Social Media – Gefahr oder Chance? Eine Journalistin sucht Antworten
Soziale Medien können Kinder gefährden und sogar süchtig machen– gleichzeitig fördern sie digitale Kompetenz und Kreativität. Wie viel Social Media ist okay für mein Kind? Und wie begleite ich es dabei?
Seitdem Australien 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige beschlossen hat, wird auch in Deutschland breit diskutiert, ob ein ähnliches Verbot hierzulande sinnvoll wäre. Mein erster Gedanke dazu war: „Endlich!“ Warum, kann ich vielleicht an einem Beispiel erklären:
Letztens war ich mit meiner zehnjährigen Tochter zu einer Untersuchung im Krankenhaus. Sie war sehr nervös und freute sich deswegen riesig, als zwei Klinik-Clowns vorbeikamen. Über die beiden Damen in ihren knallbunten Klamotten und den viel zu großen Schuhen musste selbst ich lachen: Sie stolperten ungelenk über den Krankenhausflur, zauberten Lichter hinter ihren Ohren hervor und griffen tief in die Clown-Trickkiste, um meine Tochter vor der bevorstehenden „Biohopsie“, äh, Biopsie, abzulenken.
Neben meiner Tochter saß ein kleiner Junge, vielleicht zwei Jahre alt. Er hätte sich bestimmt auch darüber gefreut, mit den Clowns ein bisschen herumzualbern. Wenn er sie bemerkt hätte. Denn er schaute sich nonstop Videos auf dem Smartphone an. Auch das andere Mädchen neben uns, vielleicht 13 Jahre alt, blickte die ganzen 20 Minuten nicht einmal von seinem Bildschirm hoch. Mich ärgerte das wahnsinnig. In solchen Momenten bin ich kurz davor, laut zu rufen: „Ja, wir brauchen ein Social Media Verbot!“
Gefahren von Social Media
Ich kenne es auch von mir selbst: Manchmal ist es gar nicht so leicht, sich vom Handy loszureißen. Und es soll auch gar nicht leicht sein: Die Algorithmen bei Instagram, TikTok und Co sind bewusst so programmiert, dass wir uns möglichst lange auf ihnen aufhalten. Dabei nehmen sie kaum Rücksicht darauf, ob Erwachsene oder Kinder am Bildschirm sind. Das kann ein suchtähnliches Verhalten fördern. Laut der DAK Mediensucht-Studie 2026 verbringen Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 17 Jahren täglich über 2,5 Stunden (161 Minuten) auf Social Media. (Das sind noch moderate Zahlen, andere Studien kommen auf deutlich mehr Bildschirmzeit.) 6,6 % der Befragten in der DAK-Studie waren von einer pathologischen Nutzung betroffen. Pathologisch heißt: Das Kind kann die Dauer der Nutzung nicht mehr steuern, es macht weiter, obwohl zum Beispiel die Freundschaften darunter leiden oder die Schule.
Deborah Woldemichael ist die Leiterin von Klicksafe, einer EU-Initiative, die Eltern und Schulen zum Thema Internet- und Medienkompetenz berät. Sie teilt die Gefahren von sozialen Medien in drei Kategorien ein: Zum einen gäbe es Verhaltensrisiken, wie die Teilnahme an gefährlichen Challenges oder das Nacheifern gesundheitsgefährdender Schönheitstrends. „Das kann mit harmlosen Fitnessübungen oder Skin Care Routinen im Social Media Feed beginnen. Und weil dann immer weitere von diesen Inhalten vorgeschlagen werden, kann das bei einem Wunsch nach einer Schönheits-OP enden“, sagt Woldemichael. Dann gäbe es jugendgefährdende Inhalte, wie Pornografie oder Gewalt. „Zum Beispiel wurde die Exekution vom amerikanischen Aktivisten Kirk immer wieder neu auf Social Media hochgeladen, obwohl die Plattformen die Inhalte löschten.“ Aber es gäbe auch viele manipulierte Videos oder Bilder, sogenannte Deepfakes, die gezielt falsche Informationen enthalten.
Besonders riskant sei die Funktion des Direct Messaging, die es fremden Personen möglich macht, das Kind oder den Teenager direkt per Nachricht zu kontaktieren. „Wir sehen eine Zunahme von Kontaktrisiken,“ sagt Woldemichael. Das seien z.B. sexuelle Belästigung, Erpressung mit intimen Bildern (Sextortion) oder im schlimmsten Fall eine Anbahnung von sexuellem Missbrauch. In der aktuellen JIM-Studie gaben 29% der 12-19-Jährigen an, dass sie von sexueller Belästigung im Internet betroffen sind.
Soziale Medien erweitern den Horizont
Lena Büter sieht aber auch viel Potential in den sozialen Medien. Die Content-Creatorin produziert unter dem Namen „Kinderfragen“ Wissensvideos für Kinder auf Instagram, TikTok und Snapchat. „Soziale Medien sind eine super Möglichkeit, kreativ zu werden und neue Inhalte zu entdecken. Mir haben viele Kinder erzählt, dass sie so neue Hobbys entdeckt haben, zum Beispiel Stricken oder Häkeln“, sagt sie. Handarbeit sei jetzt wieder ein großer Trend in einer gewissen Altersgruppe – inspiriert durch Influencerinnen. So könnten Online-Plattformen wieder den Transfer in die „echte Welt“ herstellen: „Social Media macht neugierig und erweitert den Horizont. Das sind doch superwichtige Kompetenzen für das spätere Leben.“
Das habe ich auch bei meiner zehnjährigen Tochter erlebt: Eine Zeit lang war sie fasziniert von Zaubertricks. Wochenlang schaute sie sich auf YouTube neue Tricks an und überraschte uns dann später damit, wie sie eine Münze verschwinden ließ oder eine Karte hervorzauberte. Klar, das wäre auch irgendwie ohne Social Media gegangen. Aber für einen zweieinhalbstündigen Zauberkurs vor Ort hätten wir 100€ bezahlt – da war YouTube doch deutlich günstiger.
Die sozialen Medien haben uns aber nicht nur einen teuren Zauberkurs gespart. Sie helfen meiner Tochter gerade in einer sehr schwierigen Phase ihres Lebens. Sie ist länger krank und kann seit Monaten nicht in die Schule gehen. Deswegen haben wir ihr – eher als geplant – eine Handynummer besorgt. Seitdem tauscht sie sich täglich mit ihren Freundinnen über WhatsApp aus. In diesem Fall sind soziale Medien eine große Bereicherung: Sie helfen unserer Tochter, ihre Freundschaften zu pflegen und sich nicht so einsam zu fühlen – mit einem für sie leistbaren Aufwand.
Enge Begleitung notwendig
Trotz aller Bereicherung bleiben die Gefahren natürlich. Wie gehen Eltern damit um? „Das Wichtigste ist, dass sich Eltern erstmal informieren“, rät Deborah Woldemichael. Und zwar nicht einmal, sondern laufend: „Vielleicht erlauben Eltern ihrem Kind zum Zeitpunkt X eine Plattform. Und ein paar Monate später kommt dann eine neue Funktion hinzu. Die Eltern bekommen dann vielleicht gar nicht mit, was das für das Kind bedeutet.“ WhatsApp war beispielsweise anfangs ausschließlich ein Nachrichtendienst für die 1:1 Kommunikation. Ende 2023 kamen die Kanäle hinzu und machten nun auch den Zugang zu fremden Personen und Inhalten möglich. „Sich ständig über aktuelle Social Media Trends und Funktionen zu informieren, ist natürlich eine Herausforderung für Eltern“, sagt Deborah Woldemichael. Deswegen gäbe es Initiativen wie Klicksafe, die ausführlich zum Thema informieren und Tipps geben.
Ein nächster wichtiger Schritt ist das Einstellen der Konten. Ist das Konto privat? Wer darf kommentieren? Dabei sollten Eltern die Social Media Konten immer gemeinsam mit ihren Kindern einrichten, sagt Deborah Woldemichael. Denn nur so könnten sie überprüfen, ob das Alter auch korrekt eingegeben wurde. Das ist z.B. bei Instagram relevant, das Teenager-Konten 13-16-Jährige eingeführt hat. Diese Konten sind automatisch privat und können nicht von fremden Personen kontaktiert werden. Es werden auch weniger „sensible“ Inhalte angezeigt und potenziell beleidigende Kommentare werden ausgeblendet. Hilfreich sind auch Familienkonten, wie sie YouTube oder TikTok anbieten. Darüber können Eltern die Konten ihrer Kinder steuern und Bildschirmzeiten festlegen oder die Upload-Funktionen einschränken.
Miteinander im Gespräch bleiben
Ein regelmäßiger Austausch zwischen Eltern und Kindern gehört auch dazu. „Eltern fragen am besten immer mal wieder nach: Was machst du gerade auf Social Media? Welche Kanäle guckst du dir an? Was sind aktuelle Themen und Trends?“, sagt Deborah Woldemichael. Dann könnten sie das gemeinsam mit ihren Kindern einordnen. Solche Unterhaltungen sollten aber nicht kontrollierend sein, meint Lena Büter. Man könne das auch spielerisch machen: „Zum Beispiel kann man sich gegenseitig seine Lieblings-Influencer präsentieren. Dann stellt die Mama eine coole Zimmerpflanzen-Influencerin vor und das Kind seinen liebsten Gaming-Kanal.“ Denkbar wären auch gemeinsame Bildschirmzeit-Challenges: Wer es schafft, seine Bildschirmzeit am meisten zu reduzieren, bekommt eine Belohnung. Oder die Familie veranstaltet einen Wettbewerb, wer am besten KI-Videos von echten Videos unterscheiden kann. Außerdem könnten Eltern auch positive Vorschläge machen: Welche Influencer gibt es, die gute Werte vermitteln und sich authentisch zeigen?
Auch die Gefahren sollten offen angesprochen werden: „Wir erleben oft, dass Eltern sagen: Das Thema möchte ich noch nicht ansprechen, dafür ist mein Kind zu klein“, erzählt Deborah Woldemicheael. Eltern müssten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Kinder auch über Geräte von Freunden Inhalte sehen könnten, die sie möglicherweise verstören. Deshalb sei es besser, vorsorglich darauf hinzuweisen – etwa mit Sätzen wie: „Du kannst jederzeit mit mir reden, wenn du etwas im Netz siehst, was komisch ist.“
Lena Büter ergänzt, dass das nur in einer vertrauensvollen Atmosphäre funktioniert, die nicht ausschließlich von Kontrolle und Verboten bestimmt ist: „Vielleicht hat ein Kind zufällig ein Video mit Kriegsberichterstattung gesehen. Dann sollte es darüber auch mit seinen Eltern offen reden können und sich trauen zu fragen: Hey, ist das ein echtes Video? Was passiert da gerade?“
Grenzen setzen
Ohne klare Regeln funktioniere das aber nicht, sagt Lena Büter. „Eigene Videos und Fotos posten, das muss nicht sein, in einem gewissen Alter. Wenn Eltern das verbieten, sollten sie dann aber auch erklären, warum es gefährlich ist.“ Deborah Woldemichael sagt ganz klar, dass der Upload von Fotos und Videos erst in einem geschützten Rahmen passieren sollte, wie zum Beispiel in einer Familiengruppe. „Und Kinder unter 13 Jahren sollten generell keinen eigenständigen Zugang zu sozialen Medien haben.“
Da sind wir wieder beim Thema Social Media Verbot. Ich persönlich finde es nicht fair, wenn die gesamte Verantwortung auf uns Eltern ausgelagert wird. Das ständige Einlesen in neue Funktionen, das Einrichten von Apps – das ist alles sehr zeitintensiv und anspruchsvoll. Nicht alle Eltern haben vielleicht die Zeit dafür oder die entsprechenden digitalen Kompetenzen. Deswegen fände ich es hilfreich, wenn auch andere Grenzen setzen.
Zum Beispiel die Politik, die eigene Konten für Kinder auf Plattformen wie Instagram oder TikTok erst ab 13 Jahren erlauben könnte. Dann hätten wir Eltern noch ein weiteres wichtiges Argument in der Hand, wenn wir mit unseren Kindern diskutieren. So wie ich letztens, als ich meiner Tochter erklären musste, dass sie mit zehn Jahren noch keinen YouTube-Kanal eröffnen darf.
Oder die Plattformen selbst. Sie sollten aufhören, mit psychologischen Tricks Kinder und Jugendliche am Bildschirm zu halten. Dafür gibt es bereits auch Rechtsgrundlagen, wie den Digital Service Act (DSA). Diese EU-Verordnung verpflichtet seit 2024 soziale Medien dazu, Minderjährige besonders zu schützen und verbietet „Dark Patterns“. Das sind Mechanismen, die das Verhalten manipulieren. Zum Beispiel ein endloser Feed, der zum stundenlangen Scrollen verleitet oder Benachrichtigungen, die immer wieder neue Likes und Kommentare anzeigen. Dieses Verbot der Manipulation gilt übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Von diesen Einschränkungen würden also wir alle profitieren.
Auch die Schulen könnten Grenzen setzen, indem sie Smartphones in den Pausen verbieten. Letztens berichtete der Schulleiter einer weiterführenden Schule beim Tag der offenen Tür, dass sie seit einiger Zeit die Smartphones vom Schulhof verbannt hätten. Das Ergebnis: Die Kinder hätten wieder mehr miteinander gespielt.
Sarah Kröger ist Journalistin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.