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Alles andere als egoistisch

Warum Selbstfürsorge gerade für Eltern wichtig ist. Und wie sie das richtige Maß finden. Von Julia Otterbein

Dem einen oder anderen schwirrt vielleicht folgender Gedanke durch den Kopf, wenn er das Wort Selbstfürsorge hört: Selbstfürsorge ist egoistisch; als Mutter oder Vater muss ich doch voll und ganz für die Kinder da sein.

Besonders Mütter denken, sie müssten sich immer und zuerst um die Belange aller anderen Familienmitglieder kümmern. Der eigene Anspruch, alles unter einen Hut zu bringen und eine perfekte Mutter zu sein, wirkt dabei häufig wie ein innerer Antreiber. Bei den Bemühungen, stets allen Anforderungen gerecht werden zu wollen, vergessen sie jedoch häufig sich selbst.

Auf der Liste immer ganz unten

Auch mir ging das phasenweise so. Meine Aufmerksamkeit galt lange Zeit voll und ganz meinen Kindern, dem Haushalt, meinen Ehrenämtern und ab irgendwann auch wieder meiner Arbeit als Pädagogin. Ich habe viel für andere gegeben, funktionierte dabei aber oft nur auf Sparflamme, und meine eigenen Bedürfnisse standen auf der Liste immer ganz unten. Bei dieser Herangehensweise entsteht aber schnell der Eindruck, dass Auszeiten eine Belohnung sind, die einem erst zusteht, wenn man es geschafft hat, alle anderen Aufgaben zu erledigen. Da das aber nie eintritt, gibt es folgerichtig keine Belohnung. Ein großer Zusammenbruch blieb mir damals zum Glück erspart und ich erkannte rechtzeitig, dass sich etwas ändern musste. Ich brauchte mehr Raum für mich und meine Bedürfnisse.

Zwischen Selbstfürsorge und Egoismus

Selbstfürsorge wird in unserer Gesellschaft häufig mit Egoismus verwechselt, und dieser verträgt sich so gar nicht mit unserem Bild von einer vermeintlich perfekten Mutter. Egoismus ist meist negativ belegt. Wir verbinden damit Begriffe wie Eigennutz oder Selbstsucht. Egoistische Menschen werden als rücksichtslose Personen wahrgenommen, die für ihren eigenen Vorteil bewusst Nachteile für andere in Kauf nehmen. Aber ist Selbstfürsorge tatsächlich egoistisch? Und leiden Kinder wirklich darunter, wenn Mama oder Papa sich mal Zeit für sich selbst nehmen?

Wie heißt es im Flugzeug bei den Sicherheitshinweisen doch immer so schön: „Setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf und helfen Sie dann anderen Personen.“ Meiner Familie ist also nicht damit geholfen, wenn ich monate- oder sogar jahrelang auf allen Straßen meines Lebens Vollgas gebe, ohne zwischendurch an die Tankstelle zu fahren. Dann bleibe ich irgendwann wie ein Auto liegen, gehe „kaputt“ und komme nicht dort an, wo ich hinwollte.

Selbstfürsorge ist Wertschätzung

Für mich hat Selbstfürsorge sehr viel mit Selbstwert zu tun. Was bin ich mir selbst wert? Steht es mir zu, jeden Tag eine Mittagspause zu machen, so wie es zum Beispiel im Arbeitsrecht ganz klar verankert ist? Warum scheint das für die unbezahlte „Kümmer-Arbeit“ in den Familien nicht zu gelten? Oder warum haben wir den Eindruck, dass es an dieser Stelle egoistisch sei, sich zwischendurch eine Pause zuzugestehen?

Fangen wir doch an, uns als Eltern selbst dafür wertzuschätzen und investieren in uns selbst und unsere eigenen Kräfte, indem wir uns regelmäßig Pausen nehmen, statt jahrelang über die eigenen Grenzen zu gehen und Raubbau an unserer Gesundheit zu betreiben. Auch im biblischen Doppelgebot der Liebe sind Selbstliebe und Nächstenliebe untrennbar verbunden und bedingen sich beide gegenseitig: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Markus 12,31)
Stress und Überforderung sind in unserer Gesellschaft mittlerweile zu sehr treuen Dauerbegleitern geworden. Gerade in den letzten Monaten waren wir Eltern besonders gefordert. Ein neuer Alltag im Homeoffice, zum Teil mit Homeschooling, und das ganz ohne die gewohnte Unterstützung von Oma und Opa und unserem modernen „Dorf“, also der Kita, Tagesmutter und sonstigen Menschen, die uns bei der Betreuung unserer Kinder unterstützen. Daher ist es jetzt wichtiger denn je, unsere Antennen regelmäßig nach innen auszurichten. Denn dauerhafter Stress hat fatale Folgen – körperlich und geistig. Und er überträgt sich auch auf unsere Kinder!

Ab wann ist es Egoismus?

Selbstfürsorge kann dann von anderen als Egoismus wahrgenommen werden, wenn man sich seine Freiräume ohne jegliche Absprache nimmt. Oder wenn einer der Partner ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass er sich täglich mehrere Stunden Zeit für sich nehmen kann, während der andere von früh bis spät ohne den Hauch einer Pause durchackert.

Ich empfehle daher gerne drei Schritte für eine gesunde Selbstfürsorge:

1 Wahrnehmen
Im ersten Schritt geht es erst mal darum, dass du regelmäßig eine Bestandsaufnahme bei dir selbst machst: Was ist gerade in mir los? Wie fühle ich mich? Was brauche ich gerade? Was tue ich jetzt als nächstes?

2 Kommunizieren
Der nächste Schritt kann und sollte dann die Kommunikation mit deinen Liebsten (Partner und Kinder) sein, denn häufig können die gar nicht sehen, dass deine „Tankanzeige“ schon im roten Bereich liegt. Benenne klar, wo deine Grenzen sind, wann du Unterstützung oder eine Pause brauchst.

3 Umsetzen
Wie genau die Umsetzung für dich aussehen kann und welches Maß an Selbstfürsorge für dich das richtige ist, lässt sich hier natürlich nicht allgemein beantworten. Einige bewährte Ideen habe ich in der Infobox zusammengestellt. Nutze sie wie ein Buffet und nimm dir das für dich Passende als Inspiration heraus.

Und wenn du das Gefühl hast, dass du bei einem der drei Schritte nicht allein zurechtkommst, dann suche dir dafür (professionelle) Unterstützung, um deine für dich passende Strategie zu entwickeln. Du bist es wert! Deine Bedürfnisse sind wichtig und du darfst dich selbst wichtig nehmen!

Julia Otterbein lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Rhein- Main-Gebiet. Sie ist Sozialpädagogin und Selbstfürsorge-Coach für Mütter. www.familywithlove.de

Wenn Gott auf der Bettkante sitzt

Ein Infekt zwingt die sonst so aktive Veronika Smoor ins Bett. Und beschenkt sie mit wichtigen Erkenntnissen.

„Und du wirst mich immer lieben, richtig?“
„Ja.“
„Selbst der Regen wird das nicht ändern?“
„Nein.“
– Ernest Hemingway –

Legen Sie sich das ganze Wochenende hin, und lassen Sie Ihren Mann die Kinder übernehmen.“ Mein Arzt schaut mich streng über seine Brille hinweg an. Ich habe einen grippalen Infekt verschleppt und bin das dritte Mal innerhalb von fünf Wochen krank. Stur und ärztemisstrauisch wie ich bin, habe ich mich lange geweigert, fachlichen Rat zu suchen (weil Dr. Google selbstverständlich kompetenter ist). Aus Sorge hat mein Lieblingsmann einen Termin für mich vereinbart. Also sitze ich nun hier und muss mir mit gesenktem Haupt anhören, dass weder Eigenblut-Therapien noch Smoothie-Kuren mein Immunsystem auf Vordermann brächten, sondern nur die gute altmodische Bettruhe.

Es ist Hochsommer und meine Projekte laufen auf Hochtouren. Täglich bombardiert mich mein überaus produktiver Garten mit Tomaten, Zucchini, Brombeeren und Gurken. Außerdem wollen Kräuter geerntet und verarbeitet werden, denn ich habe mich meinem neuesten Hobby, der Herstellung von Kräutermedizin, gewidmet (welch Ironie in meinem Zustand). Ein Kunde wartet dringend auf einen Rückruf, weil ich seine Hochzeit fotografieren soll. Aber ich bin so schrecklich heiser, und ich will bei ihm und seiner zarten Verlobten nicht den Eindruck hinterlassen, ich würde mich in meiner Freizeit dem hemmungslosen Genuss von Whiskey und Zigaretten widmen. Außerdem wollte ich noch zwei Partys organisieren.

SCHWER WIE BLEI
Zähneknirschend gebe ich dem Arzt recht. Da ich beruflich selbstständig bin, kann ich mich nicht krankschreiben lassen und mit einem wohligen Juhu in die Sofakissen sinken. Ich muss mir selbst die Erlaubnis erteilen, krank sein zu dürfen. Und das habe ich die letzten fünf Wochen nicht getan. Stur habe ich Foto-Termine abgearbeitet, Gemüse eingeweckt, Beeren gesammelt, bin mit den Kids geschwommen und habe das Kinderzimmer neu gestrichen. Nun liege ich hier, mitten in den Kissen und fühle mich gar nicht wohlig. Draußen tobt der schönste Sommer. Und ich versumpfe hier drin.

„Danke“ – Die Trainingsfelder

In den letzten fünf Ausgaben ging es an dieser Stelle darum, welche Schritte Sie gehen können, um ein dankbarer Mensch zu werden. Im abschließenden Teil der Family- Serie zur Dankbarkeit wird es ganz praktisch: Wer ein dankbarer Mensch werden will, braucht Trainingsfelder. Von Martin Gundlach

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Nur eine Sache

Moor Jovanovski über Konzentration aufs Wesentliche.

Irgendwas ist immer!“ Diese drei Worte sprangen mich plötzlich an. Ich hatte mir gerade den Luxus erlaubt, einen Buchladen durchzustöbern. Zwischen den Regalen waren Magnete mit kleinen Weisheiten angebracht. „Irgendwas ist immer!“ – dieser Magnet kam mir wie ein Stoppschild vor. Er aktivierte mein schlechtes Gewissen. Ich fühlte mich beim Vertrödeln wichtiger Lebenszeit ertappt. Die Leichtigkeit war dahin, und ich stand wieder unter Strom. Stimmt, dachte ich. Irgendwas ist immer.

Gerade, als ich hinauseilen wollte, um meinem Leben wieder Effizienz zu verleihen, fiel mir ein, dass man diese Aussage auch mit einem Teilsatz erweitern könnte: „Irgendwas ist immer, also mach dich nicht verrückt!“ Meine Schritte wurden langsamer, und weitere Varianten für die zweite Satzhälfte fielen mir ein: „… also gönn dir mal eine Pause.“ „… also versuch nicht alles auf einmal zu lösen.“ Und dann noch eine weitere für mich wichtige Version: „… also vergiss die wirklich wichtigen Dinge nicht!“

Wirklich wichtig sind nur wenige Dinge, aber um diese muss man in unseren Zeiten wirklich ringen. Jeder macht sein Anliegen wichtig. „Irgendwas ist immer“ wird zu einem Lebensgefühl. Ständig poppen jede Menge Nachrichten auf unserem Display auf und buhlen um unsere Aufmerksamkeit.

Diesem Lebensgefühl begegne ich mit der „Kultur der einen Sache“. So habe ich meinen Entschluss benannt, die wirklich wichtigen Dinge in meinem Leben zu kultivieren. Ich habe festgestellt (und wen wundert das), dass viele automatisierte Abläufe in meinem Alltag zu finden sind: Der Griff zum Smartphone. Der Blick ins Mailpostfach. Die Sichtung der Aufgabenlisten. Sie sind deshalb automatisch, weil sie durch das Gefühl ausgelöst werden, dass ich danach schauen muss.

Diesen Selbstläufer habe ich für meine „Kultur der einen Sache“ genutzt. Ich habe mir sehr nüchtern überlegt, was mir die meiste Kraft gibt und was meine größte Quelle der Inspiration ist und bin bei diesen Überlegungen auf einen Psalm gestoßen, der zur Grundlage für diesen Selbstläufer geworden ist:

„Eins habe ich vom HERRN erbeten, danach trachte ich: zu wohnen im Haus des HERRN alle Tage meines Lebens, um anzuschauen die Freundlichkeit des HERRN und nachzudenken in seinem Tempel. Denn er wird mich bergen in seiner Hütte am Tag des Unheils, er wird mich verbergen im Versteck seines Zeltes; auf einen Felsen wird er mich heben.“ (Psalm 27,4+5)

Eine Sache! Eine einzige Sache, die tatsächlich das Wichtigste zu sein scheint: Gott sehen. Nachzudenken über seine Präsenz. Seine Freundlichkeit vor Augen haben. Geborgenheit erleben. Ein Zuhause spüren. Fundamente bekommen.

Die Sehnsucht danach versuche ich zu kultivieren, damit ich ganz automatisch nach Begegnungen mit Gott suche. Das Gefühl, auf meine Arbeit schauen zu müssen, weil irgendwas immer ist, bekämpfe ich nicht, denn es bringt mich auch voran. Ich habe vielmehr ein weiteres Lebensgefühl kreiert, dass es eine Sache gibt, die mir Kraft und Quelle ist und so stelle ich die Alarmzeit meines Weckers auf 05:25 Uhr. Hier ist die Ruhe, um meiner „Kultur der einen Sache“ nachzukommen. Denn danach ist immer irgendetwas.

Moor JovanovskiMoor Jovanovski hat zwei Kinder und ist verheiratet mit Monica.
Er arbeitet als Fachlehrer im Bereich Praktische Theologie am Theologischen Seminar Beröa.

 

 

Verschmierte Brille

Oder: Die Unmöglichkeit, einen Granatapfel ohne Spritzer zu entkernen. Von Stefanie Diekmann.

Quirliges Toben in der Teengruppe. Interessant, wer die Witze reißt und wer nicht darüber lacht. Wer sich entspannt verhält und wer nicht, so wie Dustin. Ein Junge wie ein explosives Pulverfass. Immer wieder wandert mein Blick zu Dustins Brille. Sie ist so schmierig und verschmutzt, dass fast jeder irgendwann fragt: „Soll ich dir mal die Brille putzen? Du siehst doch gar nichts.“ Vehement schüttelt der herausfordernde Teen dann den Kopf: „Finger weg! Ich will das so!“

Mit meinem Muttersein geht es mir ähnlich. Mein Alltag hat an meinem Blickfeld Spuren hinterlassen. Einiges an meinem Mutter-Ich funktioniert automatisch: das Heraussuchen von Büchern zum Familienlesen, das Feste-Vorbereiten zum Zeugnis, Geburtstag oder einfach so, meine Reaktionen bei versemmelten Mathearbeiten. Einiges aber braucht mehr Hinsehen und Üben: gerecht bleiben beim Streiten, Nähe suchen, zuhören. Das fühlt sich dann so an, als würde ich einen Granatapfel entkernen. Trotz YouTube-Videos finde ich Spritzer im Gesicht und auf dem Shirt. Meine Tätigkeit hinterlässt Spuren. So ergeht es mir auch bei meinem Mutter-Sein: Das „Kümmern“ und Im- Blick-Behalten, das Fördern und Loslassen sind Übungen für mich, die nicht ohne „Spritzer“ und „Flecken“ an mir vorübergehen.

Ein Treffen mit Freunden nach langer Zeit. Sie lieben unsere Kinder, und im Gespräch fallen Rückmeldungen zu unserem Familienalltag. Zunächst fühle ich mich so wie Dustin und möchte rufen: „Ich brauche keine Kommentare. Ich sehe klar. Ich will das so!“ Mein Blick auf meine Kinder, meine Art, Liebe zu vermitteln, meine Art, mit ihnen zu glauben, wird vom Alltag verschmiert und manchmal bleiben sogar verzerrte Bilder übrig.

Meinem Helfer und Freund Jesus Christus die Brille zum Reinigen anzubieten, fühlt sich unnötig an. Ich bin doch als Mama gut unterwegs. Oder? Durch das Beispiel von Dustins Schatten- und Schlieren-Brille ahne ich: Ich habe den klaren Blick verloren.

Wie gut, dass Jesus mir eine Idee gibt, neu hinzusehen, die Spritzer wegzuwischen. Geht es allen Kindern mit unserer Lösung gut, wie wir den Haushalt organisieren? Sind die Rollen, die ich durch Kommentare, Stöhnen und Blicke festlege, fördernd für meine Familie? Ist das kritische Denken über mich nicht auch dem verschmierten Blick durch die Alltagsbrille geschuldet? Was sehen andere, wenn sie uns als Familie sehen?

Ich darf einen neuen Blick wagen. Neue Worte finden zu den täglich gleichen Dingen und Konflikten. Neue Seiten an meinem Mann, an mir und sogar an Gott entdecken. Ich sehe mit Abstand sogar, wo mich mein Sohn bei den Medienzeiten um den Finger wickelt. Ich bin verblüfft: Durchblick kann sogar Spaß machen, erleichtern. Ob ich das Dustin mal erzähle?

DiekmannStefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin
und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.