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„Mama, ich will keine Kinder“ – So können Eltern mit der Enttäuschung umgehen

Elternfrage: „Meine Tochter (23) meinte neulich, dass sie keine Kinder haben will. Ich bin mit Blick auf mögliche Enkelkinder ein bisschen enttäuscht und frage mich, ob ich ihr das Muttersein so unschön vorgelebt habe. Wie kann ich das ansprechen, ohne ihr Druck zu machen?“

Es geht nicht um die eigenen Lebensziele

Die Tatsache, dass Ihre Tochter ihre Gedanken zum Muttersein geteilt hat, lässt vermuten, dass sie gesprächsbereit ist. Das dürfen Sie nutzen! Um ihr jedoch keinen Druck zu machen, würde ich empfehlen, diese Entscheidung nicht infrage zu stellen, sondern nachzufragen, was Ihre Tochter zu diesen Gedanken bewogen hat. Denn Gedankenspiele ohne den direkten Austausch führen nur zu Spekulationen und schaffen keine echte Klarheit. In einem solchen Gespräch sollte es nicht um Rechtfertigung, sondern um Verständnis gehen: „Was sind deine Beweggründe? Was verbindest du mit dem Muttersein? Was magst du darin nicht?“ All das darf ausgesprochen werden. Je weniger Sie die Gedanken Ihrer Tochter bewerten oder in eine bestimmte Richtung lenken, desto offener können Sie ins Gespräch kommen.

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Ihre Tochter Ihnen keine Enkelkinder schenken wird. Ihre Enttäuschung darüber darf sein und auch zum Ausdruck gebracht werden. Aber letztlich können Eltern die Entscheidungen der erwachsenen Kinder nur respektieren. Kinder haben nicht die Aufgabe, die Träume und Wünsche der Eltern zu erfüllen. Deswegen sollte ein Austausch zu diesem Thema nicht das primäre Ziel haben, Einfluss zu nehmen, um die eigenen Lebensziele zu erreichen, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wer weiß? Vielleicht kann Ihre Tochter auf der Grundlage dieser Freiheit und durch den ehrlichen Austausch mit Ihnen sogar eine neue Perspektive und ein Ja zur Mutterschaft entwickeln.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Wenn es sich fremd anfühlt

Eltern können eine Entscheidung des Kindes in Themen, die sie grundlegend anders getroffen haben, wie einen unbekannten Gast behandeln. Was bringt dieser Gast mit? Was macht den Schmerz aus? Woher kommt die Enttäuschung? Neugierig und offen können Sie sich selbst Fragen stellen: Was war oder ist so erfüllend an der Elternschaft für mich? Wie hätte mein Leben ohne Kind ausgesehen?

Nach dem „Beschnuppern“ der fremden Entscheidung, dem unbekannten Gast, könnte ein gemeinsames Gespräch mit der Tochter folgen. Dabei hilft ein klarer, unter Umständen bisher unüblicher Gesprächsrahmen: „Ich habe etwas, das ich in Ruhe mit dir besprechen möchte. Hast du in den nächsten Tagen einen Zeitpunkt, der gut für dich ist?“ Außerdem tut es dem gegenseitigen Verständnis gut, den Austausch in eine liebevolle Haltung der Annahme zu kleiden: „Ich nehme deine Aussage sehr ernst. Hilf mir, das besser zu verstehen. Hast du das Muttersein bei mir als belastend erlebt?“ Eltern dürfen dabei auch ehrlich fragen: „Gibt es etwas, in dem dich unser gemeinsamer Weg verletzt hat?“

Jede Antwort des Kindes in diesem Gespräch ist kein Gesetzesentwurf, sondern ein Statement mit dem aktuellen Tagesdatum. Darauf ohne Wertung mit „Ich denke weiter darüber nach …“ oder „Danke, für den Einblick in deine Gedanken“ zu antworten, stärkt das Vertrauen. Es kann helfen, die Akzeptanz für die Entscheidung wachsen zu lassen, bis eine vorsichtige Freundschaft zu dem zuvor fremden Gast entsteht.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“

Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Hat mein Kind eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Wenn junge Menschen wenig essen, machen sich die Eltern schnell Sorgen: Handelt es sich um eine Essstörung? Eine Psychologin klärt auf.

Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Eltern oft Hemmungen haben, ihre Kinder direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten des Sohnes oder der Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an dem gesamten Befinden Ihres Kindes, nicht nur an seinem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt es etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

„So redest du nicht mit mir!“ – Wie Kinder respektvolle Kommunikation lernen

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

Auf die innere Haltung kommt es an: Wie positive Annahmen die Partnerschaft beeinflussen

Die innere Haltung, mit der wir unserem Partner begegnen, hat entscheidende Auswirkungen auf unseren Umgang miteinander.

Der Mensch verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, aus kurzen Beobachtungszeiträumen und minimalen Hinweisen umfassende soziale Informationen abzuleiten – ein Phänomen, das in der Psychologie oft als „Thin Slicing“ bezeichnet wird. Studien belegen, dass wir schon innerhalb weniger Sekunden subtile nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimmlage verarbeiten, um emotionale Zustände, Beziehungen und sogar Konfliktdynamiken zu erkennen.

Falsch verstanden

Diese Fähigkeit spielt auch in Partnerschaften eine entscheidende Rolle. Bei unserem Partner bemerken wir oftmals noch schneller, wenn etwas nicht stimmt. Gleichzeitig ist die Partnerschaft aber auch der Ort, an dem diese Fähigkeit an ihre Grenzen stößt. Denn in einer langjährigen Beziehung interpretieren wir das Verhalten unseres Gegenübers häufig zu negativ.

Sarah kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und zieht sich in ein ruhiges Zimmer zurück, ohne groß mit ihrem Mann Markus zu sprechen. Markus interpretiert dieses Verhalten als Desinteresse oder sogar als Ablehnung – als Zeichen dafür, dass Sarah verärgert ist oder sich emotional distanziert.

Um seiner Frau etwas Gutes zu tun, kocht Markus ein besonders aufwendiges Abendessen. Dabei nutzt er zahlreiche Töpfe, spült jedoch während des Kochens keinen einzigen ab. Da er nach dem Essen sofort weiter muss, bleibt der ganze Abwasch an Sarah hängen. Sie deutet dieses Verhalten als Rücksichtslosigkeit und sogar als Missachtung ihrer Bedürfnisse – schließlich hat sie ihm schon oft erklärt, wie wichtig ihr Ordnung in der Küche ist.

Was wir unterstellen können

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in Langzeitbeziehungen immer wieder ab. Häufig sehen wir das Verhalten unseres Partners in einem übermäßig negativen Licht. In unseren Gedanken unterstellen wir ihm böse Absichten und nehmen an, seine Handlungen seien gegen uns gerichtet. Dies bezeichne ich als die Schlechtestmögliche Interpretation (SI).

Im Gegensatz dazu steht eine alternative Sichtweise, die ich die Großzügigste Interpretation (GI) nenne. Wie könnte ich das Verhalten der anderen Person am großzügigsten interpretieren? Wie ließe es sich am gnädigsten deuten? Was, wenn ich ihm oder ihr die besten Absichten unterstelle?

Schweigt sie in einem hitzigen Konflikt, wird dies entweder als passiv-aggressiv oder gleichgültig (SI) interpretiert – oder es ist ein Versuch, ihre Emotionen zu ordnen, um das Problem konstruktiv anzugehen (GI). Schlägt er eine Freizeitaktivität vor, die mehr seinen Vorlieben entspricht als ihren, wird dies entweder als egoistisch (SI) gedeutet oder als Ausdruck des Wunsches, gemeinsam etwas Besonderes zu unternehmen (GI).

Die Großzügigste Interpretation verhindert nicht nur, dass wir in einen Gegenangriff verfallen, wenn uns tatsächlich niemand etwas Böses will; sie führt uns auch oft näher an die tatsächlichen Absichten unseres Partners heran als die Schlechtestmögliche Interpretation.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

Kontaktabbruch von Jugendlichen: Das können Eltern vorsorglich tun

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

Zuhören – Der Schlüssel zu einer gelingenden Partnerschaft

Wahrnehmen, zuhören, sich auf den Partner einlassen. Was auf den ersten blick banal klingt, ist gar nicht so leicht. Paartherapeutin Ira Schneider zeigt, wie das wirklich gelingen kann.

Einander zuhören: Das ist doch selbstverständlich, denkst du dir vielleicht. Klingt wie ein Hinweis, den man sich wirklich sparen kann. Jeder weiß doch, dass das wichtig ist. Moment mal – ist das wirklich so? In meinen Gesprächen habe ich oft Paare sitzen, denen das Zuhören völlig abhandengekommen ist, oder die es womöglich nie kultiviert haben. Wie aber kann echtes Zuhören gelingen? Warum lohnt es sich, wirklich zuzuhören und was kann ein Paar dabei gewinnen? Beim Zuhören kommt es vor allem auf die Haltung an. Die innere Haltung hat einen Einfluss darauf, wie wir uns beim Zuhören verhalten und wie wir unserem Partner begegnen, während er erzählt. Haltung entsteht, wenn wir uns im Vorhinein darüber klar werden, wie wir uns verhalten wollen und welche Werte wir dabei vertreten. Drei Herangehensweisen können helfen, das Zuhören in ein verbindendes und ereignisreiches Erlebnis zu verwandeln.

1. Den anderen beschnuppern

Es braucht ein Eintauchen und ein Beschnuppern. Die Haltung, die das Zuhören zu einer Liebestat verwandelt, ist die pure Neugier. Sie ist der Schlüssel, der das Gegenüber immer wieder neu entdeckt. Neugier ist ehrlich. Sie ist interessiert. Sie ist im wahrsten Sinne gierig auf das Neue, das sie erfahren kann. Sie führt dazu, dass wir uns Zeit nehmen, fallen lassen und aufrichtig nachfragen.

2. Eintauchen in die Welt des anderen

Wer zuhört, öffnet sein Herz. Es geht darum, sich voll und ganz mit allen Gedanken auf das einzulassen, was der andere erzählt. Es bedeutet, sich der Gefühlswelt des anderen zu öffnen. Ich würde sogar sagen, dass echtes Zuhören auch bedeutet, sich zu merken, was der andere erzählt. Wer zuhört, schenkt den Prozessen, den Gefühlen und Erlebnissen seines Gegenübers wahrhaftig Raum in seinem Inneren.

3. Wertungsfreie Atmosphäre

Die Königsdisziplin des Zuhörens ist wohl das Hören, ohne zu moralisieren, zu bewerten und ohne zu unterbrechen. Auf diesem Königsweg unterwegs zu sein, ist kein Spaziergang. Es funktioniert nur, wenn man ganz beim anderen ist statt bei sich selbst. Dazu gehört auch mal kurzweilig ein inneres Aushalten und Zurückhalten von Meinungen, Ideen und Lösungen. Es geht darum, das Gesagte als Information und Gewinn für die Beziehungsgestaltung zu betrachten.

 Einfach anfangen

Wenn es darum geht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der echtes Zuhören Raum findet, fängt man am besten selbst damit an. Wer dem anderen zuhört, kann nur gewinnen. In einer leistungsgeprägten Gesellschaft, in der wir um Zeit ringen, ist Zuhören ein Zeitgeschenk. Eine Atmosphäre ohne Druck schafft automatisch einen Ausgleich zum trubeligen Alltag. Du kannst beginnen und durchs Zuhören echte Anteilnahme leben. Dein Gegenüber fühlt sich dadurch wahrgenommen und gesehen. Dadurch entstehen Sicherheit und das Gefühl: ,,Ich habe hier Raum.“ Genau deshalb lohnt sich Zuhören!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus ihrem aktuellen Buch „Zwischen ich, du & wir – 30 inspirierende Impullse für dich und deine Beziehung“, erschienen bei SCM Hänssler.

„Wie redest du mit mir?“ – So lernen Kinder respektvolle Kommunikation

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

Gewaltfreie Kommunikation: Diese 4 Schritte helfen zum Familienfrieden

Gedankenlose Kommentare führen in Konfliktsituationen schnell zur Eskalation. Gewaltfreie Kommunikation hilft, dies zu vermeiden. Eine Expertin verrät, wie es funktioniert.

Ich kenne, nutze und übe Gewaltfreie Kommunikation (GFK) seit etwa fünf Jahren. Es ist ein Kommunikationskonzept, das von dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Wenn ich Menschen, die GFK nicht kennen, begeistert davon erzähle, ernte ich meist irritierte Blicke. Der Begriff führt leicht zu Missverständnissen. Kommuniziert jemand, der GFK nicht kennt, automatisch gewalttätig? Das wird oft als Vorwurf verstanden und löst wenig Begeisterung aus.

Begriffe wie „kooperative Kommunikation“, „wertschätzende Kommunikation“, oder „Sprache der Verbindung“ würden den Kern der Methode auch treffend beschreiben. Marshall B. Rosenberg erkannte dieses Dilemma, aber der Name war schon sehr verbreitet. Er wurde ursprünglich in Anlehnung an Mahatma Gandhis Konzept des Nicht-Verletzens gewählt.

Am Anfang war die Gewaltfreie Kommunikation für mich ein Werkzeug. Ich suchte nach Lösungen, wie wir in unserer Patchworkfamilie mit sechs Kindern – damals zwischen sechs und sechzehn Jahren – besser mit Konflikten umgehen konnten. Meistens waren es Kinderthemen, die zu Paarkonflikten wurden und sich auf die Stimmung im Haus auswirkten. Wir hatten wenig Möglichkeiten, da wieder herauszukommen, außer abzuwarten. Aber dann kam schon das nächste Thema. Wir begannen mit einem Einführungsseminar über GFK.

Gewaltfreie Kommunikation in vier Schritten

GFK als Werkzeug betrachtet, bietet im Grundsatz vier Schritte an:

  • Beobachtung
  • Gefühl
  • Bedürfnis
  • Bitte

Wenn ich etwas von jemandem möchte, klären oder besprechen will, beginne ich mit einer Beobachtung. Möglichst objektiv benenne ich nur das, was auch eine Kamera beobachten würde. Wenn ich an dieser Stelle mit meiner eigenen Bewertung beginne, kann es sein, dass mein Gegenüber einen Vorwurf hört, sich angegriffen fühlt und sofort in den Verteidigungsmodus schaltet.

Danach nenne ich mein Gefühl, wie ich mich in der Situation fühle und mein Bedürfnis, warum mir das wichtig ist. Mit Bedürfnissen sind Dinge wie Freiheit, Zugehörigkeit, Sicherheit, Ruhe, Anerkennung, Gemeinschaft gemeint. Über Bedürfnisse kann man nicht streiten, wohl aber über die Strategien, mit denen jeder versucht, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Jeder mag seine Lieblingsstrategie im Kopf haben, aber grundsätzlich gibt es immer Alternativen. Marshall B. Rosenberg ist davon überzeugt, dass man das Problem nicht verstanden hat, wenn man nur eine Strategie zur Lösung eines Problems oder zur Erfüllung eines Bedürfnisses kennt. Wenn man also weiß, worum es jedem geht, eröffnen sich mehr Möglichkeiten und man ist der Lösung schon viel näher.

Der vierte Schritt ist die Bitte. Sie wird oft vergessen, ist aber sehr kraftvoll. Es gibt verschiedene Arten von Bitten. Es ist wichtig zu prüfen, ob man eine echte Bitte ausspricht oder doch insgeheim eine Forderung, nur hübscher formuliert. Eine echte Bitte kann ohne Konsequenzen abgelehnt werden. Das gilt auch für Jugendliche. Umso schöner ist es, wenn sie Bitten freiwillig erfüllen, weil sie verstehen, worum es mir geht.

Konflikte lösen

Konflikte sind normal. Gewaltfreie Kommunikation bedeutet nicht, dass wir uns in Watte packen. Im Gegenteil, GFK sorgt oft für die entscheidende Klarheit und ist eine Hilfe, um gut aus einem Konflikt herauszukommen. Wenn ich in einer akuten Konfliktsituation stecke, eine Provokation oder einen Vorwurf höre, habe ich verschiedene Möglichkeiten zu reagieren:

  • Selbstempathie: Ich finde es unmöglich, was da gerade passiert und atme erst einmal tief durch. Warum trifft mich das so? Wie fühle ich mich gerade? Welches Bedürfnis habe ich? Der Fokus liegt bei mir, ich reflektiere kurz. Es hilft, etwas Pfeffer aus der Situation zu nehmen, um gelassener reagieren zu können.
  • Ehrlicher Selbstausdruck bzw. Aufrichtigkeit: Ich reagiere auf die Situation mithilfe der vier Schritte. Aus meiner Sicht schildere ich die Beobachtung, mein Gefühl, mein Bedürfnis und eine Bitte. Wenn es mir vor allem um den Kontakt mit der anderen Person geht, könnte eine Kontaktbitte zum Beispiel lauten: „Wie geht es dir, wenn du das von mir hörst?“ Der Fokus liegt bei mir, denn ich möchte mit meinem Anliegen gesehen werden.
  • Empathie: Ich antworte mit Fokus auf den Gefühlen und Bedürfnissen des anderen. Empathie ist der Schritt, der Mauern einreißt und Verbindung ermöglicht. Um aus Konfliktsituationen wieder herauszukommen, braucht es jemanden, der bereit ist, als Erstes auf den anderen zuzugehen und empathisch zuzuhören.

Empathie hilft zu verstehen

Empathie bedeutet, bereit zu sein, mein Gegenüber wirklich zu verstehen, sich einzufühlen in das Gegenüber, zu versuchen, in seinen Schuhen zu stehen, durch seine Augen zu sehen. Rosenberg hat Empathie als „den Verstand leer machen und mit dem ganzen Wesen zuhören“ beschrieben. Wichtig ist hierbei, mal nichts zu sagen, keine Ratschläge zu geben, keine Lösungen zu präsentieren, sondern einfach meine Präsenz zu schenken.

Es ist, als wäre man Gast im Haus des anderen: Man schaut sich neugierig um, lernt das Haus kennen, fragt nach den Hintergründen. Es bedeutet nicht, dass man die Dinge, die man in diesem Haus sieht, gut finden muss. „Verstehen heißt nicht automatisch einverstanden sein“ lautet der Grundsatz. So kann ich, oft auch in Situationen mit Jugendlichen, interessiert zuhören, den anderen verstehen, auch wenn ich es selbst nicht gut finde. Allein das Verstehen hilft, dass sich mein Gegenüber gesehen fühlt, dass es ihm besser geht und wir im Gespräch bleiben.

Wenn ein Jugendlicher mit einem unfreundlichen „Chill mal“ um die Ecke kommt, muss das kein Vorwurf an mich sein. Vielleicht ist es ein Ausdruck seines Bedürfnisses nach Ruhe. Das Bild, dass Vorwürfe nur Verpackungen für unerfüllte Bedürfnisse sind, hilft mir, damit besser umzugehen. Wenn ich aufgebracht bin, gelingt es mir nicht, empathisch auf andere zu reagieren. Genauso, wenn mein Energietank leer ist. Dann werde ich daran erinnert, dass GFK ein ständiges Entwicklungsfeld bietet. Um Empathie geben zu können, brauchen wir selbst Empathie. Sich selbst Empathie geben zu können, ist besonders schwierig und gleichzeitig sehr hilfreich.

Auf die innere Haltung kommt es an

Rosenberg ging es in seinem Konzept um die innere Haltung, mit der wir uns selbst und anderen Menschen begegnen wollen, um mehr Kooperation, Gemeinschaft und Freude im Zusammenleben. Spätestens hier entfaltet sich die Gewaltfreie Kommunikation als Weg zur Persönlichkeitsentwicklung. Sie hilft, sich selbst und andere besser zu verstehen. Mit einem oder mehreren Seminaren ist es nicht getan. Es ist Übungssache, wie wenn wir eine neue Sprache lernen. Durch weiteres Üben und tieferes Einsteigen in die Thematik werden die eigenen Gefühle und Bedürfnisse weiter erforscht. Je besser das gelingt, desto besser kann man unerfüllte Bedürfnisse benennen und geeignete Strategien finden, um sie zu erfüllen.

Unsere Kinder haben den Vorteil, dass sie diese Haltung bereits als Jugendliche erfahren. Sie erleben, wie wir über unsere Gefühle und Bedürfnisse sprechen, sie danach fragen, und üben so, selbst Worte für ihre Empfindungen zu finden. Ein wertvoller Wortschatz.

Andere begleiten

Mit Gewaltfreier Kommunikation kann ich meine eigene Kommunikation und Haltung reflektieren. Es gibt aber auch Hilfsmittel und unterstützende Fragen, mit denen ich anderen helfen kann, aus schwierigen Situationen einen guten Ausweg zu finden. Das gilt für Ärger und Wut genauso wie für Enttäuschungen und Trauer. Wir versuchen dabei gemeinsam herauszufinden, worum es dem anderen im Innersten geht, sodass es leichter wird, damit umzugehen.

Meine eigene GFK-Reise umfasste nach dem Einführungsseminar eine erste GFK-Familienfreizeit, in der wir das Konzept gemeinsam erleben und lernen durften, sowie eine Jahresausbildung. Für regelmäßige Übungsgruppen, die es überall (auch online) gibt, fehlte mir die Zeit. Die Familienfreizeit wurde bald zu unserem gemeinsamen Highlight des Jahres. Hier erleben und üben wir GFK nicht nur im Seminarraum, sondern im Miteinander. Auch die Kinder lernen die Gemeinschaft und den respektvollen Umgang miteinander sehr zu schätzen. Inzwischen bringen meine Familie und ich uns aktiv in die Organisation dieser Freizeit ein.

GFK schafft Nähe und Verbindung untereinander. Wir lernen uns besser kennen, verstehen uns besser und haben die Sicherheit, auftretende Konflikte gut lösen zu können. Für unsere Familie hat GFK wesentlich zu mehr Familienfrieden beigetragen und vor allem unsere Paarbeziehung gestärkt.

Clara Röder ist Beraterin für Arbeitssicherheitskultur, Mutter und Bonusmutter von sechs Kindern und Organisatorin der GFK-Familienfreizeit „FamilieTanken“ (familietanken.de).