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Anders als erwartet: Eltern berichten über ihr erstes Baby-Jahr

Zwischen Erwartung und Wirklichkeit: Fünf Mütter und ein Vater erzählen, was sie im ersten Baby-Jahr erlebt haben – ehrlich, herausfordernd und ermutigend.

Lena, 32, Redaktionsleiterin, bekam ihren ersten Sohn im ersten Corona-Lockdown. Die Geburt war traumatisch: Ihr Sohn kam direkt auf die Intensivstation, das gemeinsame Kennenlernen blieb aus. „Statt Kuscheln und Bonding saß ich auf der Station und konnte nur hoffen. Ich war mit der Situation überfordert, zumal mein Mann nicht ins Krankenhaus kommen durfte.“

Corona hat ihre Erwartungen an das erste Baby-Jahr auf den Kopf gestellt. Statt Krabbelgruppen gab es Abstand, statt Familie viel Alleinsein. „Am Ende hat das Zuhause-Sein unserem Sohn sogar gutgetan, um seine Geburt zu verarbeiten, aber es war anders als zunächst geplant.“ Besonders deutlich wurde Lena, dass sich Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Sie machte sich anfangs viele Gedanken, wann ihr Sohn trocken wird oder den Schnuller abgibt. Letztlich meisterte er alles in seinem Tempo und auf seine Art.

Seit anderthalb Jahren ist Lena alleinerziehend. „Ich habe unterschätzt, was ein Kind mit der Paarbeziehung macht. Wir hätten uns mehr um die Ehe kümmern müssen.“ Umso wichtiger wurde ihr das Thema Selbstfürsorge: „Kinder können emotionale Knöpfe drücken. Sie halten uns den Spiegel vor. Das fordert heraus, eröffnet aber auch die Chance, viel über sich selbst zu lernen, persönlich zu wachsen und Generationsmuster zu durchbrechen.“

Lenas Glaube wurde durch das Muttersein nicht erschüttert, sondern vertieft. „Ich habe gelernt, dass ich mein Leben nicht kontrollieren kann. Ich darf es Gott überlassen und seinem Plan vertrauen.“ Anderen Eltern empfiehlt sie: „Stellt euch darauf ein, dass ihr regelmäßig an eure Kapazitätsgrenzen kommt. Das ist normal. Doch wenn ich meine Situation von außen betrachte und mich frage: ‚Was würde ich jetzt meiner besten Freundin raten?‘, dann hilft mir das, Prioritäten richtig zu setzen und mir weniger Druck zu machen.“ Daneben sei es wichtig, der Paarbeziehung und eigenen Interessen, die vor den Kindern gutgetan haben, genügend Raum zu geben, um genug Energie für den Familienalltag zu haben.

Zwischen Erwartung und Erschöpfung

Zoe, 33, typografische Gestalterin, erlebte ihr erstes Baby-Jahr als eine Serie von Herausforderungen: „Ich hatte erst Panik vor der natürlichen Geburt, war dann aber bereit dazu. Und dann musste doch ein Kaiserschnitt her – nach 28 Stunden.“ Auch das Stillen war anders als erwartet: „Das Stillhütchen war Fluch und Segen zugleich. Ohne hätte es nicht geklappt, aber es wieder loszuwerden, war mühsam. Und die Schmerzen – niemand hatte mich auf so etwas vorbereitet. Ich hatte erwartet, Stillen würde ohne Schmerzen klappen, und deshalb das Gefühl, ich mache etwas falsch.“ Die Nächte waren hart: Stillen im Zwei-Stunden-Takt. „Diese ständige Müdigkeit – zum Glück hat mir vor dem Kind keiner gesagt, wie hart das ist.“ Ihr fehlte für alles die Energie – vor allem für Sport, den sie früher gern gemacht hatte. Nach sechs Monaten fing Zoe wieder an zu arbeiten – in der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Der Papa brachte ihren gemeinsamen Sohn mittags zum Stillen vorbei, weil er zunächst die Flasche verweigerte. „Diese totale Abhängigkeit und das permanente Gefühl, dass es nicht ohne mich geht, waren belastend.“

Was ihr geholfen hat? Der Austausch mit anderen Müttern: „Echter Real Talk, nicht verklärte Erinnerungen.“ So merkte sie, dass sie nichts falsch macht und nicht allein ist mit ihren Herausforderungen. Die Erfahrungen im ersten Baby-Jahr forderten auch Zoes Glauben heraus. Dennoch: „Ich schaffe das nur mit Gott. Wenn ich denke, ich kann nicht mehr, dann ist er da.“ Trotz allem wünscht sich Zoe ein zweites Kind. „Ja, es ist anstrengend. Aber es gibt einem so viel. Das erste bewusste Lächeln, das fröhliche Lachen – das kann man nicht rational erklären.“

Zwischen Ratgebern und Bauchgefühl

Anders als gedacht war das erste Baby-Jahr auch für Robert, 29, Postzusteller. Der inzwischen zweifache Vater hatte sich mit vielen Ratgebern auf das erste Baby-Jahr vorbereitet. Durch ein übersehenes KiSS-Syndrom trank sein erster Sohn jedoch fast nichts. Roberts Frau litt dadurch an starken Selbstzweifeln und Versagensgefühlen. „Ich musste meine Frau ständig aufbauen. Ich habe in dieser Zeit nur für sie existiert.“ Als das Kind später die Flasche bekam, konnte auch er sich mehr einbringen und die Beziehung zu seinem Sohn vertiefen. Sein Rat: „Wenn das Bauchgefühl bei Aussagen von Ärzten nicht stimmt – holt euch eine zweite Meinung.“

Für Robert war besonders wertvoll, die Kinder als gleichwürdige Persönlichkeiten zu sehen – und sich als Paar gemeinsame Erziehungsziele zu setzen. Auch der Austausch mit anderen Eltern war entscheidend: „Ob Hebamme, PEKiP-Kurs oder Onlinegruppen – das hat uns sehr geholfen.“

Zwischen Grenzerfahrung und Dankbarkeit

Diana, 30, IT-Fachkraft und zweifache Mutter, hat ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Bereits ihre Schwangerschaft war geprägt von Vorfreude und Liebe einerseits sowie Sorge und Angst andererseits. Familiäre Probleme verursachten zusätzlichen Stress. Das Gefühlschaos blieb auch nach der schwierigen Geburt: „Ich war voller Liebe, aber auch voller Angst, das Baby zu verlieren.“ Ihr Kind schrie ununterbrochen. Widersprüchliche Tipps von außen, ständige Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Gefühle der Überforderung mündeten in starke Selbstzweifel. „Manchmal dachte ich, ich werde vor Erschöpfung einfach umfallen und sterben. Dennoch wollte ich für mein Kind um jeden Preis überleben.“

Erst nach sechs Monaten konnte Diana die Babyzeit genießen. Eine empathische Nachsorgehebamme, die Unterstützung durch ihren Mann, ehrliche Gespräche und kleine Momente des Lichts – angenehme Besuche, ein Lächeln oder die Nähe beim Tragen – brachten neue Kraft. „Manchmal hilft es schon, wenn jemand sagt: Du bist nicht allein.“ Ihr Tipp für andere Eltern: „Geht gut mit euch selbst um, achtet aufeinander und lasst Fehler zu. Und seid euch sicher: Egal, wie dunkel und schwer es gerade aussieht – irgendwann kommt wieder Licht.“

Zwischen Unverständnis und Gelassenheit

Christin (Name geändert), 33, freie Grafikerin, hat zwei Kinder – und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ihre erste Tochter litt unter heftigen Schreianfällen, oft stundenlang. „Es hat mich an meine Grenzen gebracht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Von außen kam oft Unverständnis oder sogar Vorwürfe.“ Die stressige Geburt und ihre eigene Hochsensibilität ließen sie lange zweifeln, ob sie Schuld an der Situation trug. Der Rückbildungskurs musste ausfallen, soziale Isolation verstärkte die Belastung. „Ich hätte gern vorher gewusst, dass so etwas passieren kann – und dass man sich Hilfe holen darf.“

Beim zweiten Kind verlief alles anders: eine ruhige Wassergeburt im Geburtshaus, ein Baby, das deutlich weniger weinte. „Ich durfte eine neue Seite erleben – mit mehr Leichtigkeit, Gelassenheit und Ruhe.“ Die Schreianfälle ihres ersten Kindes forderten ihren Glauben heraus. Doch der Glaube half ihr auch, durchzuhalten – und dankbar zu sein: „Ich schätze umso mehr all die schönen Momente mit meinen Kindern. Und Gott ist gnädig und kann auch wieder Zeiten der Ruhe schenken.“

Christin hat gelernt, Prioritäten anders zu setzen. Beim ersten Kind war sie überfordert mit allem, was neben dem Baby noch zu tun war. Heute lässt sie sich unterbrechen, genießt kleine Momente mit ihren Töchtern: „Ich weiß jetzt, dass ich vieles nicht kontrollieren muss – und dass soziale Teilhabe auch mit Kindern möglich ist, wenn man sich auf ihren Rhythmus einlässt.“ Anderen Eltern rät sie: „Nehmt jede Phase für sich und stellt euch darauf ein, dass sich die Dinge – und auch der Schlafrhythmus – jederzeit wieder ändern können. Meistert Herausforderungen als Team, freut euch an den schönen Momenten und seid gewiss, dass ihr mit Schwierigkeiten nicht allein seid.“

Zwischen Unsicherheit und Verbundenheit

Auch Mandy, 34, medizinische Dokumentations­assistentin in Elternzeit, hatte sich das erste Jahr mit Baby einfacher vorgestellt. „Ich dachte, man weiß als Mutter intuitiv, was zu tun ist, und alles funktioniert automatisch. Stattdessen war ich oft überfordert.“ Ihre Tochter war sensibel, nahm Reize stark wahr. „Ich wusste oft nicht, warum sie schrie. Ich liebte sie sehr, aber ich kannte ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse noch nicht. Die Erwartungen meiner Schwiegereltern: ‚Das weiß man doch als Mutter!‘, machten alles schlimmer.“

Ein Schlüsselmoment war eine Babymassage, in der ihre Tochter nur weinte. „Die Hebamme nahm sie hoch, und sie hörte sofort auf. Das war mir peinlich. Aber die Hebamme war verständnisvoll. Sie erklärte mir, dass mein Kind meine Unsicherheit spürt.“ Mandy blieb dran. Trotz Scham, Angst und dem Gefühl, keine gute Mutter zu sein, ging sie in Kurse, suchte den Austausch in Mama-Gruppen und lernte ihre Tochter besser kennen. „Nach und nach wusste ich, was sie brauchte. Die Bindung zu ihr ist gewachsen.“

Ein Schmerzpunkt bleibt der Konflikt mit den Schwiegereltern. „Ich dachte, wir wachsen als Familie enger zusammen. Aber sie hielten an unrealistischen Idealvorstellungen fest. Als unsere Tochter zu fremdeln begann, zeigten sie wenig Verständnis. Das hat das Verhältnis zu ihnen und auch die Beziehung zu meinem Mann belastet.“ Am meisten geholfen hat Mandy ihre Hebamme: „Mein Rat: Sucht euch eine Hebamme, die zu euch passt. Und: Haltet nicht an Idealvorstellungen fest. Plant nicht zu viel, sondern gebt euch Zeit und vertraut darauf, dass ihr in Situationen reinwachst.“

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.

0 bis 2 – Fitness nach der Schwangerschaft

Elternfrage: „Ich möchte nach meiner dritten Schwangerschaft und entsprechend langer sportlicher Pause wieder mehr Sport treiben. Wie lässt sich Fitness im Alltag mit Baby und kleinen Kindern umsetzen?“

Gratuliere! Wie gut, dass es dir gelingt, trotz trubeligem Alltagschaos diesen Wunsch nach Fitness wahrzunehmen, der in erster Linie dich im Blick hat. In der Kleinkindphase rutschen eigene Bedürfnisse oft viel zu stark in den Hintergrund. Nimm dir zunächst einen Moment Zeit und nutze folgende Fragen als Anregungen für dich, um herauszufinden, welche Sportart und Intensität zu dir passt:

1. Ist fitter zu werden gerade ein wichtiger Wunsch von mir oder kommt er von außen?
2. Was steckt hinter meinem Wunsch? Geht es mir darum, mich wieder wohler zu fühlen oder um Schmerzen, die damit verschwinden sollen? Ist es mein Beckenboden oder sind es die zu vielen Schwangerschaftskilos?
3. Welche Sportart würde mir am meisten Spaß machen, wenn ich mehr Zeit für mich hätte?

Ernährung im Blick behalten

Sport ist nicht immer die einzige Lösung, um fitter zu werden. Ich erlebe in meinen Sportkursen häufig eine große Frustration bei jungen Müttern, die gehofft hatten, ihre überschüssigen Kilos durch den Kurs loszuwerden. So viel können wir uns gar nicht bewegen, dass sich allein über diesen Hebel auf der Waage etwas tut! Hier spielt auch die Ernährung eine wichtige Rolle. Mein Ratschlag ist deshalb immer, den Body-Mass-Index (BMI) checken zu lassen und sich gegebenenfalls über eine Ernährungsumstellung zu informieren. Auf diesem Weg wirst du automatisch auch deine Fitness verbessern. Ganz wichtig: Wir brauchen keine Modelmaße, sondern ein gesundes Normalgewicht. Und damit ist nicht das Wunschgewicht gemeint.

Unter Umständen steckt hinter deinem Wunsch nach Fitness auch eine Beckenbodenproblematik. Diese solltest du immer ernst nehmen. Schmerzen, Unlust oder Unwohlsein beim Sex, Inkontinenz oder Druckgefühl am Beckenboden sind keine Seltenheit und können sehr belastend für dich und deine Beziehung werden. Wenn du deinen Beckenboden stärken möchtest, ist es wichtig, dass beim Sport kein übermäßiger Druck im Bauchraum entsteht. Sportliches Trampolinspringen solltest du ebenfalls vermeiden.

Fitness-Übungen für den Alltag

Ich habe dir ein paar Anregungen zusammengestellt, mit denen du mitten im Kleinkindtrubel etwas für deine Fitness tun kannst:

1. Kinderwagen-Training

Greife den Kinderwagen seitlich vom Griff und lenke ihn über den Druck der Hände.

2. Jede Treppe ein Workout

Gehe zwei Stufen hoch und direkt wieder runter, spiele dabei mit dem Tempo. Wechsle nach einer Minute das Bein, mit dem du den ersten Schritt machst.

3. Zwischendurch ein paar Squats

Kniebeugen sind eine super Basisübung für ein stabiles Becken und kraftvolle Beine. Wechsle nach zehn Wiederholungen zehnmal in den Ballenstand (Zehenspitzenstand).

4. Brücke üben auf dem Spielteppich

Das Bridging in der Rückenlage tut dem Beckenboden gut und hilft bei Schmerzen in der Wirbelsäule. Rolle das Schambein Richtung Bauchnabel und hebe mit dem Ausatmen das Becken hoch, bis dein Gewicht auf den Schulterblättern ruht. Atme oben tief ein und rolle Wirbel für Wirbel zurück.

Mein wertvollster Tipp für dich ist: Gehe ohne Handy und Fitnessuhr walken. Sei nur bei dir. Nimm immer die gleiche Route. Das hilft, um Routinen zu etablieren.

Maren Seitzinger ist Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Frauengesundheit und hat ein Pilates-Studio in der Nähe von Köln. Sie lebt mit ihrem Mann Christian, ihren zwei Söhnen Leo und Mats sowie der Hündin Nala in Pulheim.

5 Tipps: So überlebt die Beziehung in der Kleinkindphase

Die Kleinkindphase ist eine Herausforderung für die Beziehung der Eltern. Familienberaterin Isabelle Bartels erklärt, wie die Partnerschaft trotzdem aufblühen kann.

„Mir wächst hier alles über den Kopf und ich wäre froh, einfach mal wieder eine Nacht durchzuschlafen. Wo bleibt da noch Zeit für die Beziehung?“ Das höre ich oft von jungen Eltern. Und ganz ehrlich: Ich kann das gut verstehen! Denn diese Zeit ist extrem herausfordernd.

Meinem Mann und mir ging es während unserer Familiengründungsphase immer wieder genauso. Und gleichzeitig haben wir uns gefragt, wie wir als Paar in Verbindung bleiben können – auch im Alltag mit Kleinkindern. Denn wir wollten unsere Beziehung nicht dem Zufall überlassen und es auch nicht glauben, dass es vorbei ist mit Zweisamkeit und Nähe, wenn die Kinder klein sind. Doch wie genau können wir Einfluss nehmen auf die Resilienz unserer Partnerschaft? Was hält sie lebendig, wenn wir Eltern werden und als Paar wenig Exklusivzeit haben? Aus meiner eigenen Lebenserfahrung und als Ergebnis meiner Beratungen sind es vor allem fünf Bausteine, die wir als Paar kultivieren dürfen, um unserer Beziehung weiterhin Raum zur Entfaltung geben zu können.

1. Annehmen, was ist

Letztens bei uns: Wir hatten uns seit Tagen auf einen Restaurantbesuch zu zweit gefreut – und eine Stunde vorher sagt uns das Kindermädchen ab. Puh! Die Vorfreude weicht der Enttäuschung und dem Frust. Statt gemütlich essen zu gehen nun das normale Ich-will-nicht-schlafen-gehen-Programm mit den Kindern. Ich merke: Ich habe keine Lust! Früher habe ich mir Gedanken wie „Ich habe gerade keine Lust auf meine Kinder!“ nicht erlaubt. Doch dann habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Annahme von allem, was ist, die Grundlage ist, um überhaupt wieder heraus aus dem Opfermodus in die Handlungsfähigkeit zu kommen.

Was bedeutet das konkret für die Situation? Solange ich glaube, ich müsse immer Lust auf meine Kinder haben, komme ich nicht weiter. Ich bin weiterhin genervt, habe ein schlechtes Gewissen und bin unzufrieden mit mir, weil ich es nicht schaffe, dankbarer zu sein. Hier hilft die Annahme aller Anteile in mir mit ihren widerstreitenden Gefühlen. Ich gestehe mir ein, dass ich manchmal am liebsten meinen Mann für mich allein hätte und so nicht meinem Bild eines perfekten Elternteils entspreche. Und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht falsch bin, sondern dass meine Gefühle einfach menschlich und ein Ausdruck für meinen Wunsch nach mehr Zweisamkeit und Selbstbestimmung sind. Ich komme raus aus dem inneren Kampf und kann stattdessen nach Lösungen für die veränderte Situation suchen.

Als Paar könnt ihr euch gegenseitig helfen, den täglichen Kampf zu erkennen, und euch liebevoll aus den Gedankenschleifen herausholen. Dazu reichen oft ein einfaches „Stopp“ und eine Umarmung. Macht es euch immer wieder leicht und entscheidet euch bewusst dafür, nicht irgendeinem Ideal zu entsprechen. Und wenn es die Situation erfordert, wiederholt ihr das alle fünf Minuten.

2. Selbstfürsorge – Raum für mich und meine Interessen

Den Kindern geht es nur so gut, wie es den Eltern als Paar miteinander geht. Der Beziehung als Paar wiederum geht es nur so gut, wie es jedem Einzelnen geht. Das sind zwei meiner Lieblingsgrundsätze für beziehungsstarkes Familienleben. Doch es ist oft ein riesiger Schritt, sich diesen Raum für sich selbst zu erlauben und ihn wirklich einzunehmen.

Deshalb ist der erste Schritt immer: die Selbsterlaubnis. Erlaube dir, Raum und Zeit mit dir selbst zu genießen und dich zu fragen: Was brauche ich? Wie kann ich mir selbst Gutes tun, um dann wieder die Mutter oder der Vater, die Partnerin oder der Partner zu sein, die oder der ich sein möchte?

Der zweite Schritt ist hier die klare Kommunikation: Rede mit deinem Partner darüber. Formuliere deinen Wunsch klar und spreche mit ihm darüber, dass du dir mehr Raum für dich nehmen willst.
Als wir angefangen haben, Räume für uns selbst in unseren Alltag einzubauen, kamen oft Bedenken von einem von uns wie: „Unsere tägliche To-do-Liste ist jetzt schon nicht zu schaffen, wie soll ich da noch Zeit für mich einbauen?“

Uns ist klar geworden: Ohne Selbstfürsorge geht es nicht. Mir hilft da immer das Bild aus dem wunderbaren Gedicht von Bernhard von Clairvaux: Die Schale der Liebe. Nur, wenn wir so gefüllt sind, dass wir überfließen wie eine Schale voller Wasser, können wir unsere Liebe und unsere Kraft weitergeben. Da sind wir wieder beim Thema Erlaubnis: Erlaube dir, deine Schale aufzufüllen. Hierzu reichen manchmal schon ein paar Minuten täglich.

Der dritte Schritt ist: Umsetzung! Schnappt euch den Kalender und tragt euch Alleinzeiten ein. Und plötzlich merkst du, dass der Alltag leichter wird, wenn du lernst, gut für dich selbst zu sorgen! Du erlebst dich viel gelassener mit den Kindern. Und die lange To-do-Liste kannst du ebenfalls besser annehmen, weil du spürst, dass du immer genug Kraft haben wirst, um alle Herausforderungen des Alltags zu bestehen.

3. Zeit für Beziehung – kleine Oasen im Alltag schaffen

Es ist wichtig für die Beziehung als Paar, dass auch sie Raum hat, sich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Die Frage ist also nicht, ob wir Zeit zu zweit haben, sondern wie. Deshalb habe ich mir im Folgenden Fragen überlegt, die helfen können, auch in der Kleinkindphase Paarzeiten zu etablieren:

  • Wie können wir ohne Druck und so, dass es sich für uns leicht und entspannt anfühlt, Zeiten für kleine Paar-Oasen im Alltag freihalten?
  • Was dient uns jetzt gerade mehr auf unserem Weg – viel Paarzeit? Oder lieber mehr Zeit allein?
  • Welche Aufgaben können wir auch anderen Menschen übergeben, sodass dadurch neue Freiräume für uns entstehen?

Und hier kommen noch drei Ideen für Mikro-Oasen! Schnell und einfach umgesetzt – Babysitter wird nicht benötigt!

  • Stellt den Wecker auf 5 Uhr morgens. Zieht eure Kleidung aus und kuschelt Haut an Haut. Spürt die Verbindung! Da muss gar kein Sex heraus entstehen – sondern es geht erst einmal darum, in Verbindung zu sein. In dieser Atmosphäre können auch die schönsten Gespräche entstehen. Probiert’s mal aus! PS: Der Jüngste wird auch in aller Frühe wach? Na, dann kuschelt er halt mit. Was für eine schöne Erinnerung ans Wochenbett, als ihr auch Haut an Haut mit ihm gekuschelt habt!
  • Ihr arbeitet im Home-Office? Macht ein Mittagessen für die Hand und verbringt die Mittagspause draußen! Nehmt euer Kind in die Trage und macht einen Spaziergang. Redet nicht über organisatorisches Kleinklein, sondern fragt bewusst und interessiert: „Wie geht es dir gerade?“
  • Nehmt euch einen späten Nachmittag Zeit für ein Familienpicknick: im Sommer im Garten oder im Park, im Winter am gemütlichsten Ort in der Wohnung. Dann setzt ihr euch allesamt auf den Boden und esst gemeinsam. In dieser entspannten Atmosphäre schwärmen die Kinder meistens nach dem Essen zum Spielen aus oder kuscheln sich einfach an, sodass ihr entspannt reden könnt.

4. Streiten & vergeben

Wie fühlen sich Konflikte für euch an? Wie seid ihr geprägt? Und wie freigiebig seid ihr beim Thema Vergebung? Die Antwort auf diese Fragen beeinflusst maßgeblich eure aktuelle Konfliktkultur. Kaum ein Paar streitet gern. Doch die gute Nachricht lautet: Konflikte gehören dazu! Und wir können lernen, sie zu lösen. Mein Mann und ich sind das beste Beispiel. Am Anfang unserer Beziehung dachten wir, wir würden niemals konstruktiv streiten lernen. Während ich alles ausdiskutieren musste, wollte er als Harmonietyp so schnell wie möglich raus aus dem Konfliktgespräch. Bevor eine Lösung für den akuten Konflikt in Sicht war, haben wir uns schon darüber gestritten, wie wir streiten.

Mittlerweile schaffen wir es zu 90 Prozent, unsere Konflikte zu lösen. Und wenn wir das können, könnt ihr das auch. Ich kann jetzt aus ganzem Herzen sagen: Konflikte sind wichtig und sind Chancen, um zu wachsen! Konflikte eskalieren häufig dann, wenn ein Anteil in uns durch die aktuelle Situation an eine schmerzhafte Erfahrung aus der Vergangenheit erinnert wird. Wenn wir bereit sind, unsere eigenen alten Verletzungen anzuschauen, werden Konflikte konstruktiv. Es ist ein toller Erfolg, wenn du in einem Konflikt selbst erkennst, dass du gerade in einen alten Schmerz gerutscht bist. Die Basis für einen solchen Moment sind die Bausteine 1 und 2: Annehmen, dass dieser Schmerz gerade da ist, und so gut wie möglich für dich sorgen.

Der nächste Schritt ist erst dran, wenn die hochgekochten Gemüter sich wieder beruhigt haben. Vergib deinem Partner oder deiner Partnerin freigiebig und vor allem auch dir selbst. Für mich als Christin hilft die Gewissheit, dass Gott mir vergibt. Immer wieder. Er liebt mich und nimmt mich an. Also lasst uns täglich sagen und signalisieren: „Ich vergebe dir.“

5. Gemeinsam träumen

Dieser Baustein hat unglaublich viel Potenzial, den Alltag zu durchbrechen und über das Chaos hinweg Verbindung zu schaffen. Fragt euch regelmäßig: Was ist unsere gemeinsame Perspektive? Was ist noch alles möglich hinter dem Tellerrand des Alltags? Worauf leben wir gemeinsam hin? Es lohnt sich, die Paar-Oasenzeiten zum gemeinsamen Träumen zu nutzen und auch mal einen Träumertag einzulegen! Das heißt, dass ihr beide euch einen Tag Zeit nehmt und gemeinsam so viel wie möglich von euren „Wie schön wäre es, wenn wir …“-Ideen da hineinpackt. Die Energie, die ihr daraus mitnehmt, wird euch durch die nächste Durststrecke tragen und euch inspirieren, viel öfter zu fragen: Was tut uns in unserem Alltag gut? Wie wollen wir eigentlich leben? Und wovon können wir jetzt sofort noch mehr in unseren Alltag bringen?

Ja, es gibt immer wieder diese Phasen, in denen wir das Gefühl haben, dass alles über uns hereinbricht und wir nur noch reagieren können. Doch wir haben immer die Möglichkeit, als Individuen und als Paar gemeinsam zu entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen. Ich wünsche euch viel Kreativität und gute Ideen, die genau zu euch und eurem Alltag passen.

Isabelle Bartels ist Pädagogin und familylab-Familienberaterin, lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ostwestfalen und bloggt unter isabellebartels.com.