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Auf dem Weg zum guten Sex: So klappt es mit der schönsten Nebensache der Welt

Auch wenn in Hollywood alles so einfach aussieht und dort immer alles zu klappen scheint, ist Sex kein Selbstläufer. Sexualtherapeut Marvin Leu gibt Tipps für mehr Schwung im Bett.

Unsere Sexualität ist schon eine interessante Sache. Obwohl sie oft als schönste Nebensache der Welt bezeichnet wird, kann sie doch den ganzen Alltag beeinträchtigen, uns steuern und uns mit lauter Stimme rufen. Es gibt kaum etwas in unserem Leben, was so viel Bedeutung hat und doch so wenig Sprache findet. Die komplette Beziehung kann durch Sex verbessert, verändert oder mit Konflikten belagert werden. Obwohl uns Sex und Erotik ständig umgeben, finden wir kaum Worte dafür. Und der Weg in eine gelingende Intimität ist schwierig.

Wenn es um das Intimste geht, macht man sich angreifbar und verletzlich. Aber genau diese Facetten machen den Sex so umwerfend. Verknüpfen wir das körperliche Erleben mit der emotionalen Intensität, wird der Sex besser. Aber wie bekomme ich das hin? Wie kann ich mich fallen lassen und meinem Gegenüber in einer Tiefe begegnen?

Zurückhaltung ist fehl am Platz

Es kursiert leider die Meinung, dass man entweder „gut im Bett“ ist oder eben nicht. Das ist ein großer Irrtum, denn wie das Erlernen eines Instrumentes, ist auch Sex lernbar. Niemand muss alles können. Sondern wir dürfen es lernen. Diesen Grundsatz finde ich sehr entspannend!

Ich kann Dinge kennenlernen und ausprobieren. Und wenn ich ein wenig übe, werde ich erfahrener, kompetenter und handlungsfähig. Das Gelernte fängt an Spaß zu machen. Egal ob es dabei um Berührungen, Sexstellungen oder Oralverkehr geht.

Im Umkehrschluss muss ich der eigenen Sexualität eine gewisse Bedeutung geben, mir Zeit nehmen zum Üben und offen sein für Neues. Denn wenn über Jahre hinweg immer alles gleich bleibt, dann funktioniert das zwar meist reibungslos. Es kann jedoch auch eintönig und langweilig werden.

Ich stelle immer wieder in der Beratung fest, dass viele christliche Paare ihr sexuelles Potential nicht annähernd ausnutzen aus Angst, Grenzen zu überschreiten. Nach dem Motto, Lust und Begehren zu spüren gehört sich nicht oder ist sündhaft. Doch ist im gemeinsamen Ehebett religiös bedingte Zurückhaltung fehl am Platz.

Ich darf mich ausprobieren, mich selbst berühren und dabei Erregung spüren. Ich darf laut atmen oder sogar stöhnen. Ich darf mich zeigen und alles probieren, was für uns als Paar stimmig ist – sei es wild, sanft, kraftvoll, bestimmt, einfühlsam, zögernd, schnell oder langsam.

Verführung wagen

Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich meine Frau für ein sexuelles Projekt gewinnen möchte und verfalle unbewusst in Vorwürfe. Im Nachhinein fällt mir auf: Ich hätte sie einfach verführen können.

Wichtig ist: Verführen bedeutet, mein Gegenüber für ein sexuelles Projekt zu gewinnen, ohne den Ausgang zu kennen. Ich muss also davon ausgehen, dass meine Verführung nicht immer gelingt und muss mich auch auf Zurückweisung einstellen. Wie reagiere ich, wenn meine Idee nicht gut ankommt? Bin ich dann beleidigt oder versuche ich es später nochmal? Vorwürfe zu machen ist einfacher, aber ein absoluter Lustkiller. Verführung dagegen entfacht Leidenschaft und Erotik.

Meine Frau und ich machen regelmäßig Eheabende. Als ein solcher Abend näher rückte, versprach ich, etwas Besonderes vorzubereiten. Ich habe eine Menge Essen organisiert. Obst, Snacks, Antipasti, Brötchen – ein richtiges kleines Buffet. Ich habe alles auf dem Tisch verteilt. Dann habe ich mich mitten auf den Tisch zwischen die Speisen gelegt, quasi als Teil des Buffets.

Bei den Vorbereitungen hatte ich, ehrlich gesagt, Angst, wie es meine Frau finden würde. Ich dachte: „Das ist doch lächerlich!“ Als sie ins Zimmer kam, strahlte sie. Die Idee war also gut, die Verführung hat geklappt.

Die Angst und die Aufregung haben sich gelohnt. Das Prickeln setzte ein. Aber es hätte auch schiefgehen können. Das war mir im Vorfeld bewusst. Aber ich bin überzeugt: Wenn man sich mutig für ein Verführungsprojekt entscheidet, sind die Chancen gut, dass man gewinnt und am Ende beide gewinnen. Also nur Mut – das Projekt lohnt sich!

Leidenschaft entfachen

Leidenschaft ist kein Selbstläufer. Manchmal kommt sie schwer in Gang, manchmal geht sie sogar verloren. Aber was hilft dabei, die Leidenschaft zu entfachen? Die Antwort lautet: Berührung.

Berührungen können Wunder vollbringen. Ich kann meinem Gegenüber etwas Gutes tun oder es selber genießen und den anderen Körper erkunden. Dabei kann ich mir vorstellen, meine Finger und Handflächen würden eine Landschaft erforschen. Jeden Millimeter. Stück für Stück. Ich kann dabei hauchzart berühren, streichen, kräftig drücken, massieren oder sogar zupacken. Eine zarte Berührung löst unweigerlich eine Reaktion beim Partner oder der Partnerin aus. Hoffentlich eine positive. Denn die meisten Menschen möchten berührt und liebkost werden. Es kann aber sein, dass dabei der negative oder gar vorwurfsvolle Gedanke kommt, dass das Gegenüber „ja nur Sex will“. Da empfehle ich, zu fragen, warum es so schwierig ist, dies zuzulassen. Und weiter ist die Frage, ob es besser wäre, wenn das Gegenüber Sie nicht mehr auf diese Art berühren sollte? Über solche Gedanken sollten Paare in jedem Fall kommunizieren.

Kommunikation

Es gibt jede Menge Ratgeber, wie ich am besten meine Anliegen kommuniziere. Beim Reden über Sex ist es sehr wichtig zu wissen, dass jede Kritik mein Gegenüber tief treffen kann. Gerade Männer verknüpfen ihre Sexualität oft mit ihrer Identität. Da können unbedachte Äußerungen sehr verletzend sein.

Versuchen Sie ihr Anliegen in einer ruhigen, angenehmen Atmosphäre zu besprechen. Nehmen Sie sich Zeit für das Gespräch. Bereiten Sie Ihren Partner oder Ihre Partnerin auf das Thema vor, indem Sie ankündigen, über das Thema Sex reden zu wollen. Äußern Sie Ihr Anliegen in Ich-Botschaften. „Ich fühle mich …“, „Ich wünsche mir …“, „Ich habe das Gefühl …“ und so weiter.

Wir alle haben hin und wieder Wünsche, was den gemeinsamen Sex angeht. Oft ist es schwierig, diese anzusprechen, da unser Gegenüber ja mit Ablehnung reagieren könnte. Ich möchte dazu ermutigen, Anliegen und Wünsche zu äußern. Denn es ist wichtig, dass meine Partnerin, mein Partner weiß, wie ich mir die Sexualität vorstelle. Auf der anderen Seite darf ich versuchen, für Vorschläge offen zu sein und nicht zu verurteilen.

Selbstannahme

Wie stehe ich eigentlich zu meinem eigenen Körper? Kann ich ihn so annehmen, wie er ist – mit allen Macken und Fehlern? Denn kein Körper ist perfekt. Körperliche Selbstannahme beginnt mit wohlwollenden Selbstberührungen. Das fördert meine erotische Kompetenz. Jedes Mal, wenn ich mich berühre, lerne ich, was sich gut anfühlt, was ich mag und was weniger interessant ist. Und wenn ich weiß, was mir guttut, kann ich dies auch besser kommunizieren.

Eng verbunden ist die Frage, ob ich mich als erotische Person nicht nur fühlen, sondern auch zeigen darf. Und darf mein Gegenüber meine Erregung sehen? Darf eine Frau stolz sein auf ihre Brüste, ihre Vulva, ihre Vagina? Und darf ein Mann stolz auf seinen Penis oder seine Rundungen sein? Unbedingt!

Denn wenn ich meinen Genuss zeigen kann, löst dies auch ein angenehmes Gefühl bei meinem Gegenüber aus. In der Beratung habe ich noch nie erlebt, dass jemand es störend fand, wenn seine Partnerin oder sein Partner seine Erregung zeigt.

Damit ich mich jedoch mit Stolz zeigen kann, brauche ich einen wohlwollenden Blick für mich selbst und einen guten Bezug zu meinem eigenen Körper. Und den erlange ich, wenn ich mich immer wieder und mit Freude berühre. Zusätzlich schule ich zudem meine Körperwahrnehmung und schaffe einen positiven Einfluss auf meine Gesundheit.

Gemeinsam einen Weg finden

Damit Sex immer wieder stattfinden kann, muss ich ihn auf meiner Prioritätenliste weiter hochschieben. Das braucht immer wieder bewusst eingeplante Zeit. Damit Sex regelmäßig stattfindet, darf man nicht warten, bis eines Tages die Lust auf Sex spontan entsteht. Denn es ist keinesfalls so, dass nur spontaner Sex guter Sex ist. Und wer auf den spontanen Sex wartet, kann unter Umständen sehr lange warten.

Nehmen Sie sich Zeit für Sex und zelebrieren Sie ihn. Reduzieren Sie Stress, indem Sie Internet, Telefon und Smartphone ausschalten. Suchen Sie einen Ort, an dem Sie sich wohlfühlen. Und wenn der Kontext passt, kann auch der Sex schön werden. Auch bei geplantem Sex.

Jedes Paar ist anders. Jeder Partnerteil bringt eine andere Geschichte in die Beziehung mit. Egal was gerade im Bett läuft, können Sie sich gemeinsam entwickeln. Es braucht Mut, Wohlwollen und ein bisschen Einsatz, um am Thema Sex zu arbeiten.

Es erfüllt mich immer wieder mit Freude, wenn ich daran denke, was noch alles vor mir liegt. Ich darf immer wieder neue Facetten entdecken und die Früchte meiner Sexualität genießen.

Marvin Leu ist Sexualtherapeut. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

„Mama, ich will keine Kinder“ – So können Eltern mit der Enttäuschung umgehen

Elternfrage: „Meine Tochter (23) meinte neulich, dass sie keine Kinder haben will. Ich bin mit Blick auf mögliche Enkelkinder ein bisschen enttäuscht und frage mich, ob ich ihr das Muttersein so unschön vorgelebt habe. Wie kann ich das ansprechen, ohne ihr Druck zu machen?“

Es geht nicht um die eigenen Lebensziele

Die Tatsache, dass Ihre Tochter ihre Gedanken zum Muttersein geteilt hat, lässt vermuten, dass sie gesprächsbereit ist. Das dürfen Sie nutzen! Um ihr jedoch keinen Druck zu machen, würde ich empfehlen, diese Entscheidung nicht infrage zu stellen, sondern nachzufragen, was Ihre Tochter zu diesen Gedanken bewogen hat. Denn Gedankenspiele ohne den direkten Austausch führen nur zu Spekulationen und schaffen keine echte Klarheit. In einem solchen Gespräch sollte es nicht um Rechtfertigung, sondern um Verständnis gehen: „Was sind deine Beweggründe? Was verbindest du mit dem Muttersein? Was magst du darin nicht?“ All das darf ausgesprochen werden. Je weniger Sie die Gedanken Ihrer Tochter bewerten oder in eine bestimmte Richtung lenken, desto offener können Sie ins Gespräch kommen.

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Ihre Tochter Ihnen keine Enkelkinder schenken wird. Ihre Enttäuschung darüber darf sein und auch zum Ausdruck gebracht werden. Aber letztlich können Eltern die Entscheidungen der erwachsenen Kinder nur respektieren. Kinder haben nicht die Aufgabe, die Träume und Wünsche der Eltern zu erfüllen. Deswegen sollte ein Austausch zu diesem Thema nicht das primäre Ziel haben, Einfluss zu nehmen, um die eigenen Lebensziele zu erreichen, sondern um Verständnis zu schaffen. Und wer weiß? Vielleicht kann Ihre Tochter auf der Grundlage dieser Freiheit und durch den ehrlichen Austausch mit Ihnen sogar eine neue Perspektive und ein Ja zur Mutterschaft entwickeln.

Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid und leitet bei team-f den Fachbereich Familie und Erziehung.

Wenn es sich fremd anfühlt

Eltern können eine Entscheidung des Kindes in Themen, die sie grundlegend anders getroffen haben, wie einen unbekannten Gast behandeln. Was bringt dieser Gast mit? Was macht den Schmerz aus? Woher kommt die Enttäuschung? Neugierig und offen können Sie sich selbst Fragen stellen: Was war oder ist so erfüllend an der Elternschaft für mich? Wie hätte mein Leben ohne Kind ausgesehen?

Nach dem „Beschnuppern“ der fremden Entscheidung, dem unbekannten Gast, könnte ein gemeinsames Gespräch mit der Tochter folgen. Dabei hilft ein klarer, unter Umständen bisher unüblicher Gesprächsrahmen: „Ich habe etwas, das ich in Ruhe mit dir besprechen möchte. Hast du in den nächsten Tagen einen Zeitpunkt, der gut für dich ist?“ Außerdem tut es dem gegenseitigen Verständnis gut, den Austausch in eine liebevolle Haltung der Annahme zu kleiden: „Ich nehme deine Aussage sehr ernst. Hilf mir, das besser zu verstehen. Hast du das Muttersein bei mir als belastend erlebt?“ Eltern dürfen dabei auch ehrlich fragen: „Gibt es etwas, in dem dich unser gemeinsamer Weg verletzt hat?“

Jede Antwort des Kindes in diesem Gespräch ist kein Gesetzesentwurf, sondern ein Statement mit dem aktuellen Tagesdatum. Darauf ohne Wertung mit „Ich denke weiter darüber nach …“ oder „Danke, für den Einblick in deine Gedanken“ zu antworten, stärkt das Vertrauen. Es kann helfen, die Akzeptanz für die Entscheidung wachsen zu lassen, bis eine vorsichtige Freundschaft zu dem zuvor fremden Gast entsteht.

Stefanie Diekmann ist Pädagogin, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Hat meine Tochter eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Elternfrage: „Wenn meine Tochter (20) bei uns zu Besuch ist, isst sie sehr wenig und sagt oft, sie habe keinen Appetit. Ich sehe sie nicht oft und mache mir Sorgen. Wie kann ich erkennen, ob sie eine Essstörung hat? Ich habe Hemmungen, sie direkt darauf anzusprechen.“

Es ist gut nachvollziehbar, dass Sie sich Sorgen machen, wenn Ihre Tochter bei Besuchen nur wenig isst und erklärt, sie habe keinen Appetit – zumal Sie sie nicht oft sehen und Veränderungen dadurch besonders ins Auge fallen. Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Sie Hemmungen haben, Ihre Tochter direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten Ihrer Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an ihrem gesamten Befinden, nicht nur an ihrem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt sie etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Hat mein Kind eine Essstörung? So können Eltern das Thema ansprechen

Wenn junge Menschen wenig essen, machen sich die Eltern schnell Sorgen: Handelt es sich um eine Essstörung? Eine Psychologin klärt auf.

Vorneweg ist es wichtig zu wissen: Nicht jedes zurückhaltende Essverhalten deutet automatisch auf eine Essstörung hin. Es gibt viele harmlose oder vorübergehende Gründe, warum jemand in bestimmten Situationen wenig isst.

Manche Menschen fühlen sich beim Essen in Gesellschaft beispielsweise unwohl. Etwa aus Angst, beobachtet zu werden. Auch Stress oder emotionale Belastungen können den Hunger mindern. Hinzu kommt: Viele junge Erwachsene verändern ihre Ernährung. Beispielsweise essen sie vegetarisch, vegan oder verzichten auf Kohlenhydrate – möchten darum aber nicht viel Aufhebens machen. Aus Rücksicht oder um niemandem Umstände zu bereiten, sprechen sie das nicht offen an und essen lieber stillschweigend weniger.

Handlungsbedarf!

Wenn sich jedoch bestimmte Auffälligkeiten über längere Zeit zeigen oder miteinander auftreten, kann das auf eine Essstörung hinweisen. Alarmzeichen sind etwa eine starke gedankliche Beschäftigung mit Kalorien, Gewicht oder der eigenen Körperform. Auch auffällige Gewichtsveränderungen – sei es durch Abnehmen oder ein ständiges Ab- und Zunehmen – können Hinweise geben. Ebenso bedenklich ist eine ausgeprägte Angst vor Gewichtszunahme oder das Bedürfnis, Nahrungsaufnahme durch übermäßigen Sport „auszugleichen“. Und auch ein stark eingeschränktes, streng reglementiertes Essverhalten – etwa durch starre Diätregeln oder das Weglassen ganzer Lebensmittelgruppen ohne erkennbaren Grund – sollte aufmerksam machen.

„Was beschäftigt dich?“

Dass Eltern oft Hemmungen haben, ihre Kinder direkt darauf anzusprechen, ist sehr verständlich. Dennoch kann ein behutsames, offenes Gespräch helfen, das Verhalten des Sohnes oder der Tochter besser einzuordnen. Wichtig ist dabei, nicht zu bewerten, sondern Ihre Beobachtung und Sorge in Worte zu fassen. Zum Beispiel so: „Ich mache mir Sorgen um dich. Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit kaum Appetit hast, und ich wollte einfach mal hören, wie es dir so geht.“ Zeigen Sie ehrliches Interesse an dem gesamten Befinden Ihres Kindes, nicht nur an seinem Essverhalten. Vielleicht beschäftigt es etwas ganz anderes, das sich indirekt auf den Appetit auswirkt.

Sollten sich die Hinweise auf eine mögliche Essstörung verdichten, wäre es sinnvoll, gemeinsam über professionelle Unterstützung nachzudenken, zum Beispiel in Form einer psychotherapeutischen Sprechstunde. In einem ersten Gespräch kann dort eingeschätzt werden, ob tatsächlich eine Essstörung vorliegt und welche Schritte hilfreich wären. Vielleicht tut es Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn auch gut, wenn Sie anbieten, sie zu einem solchen Termin zu begleiten. Trauen Sie sich, das Gespräch zu suchen. Oft ist nicht das Gespräch selbst entscheidend, sondern die Erfahrung: Da ist jemand, der sich sorgt – und der da ist, wenn Hilfe gebraucht wird.

Dr. Verena Pflug ist M.Sc. Klinische Psychologin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin.

Kontaktabbruch: Wie Eltern vorbeugen können

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

„So redest du nicht mit mir!“ – Wie Kinder respektvolle Kommunikation lernen

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.

Auf die innere Haltung kommt es an: Wie positive Annahmen die Partnerschaft beeinflussen

Die innere Haltung, mit der wir unserem Partner begegnen, hat entscheidende Auswirkungen auf unseren Umgang miteinander.

Der Mensch verfügt über die bemerkenswerte Fähigkeit, aus kurzen Beobachtungszeiträumen und minimalen Hinweisen umfassende soziale Informationen abzuleiten – ein Phänomen, das in der Psychologie oft als „Thin Slicing“ bezeichnet wird. Studien belegen, dass wir schon innerhalb weniger Sekunden subtile nonverbale Signale wie Mimik, Gestik, Körperhaltung und Stimmlage verarbeiten, um emotionale Zustände, Beziehungen und sogar Konfliktdynamiken zu erkennen.

Falsch verstanden

Diese Fähigkeit spielt auch in Partnerschaften eine entscheidende Rolle. Bei unserem Partner bemerken wir oftmals noch schneller, wenn etwas nicht stimmt. Gleichzeitig ist die Partnerschaft aber auch der Ort, an dem diese Fähigkeit an ihre Grenzen stößt. Denn in einer langjährigen Beziehung interpretieren wir das Verhalten unseres Gegenübers häufig zu negativ.

Sarah kommt nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und zieht sich in ein ruhiges Zimmer zurück, ohne groß mit ihrem Mann Markus zu sprechen. Markus interpretiert dieses Verhalten als Desinteresse oder sogar als Ablehnung – als Zeichen dafür, dass Sarah verärgert ist oder sich emotional distanziert.

Um seiner Frau etwas Gutes zu tun, kocht Markus ein besonders aufwendiges Abendessen. Dabei nutzt er zahlreiche Töpfe, spült jedoch während des Kochens keinen einzigen ab. Da er nach dem Essen sofort weiter muss, bleibt der ganze Abwasch an Sarah hängen. Sie deutet dieses Verhalten als Rücksichtslosigkeit und sogar als Missachtung ihrer Bedürfnisse – schließlich hat sie ihm schon oft erklärt, wie wichtig ihr Ordnung in der Küche ist.

Was wir unterstellen können

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in Langzeitbeziehungen immer wieder ab. Häufig sehen wir das Verhalten unseres Partners in einem übermäßig negativen Licht. In unseren Gedanken unterstellen wir ihm böse Absichten und nehmen an, seine Handlungen seien gegen uns gerichtet. Dies bezeichne ich als die Schlechtestmögliche Interpretation (SI).

Im Gegensatz dazu steht eine alternative Sichtweise, die ich die Großzügigste Interpretation (GI) nenne. Wie könnte ich das Verhalten der anderen Person am großzügigsten interpretieren? Wie ließe es sich am gnädigsten deuten? Was, wenn ich ihm oder ihr die besten Absichten unterstelle?

Schweigt sie in einem hitzigen Konflikt, wird dies entweder als passiv-aggressiv oder gleichgültig (SI) interpretiert – oder es ist ein Versuch, ihre Emotionen zu ordnen, um das Problem konstruktiv anzugehen (GI). Schlägt er eine Freizeitaktivität vor, die mehr seinen Vorlieben entspricht als ihren, wird dies entweder als egoistisch (SI) gedeutet oder als Ausdruck des Wunsches, gemeinsam etwas Besonderes zu unternehmen (GI).

Die Großzügigste Interpretation verhindert nicht nur, dass wir in einen Gegenangriff verfallen, wenn uns tatsächlich niemand etwas Böses will; sie führt uns auch oft näher an die tatsächlichen Absichten unseres Partners heran als die Schlechtestmögliche Interpretation.

Marc Bareth und seine Frau Manuela stärken mit FAMILYLIFE Schweiz Ehen und Familien. Marc Bareth ist der Leiter dieser Arbeit. Er bloggt unter: familylife.ch/five

Kontaktabbruch von Jugendlichen: Das können Eltern vorsorglich tun

Elternfrage: „Die 20-jährige Tochter eines Nachbarn hat scheinbar grundlos den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für mich wäre das ein Albtraum. Wie kann ich Probleme in unserer Familie frühzeitig erkennen, damit sie nicht in einem Kontaktabbruch enden?“

Ich habe bei unseren Töchtern (26 + 24) nachgefragt, warum sie sich in manchen Phasen zurückgezogen oder den Kontakt zu uns Eltern eingeschränkt haben. Beide haben bestätigt, was ich schon wusste: Es gab in der Vergangenheit Situationen, in denen ich sie gekränkt oder verunsichert hatte und sie daraufhin den Abstand gesucht haben. Eine Tochter sagte, es war gut, dass sie für ihren beruflichen Weg ausgezogen ist. Ihr war es manchmal zu viel, wenn ich nachgefragt habe und wissen wollte, was sie bewegt. Sie hat meine Fragen als Kontrolle erlebt. Für mich war es die Sorge um ihr Wohlergehen. Heute sagt sie: „Ich erzähle dir wieder viel mehr, was mich bewegt.“ Der Abstand ermöglichte wieder mehr emotionale Nähe. An diesem Beispiel wird deutlich, was oft hinter einem Kontaktabbruch steht: Meist geht es um den Wunsch, sich abzugrenzen oder aus Abhängigkeiten herauszukommen.

Gespräche als Prävention

Das beste Mittel gegen die Angst vor einem Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist die Kommunikation: im Gespräch sein, einander zuhören und sich Zeit füreinander nehmen. In meiner Praxis habe ich vor Kurzem Beratungsgespräche mit einer Tochter und ihrer Mutter geführt. Zwischen ihnen war es zu einer Funkstille gekommen. In einem geschützten Rahmen wollten sie wieder einen Kontaktaufbau wagen.

Es kam dabei immer mehr ans Licht, dass vergangene, in den Augen der Mutter vermeintlich kleine Situationen die Tochter sehr gekränkt hatten. Die Tochter hatte das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Die Gespräche haben Tränen gekostet, aber es gab bei beiden Aha-Momente: „So hast du das gemeint“, „So ist es bei dir angekommen“. Sie entwickelten ein Verständnis füreinander und wir konnten den Prozess mit der konkreten Planung einer gemeinsamen Unternehmung von Tochter und Mutter beenden.

Um einen Sprachraum zu eröffnen, braucht es nicht zwingend eine Beratung. Aber manchmal kann es eine Hilfe sein, vor allem dann, wenn es bisher nicht Teil der Familientradition war, über Gefühle zu reden. Vielleicht wagen Sie den Schritt und gehen auf Ihre Kinder zu. Hilfreiche Fragen dafür sind: Wie ist das, was ich gesagt oder getan habe, bei dir angekommen? Darf ich dir erklären, was mein Anliegen war? Wo brauchst du mehr Freiheit? Wo ist Nähe für dich angebracht oder auch unangebracht? Manchmal ist von uns Eltern eine Entschuldigung für Verletzungen nötig, die wir unseren Kindern zugefügt haben, ohne dass wir das wollten.

Wenn es beim Kontaktabbruch bleibt

Leider kommt es vor, dass es trotz Gesprächsbemühungen zu einer Funkstille zwischen Eltern und Kindern kommt. Das ist häufig dann der Fall, wenn Kinder diesen Weg als einzige Option sehen, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und aus der Abhängigkeit oder Kontrolle zu fliehen. Das tut weh. Dann heißt es für uns Eltern, die Funkstille als Notruf des Kindes wahrzunehmen und den Abstand zu respektieren. Ein Abstand kann für alle eine wichtige Zeit der Reflexion und Klärung sein. Er bringt die Chance auf eine Versöhnung und einen Neubeginn mit sich.

Susanne Peitz ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie arbeitet als Supervisorin (EASC), Systemische Familientherapeutin und Sozialpädagogin.

Zuhören – Der Schlüssel zu einer gelingenden Partnerschaft

Wahrnehmen, zuhören, sich auf den Partner einlassen. Was auf den ersten blick banal klingt, ist gar nicht so leicht. Paartherapeutin Ira Schneider zeigt, wie das wirklich gelingen kann.

Einander zuhören: Das ist doch selbstverständlich, denkst du dir vielleicht. Klingt wie ein Hinweis, den man sich wirklich sparen kann. Jeder weiß doch, dass das wichtig ist. Moment mal – ist das wirklich so? In meinen Gesprächen habe ich oft Paare sitzen, denen das Zuhören völlig abhandengekommen ist, oder die es womöglich nie kultiviert haben. Wie aber kann echtes Zuhören gelingen? Warum lohnt es sich, wirklich zuzuhören und was kann ein Paar dabei gewinnen? Beim Zuhören kommt es vor allem auf die Haltung an. Die innere Haltung hat einen Einfluss darauf, wie wir uns beim Zuhören verhalten und wie wir unserem Partner begegnen, während er erzählt. Haltung entsteht, wenn wir uns im Vorhinein darüber klar werden, wie wir uns verhalten wollen und welche Werte wir dabei vertreten. Drei Herangehensweisen können helfen, das Zuhören in ein verbindendes und ereignisreiches Erlebnis zu verwandeln.

1. Den anderen beschnuppern

Es braucht ein Eintauchen und ein Beschnuppern. Die Haltung, die das Zuhören zu einer Liebestat verwandelt, ist die pure Neugier. Sie ist der Schlüssel, der das Gegenüber immer wieder neu entdeckt. Neugier ist ehrlich. Sie ist interessiert. Sie ist im wahrsten Sinne gierig auf das Neue, das sie erfahren kann. Sie führt dazu, dass wir uns Zeit nehmen, fallen lassen und aufrichtig nachfragen.

2. Eintauchen in die Welt des anderen

Wer zuhört, öffnet sein Herz. Es geht darum, sich voll und ganz mit allen Gedanken auf das einzulassen, was der andere erzählt. Es bedeutet, sich der Gefühlswelt des anderen zu öffnen. Ich würde sogar sagen, dass echtes Zuhören auch bedeutet, sich zu merken, was der andere erzählt. Wer zuhört, schenkt den Prozessen, den Gefühlen und Erlebnissen seines Gegenübers wahrhaftig Raum in seinem Inneren.

3. Wertungsfreie Atmosphäre

Die Königsdisziplin des Zuhörens ist wohl das Hören, ohne zu moralisieren, zu bewerten und ohne zu unterbrechen. Auf diesem Königsweg unterwegs zu sein, ist kein Spaziergang. Es funktioniert nur, wenn man ganz beim anderen ist statt bei sich selbst. Dazu gehört auch mal kurzweilig ein inneres Aushalten und Zurückhalten von Meinungen, Ideen und Lösungen. Es geht darum, das Gesagte als Information und Gewinn für die Beziehungsgestaltung zu betrachten.

 Einfach anfangen

Wenn es darum geht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der echtes Zuhören Raum findet, fängt man am besten selbst damit an. Wer dem anderen zuhört, kann nur gewinnen. In einer leistungsgeprägten Gesellschaft, in der wir um Zeit ringen, ist Zuhören ein Zeitgeschenk. Eine Atmosphäre ohne Druck schafft automatisch einen Ausgleich zum trubeligen Alltag. Du kannst beginnen und durchs Zuhören echte Anteilnahme leben. Dein Gegenüber fühlt sich dadurch wahrgenommen und gesehen. Dadurch entstehen Sicherheit und das Gefühl: ,,Ich habe hier Raum.“ Genau deshalb lohnt sich Zuhören!

Ira Schneider ist Paartherapeutin und Autorin. Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus ihrem aktuellen Buch „Zwischen ich, du & wir – 30 inspirierende Impullse für dich und deine Beziehung“, erschienen bei SCM Hänssler.

„Wie redest du mit mir?“ – So lernen Kinder respektvolle Kommunikation

Elternfrage: „Ich finde es oft nicht in Ordnung, wie meine Tochter (7) mit mir spricht. Was kann ich tun, um wertschätzende Kommunikation zu fördern?“

Hierzu ist es wichtig, erst einmal zu verstehen, dass Kinder oft im Eifer des Gefechts handeln. Wenn sie uns patzig, zu laut oder zu fordernd antworten, dann nicht, weil sie uns nicht respektieren oder wertschätzen, sondern weil ihre Emotionen mit ihnen durchgehen und dafür sorgen, dass sie ungefiltert auf eine Situation reagieren. Deswegen bringt es nicht viel, eine wertschätzende Kommunikation einfach nur einzufordern. Vielmehr liegt es in unserer Verantwortung, Kinder da hinzuführen.

Raus aus der „Schimpfschleife“

Das Gesagte und die Tonlage sind häufig keine Rückmeldung über uns als Eltern, sondern darüber, wie ein Kind sich gerade fühlt. Ein erster Schritt zu einer wertschätzenden Kommunikation wäre es daher, genau dies zu benennen. „Oh, ich merke gerade, dass dich das ganz schön aufregt.“ „Das ist dir enorm wichtig, oder?“ „Kann es sein, dass du das Gefühl hast, dass ich dir nicht zuhöre?“

Solche Nachfragen bringen Ihre Tochter aus ihrer eigenen „Schimpfschleife“ heraus und sorgen dafür, dass Sie selbst gar nicht erst mit einsteigen. Stattdessen kann die Kommunikation auf eine andere Ebene gehoben werden. Außerdem bekommen Kinder so praktische Vorbilder für einen respektvollen Umgang miteinander, und das ist ja bekanntlich besser als jede theoretische Aufforderung.

Erst abkühlen lassen

Aber machen wir uns nichts vor: Obwohl wir vielleicht theoretisch wissen, dass das Kind es nicht so meint, und eine Ahnung davon haben, wie wir reagieren könnten, kann einen solch ein Verhalten auch mal ordentlich antriggern. Es gibt Tonlagen, Aussagen oder Verhalten, das wir einfach nicht hinnehmen wollen. Das ist völlig legitim, und unsere Kinder dürfen spüren, dass sie an diesen Stellen Grenzen überschreiten.

Ich habe allerdings gelernt, dass es besser ist, so etwas zu kommunizieren, wenn die Situation sich abgekühlt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kinder verstehen, warum wir dieses oder jenes nicht wollen, ist höher, wenn wir es in Ruhe mit ihnen besprechen. „Ich habe verstanden, dass du vorhin wütend warst, aber dass du XY zu mir gesagt hast, hat mir wehgetan/hat mich geärgert/stört mich.“ Sie können dann auch mit Ihrem Kind einüben, was es stattdessen in ähnlichen Situationen sagen könnte. Aber erwarten Sie hier bitte keine schnellen Wunder. Es braucht viel Zeit und viele, viele Wiederholungen, bis Impulskontrolle und respektvolle Kommunikation funktionieren.

Zu guter Letzt noch ein anderer Gedanke: Ich finde, dass es manchmal auch was Gutes hat, wenn wir uns am Verhalten unserer Kinder reiben – oft können wir dadurch nämlich viel über uns selbst, unsere Grenzen und unsere wunden Punkte lernen.

Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin, Eltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.