ausbildung abbrechen? Wann es sinnvoll ist

Unser Sohn hat eine Ausbildung angefangen, aber schon nach zwei Monaten möchte er abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneinig, was wir tun sollen.

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
  • Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
  • Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung abbrechen: 3 gute Gründe

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn

  • die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen
  • die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist
  • oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr (dein-lebenstraum.com).

Beruflicher Neustart: So gelingt der Bewerbungsprozess

Mit der Einladung zu einem Gespräch geht der Bewerbungsprozess erst richtig los. Carmen Gladhofer erklärt, wie man sich vorbereitet.

Was dich bei einem Bewerbungsgespräch erwartet, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Für Stellen, auf die es eine Vielzahl an Bewerbern gibt oder wenn mehrere Stellen vergeben werden, findet zu Beginn häufig ein Assessment Center (AC) statt. In einem größeren Unternehmen kann ein solches AC wie folgt ablaufen:

Es werden zeitgleich mehrere Bewerberinnen und Bewerber eingeladen, die auf mehrere Bewerter aus dem Unternehmen treffen. Vorgeschaltet erfolgt oft ein erstes Interview – gern auch online. Im AC sind unterschiedliche Bewerbungselemente zusammengefasst: In der Regel besteht die Möglichkeit zur kurzen Selbstpräsentation. Zudem muss man sich Einzel- und/oder Gruppenaufgaben stellen, die inhaltlich auf den ersten Blick nichts mit der eigentlichen Aufgabe zu tun haben müssen, sondern auf andere Kompetenzen abzielen, zum Beispiel die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, die Problemlösungskompetenz, Umgang mit Stresssituationen … Abschließend erfolgt häufig ein individuelles Gespräch oder Interview zur Reflexion des Tages oder zur Klärung von offenen Fragen.

Vorgeschaltet, ergänzend oder integriert in das AC oder sonstige Bewerbungsrunden sind mitunter kognitive Leistungstests. Diese Tests werden, je nach Stelle und geforderten Kompetenzen, individuell zusammengestellt. Normalerweise kannst du diese online durchführen. Suche dir dafür einen ruhigen Ort und einen Zeitpunkt aus, an dem du dich gut konzentrieren kannst, denn sie enthalten oft zeitliche Restriktionen. Es gibt eine Vielzahl an kognitiven Kompetenzen, die getestet werden können: beispielsweise die Analyse deiner Wahrnehmung, logisches Schlussfolgern, Gedächtnisleistung, Bearbeitungsgeschwindigkeit …

Diese Leistungsdiagnostik findet Eingang in Bewerbungsprozesse, um die einstellenden Personen mit objektiven Daten im weiteren Auswahlprozess zu unterstützen. Das soll Einstellungen aufgrund des „Nasenfaktors“ verhindern. Idealerweise werden die Ergebnisse für eine Reflexion im gemeinsamen Bewerbungsprozess genutzt, und du erhältst die Resultate im Anschluss an die Bewerbungsrunde. Das Internet bietet eine Vielzahl von Beispielen dazu.

Gut vorbereitet ins Interview

In den meisten Fällen besteht allerdings die erste Runde im Bewerbungsprozess aus einem Interview – entweder online oder persönlich vor Ort. Für Online-Interviews setze dich vorab mit der Technik auseinander, sodass das Gespräch mit einer guten Bild- und Tonqualität sowie in einer ruhigen Atmosphäre stattfinden kann. Dies gibt dir, im Falle von technischen Schwierigkeiten, ein souveränes Gefühl. Ansonsten darfst du dich, so wie in einem Präsenzinterview auch, im Hinblick auf deine Getränke, Kleidung und Schreibmaterialien entsprechend vorbereiten. Wenn du sprichst, versuche, in die Kamera zu schauen und weniger stark auf deinen Gesprächspartner auf dem Bildschirm. Je nachdem, wo deine Kamera positioniert ist, kann der Interviewer dich so besser sehen.

Mit wem du es im Interview zu tun hast? Je kleiner das Unternehmen und je flacher die Hierarchien, desto eher wirst du schon in der ersten Runde direkt mit deinem potenziellen Vorgesetzten in Kontakt kommen. Es kann aber auch sein, dass du in der ersten Runde auf den Personaler des Unternehmens triffst. Oder auf ein Team aus Personal- und Fachabteilung. Welches Setting es auch ist: Lass dich davon nicht irritieren!

So kann ein Interview ablaufen

Auch wenn sich der Aufbau von Bewerbungsrunden bei Arbeitgebern unterscheidet, kann man anhand gewisser Aspekte erkennen, ob es sich um ein professionell vorbereitetes Interview handelt: Deine Gesprächspartner sind auf dich vorbereitet. Sie haben deine Unterlagen gelesen, sich mit dir auseinandergesetzt, und sie folgen einem strukturierten Ablauf. Das heißt, sie lassen dich nicht nur standardmäßig deinen Lebenslauf rezitieren, deine größten Stärken und Schwächen benennen, abschließend ein paar Fragen stellen und flankieren das Gespräch ansonsten mit eigenen Geschichten. Sondern sie stellen sich kurz selbst, das Unternehmen sowie die zu besetzende Stelle vor und verwenden anschließend den größten Teil der Zeit auf dich.

Sie führen dafür, nach einer kurzen (!) Selbstvorstellung deinerseits, ein zielgerichtetes Interview durch. Dabei prüfen sie fokussiert diejenigen Kompetenzen ab, die sie in der Ausschreibung für die Durchführung der beschriebenen Aufgaben gefordert haben. Beispielsweise durch:

  • Reflexionsfragen zu Kompetenzen: „Bei welcher Aufgabe konnten Sie Ihr Organisationstalent besonders gut unter Beweis stellen? Warum?“
  • Analogiefragen zu deinem Privatleben: „Sie werden bei uns kreative Lösungen finden müssen und attestieren sich dies im Anschreiben. Auf welche kreative Lösung aus der Vergangenheit sind Sie besonders stolz?“
  • Selbsteinschätzungen: „Auf einer Skala von 1-10 (10 = höchste Ausprägung): Wie schnell lassen Sie sich aus der Ruhe bringen? Wovon?“
  • Durchspielen von Fallbeispielen und möglichen Reaktionen: „Ein Kunde wird persönlich ausfallend, weil er mit der erbrachten Leistung des Unternehmens nicht zufrieden ist. Wie reagieren Sie? Wie fühlen Sie sich in solch einer Situation?“
  • Provokative Rückfragen zu Äußerungen deinerseits

Zudem kommen abschließend vermutlich Fragen zum Arbeitgeber: Beispielsweise:

  • „Warum möchten Sie gerade bei uns arbeiten?“
  • „Wie möchten Sie als Mitarbeiter/Mitarbeiterin geführt werden?“
  • „Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit mit einem Team wichtig?

Dabei gilt: Lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Frag nach, wenn du eine Frage nicht richtig verstanden hast. Sei ehrlich, wenn du keine wirkliche Antwort auf eine Frage findest. Und sei auch selbstkritisch, sofern es angebracht ist. Abschließend gibt es in der Regel die Möglichkeit für Fragen deinerseits. Diese können sich beispielsweise auf das Unternehmen, das Team oder die konkrete Aufgabe beziehen. Das Gespräch endet meist mit einem zeitlichen Ausblick auf mögliche Entscheidungen sowie eventuellen Inhalten von Folgerunden.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass du im Rahmen eines ersten Gespräches noch kein finales Jobangebot erhältst. Mittlerweile ist es eher üblich, eine Folgerunde stattfinden zu lassen. Dies können neben den zuvor beschriebenen Verfahren auch eine Präsentation, Probearbeiten oder Ähnliches sein. All dies ist stark abhängig vom Unternehmen und der ausgeschriebenen Stelle.

Mindset und Vorbereitung

Solltest du das Gefühl haben, dass es an einer Stelle nicht gut gelaufen ist: Mach dich deswegen nicht verrückt! Ein Unternehmen entscheidet sich immer aufgrund einer Vielzahl an Eindrücken. Sollte eine Absage dennoch mit spezifischen Situationen begründet werden, halte dir vor Augen: Es sind immer nur Momentaufnahmen in einem speziellen Setting, in dem es diesmal nicht so gut gelaufen ist. Es ist aber niemals eine Wertung über dich und deine Persönlichkeit!

Wenn du bemerkst, dass du vor oder nach einer Bewerbung mit den immer gleichen Gedanken konfrontiert wirst, kann es sein, dass dich ein negativer Glaubenssatz belastet. So etwas wie: „Die anderen sind alle viel besser als ich.“ Oder: „Ich werde nie einen neuen Job finden.“ Dies sind Aussagen, die du irgendwann als vermeintliche Wahrheit über dich verinnerlicht hast. Das Problem dabei: Sie sind nicht die Realität, und sie wirken sich auf dich, dein Selbstbewusstsein und möglicherweise auf dein Verhalten im Bewerbungsprozess aus.

Die Bearbeitung von negativen Glaubenssätzen ist ein wichtiger Aspekt. Ansonsten heißt es in der Vorbereitung, sich mit dem Arbeitgeber und der möglichen Aufgabe zu beschäftigen, eine aussagekräftige Selbstpräsentation zu üben, zu überlegen, welche Kompetenzen man wie gut und auf welche Art und Weise einbringen kann und angemessene Fragen vorzubereiten. Für den Fall, dass es sich um ein international tätiges Unternehmen handelt: Eigne dir das wichtigste Fachvokabular sowie deinen Lebenslauf in der englischen Sprache an.

Einen Moment innehalten

Irgendwann geht ein Bewerbungsprozess zu Ende, und du hast bestenfalls eine Zusage erhalten. Herzlichen Glückwunsch! Deine Aufregung ist sicherlich groß – du solltest dir dennoch einen kurzen Moment des Innehaltens gönnen. Gehe zurück zu den Inhalten aus Teil 1 und 2 dieser Serie. Reflektiere die Gefühle, die du während des gesamten Bewerbungsprozesses mit dem potenziellen Arbeitgeber hattest. Und nimm diese – trotz aller Euphorie – ernst.

Frag dich, ob du mit dem angebotenen Job eine berufliche Mission formulieren kannst, die auf die Vision von deinem Leben einzahlt. Die gut zu denjenigen Kompetenzen passt, die dir besondere Freude bereiten. Die deinen Werten für eine produktive Zusammenarbeit entspricht. Und die stimmig ist mit den wichtigsten Bedürfnissen in eurer Familienkonstellation.

Triff erst dann eine Entscheidung, ob du dich auf den Weg machen möchtest. Falls ja: Viel Erfolg bei deinem neuen Abenteuer! Falls nein: Hab den Mut, auch diese Entscheidung zu treffen, um dann deine wirklich passende berufliche Mission zu finden! Du schaffst das – ganz sicher!

Hier geht es zu Teil 1 der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Hier geht es zu Teil 2: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Hier geht es zu Teil 3: Tipps für deine Bewerbung

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

 

Ausbildung abbrechen: In 3 Situationen ist das sinnvoll

Unser Sohn hat eine Ausbildung angefangen, aber schon nach zwei Monaten möchte er abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneinig, was wir tun sollen.

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
  • Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
  • Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung abbrechen: 3 gute Gründe

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn

  • die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen
  • die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist
  • oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr (dein-lebenstraum.com).

Ausbildung abbrechen: Ist das wirklich sinnvoll?

Elternfrage: „Unser Sohn (19) hat eine Ausbildung zum Elektroniker angefangen. Schon nach zwei Monaten meint er, das sei nichts für ihn. Er möchte die Ausbildung abbrechen. Meine Frau und ich sind uns uneins. Ich denke, er sollte sich etwas anderes suchen, meine Frau meint, er müsse sich da durchbeißen. Habt ihr einen Rat?“

Dass es eurem Sohn in seiner Ausbildung nicht gut geht, ist kein Einzelfall. Bei einer Instagram-Umfrage des Online-Portals ­ausbildung.de gaben 14 Prozent der Jugendlichen an, dass sie mit ihrer Ausbildung unzufrieden seien und sie keinen Spaß mache. Bei mir war das damals ähnlich. Ich habe in meiner Ausbildung als Elektro­installateur vor vielen Jahren eine Reihe von frustrierenden Erfahrungen machen müssen. Besonders in den ersten Wochen fiel mir die Umstellung vom Schüler-Dasein zum Acht-Stunden-Job schwer.

Das erste Jahr durchhalten

Wie könnt ihr mit eurem Sohn dieses Problem angehen? Zunächst einmal ist es sinnvoll, in einem Gespräch folgende Punkte gemeinsam zu durchdenken:

  • Zeigt euch verständnisvoll und gebt ihm das Gefühl, dass es durchaus normal sein kann, dass er sich in den ersten Monaten seiner Lehrzeit unwohl fühlt. Die Umstellung vom Schüler- auf das Arbeitsleben ist ein herausfordernder Schritt.
  • Es könnte unter Umständen sinnvoll sein, ein offenes Gespräch mit dem Ausbilder oder dem Chef zu suchen. Dadurch lassen sich manche Ungereimtheiten klären.
    Ermutigt euren Sohn, dranzubleiben. „Wenn du es schaffst, versuche das erste Jahr durchzuhalten. Beobachte die Situation Monat für Monat, wie sie sich entwickelt. Wenn es besser wird, kannst du bleiben. Und wenn es immer schlechter wird, dann ist es wirklich Zeit zu gehen.“
  • Die Zeit des Beobachtens kann von eurem Sohn dafür genutzt werden, dass er herausfindet, was er wirklich will. Er kann sich umschauen, was es für Alternativen gibt. Bietet ihm eure Hilfe für diesen Prozess an.
    Es ist außerdem hilfreich, eurem Sohn auch von euren eigenen Erfahrungen in der Ausbildung oder im Job zu erzählen. Jede Arbeitsstelle hat ihre Schatten- und Lichtseiten. Die Erfahrung zeigt, dass es oft gut ist, erst einmal durchzuhalten. Hin und wieder ist es jedoch besser, die Reißleine zu ziehen.

Ausbildung beenden, wenn …

Einen sofortigen Abbruch der Ausbildung in den ersten Monaten würde ich nur dann in Erwägung ziehen, wenn die Begabungen überhaupt nicht zur Ausbildung passen, die Atmosphäre in der Firma toxisch beziehungsweise zerstörend ist oder sich die Persönlichkeit des Sohnes durch die Ausbildung stark verändert. Zum Beispiel, wenn er depressiv wird.

Meine Frau und ich haben vor elf Jahren das Lebenstraum-Jahr gegründet. Das ist ein 10-monatiger Kurs für junge Erwachsene mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsentwicklung, Berufsfindung und Bibelschule. Es gab ein paar wenige unserer Teilnehmenden in den letzten Jahren, die den Kurs abbrechen wollten. Wir haben ihnen Mut gemacht, durchzuhalten, und sie haben es geschafft! Einer unserer Werte im Lebenstraum-Jahr heißt deshalb: „Dranbleiben und Durchhalten“. Gerade in der heutigen Zeit, in der wir so viele Möglichkeiten haben, lohnt es sich, trotz mancher Herausforderungen durchzuhalten – denn dadurch wächst innere Stärke und Vertrauen auf Gott.

Stephan Münch gründete gemeinsam mit seiner Frau Hanna im fränkischen Uffenheim das Lebenstraum-Jahr. Er ist stolz auf seinen Sohn (19), der trotz einer Krise im 2. Lehrjahr seine Lehre als KFZ-Mechatroniker nicht abgebrochen hat und sie bis zum Ende durchziehen will.

Beruflicher Neustart: So triffst du eine gute Entscheidung

Die Lebensmitte bietet die Chance, sich beruflich neu zu orientieren. Businesscoach Carmen Gladhofer erklärt, worauf es in der Entscheidungsphase ankommt.

Im ersten Teil meiner Artikelserie ging es um das Nachdenken über den Status quo. Er endete mit der Aufforderung, zunächst eine eigene Vorstellung im Hinblick auf das weitere berufliche Leben zu entwickeln, bevor es um die gemeinsame Entscheidungsfindung als Paar geht. Die Grundlage dafür bildet die jeweilige Vision des Lebens und die berufliche Mission.

Die Vision deines Lebens

Deine Vision entspricht einem Bild davon, wie du dir die Welt, in der du lebst, im Idealfall vorstellst. Eine Vision hat Zugkraft für dich. Oft bezieht sich die Vision auf einen bestimmten Teilaspekt der großen Themen dieser Welt. Beispiel: Klima, Gerechtigkeit, Hunger, Konflikte, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Bildung, technologischer Fortschritt … Es ist ein Thema, das dich in deinem Leben immer wieder bewegt, begeistert oder aufrüttelt.

Beispiel Klimaschutz: Dieses Thema ist dir in der Gestaltung deines Alltags sehr wichtig – bei möglichen Anschaffungen, deiner Einrichtung oder der Wahl des Arbeitgebers. Dir fällt es nicht schwer, dich diesem Thema zu stellen. Es bereitet dir sogar Freude – sehr im Unterschied zu anderen Personen. Wenn es nach dir ginge, würden sich alle Menschen ähnlich verhalten. Daher ist eine Vision auch die Beschreibung des Idealzustandes. Denn fairerweise solltest du anderen zugestehen, dass sie ein eigenes Thema haben, für das sie brennen. Warum hilft dir eine Vision dennoch?

Irgendwann reicht es nicht mehr, nur punktuelle Veränderungen bei beruflicher Unzufriedenheit vorzunehmen. Zumindest dann nicht, wenn du nachhaltige Ruhe und Zufriedenheit anstrebst. Dann ist es wichtig zu verstehen, was dich tief in deinem Inneren antreibt, welche Vision deine ist und wofür du brennst, damit du dies auch bei deiner Jobwahl berücksichtigen kannst. Ein Beispiel für eine Vision bezogen auf das Thema Bildung könnte sein: Du trägst die Vision von einer Welt in dir, in der es allen Menschen möglich ist, zu lernen.

Deine berufliche Mission

Deine berufliche Mission ist eine Konkretisierung deiner Vision zum aktuellen Zeitpunkt. Sie zahlt auf deine Vision vom Leben ein – unter Berücksichtigung deiner Kompetenzen, freudespendenden Aufgaben sowie deiner Bedürfnisse und Werte. Das Spannende an der beruflichen Mission ist: Sie kann sich im Zeitablauf verändern. Für das Thema Bildung könnte das wie folgt aussehen:

A) Du arbeitest auch heute noch als Lehrer oder Lehrerin an einer Schule.
Veränderung im Zeitablauf: Zu Beginn der Arbeit hast du dich über die Verantwortung als Klassenleitung sowie weitere Fortbildungen gefreut. Mittlerweile freust du dich, wenn du dich mit weniger Stunden ausschließlich dem Unterricht widmen kannst.

B) Du hast damals ein Start-up gegründet, dessen wesentliches Produkt eine selbst programmierte App mit Sprachkursen für Senioren ist.
Veränderung im Zeitablauf: Bei Gründung des Unternehmens hast du noch selbst programmiert. Mittlerweile kümmerst du dich um das Management sowie die strategische Entwicklung des erfolgreichen Unternehmens und eine zielgerichtete Vernetzung.

Das sind unterschiedliche berufliche Missionen, die jeweils beide darauf einzahlen, Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen. Welche Mission schließlich gewählt wird, hängt einerseits von den persönlichen Kompetenzen, andererseits von den Aufgaben ab, die die meiste Freude bereiten. Hinzu kommen bei der Arbeitgeber- und/oder Teamauswahl deine individuellen Werte.

Ein weiterer wesentlicher Teil der beruflichen Mission sind schließlich die individuell zu erfüllenden Bedürfnisse in der jeweiligen Lebensphase. Mögliche Bedürfnisse für die zwei Beispiele könnten diese sein:

  • Zu Jobbeginn: Entwicklung, Erfolg
  • Mit Familiengründung: Sicherheit, Ruhe
  • Nachdem die Kinder aus dem Haus sind: Sinnhaftigkeit, Qualität, Nachhaltigkeit

So können deine Bedürfnisse dich auch in scheinbar unterschiedliche Richtungen führen.

Eine Entscheidung treffen

Ist dir deine Vision klar und das Puzzle deiner beruflichen Mission zusammengesetzt, dann kannst du vielleicht bereits eine belastbare Entscheidung treffen, weil du diese spürst.

Nein – kannst du nicht? Was sind die Gründe dafür? Damit eine Entscheidung mit einem guten Gefühl getroffen werden kann, müssen sich dein Verstand und dein Bauch weitestgehend einig sein. Denn bei Entscheidungen spielt nie nur das Bewusstsein („dein Verstand“), sondern auch das Unterbewusstsein („dein Bauch“) eine Rolle. Daher kann es gut sein, dass du dir trotz umfangreicher Reflexion noch unsicher bist.

Denn dein Bauch verarbeitet und bewertet über deine Gefühle unbewusst und zudem sehr schnell einen Großteil der eingehenden Informationen. Dabei kann es zu voreiligen Schlüssen kommen, denn das Unterbewusstsein hat ein gutes Gedächtnis und mag es sicher und bequem. Dein Kopf ist zwar vergleichsweise langsamer in der Bewertung von Entscheidungen, verschafft sich aber über das bewusste Nachdenken, Impulskontrolle und Reflexion mehr Überblick. Auf diese Weise entstehen mehr Freiräume in der Planung, und die Verarbeitung in Entscheidungssituationen erfolgt flexibler. Diese unterschiedliche Vorgehensweise von Bewusstsein und Unterbewusstsein führt dazu, dass sich manche Entscheidung noch nicht stimmig für dich anfühlt.

Hilfreich kann sein, auf die Empfindungen deines Körpers zu achten. Dies kann dabei helfen, eine Einigkeit zwischen Verstand und Bauch herbeizuführen, sodass sich Empfindungen deines Körpers, wie beispielsweise Bauchschmerzen bezogen auf die Entscheidung, nicht mehr zeigen.

Mögliche Konflikte

Wenn ihr ein Paar seid und jeder von euch für sich Klarheit gewonnen hat, wird es Zeit, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Es lohnt sich, dafür Zeit einzuplanen und ein paar lockere „Spielregeln“ zu vereinbaren, zum Beispiel:

  • Lasst einander ausreden.
  • Hört das Gesagte, bewertet es aber nicht sofort.
  • Die Selbsteinschätzung (insbesondere Vision, Bedürfnisse und Werte) des anderen sollte nicht korrigiert, sondern höchstens kritisch hinterfragt werden.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Es kann sein, dass es im Zuge der gegenseitigen Vorstellung eurer Ergebnisse zu Konflikten kommt – selbst wenn euch eine ähnliche Vision eint. So kann es beispielsweise Unterschiede in dem Bedürfnis nach Sicherheit und einem Maximum an Freiheit geben. Ist dies der Fall, ist es wichtig, nicht in typische oder alte Entscheidungsmuster zurückzufallen, zum Beispiel: „Wer mehr verdient, entscheidet.“ Denn eine einseitige Fokussierung auf die Bedürfnisse führt nicht zu einer dauerhaft tragfähigen Lösung in eurem Paaralltag, deren Ziel es ist, größere berufliche Zufriedenheit auf beiden Seiten zu erreichen. Versucht stattdessen, über ein vertiefendes Gespräch ein Verständnis für das eigene Bedürfnis beim anderen zu erzeugen.

  • Bewertet die Bedürfnisse nicht, sondern hört einander aufmerksam zu.
  • Achtet auf eure Gefühle, die beim Erzählen des anderen hochkommen.
  • Wenn gewünscht: Teilt diese Gefühle. Aber: Die Verantwortung für das bei dir entstandene Gefühl trägt nicht dein Partner. Verantwortlich dafür ist dein ungestilltes Bedürfnis. Das Erzählen des Partners ist nur der Auslöser dafür, dass sich dein Bedürfnis meldet.
  • Versucht abschließend, die Konsens-Lösung zu finden, bei der euer beider Bedürfnisse bestmöglich erfüllt sind. Dies ermöglicht langfristige Zufriedenheit. Auch ein Kompromiss, bei dem von jedem ein Teil der Bedürfnisse erfüllt, beziehungsweise nicht erfüllt ist, ist denkbar.

Sehnsuchtsziele loslassen

Was auch immer deine berufliche Sehnsucht ausmacht: Spätestens jetzt ist die Gelegenheit, dich damit zu beschäftigen und eine finale Entscheidung zu treffen, ob es an der Zeit ist, diese Sehnsucht aufzugeben, damit sie für die Zukunft keine Belastung darstellt. Das bedeutet, eine Entscheidung zu treffen, die zugesteht, über das Aufgeben dieser Sehnsucht zu trauern, die aber auch dabei hilft, den Blick nach vorn zu richten. Welche Gründe gibt es, berufliche Sehnsüchte loszulassen? Einige Beispiele:

  • Veränderte Rahmenbedingungen: Das Startkapital für die erträumte Selbstständigkeit fehlt.
  • Deine Kompetenzen in Form deiner Ausbildung/deines Studium passen nicht zu dem beruflichen Ziel, das du dir erträumt hast.
  • Dein Wunsch, beruflich einen längeren Auslandsaufenthalt zu erleben, ist noch nicht in Erfüllung gegangen und passt nicht mehr in die Lebensplanung.

Gerade das Aufgeben von lang gehegten Sehnsuchtszielen ist nicht leicht und darf nicht nur mit Kummer, sondern auch einer gewissen Skepsis gegenüber neuen Alternativen einhergehen. Mit der Suche nach neuen Alternativen kannst du aber versuchen, einen Teil der Sehnsüchte auf andere Art und Weise zu erfüllen.

Das wichtigste Ziel aber ist – nicht nur beim Loslassen der Sehnsuchtsziele, sondern überhaupt bei der Diskussion über eine mögliche Neugestaltung des beruflichen Weges –, zu spüren, dass du selbstwirksam bist und deinen oder euren Weg beeinflussen kannst! Hab Mut, diesen Weg zu beschreiten!

Wenn du nicht weißt, wie du selbstwirksam werden kannst: Gerade bezogen auf die Lösung von (inneren) Konflikten, bei der Entscheidungsfindung oder dem Loslassen von Sehnsuchtszielen gibt es Methoden und Lösungsansätze des Systemischen Coachings, die dir zielgerichtet bei der Neugestaltung des beruflichen Weges helfen können.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Hier geht es zu Teil 1: Wie du entscheidest, ob eine berufliche Veränderung ansteht

Hier geht es zu Teil 4: Wie der Bewerbungsprozess gelingt 

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Midlife: Wann steht eine berufliche Veränderung an?

In der Lebensmitte bietet sich die Chance für eine berufliche Veränderung. Businesscoach Carmen Gladhofer gibt Tipps für den Entscheidungsprozess.

Rums! Der Kofferraum unseres Autos ist zu. Wir steigen ein und machen uns auf den Rückweg nach Hause. Gerade haben wir nun auch das jüngste Kind ausgezogen – in ein WG-Zimmer am neuen Studienort. In mir dreht ein Karussell seine Runden: Freude, Angst, Traurigkeit und Wut wechseln sich munter bei der Steuerung meiner Gefühle ab. Wir wissen beide, dass jetzt auch für uns ein neues Leben beginnt – und damit auch die unausweichliche Frage im Raum steht: Was kommt nun?

So könnte ein Roman beginnen. Oder euer echtes Leben aussehen. Denn so oder ähnlich ergeht es allen, die Kinder haben und diese irgendwann in das eigene Leben entlassen: Die Kinder werden flügge, auch wenn die Zimmer vielleicht noch nicht komplett leer sind. Die Freude über die wiedergewonnene Freiheit hat sich gegenüber der Traurigkeit über das Ende der intensiven Familienphase vielleicht noch nicht durchgesetzt. Und dennoch gilt es, sich in diesem irgendwie neuen Leben wieder einzufinden. Als Mutter, Vater, als Paar – im Alltag und im Berufsleben. Oft stellen sich die Fragen: Soll sich beruflich noch einmal etwas ändern? Wollen wir noch einmal neu durchstarten? Oder soll alles bleiben, wie es ist?

Vielleicht liegt die Wahrheit dazwischen: Bei einem Paar will einer endlich die berufliche Veränderung, der oder die andere möchte die berufliche Komfortzone auf keinen Fall verlassen. Das Leben bietet schließlich mehr als Arbeit. So oder so geht es nun darum, die Ist-Situation darzustellen, neue Möglichkeiten durchzuspielen, Entscheidungen zu treffen und mögliche (finanzielle) Auswirkungen auf die Familie abzuwägen.

Berufliche Veränderung – was bedeutet das?

Wichtig ist, sich die Frage zu stellen, was berufliche Veränderung für dich oder euch konkret heißt. Bedeutet Veränderung …

  • dass der erlösende Ausstieg aus dem Hamsterrad des täglichen Jobfrustes möglich wird?
  • eine Anpassung des groben Rahmens der Arbeit: den inhaltlichen Schwerpunkt oder den Grad der Verantwortung leicht anzupassen?
  • einen Neustart zu wagen: den Wechsel in eine andere Abteilung, ein (neuer) Job an einem anderen Ort, das Absolvieren einer Weiterbildung?
  • endlich Gerechtigkeit zu erfahren im Hinblick auf den Anteil von Familienorganisation und eigener beruflicher Entwicklung oder bezogen auf das Erwirtschaften des Familieneinkommens?
  • die Möglichkeit, ein lange erträumtes Projekt gemeinsam Realität werden zu lassen?
  • die Arbeitszeitmodelle anzupassen?

Sicherlich schwingt in den meisten Fällen die Frage mit, ob man sich die gewünschte Veränderung überhaupt leisten kann.

Reflexion hilft

Ein gewisses Gedankenkarussell ist normal, wenn es darum geht, ob und welche Art von beruflicher Veränderung ansteht. Das ist schon bei Alleinstehenden so. Bei Paaren verdoppeln sich die Fragen, zudem werden die Antwortkombinationen um ein Vielfaches komplexer. Umso wichtiger ist es, die bisherigen Muster in eurer Entscheidungsfindung (zum Beispiel einer gibt die Richtung vor, oder ihr hört vor allem auf das Bauchgefühl) aufzubrechen und euch eine Struktur in der Bestandsaufnahme sowie der Entscheidungsfindung zu geben.

Denn um die Frage beantworten zu können, wie eure gemeinsame berufliche Zukunft aussieht, solltet ihr einige grundlegende Fragen zunächst individuell beantworten. Dafür braucht es Zeit – sowohl sehr fokussiert, aber auch mit einer inneren Gelassenheit. Also gebt euch mehr als ein paar Abende oder Tage dafür. Solltet ihr zu den Paaren gehören, bei denen die Fragen (bald) anstehen, hier einige Gedanken für eure individuelle Reflexion:

1. Steht eine Veränderung an?

Wirf für die Beantwortung dieser Frage einen Blick auf deine Bedürfnisse. Jeder Mensch trägt in gewissem Maße zum Beispiel ein Bedürfnis nach Erholung, Sicherheit, Miteinander, Wertschätzung und Erfolg sowie einer gewissen Form von Weiterentwicklung in sich. Die vermeintlich pragmatische Antwort: „In Summe passt es schon“ hilft bei der Beantwortung aber nicht wirklich weiter – sie vermeidet eine echte Antwort. Was solltest du also tun?

  • Frag dich: Welche Bedürfnisse habe ich konkret?
  • Priorisiere deine Bedürfnisse!
  • Frag dich: Wie gut sind diese erfüllt?

Wichtig: Bedürfnisse gehören zu dir. Sie sind stabil, das heißt: Ein Bedürfnis begegnet dir nicht nur im Job, sondern auch im Privaten und kann damit in beiden Bereichen erfüllt werden. Wenn du zum Beispiel das Bedürfnis der Zielerreichung hast, kann das beruflich deine zentrale Motivation sein und privat der Antrieb, um für einen Halbmarathon zu trainieren. Liegt dein Bedürfnis eher in der Sinnhaftigkeit, willst du deine Zeit weder privat noch beruflich verschwenden.

Deine Gefühle liefern den entscheidenden Hinweis, ob deine Bedürfnisse ausreichend erfüllt sind – auch wenn die Kollegen ganz anders empfinden. Neben den Bedürfnissen spielen weitere Faktoren bei der Frage nach einer Veränderung eine wichtige Rolle. Denn auch wenn dir beispielsweise Qualität sehr wichtig ist, heißt dies nicht zwangsläufig, dass du in der Qualitätssicherung am besten aufgehoben bist.

2. Was sind deine Kompetenzen?

Es ist wichtig, zu wissen, welche Kompetenzen du hast. Dabei sind folgende Kompetenzen voneinander zu unterscheiden:

  • Welche fachlichen Kompetenzen hast du erworben (aufgrund einer Ausbildung/Studium oder der praktischen Erfahrung)?
  • Welche Kompetenzen hast du in der Zusammenarbeit?
  • Wie steht es um deine Führungskompetenzen – bezogen auf deine Selbstführung und die Führung von Mitarbeitenden?

Verlass dich bei der Einschätzung deiner Kompetenzen nicht nur auf deine Führungskraft. Führe auch eine Selbsteinschätzung durch. Und bitte nahestehende Personen ebenfalls um eine Rückmeldung. Hab dabei im Hinterkopf: Selbst wenn einige Kompetenzen als sehr stark ausgeprägt beurteilt werden, musst du dennoch nicht die ultimative Erfüllung darin finden.

Vielleicht kommt nun auch die Frage auf, die dir während der intensiven Familienjahre immer wieder in den Sinn gekommen ist: Soll ich endlich eine andere Ausbildung oder ein weiteres Studium wagen? Woher kommt dieser Gedanke eigentlich?

3. Was bereitet dir wirkliche Freude?

Weißt du, welche (kleinteiligen) Tätigkeiten dir wirkliche Freude bereiten? Dieses Wissen bietet Hinweise auf ein mögliches Betätigungsfeld – eventuell auch ohne neue Ausbildung oder Studium. Verbiete dir Totschlagargumente wie „Das ist brotlose Kunst“. Denn damit beraubst du dich spannender Gedankenexperimente. Wie kannst du also vorgehen?

  • Beobachte dich und deine bisherigen Aufgaben zwei Wochen lang – beruflich und privat. Notiere dir: Welche Aufgaben – auch sehr kleine – hast du erledigt?
  • Frage dich: Welche Aufgaben bringen dir Spaß (Skaliere dafür: 1 = sehr wenig bis 10 = besser geht es nicht)?
  • Überlege: Was tust du nur aus Pflichtbewusstsein? Welche Aufgaben fehlen dir?
  • Informiere dich: Welche Jobs beinhalten die Dinge, die dir besondere Freude bereiten? Auch wenn sie zunächst nichts mit deinem erlernten Beruf zu tun haben. Auch wenn du glaubst, dass sich das finanziell alles nicht darstellen lässt. Lass die Themen auf dem Zettel stehen und eine Zeit ergebnisoffen auf dich wirken.
  • Sprich mit einer Vertrauensperson über deine Ideen und Gedanken – ohne direkt zu bewerten oder zu entscheiden.

4. Der Einfluss deiner Werte

Einfach nur den Arbeitgeber zu wechseln, ist in der Regel keine Lösung. Gerade dann, wenn du dir sicher bist, dass es nicht dein eigentlicher Job ist, der dich frustriert. Wirf dazu einen Blick auf deine Werte, um anschließend zu klären, inwieweit dein aktueller oder ein potenzieller Arbeitgeber diese Werte teilt. Denn auch hier kann Frustrationspotenzial liegen. Deine Werte werden damit zu einer Art Richtschnur, um ein mögliches neues Umfeld auf Passgenauigkeit hin zu testen. Frag dich also beispielsweise:

  • Welche Kultur des Miteinanders, was für ein Umfeld benötigst du?
  • Wie wichtig sind dir eine klare Hierarchie im Vergleich zu dem individuellen Freiheitsgrad?
  • Wie wichtig ist dir (und was daran genau) das Miteinander im Team und mit deinen Vorgesetzten?
  • Wie wichtig ist dir nachhaltiges Denken und Handeln eines Arbeitgebers?

Setz dich mit dir und deinen Werten auseinander und prüfe anhand der Unternehmensphilosophie, der proklamierten Werte oder (eingeschränkt) auch der Erfahrungsberichte in den sozialen Medien, inwieweit dein (möglicher neuer) Arbeitgeber gut zu dir passt.

5. Wie wird entschieden?

Die kompetenteste Person, um einen Entschluss für deine weitere berufliche Zukunft zu treffen, bist du! Deshalb solltest du auch, bevor ihr als Paar wieder miteinander in das Gespräch einsteigt, eine eigene Entscheidung treffen, welche Präferenz du für dich hast.

Die Vision deines Lebens und die darauf einzahlende berufliche Mission (die all die zuvor genannten Aspekte umfasst) bieten eine abschließende Entscheidungshilfe und bereiten den Weg in das gemeinsame Gespräch und die anstehende Entscheidungsfindung. Wie darauf basierend die Entscheidungsfindung gelingen kann? Die Antwort darauf gibt es in Teil 2 dieser Serie.

Hier geht es zum nächsten Artikel der Serie von Carmen Gladhofer: Wie du eine gute berufliche Entscheidung triffst

Hier geht es zu Teil 3: Wie du eine passende Stelle findest und dich darauf bewirbst

Hier geht es zu Teil 4: Wie der Bewerbungsprozess gelingt

Carmen Gladhofer ist Ökonomin, Trainerin und arbeitet in Dortmund als Systemischer (Online-)Coach. Sie bietet Businesscoachings mit dem Schwerpunkt „berufliche Zufriedenheit“ an.

Ihr Sohn bricht das Studium ab und wird Koch – das lehrte Barbara-Christine diese Phase

Nicht jeder muss studieren. Barbara-Christine Schild hat das bei ihrem Sohn selbst erlebt. Und warnt davor, dass Eltern beim Berufswunsch mitbestimmen.

Mit der Entscheidung für einen zukünftigen Beruf stellen viele Jugendliche erstmals im Leben eigenverantwortlich die Weichen für ihre Zukunft. Das ist sowohl Chance als auch Risiko und für viele eine immense Herausforderung. Sie müssen sich mit sich selbst auseinandersetzen, ihre Talente und Interessen erkennen und gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit des anvisierten Berufes abwägen. Darüber hinaus ist der Weg zum Ziel nicht immer gleich erkennbar. An dieser Stelle brauchen die Jugendlichen Unterstützung. Uns als Eltern kommt dabei eine besondere Rolle zu, auf die wir uns bewusst vorbereiten und in die wir nicht einfach hineinrutschen sollten.

Denn nicht nur in den Gesprächen, die wir mit unseren Kindern zu deren beruflicher Zukunft führen, auch ganz nebenbei im Alltag formulieren wir Vorstellungen, die wir für unsere Kinder haben. Damit machen wir Vorgaben, die oft für den Nachwuchs zur Orientierung oder gar Leitlinie werden – nicht zuletzt im Vertrauen darauf, dass die Eltern mit ihrer Lebenserfahrung schon wissen, was für die Kinder gut sein könnte.

Nicht ganz unvoreingenommen

Aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit im Bundesinstitut für Berufsbildung könnte man vielleicht vermuten, dass ich die ideale Begleiterin in Sachen Berufswahl der eigenen Kinder sein könnte. Ich denke, dass das für mich persönlich nicht gilt – sonst wären die Dinge bei uns anders gelaufen. Auch in unserer Familie wurden die Gespräche über die berufliche Zukunft offenbar nicht ganz ergebnisoffen geführt: Tatsächlich hatte sich bei unserem Sohn die Vorstellung manifestiert, dass wir von ihm erwarten, nach dem Abitur ein Studium zu absolvieren. Dies hat uns doch sehr überrascht, denn eigentlich hatten wir gedacht, den Zukunftsvorstellungen unserer Kinder unvoreingenommen begegnet zu sein. Erst die persönliche Erfahrung hat meinen Blick dafür geschärft, wie man die Kinder begleiten sollte, wenn sie wichtige Entscheidungen für die berufliche Zukunft treffen müssen – und dass wir immer wieder unsere eigene Neutralität hinterfragen sollten.

Die befreiende Frage

Unser heute 27-jähriger Sohn hat das Gymnasium besucht, in der Oberstufe die Leistungskurse Sport und Mathe belegt und nach dem Motto „Ein kluges Pferd springt nicht höher, als es muss“ ein eher mittelprächtiges Abitur abgelegt. Anschließend hat er die Entscheidung zur eigenen Zukunft zunächst einmal vertagt und für sich eine „Findungsphase“ eingefordert. Die haben wir ihm unter der Auflage gewährt, dass er sich einen Job sucht und eine fixe Aufgabe im Haushalt übernimmt. Gesagt, getan: Den Job fand er schnell in einem Restaurant, zu Hause übernahm er das Kochen für die Familie.

Wir merkten schnell, wie begeistert er von diesen Aufgaben war. Dennoch hatte sich bei ihm der Gedanke, „dass man nach dem Abitur halt studiert“ und dass dies ja auch mit den elterlichen Vorstellungen einhergeht, offenbar schon sehr gefestigt. Deshalb begann er nach diesem Jahr mit einem Studium. Begeisterung dafür war jedoch keine zu spüren, er berichtete kaum über seinen Unialltag. Stattdessen drehten sich die Gespräche mit ihm immer wieder um das Kochen und wie welche traditionellen Gerichte zu modernisieren wären. Irgendwann haben wir dann die „befreiende“ Frage gestellt, was er denn nun wirklich möchte: studieren oder eine Ausbildung zum Koch machen?

Plötzlich ist der Berufswunsch klar

Es sprudelte nur so aus ihm heraus. Den Plan, Koch zu werden, hatte unser Sohn schon vollends ausgeklügelt, das erforderliche Vorgehen bereits klar durchdacht. Er wusste, dass er die französische Küche von der Pike auf lernen wollte, und hatte sich bereits ein Restaurant mit bestem Ruf ausgesucht. Die zentrale Begründung war, dass dort der Koch nicht im Fernsehen, sondern in der Küche zugegen sein und ihn einweisen würde. Wir haben ihm zugestimmt, es zu versuchen. Von da an ging alles schnell. Die Bewerbung war nach drei Tagen auf den Weg gebracht, weitere drei Tage später kam die Einladung des Restaurants. Für eine Woche wollten sie ihm die Möglichkeit geben, die Anforderungen des Hauses kennenzulernen.

Er war so beseelt von seinem Tun dort, dass völlig klar war: Hier hat jemand seine Profession gefunden. Eine Woche nach dem Praktikum lag der unterschriebene Ausbildungsvertrag in unserem Briefkasten. Die Ausbildung war wirklich hart, menschlich wie fachlich. Aber nicht einen Tag hat unser Sohn diese Entscheidung in Zweifel gezogen. Inzwischen leitet er die Küche eines Düsseldorfer Restaurants und sagt: „Das Kochen ist für mich das Bedienen eines Grundbedürfnisses. Und ich darf das jeden Tag tun – wow!“ Jetzt sind wir froh, dass wir alle zusammen rechtzeitig die Kurve bekommen haben. Für uns als Eltern bleibt die Erkenntnis, mehr auf unsere Kinder zu vertrauen. Sie wissen schon ganz gut, wie sie sich auf den Weg in die eigene Zukunft machen müssen. Das Ziel sollten die Jugendlichen selbst wählen – auf dem Weg dorthin können und müssen wir sie unterstützen.

Eltern sollten nur begleiten, nicht leiten

Die unvoreingenommene Beratung ist für Eltern nicht ganz einfach, denn sie „wollen ja immer das Beste“ für ihre Kinder – und glauben gern, das auch beurteilen zu können, denn sie haben ihre Kinder auf ihrem bisherigen Weg stets „gelenkt“. Aber in diesem Fall verändert sich unsere Rolle vom Leitenden zum Begleitenden. Sich dessen bewusst zu sein, dass für uns eine neutrale Beratung der eigenen Kinder bei der Berufswahl nicht ganz einfach ist, kann ein erster Schritt hin zu einer ergebnisoffenen Begleitung sein. Die fehlende Objektivität gegenüber den Kindern ehrlich zu formulieren, kann sie motivieren, die elterlichen Vorstellungen tatsächlich mit Blick auf die Vereinbarkeit mit den eigenen Ideen zu hinterfragen. Es muss für Kinder deutlich werden, dass die kritische Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Eltern legitim ist – was im Übrigen nicht nur bei der Berufswahl gilt.

Wenn die Berufsorientierung zum Thema wird, gilt die Devise: erst einmal zuhören und die Kinder reden lassen. Darüber hinaus sollten wir als Eltern uns bewusst machen, dass es heute nicht nur eine Vielzahl an Möglichkeiten gibt, sondern auch, dass sich Berufsbilder sehr stark gewandelt haben. So kann es sein, dass meine Vorstellungen von Berufen und deren Tätigkeiten sowie Anforderungen nicht mehr aktuell sind. Es hilft auch, sich als Eltern über den heutigen Stand in den jeweiligen Berufen erst einmal zu informieren.

Traumberuf: ja oder nein?

Ich sollte mein Kind nicht von seinem Berufswunsch abbringen, selbst wenn dieser nicht dem entspricht, was ich mir erhoffe: Wenngleich es Zeit kostet und vielleicht auch mit Enttäuschungen verbunden ist, sollten Kinder sich mit ihren Ideen versuchen dürfen. Allein schon, damit keine „offenen Fragen“ im Leben bleiben – getreu dem Motto: „Hätte ich doch …“. Auf der anderen Seite gibt es natürlich Jugendliche, die zunächst einen ähnlichen Weg wie die Eltern einschlagen möchten. Sich ein Stück weit auf „vertrauten Pfaden“ zu bewegen, etwas zu tun, was man schon zu kennen glaubt, erscheint zunächst vielleicht als der Weg des geringsten Widerstands.

Dabei sollten wir Eltern aber schon erkennen, ob bei unseren Kindern ein echtes Interesse vorliegt. Falls ja, ist es aus meiner Sicht sinnvoll, dass sie die Ausbildung in einem fremden Betrieb der gleichen Branche machen und nicht im elterlichen Unternehmen. Oder man zeigt den Kindern ähnliche Optionen auf. So nennen viele Kfz-Mechatroniker/in als Berufswunsch, aber vielleicht wäre auch eine Ausbildung als Zweiradmechaniker/in oder Land- und Baumaschinenmechatroniker/in spannend. Das erweitert zudem die Perspektive.

Einfach in Berufe reinschnuppern

Eltern sollten die vielfältigen Informationsmöglichkeiten nutzen, zum Beispiel digitale Angebote (siehe unten) oder Elternabende zur Berufsorientierung in der Schule. Vorteil des heutigen Schulsystems sind die vielfältigen Angebote zur Berufsorientierung: zum Beispiel Potenzialanalysen, Berufsfelderkundungen oder Praktika. Als Eltern können wir unsere Kinder motivieren, sich auszuprobieren und in Berufe hineinzuschnuppern, die sie nicht auf dem Schirm hatten. Sie sind ja auch einen Schritt weiter, wenn sie wissen, was auf keinen Fall in Frage kommt. Vielleicht werden sie aber auch positiv überrascht. Es hilft, praktische Erfahrungen zu sammeln.

Generell sollten wir als Eltern unsere Kinder stärken, sich etwas zuzutrauen und Rückschläge nicht als totales Versagen zu interpretieren. Die wichtigste Botschaft an die Jugendlichen ist: Welchen Beruf auch immer ihr auswählt, entscheidend ist, dass ihr es so gut macht, wie ihr könnt!

Barbara-Christine Schild ist Diplom-Geografin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Hilfreiche Online-Portale

berufenavi.de: Das neue Berufsorientierungsportal für Jugendliche des Bundesministeriums für Forschung (BMBF) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) will Jugendliche bei der Suche nach ihrem Wunschberuf unterstützen. Neben einer Selbsteinschätzung bietet es Orientierungshilfen, Talenttests, Praktikumsbörsen und Beratungsangebote sowie Links zu weiteren Online-Angeboten.

berufsberatung.ch: Das offizielle schweizerische Informationsportal bietet eine Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung und beantwortet Fragen rund um Lehrstellen, Berufe, Aus- und Weiterbildungen.

jugendportal.at/themen/arbeit-beruf/ berufsorientierung: Hier gibt es zahlreiche Links zu Websites und Beratungsangeboten in Österreich.

Welchen Beruf soll mein Kind nach der Schule wählen? Diese Tipps können helfen

Die Jobwahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben. Aber was tun nach dem Schulabschluss? Berufsberaterin Heike Scherneck weiß Rat.

„Meine Tochter (16) zerbricht sich seit Monaten den Kopf darüber, was sie nach der Schule machen soll. Dass ihr Abschluss nun immer näher rückt, entspannt die Lage nicht gerade. Wie kann sie diese Entscheidung treffen und wie können wir ihr dabei helfen?“

Die Berufswahl zählt zu den wichtigsten Entscheidungen im Leben, und ich rate, möglichst frühzeitig damit zu beginnen, denn die Frage, welcher Beruf zu einem passt, ist gar nicht so leicht zu beantworten.

Was sind die beliebtesten Berufe?

Zunächst gilt es herauszufinden, was man kann und will. Was sind die persönlichen Stärken und Schwächen Ihrer Tochter, ihre Hobbys und Lieblingsfächer, welcher Beruf interessiert sie? Hier kann die Hilfe durch Familie und Freunde förderlich sein. Anschließend folgt ein Abgleich dieser Eigenschaften mit Berufsbildern. Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen der letzten zehn Jahre gehören Kaufmann/-frau im Einzelhandel, Verkäufer/-in, Bürokaufmann/-frau, Handelsfachwirt/-in, Industriekaufmann/-frau, Bankkaufmann/-frau oder Medizinische/-r Fachangestellte/-r. Natürlich kann auch ein Studium in Erwägung gezogen werden.

Arbeitsagentur übernimmt Reisekosten

Ob Ausbildung oder Studium – es empfiehlt sich immer, die Unterstützung von Experten zu suchen. An den Schulen sprechen die Berufsberater das Thema in den Vorabgangsklassen an. Bei einem Praktikum können Berufsfelder kennengelernt und ausprobiert werden. Es gibt auch verschiedene Informationsquellen online, wie beispielsweise den „Berufe-Entdecker“ auf planet-beruf.de oder in der Schweiz berufsberatung.ch. Ich empfehle zudem ein individuelles Gespräch mit einem Berufsberater der Arbeitsagentur. Hier werden jahrelange Erfahrungen und Kenntnisse über den regionalen Arbeitsmarkt weitergegeben und auch Bewerbungs- und Reisekosten zu Vorstellungsgesprächen übernommen.

Worauf es bei der Bewerbung ankommt

Findet Ihre Tochter eine Stellenanzeige, die ihr gefällt, sollte sie darauf achten, ob der Arbeitgeber eine klassische Bewerbung mit Anschreiben, Lebenslauf, Passbild und Zeugnissen oder eine E-Mail-Bewerbung wünscht. Danach orientiert sich der Aufbau des Anschreibens. Die Berufsberatung bietet auch dazu Unterstützung an. Ich rate den jugendlichen Bewerberinnen und Bewerbern, sich vor einem Vorstellungsgespräch über den Ausbildungsbetrieb kundig zu machen. Meist hilft ein Blick auf die Homepage der Firma, aber auch ein Klick auf berufenet.arbeitsagentur.de ist gut, um Auskünfte über die Ausbildung zu erhalten. Auf Umgangsformen, Motivation und Kleidung sollte auch geachtet werden. Angemessene Kleidung heißt nicht immer Schlips und Kragen.

Gute Chancen trotz Corona

Durch die Corona-Krise kam es auf dem Ausbildungsmarkt zu Verschiebungen. Arbeitgeber waren bei der Einstellung von Jugendlichen zum Teil zurückhaltend. Aber aufgrund der demografischen Entwicklung und dem unveränderten Fachkräftebedarf sind die Chancen nach wie vor sehr gut. Besonders chancenträchtig sind weniger bekannte Ausbildungsberufe. Sollte Ihre Tochter trotz guter Vorbereitung keinen Ausbildungsplatz bekommen, gibt es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten. Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen oder Einstiegsqualifizierungen, beides eine Art Jahrespraktikum, sind Beispiele dafür.

Heike Scherneck ist Berufsberaterin der Agentur für Arbeit Gießen.

„Unser Sohn hängt nach dem Abitur nur zu Hause rum“ – Da hilft nur Durchgreifen

Was tun nach dem Abi? Wenn die Antwort »Nichts« ist, sind die Eltern gefragt. Wie das funktioniert, erklärt Pädagogin Sonja Brocksieper.

„Unser Sohn (19) konnte sich nach dem Abitur nicht für ein Studienfach entscheiden. Einen Job hat er sich auch nicht gesucht und hängt nur zu Hause oder mit Freunden rum. Müssen wir das akzeptieren?“

Vielen Abiturientinnen und Abiturienten fällt es heute aufgrund der Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten schwer, sich direkt nach der Schule für einen nächsten Schritt zu entscheiden. Manche sprechen sogar von einem echten Gesellschaftsphänomen, für das es vielschichtige Gründe gibt. Für Eltern ist das nicht einfach, und es kann zu einer großen Belastungsprobe werden.

Was kann ich tun?

Einerseits ist es verständlich, dass junge Erwachsene nach der langen Schulzeit von mindestens zwölf Jahren das Bedürfnis nach einer Verschnaufpause haben. In einem gewissen Rahmen kann man ihnen die auch durchaus gönnen. Andererseits braucht es dabei auch immer gute Absprachen und eine Perspektive, wie es langfristig weitergehen kann. Sie müssen also keineswegs akzeptieren, dass Ihr Sohn nur abhängt.

Verdeutlichen Sie ihm das Prinzip von Rechten und Pflichten. Jeder Mensch, der in unserer Gesellschaft seine Pflichten nicht erfüllt, muss damit rechnen, dass seine Rechte eingeschränkt werden. So funktioniert das Zusammenleben. Eltern sind verpflichtet, ihrem volljährigen Kind den Unterhalt zu zahlen, wenn es dazu noch nicht in der Lage ist, bis eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen ist. Macht ein volljähriges Kind nach der Schule aber einfach nichts, muss das nicht auf Kosten der Eltern laufen. Dann sollten Sie ihm keineswegs ein entspanntes Leben finanzieren, denn das hemmt die Entwicklung und Reifung Ihres Sohnes.

Sie dürfen unbequem werden!

Ihr Sohn muss die Verantwortung für seine Entscheidung tragen, indem er die Folgen spürt. Denn nicht nur Sie, auch er hat Pflichten: Er muss sich um seine finanzielle Absicherung kümmern und Aufgaben im Haushalt übernehmen. Das ist sogar gesetzlich geregelt! Erklären Sie ihm, dass Sie den Service einstellen und seine finanzielle Unterstützung reduzieren werden, wenn er sich nicht daran hält. Das Leben kann ruhig unbequem für ihn werden. Zeigen Sie Ihrem Sohn diese Optionen auf und setzen Sie ein Zeitlimit, bis wann er sich für eine Ausbildung, einen Job, ein Studium, soziales Jahr oder dergleichen entschieden haben muss und bieten Sie ihm dabei Ihre Unterstützung und Begleitung an. Ist es nicht möglich, mit ihm auf dieser vernünftigen Ebene Lösungen zu finden, könnte es Sinn machen, sich Vertrauenspersonen wie Verwandte, Paten oder Freunde dazuzuholen.

Was steckt dahinter?

Es stellt sich aber auch die Frage, warum sich Ihr Sohn nicht um einen Job gekümmert hat. Was ist die Ursache für sein Durchhängen? Ist es reine Faulheit, dann sollte Ihr Sohn die Konsequenzen deutlich erleben und mit den Einschränkungen leben. Steckt dahinter aber eine echte Lebenskrise, die viel tiefer geht, braucht er emotionale Unterstützung, um aus diesem Loch herauskommen zu können. Dann könnte es doch hilfreich sein, ihm eine Verschnaufpause für eine gewisse Zeit möglich zu machen, mit dem Ziel, die Seelenbatterie aufzuladen, sodass eine Ausbildung überhaupt erst möglich ist. Vermutlich wird das aber ohne eine psychologische Beratung nicht gehen.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F: sonja-brocksieper.de 

Abhängen nach dem Abi

„Unser Sohn (19) konnte sich nach dem Abitur nicht für ein Studienfach entscheiden. Einen Job hat er sich auch nicht gesucht und hängt nur zu Hause oder mit Freunden rum. Müssen wir das akzeptieren?“

Vielen Abiturientinnen und Abiturienten fällt es heute aufgrund der Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten schwer, sich direkt nach der Schule für einen nächsten Schritt zu entscheiden. Manche sprechen sogar von einem echten Gesellschaftsphänomen, für das es vielschichtige Gründe gibt. Für Eltern ist das nicht einfach, und es kann zu einer großen Belastungsprobe werden.

Einerseits ist es verständlich, dass junge Erwachsene nach der langen Schulzeit von mindestens zwölf Jahren das Bedürfnis nach einer Verschnaufpause haben. In einem gewissen Rahmen kann man ihnen die auch durchaus gönnen. Andererseits braucht es dabei auch immer gute Absprachen und eine Perspektive, wie es langfristig weitergehen kann. Sie müssen also keineswegs akzeptieren, dass Ihr Sohn nur abhängt.

Rechte und Pflichten

Verdeutlichen Sie ihm das Prinzip von Rechten und Pflichten. Jeder Mensch, der in unserer Gesellschaft seine Pflichten nicht erfüllt, muss damit rechnen, dass seine Rechte eingeschränkt werden. So funktioniert das Zusammenleben. Eltern sind verpflichtet, ihrem volljährigen Kind den Unterhalt zu zahlen, wenn es dazu noch nicht in der Lage ist, bis eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen ist. Macht ein volljähriges Kind nach der Schule aber einfach nichts, muss das nicht auf Kosten der Eltern laufen. Dann sollten Sie ihm keineswegs ein entspanntes Leben finanzieren, denn das hemmt die Entwicklung und Reifung Ihres Sohnes.

Ihr Sohn muss die Verantwortung für seine Entscheidung tragen, indem er die Folgen spürt. Denn nicht nur Sie, auch er hat Pflichten: Er muss sich um seine finanzielle Absicherung kümmern und Aufgaben im Haushalt übernehmen. Das ist sogar gesetzlich geregelt! Erklären Sie ihm, dass Sie den Service einstellen und seine finanzielle Unterstützung reduzieren werden, wenn er sich nicht daran hält. Das Leben kann ruhig unbequem für ihn werden. Zeigen Sie Ihrem Sohn diese Optionen auf und setzen Sie ein Zeitlimit, bis wann er sich für eine Ausbildung, einen Job, ein Studium, soziales Jahr oder dergleichen entschieden haben muss und bieten Sie ihm dabei Ihre Unterstützung und Begleitung an. Ist es nicht möglich, mit ihm auf dieser vernünftigen Ebene Lösungen zu finden, könnte es Sinn machen, sich Vertrauenspersonen wie Verwandte, Paten oder Freunde dazuzuholen.

Was steckt dahinter?

Es stellt sich aber auch die Frage, warum sich Ihr Sohn nicht um einen Job gekümmert hat. Was ist die Ursache für sein Durchhängen? Ist es reine Faulheit, dann sollte Ihr Sohn die Konsequenzen deutlich erleben und mit den Einschränkungen leben. Steckt dahinter aber eine echte Lebenskrise, die viel tiefer geht, braucht er emotionale Unterstützung, um aus diesem Loch herauskommen zu können. Dann könnte es doch hilfreich sein, ihm eine Verschnaufpause für eine gewisse Zeit möglich zu machen, mit dem Ziel, die Seelenbatterie aufzuladen, sodass eine Ausbildung überhaupt erst möglich ist. Vermutlich wird das aber ohne eine psychologische Beratung nicht gehen.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und ist Mitarbeiterin bei Team.F. www.sonja-brocksieper.de 

Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com