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3 Familien erzählen: So ist das Leben mit Austauschschüler

Elternfrage: „Da unsere älteste Tochter ausgezogen ist, haben wir nun Platz im Haus. Wir überlegen, einen Austauschschüler aus dem Ausland aufzunehmen. Welche Erfahrungen haben andere Familien damit gemacht?“

Kein „Wunschkind“ erwarten

Nachdem ich mit 17 Jahren von einem Austauschjahr zurückkam, nahm meine Familie zwei Jahre hintereinander jeweils eine Austauschschülerin auf. Für mich als Einzelkind war es eine neue und manchmal auch herausfordernde Erfahrung, plötzlich eine „Schwester“ zu haben. Als Gastfamilie muss man sich darüber im Klaren sein, dass da ein Jugendlicher mit einem eigenen Charakter aus einer anderen „Familienkultur“ kommt, kein perfektes „Wunschkind“. Aber wenn beide Seiten offen sind, Verständnis füreinander haben und miteinander klar kommunizieren, wächst sehr oft eine herzliche Beziehung zwischen Gastfamilie und Austauschschüler.

Unsere finnische Gastschülerin war eher ruhig, sprach nach wenigen Monaten aber perfekt Deutsch, schloss in der Schule gute Freundschaften und stand mir sehr schnell nahe. Die zweite Austauschschülerin kam aus der Türkei. Sie war sehr offen, wollte viel erleben und hatte eine innige Beziehung mit meinen Eltern – die sie Mama und Papa nannte. Auch für meine Eltern war es eine lebensverändernde Erfahrung und ein wertvoller Blick über den eigenen Tellerrand. Noch heute, mehr als zehn Jahre später, sind wir mit beiden eng verbunden und haben uns jeweils wiedergesehen. Beide Erfahrungen haben unsere Familie unglaublich bereichert!

Annika Ramsaier wohnt in Augsburg und war als Schülerin selbst für ein Jahr zu Gast bei einer italienischen Familie.

Nicht nur ein Schlafplatz

Meine Eltern waren immer gastfreundlich und wir hatten mehrmals Austauschschüler und -schülerinnen. Diese Erfahrung wollte ich auch mit meinen Kindern teilen. Über die Organisation AFS haben wir für 11 Monate einen japanischen Gastschüler (17) aufgenommen. Unsere Söhne (zu dem Zeitpunkt 10, 12 und 15) und er haben sich gut verstanden. Die Verständigung mit ihm war allerdings manchmal schwierig und führte auch mal zu Missverständnissen, da er anfangs kein Deutsch konnte und auch Englisch nicht immer klappte. Kurz darauf haben wir relativ spontan einen Schüler aus Johannesburg, Südafrika, aufgenommen. Er war genauso alt wie unser ältester Sohn, konnte richtig gut Deutsch sprechen und war sehr interessiert an allem. Die vier Wochen mit ihm sind wie im Flug vergangen, und wir werden ihn bestimmt wiedersehen.

Unsere aktuelle Erfahrung mit einem slowakischen Austauschschüler ist jedoch nicht so schön. Es ließ sich schon vom Steckbrief her vermuten, dass wir nicht viel gemeinsam haben. Leider ist es so, dass der Schüler wenig bis gar nicht an unserem Familien­leben (an Gesprächen, gemeinsamen Mahlzeiten …) teilnehmen möchte. Darüber sind wir enttäuscht. Bei einer Gastfamilie zu sein, sollte mehr bedeuten, als einen Platz zum ­Schlafen und einen Wäscheservice zu haben – zum Glück durften wir das bei den beiden anderen Gastschülern erleben.

Sabine T. wohnt in Bochum und ist Mutter von drei Söhnen.

Das Haus mit Leben füllen

Unsere 15-jährige Tochter ging im letzten Jahr für ein Highschool-Jahr in die USA. Meine jüngere Tochter und ich spürten die Lücke schmerzhaft. In mir reifte die Idee, eine Gastschülerin aufzunehmen. Ich überlegte lange. Was, wenn wir mit der Schülerin nicht klarkamen? Diese und andere Fragen konnte ich nur beantworten, indem ich das Risiko einging. Einige Monate später stand eine 16-jährige Schülerin aus Australien vor unserer Haustür. Jede von uns bemühte sich um eine gelingende Eingewöhnungsphase. Wir hatten eine lokale Betreuerin als Ansprechpartnerin für Fragen und Notfälle. Die Schule empfing sie mit offenen Armen, und obwohl das Mädchen vor Nervosität fast das Atmen vergaß, dauerte es keinen halben Tag und sie hatte die ersten Freundschaften geknüpft.

Mit manchen Dingen fremdelten wir und sie. So musste sie sich erst an unsere vegetarische Küche gewöhnen und dass Handys am Tisch tabu waren. Aber mit einem guten Maß Toleranz auf beiden Seiten ruckelten sich die Unterschiedlichkeiten schnell zurecht. Meine Tochter und das Mädchen aus Australien wuchsen in diesen drei Monaten über sich hinaus: im Sprachlichen und in der persönlichen Entwicklung. Aber das Schönste: Die beiden fanden zusammen, sodass das Haus bald wieder mit Lachen und Toben, Dis­kussionen und Geplapper gefüllt war.

Veronika Smoor ist Autorin und lebt in der Nähe von Heilbronn.

„Mein Zuhause ist dein Zuhause“ – Fünffach-Mama Tabea teilt ihr Haus mit geflüchteten Ukrainern

Die Familie von Tabea Gruhn lässt zwei ukrainische Geflüchtete bei sich wohnen. Jetzt erzählt die Mutter von Freudenmomenten und Herausforderungen.

Seit dem Einmarsch Putins in die Ukraine und den damit verbundenen Bildern flüchtender Menschen war mir klar, dass wir unser Haus und unser Familienleben für die öffnen würden, die uns brauchen. Der Gedanke, Menschen aus der Ukraine bei uns im Haus zu haben, bereitete keinem unserer fünf Kinder Sorgen. Es schien für sie selbstverständlich zu sein. Jeden Tag fragten sie: Sind sie schon da? Wann kommen sie? Wer kommt überhaupt?

Am 17. März kam schließlich der Anruf vom Christlichen Integrationszentrum in Augsburg: Natalia und ihr Sohn Mikita (13) waren gerade nach vier Tagen Reise angekommen, erschöpft, ohne Familien- oder Verwandtenanschluss. Natalias Mann und ihr 18-jähriger Sohn waren noch in der Ukraine. Wann ich zum Abholen kommen könnte? Ich sprang ins Auto, holte unsere Kleinste vom Kindergarten ab und fuhr in die Stadt. Nach einer kurzen Begrüßung und ein paar Hinweisen waren wir wieder auf dem Weg nach Hause. Unsere Kinder hatten in der Zwischenzeit das blaugelb angemalte Kalenderblatt mit kyrillischem „Willkommen“ an die Haustür geklebt.

Einstand bei der Eishockey-Mannschaft

Unser Leben hat nun einen neuen Alltag, den wir inzwischen meistens „normal“ leben. Anfangs haben unsere 9- und 11-jährigen Jungs fast ausschließlich mit Mikita gespielt. Inzwischen verbringen sie ihre Zeit auch wieder mit Schulkameraden und Freunden. Wenn unsere Kinder in der Schule sind, bekommt Mikita Online-Unterricht aus der Ukraine. Die Nachmittage verbringt jeder mal für sich, mal miteinander. Mikita, ein passionierter Eishockey-Spieler, durfte schon bei den Augsburger Panthern vorspielen, wo er einen richtig guten Einstand hatte. Natalia hat angefangen, online Deutsch zu lernen und schreibt fleißig Vokabelkärtchen. Die Kinder lieben ihre Pfannkuchen, ich freue mich über zusammengelegte Wäsche und weggesaugte Spinnweben und unsere zwei jüngsten Mädchen über Basteleinheiten. In der Verwaltung des Integrationszentrums hat Natalia im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes eine Stelle bekommen, wozu auch ein Sprachkurs gehört.

Im Großen und Ganzen ist es leicht

Es hört sich vielleicht an, als wäre es zu schön und zu leicht, um wahr zu sein. Aber im Großen und Ganzen ist es das tatsächlich. Ich habe mich inzwischen schon oft gefreut, dass Gott uns (erst mal) nur zwei Personen anvertraut hat – und nicht mehr. Denn mehr – und kleinere Gäste – wären vielleicht zu viel Belastung geworden. Zudem habe ich das Glück, meinen Hauptarbeitsplatz – meine Familie – zu Hause zu haben. Daneben bin ich an einem oder zwei Vormittagen pro Woche im Büro meines Mannes eingeplant. Es ist hilfreich, dass ich viel Zeit zu Hause habe. Denn Registrierung, Anmeldung beim Meldeamt, bei der Asylbehörde und das Ausdrucken und Ausfüllen von Formularen brauchen Zeit und Einsatz. Und die Bereitschaft, manches zu Hause liegen zu lassen.

Mein Kopf ist noch voller als sonst. Ich habe noch mehr auf meinen To-do-Listen stehen und bin vergesslicher. Vor allem am Anfang war es viel Arbeit, unsere Strukturen, Familienregeln und jedes unserer Kinder im Blick zu behalten. Und mich selbst auch nicht zu verlieren. Ich habe deutlich gemerkt, wie wichtig Ruhezeiten für mich sind. Zehn Minuten nur für mich. Keine Kinderfragen, keine Übersetzungs-App. Luft holen, Stille atmen, gar nichts denken.

Familienregeln werden beibehalten

Wirklich wichtig – und in der Anfangszeit manchmal schwierig – fand ich, das eigene Familienleben beizubehalten. Der, der hinzukommt, muss sich anpassen. Denn unsere Familienregeln tragen durch unseren Alltag. Und dann ist es egal, ob Gäste komisch schauen, wenn wir am Anfang des Essens singen und am Ende nicht jeder aufsteht, wie er will. Auch dass sich mittags jeder selbst um seinen Hunger kümmert, hat sich bei uns bewährt. Unsere Mitbewohner haben sich damit arrangiert. Bei so einer Familienvergrößerung auf unbestimmte Zeit hat man keine Gäste, sondern Lebensbegleiter. Das heißt, dass wir unser Leben normal weiterleben und uns nicht im ständigen Ausnahmezustand befinden.

Die ersten zwei Wochen haben das Besuchsgefühl und somit ein Ausnahmezustand bei den Kindern angedauert. Jetzt bringen sich alle wieder in die gewohnten Bahnen – oder werden von uns daran erinnert. Nur so sind wir die Familie, die wir sind und die bereit war, jemanden aufzunehmen. Wir haben aber auch „einfache“ Gäste, die sich selbst beschäftigen und fähig und willig sind, mit Bus und Straßenbahn zu fahren. Zwei, mit denen wir schon viel gelacht und geredet haben.

„Wer nicht mit seiner Schwiegermutter leben kann, kommt auch nicht mit Fremden zurecht“

Vor der Aufnahme hatte ich mir wenige Gedanken über mögliche Probleme gemacht. Ich sehe mich deshalb nicht als naiv an. Eher bin ich ein Typ, der vom Guten ausgeht. Mir war wichtig, von Anfang an die Selbstständigkeit der Geflüchteten zu erhalten. Die beiden haben einen Hausschlüssel bekommen, und es liegt ein kleiner Geldbeutel bereit, für den Fall, dass sie sich etwas kaufen wollen, während ich unterwegs bin. Es gilt: Mein Zuhause ist dein Zuhause. Mein Haushalt ist jetzt unser Haushalt. „Wer nicht mit seiner Schwiegermutter leben kann, kommt auch nicht mit Fremden zurecht“, meint Natalia. Und da ist wohl etwas Wahres dran …

Schwierige Kriegserlebnisse waren bisher selten Thema. Auf meine wenigen Fragen bekam ich aber ehrliche Antworten. Wie sehr die Trennung von Ehemann und Sohn Natalia belastet, wie stark sich Erlebnisse auf der Flucht bei ihr eingegraben haben und ob die Sorge um Freunde, Familie und eine ungewisse Zukunft sie innerlich traurig macht, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin niemand, der nachbohrt. Eher warte ich, bis jemand von selbst redet. Kleine Funken der inneren Schwierigkeiten habe ich wahrgenommen, als über unser Wohngebiet laute Flugzeuge oder ein Hubschrauber flogen. Auch laute Geräusche wie Müllautos und Kirchenglocken führten zu angespannten Blicken.

Ich bin Gott dankbar für die Gelassenheit, die ich in vielen Bereichen habe. Das ermöglicht es mir, ein Zusammenleben auf Zeit nicht nur zu „überleben“, sondern gern zu leben.

Tabea Gruhn lebt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern zwischen 4 und 13 Jahren in Augsburg.

Ein „normales“ Zuhause?

Ein Gastbeitrag von Cyra Maurer

Was mich in letzter Zeit immer wieder beschäftigt, ist unser Zuhause. Lange Zeit habe ich es als völlig normal empfunden: Wir wohnen als Familie in einem schmalen Reihenmittelhaus am Waldrand, mit ganz normalem Garten, in einem ganz normalen Ort. Also alles nicht weiter auffällig – dachten wir …

Doch seit mehreren Jahren sind wir Gastfamilie und haben unser Haus für Menschen aus aller Welt geöffnet. Und seit mehreren Jahren spazieren nun Menschen aus den verschiedensten Ländern hier ein und aus. Und plötzlich sehen wir unser Haus jedes Mal mit anderen Augen.

Da kommt der Koreaner und staunt: „Oh, so viel Platz! Und sogar mehrere Stockwerke! Wahnsinn!“ Und der Amerikaner denkt sich: „Nettes kleines Ferienhaus. Bei uns ist das Elternschlafzimmer so groß wie euer ganzes erstes Stockwerk.“

Beim Garten das Gleiche. Da kommt der Chinese und ruft erfreut: „Ihr habt einen echten Garten! Unglaublich! Ich war in meinem Leben noch nie in einem Haus mit Garten. Darf ich mal Rasen mähen? Das war schon immer mein Traum.“ Und dann kommt die Afrikanerin, deren Farmgrundstück halb so groß wie unser Dorf ist, und lächelt bei dem niedlichen Anblick von unserem „Grünstreifen“. Anschließend fragt sie, welche großen Tiere im Wald hinter unserem Haus leben (Elefanten, Löwen, Schlangen?), während die Japanerin bei jedem noch so kleinen Insekt laut aufschreit, weil es bei ihr in der Großstadt überhaupt keine Tiere gibt.

Innen denkt sich der Amerikaner: „Wow, nicht nur Badewanne, sondern sogar eine extra Dusche!“, während die Japanerin die beheizte Metallbadewanne für das tägliche Abendbad vermisst. Der Peruaner bewundert die Spülmaschine und den Backofen, der Chinese hält den Drehschrank für eine geniale Erfindung und liebt es zuzusehen, wie die Töpfe sich drehen.

Beim Essen geht es weiter. Der Amerikaner ist es gewohnt, außer Haus zu essen (Frühstück kaufen, im Auto essen. Mittagssnack kaufen, unterwegs essen.) und staunt, dass wir als Familie zu den Mahlzeiten täglich am Esstisch zusammenkommen. Der Franzose versteht nicht, warum wir immer „so schnell“ wieder aufstehen und nicht noch viel länger gemütlich sitzen bleiben wollen.

Die Amerikaner und Asiaten können nicht glauben, dass wir die Sommer ohne Klimaanlage überleben. Der Kanadier kann es nicht fassen, dass wir ohne Kamin im Winter nicht erfrieren.

Abends will die Afrikanerin aus Sicherheitsgründen am liebsten alles nach innen holen und ist irritiert, dass wir keinen elektrischen Zaun um das Grundstück und keine Alarmanlage im Haus haben. Und der Kanadier verliert unseren Haustürschlüssel und meint: „Ist doch nicht schlimm, oder?“, weil bei ihnen im Dorf nie eine Tür abgeschlossen wird. Ja, in Montana, USA, lassen sie sogar die Haustür extra weit offen, wenn sie in den Urlaub fahren, damit die Katzen in der Zeit immer rein und raus können. So friedlich kann es sein …

Und dann kommen die Flüchtlingsfrauen und die minderjährigen Jungs zum Deutschunterricht zu uns. Und sie erzählen von einfachen Hütten, die ihr Zuhause waren, von zerbombten Häusern, die sie verlassen haben, oder von den Containern, in denen sie jetzt leben und wahrscheinlich noch lange leben werden.

Und plötzlich wird mir bewusst: Unser Zuhause ist nicht normal. Wir leben in einem Paradies. Und wir haben so viel mehr an Platz und Wohlstand und Chancen, dass das gar nicht für uns allein gedacht sein kann. Oder?

Willkommen!

Family-Autor Stefan Schulze hatte eine richtig gute Idee: Es wäre doch schön, kleine Willkommenskarten zu haben, die man Flüchtlingen geben kann, wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt. Die Idee hat er direkt umgesetzt: In den fünf wichtigsten Sprachen (Arabisch, Persisch, Russisch, Französisch und Englisch) steht auf den Karten „Willkommen in Deutschland“ und auf der Rückseite „Gott liebt dich“. Christiane Tröger hat die Kärtchen ansprechend gestaltet.

Netterweise haben Stefan und Christiane uns die Druckvorlagen der Karten zur Verfügung gestellt und wir leiten sie gern an euch weiter. Man kann sie in hoher Stückzahl recht günstig drucken lassen. Oder in kleiner Zahl selbst ausdrucken. Wenn ihr die Druckvorlagen haben möchtet, schreibt eine Mail mit dem Betreff „Willkommenskarten“ an info@family.de. Wir schicken sie euch dann zu.

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