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„Unsere Kinder könnten sich doch mal verabreden“ – Kann man Freundschaft erzwingen?

Elternfrage: „Wiederholt hat mich eine Freundin gefragt, ob sich unsere Töchter (11) nicht mal verabreden möchten. Aber meine Tochter verabredet sich nicht so gern mit ihrer Tochter. Mir fällt es schwer, ihnen abzusagen. Soll ich meine Tochter überreden oder meiner Freundin die Wahrheit sagen?“

Ihre Tochter steht an der Schwelle zum Jugendalter und braucht in ihren sozialen Beziehungen ein immer größer werdendes Mitbestimmungsrecht. Aus diesem Grund sollten Sie das Nein Ihrer Tochter unbedingt ernst nehmen und die Grenze Ihrer Tochter schützen.

Solange Kinder noch jünger sind, stehen sie häufig in Kontakt miteinander, weil sich ihre Eltern treffen. Kleinere Kinder spielen miteinander, ohne dass sie untereinander immer die besten Freunde sein müssen. Das ändert sich jedoch mit dem Alter. Kinder lösen sich von den Eltern und ändern ihre Bedürfnisse. Dann sind Gleichaltrige nicht mehr vorrangig zum Spielen da, sondern um sich über ihre Lebenswelt, Interessen und Träume auszutauschen. So können tiefere Freundschaften entstehen, die ein Vertrauensverhältnis und eine Freiwilligkeit voraussetzen. Dies sollte unbedingt geachtet werden.

Selbstbestimmung des Kindes

Wenn die Wellenlänge zwischen Ihrer Tochter und der Tochter Ihrer Freundin nicht stimmt, ist das schade, aber kein Grund, aus Gefälligkeit der Mutter gegenüber Druck auf die eigene Tochter auszuüben. Denn Verabredungen oder gar Freundschaften können nicht erzwungen werden. Auf der einen Seite ist Ihr Wunsch, Ihre Freundin nicht vor den Kopf zu stoßen, berechtigt und nachvollziehbar. Auf der anderen Seite ist es aber Ihre Aufgabe als Mutter, Ihrer Tochter in ihren Beziehungen möglichst viel Gestaltungsfreiheit zu geben. In dieser Abwägung ist es ratsam, dass Sie die Selbstbestimmung Ihrer Tochter über das eigene Harmoniebedürfnis stellen.

Als Mütter befreundet bleiben

Auch wenn es schwerfällt, sollten Sie mit Ihrer Freundin in einen offenen und ehrlichen Austausch gehen. Hier könnten Sie das Gespräch mit der Frage beginnen, warum es ihr so wichtig ist, dass sich die Mädchen treffen. Vielleicht steckt hinter diesem Wunsch die Sorge, dass sich die Tochter zu sehr isoliert oder ihre Freizeit nicht sinnvoll gestalten kann. Vielleicht sind es falsche Freunde, mit denen sich das Mädchen trifft, weshalb Ihre Freundin einen Handlungsbedarf sieht. Auch die Frage, was denn die Tochter selbst möchte, könnte helfen, die Situation etwas klarer werden zu lassen.

Durch solche Fragen schaffen Sie eine Vertrauensbasis, und Ihre Freundin fühlt sich mit ihren Anliegen gesehen. Möglicherweise können Sie auf diesem Weg gemeinsam Ideen entwickeln, wie Ihre Freundin gut für ihre eigene Tochter sorgen kann.

Wenn Sie an dieser Stelle klar benennen, dass Sie die Grenze Ihrer Tochter bewahren wollen, kostet das sicherlich etwas Überwindung, aber ohne Ehrlichkeit wird das Thema langfristig nicht zur Ruhe kommen. Erklären Sie Ihrer Freundin, dass Sie persönlich einen Kontakt zwischen den beiden Mädchen befürworten würden, aber die Entscheidung Ihrer Tochter respektieren möchten. Ich bin sicher, dass Ihre Tochter Ihnen das danken wird. Und eine Freundschaft unter Erwachsenen sollte es aushalten, dass eine Bitte abgelehnt wird, wenn das in Wertschätzung und Respekt geschieht.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Schüchternes Kind findet keine Freunde? Das können Eltern tun!

Wenn schüchterne Kinder Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden, können Eltern helfen. Bestseller-Autorin Nicola Schmidt gibt vier Tipps.

Es ist gut, sich die Frage zu stellen, wie wir in die Freundschaften unserer Kinder investieren können: Freunde sind extrem wichtig und können einen sehr positiven Einfluss auf Kinder haben. Schon ein einziger enger Freund kann dafür sorgen, dass sie besser mit schwierigen Zeiten klarkommen, herausfordernde Situationen in der Schule leichter bewältigen oder weniger Stress bei Tests haben. Dennoch haben Kinder unterschiedliche Wege, Freunde zu finden, und nicht jedes Kind braucht viele Freunde – manchmal reicht ein einziger. Als Erstes müssen wir also unterscheiden, ob wir ein schüchternes Kind haben, das eigentlich gern mit anderen spielen möchte und dabei Hilfe braucht oder ob wir ein Kind haben, das allein lesen, malen und für sich sein möchte. Wenn unser Kind sich – mehr – Freunde wünscht, können wir es gut mit den folgenden Tipps unterstützen.

1. Berührungspunkte aufspüren

Freundschaft zwischen Menschen beruht auf Gemeinsamkeiten – gemeinsamen Interessen, Erfahrungen oder Tätigkeiten. Wir fragen also unser schüchternes Kind: Wer teilt die gleichen Interessen? Wer wohnt in der Nähe? Wer ist nett?

2. Zueinander finden

Wenn wir das wissen, geht es mit dem zweiten Schritt weiter: Wie geht man auf Menschen zu? Wir können unser Schulkind ermuntern, die anderen Kinder zu fragen: Was spielen sie gern? Welche Musik interessiert sie? Welche Tiere? Welcher Sport? Wir wissen aus Studien, dass Kinder, die anderen Kindern gezielt zweimal am Tag helfen, mehr Freunde haben. Wem könntest du deine Stifte leihen? Wer würde gern einen von deinen Keksen probieren?

3. Unvollkommenheit normalisieren

Als Nächstes können wir unserem Kind beibringen, dass Freunde nicht perfekt sein müssen: „Aber niemand interessiert sich für Schach!“, schimpft unser Schulkind vielleicht. Okay, das können wir nicht ändern, aber was wäre für dich auch okay? Gehst du gern in die Natur? Interessierst du dich für Mathematik? Sogar: Findet noch jemand den Kunstunterricht langweilig? All das können Gemeinsamkeiten sein, auf denen wir Kontakt aufbauen können.

4. Treffen planen

Anschließend machen wir eine Spielverabredung in unserem Zuhause aus, weil sich schüchterne Kinder hier oft wohler und sicherer fühlen. Das kann auch heißen, auf „unserem“ Spielplatz, in „unserem“ Wald, in „unserem“ Zoo. Manchmal haben Kinder das Gefühl, dass sie „nichts zu bieten“ haben. Da kann es sehr hilfreich sein, an einen Ort zu gehen, den sie mögen, den sie kennen und den sie dem anderen Kind „zeigen“ können. Wenn sich unser schüchternes Kind jetzt windet: „Vielleicht langweilt sie sich aber dann doch!“ und nicht weiterweiß, können wir Situationen durchsprechen: Was könnte passieren? Wie möchtest du reagieren? Was könntest du sagen oder tun? Wie könnte ich dir helfen?
Auf diese Weise kann unser schüchternes Kind „Freundschaft“ üben und lernen – eine Fähigkeit, die ihm ein Leben lang helfen wird.

Nicola Schmidt ist Bestseller-Autorin und Gründerin des artgerecht-Projektes. Mehr Infos zum Thema bietet ihr Buch „artgerecht – das andere Schulkinderbuch“ (Kösel).