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Expertin warnt: Tradwives sind keine Beziehungsratgeber

Ein Trend aus den USA, die sogenannten Tradwives, suggeriert ein neues altes Bild von Frauen und Familie. Doch hinter dem Vorhang lauern bedenkliche Ideale. Paarexpertin Ira Schneider nimmt deren Beziehungstipps unter die Lupe.

„Oh, ein leckerer Kuchen“, denke ich und betrachte das vor mir aufpoppende Video genauer. Eine Frau in blumiger Schürze, strenger Körperhaltung und adrett gelocktem Haar steht am Küchentresen voller Backutensilien. Die Szene füllt das Bild auf meinem Handy. Ich bin neugierig und schaue etwas genauer hin. Der Algorithmus von Instagram hat inzwischen registriert, dass ich dem Video einen Moment zu viel Aufmerksamkeit gewidmet habe. Schon füllen ähnliche Videos von Tradwives meinen Feed.

Damals und heute

Die Videos erinnern mich an True Womanhood und Culture of Domesticity. Das waren Schlagworte aus der amerikanischen Literaturgeschichte im 19. Jahrhundert, die kennzeichneten, wie eine wahre Frau zu sein hatte. Sie sei häuslich und der öffentliche Raum wurde ihr verwehrt. Geschichtsnarrative wiederholen sich. Die Gemeinsamkeit der Frauenbilder damals und heute: Ihre Hauptwirkungsstätte scheint ausschließlich häuslich zu sein. Doch eins ist heute anders: Obwohl die Frauen in den Videos sich im häuslichen Raum bewegen, bedienen sich einem riesigen öffentlichen und schnell zugänglichen Raum – dem medialen – um ihr Narrativ der wahren Frau zu verbreiten. Das zugrundeliegende Bild ist allerdings zutiefst patriarchalisch. Es geht um eine immer willige, stets schöne und nie erschöpfte Frau. Eine, die zuhause bleibt und dessen einziges Lebensglück das Wohl der anderen ist und die dabei die eigenen vier Wände in eine wohlige Heimat verwandelt.

Die Videos der Tradwives spielen mit Gegenüberstellung dualistischer Prinzipien einer schwarz-weißen Welt. Die Tradwife sei liebevoll, bescheiden und sogar schlank, weil sie zuhause gesund kochen könne. Eine Frau, die erwerbstätig ist, sei übergewichtig, da sie keine Zeit habe, sich gesund zu ernähren und habe einen schlechten Selbstwert. Diese selbsternannten fürsorglichen Frauen sind jedoch gar nicht so herzerwärmend wie ihre frisch aus dem Ofen gezauberten Cookies, sondern ziemlich hart – nämlich allen Frauen gegenüber, die eigene Wünsche und Bedürfnisse außer der Fürsorgearbeit ihrer Familie verspüren.

Mehr als Limonadenrezepte

Was ich als Paartherapeutin als sehr besorgniserregend empfinde, sind aber vor allem die Beziehungstipps der Tradwives. Es gibt nämlich nicht nur Cup Cake-, Limonaden- und Sauerteigrezepte im Angebot, sondern auch kostenfreie Beziehungstipps von diesen Frauen in ihren fluffigen Kleidern. Es sind Tipps für ein harmoniegeschwängertes Ehe- und Familienleben. Damit das gelinge, müsse Frau sich ihrer ureigenen Bestimmung als Hausfrau und Mutter zurückbesinnen. So zumindest das Postulat dieser Videos.

Das Ganze wird dann über Schuld- und Schammechanismen verstärkt, indem raffiniert moralisiert wird. Hierfür wird noch das Christentum hinzugezogen und Zitate aus biblischen Texten werden wie eine Collage zusammen geclustert. Dabei wird der ursprüngliche historisch-kulturelle Hintergrund ignoriert. Diese Textstellen werden so instrumentalisiert, dass vor allem Frauen ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie nicht diesem einen bestimmten Bild entsprechen.

Dieser Trend aus den USA, der auch nach Deutschland herübergeschwappt ist, arbeitet mit Stilmitteln der Übergeneralisierung. Dabei entbehren diese Gedanken und jeglicher therapeutischen Basis. Stattdessen werden hoch emotionalisiert die Beziehungstipps aus dem Ärmel beziehungsweise aus der Schürze geschüttelt. Sie tauchen plakativ als Texttitel in Videos auf, während kitschige Musik im Hintergrund läuft und um die Rührschüssel herumgetänzelt wird. Die Allgemeingültigkeit dieser Tipps wird dabei mit keiner Silbe hinterfragt. Perspektivvielfalt? Fehlanzeige!

Beziehungstipps der Tradwives im Faktencheck

Diese Frauen wissen angeblich, wie man Ehemänner glücklich macht. Dabei schreiben sich die Tradwives Ratschläge auf ihren Accounts jeweils ab. Drei Tipps tauchen interessanterweise immer wieder auf. Diese möchte ich mir genauer anschauen:

  • Die Tradwife empfiehlt, dass sich Frauen ihrem Mann immer frisch geschminkt, frisiert und fein angezogen präsentieren.

Sich für das Gegenüber frisch zu machen, ein Parfüm anzulegen, vielleicht auch mal das Oberteil zu tragen, von dem man weiß, dass der oder die andere es besonders schätzt, finde ich für Paarbeziehungen sehr achtsam, wärme-schenkend und entzückend. Aber dass hier Frauen im Grunde Frauen zu Objekten machen, finde ich empörend. Was für ein Druck, immer besonders herausgeputzt sein zu müssen und das mitten im Familienalltag, der doch oft mit kleinen Kindern unkontrollierbar und unvorhersehbar ist. Was auf Paarebene besonders problematisch ist, ist der Gedanke, sich nicht wahrhaftig zeigen zu können. Da wird etwas versteckt, nämlich die wuscheligen Haare und die verschwitzte Jogginghose. Solche Tipps nehmen einer intimen und vertrauten Beziehung die Natürlichkeit. Aber nicht nur das: Sie rauben auch das Gefühl tiefer Annahme. Denn ein wichtigstes Kriterium von Nähe ist, sich unbekümmert und frei so zu zeigen, wie man gerade ist.

  • Die Tradwife empfiehlt, sexuell großzügig zu sein.

Sexuelle Bedürfnisse im Blick zu haben, einander zu fragen, was der oder die gerade braucht, eine gemeinsame Sprache über das Sexualleben zu entfalten, sind wichtige Entwicklungsaufgaben eines Paares. Jede Frau befindet sich in unterschiedlichen Lebensphasen. Vielleicht ist gerade Wochenbettruhe angesagt oder womöglich ist das innere Nähekontingent durch Kinder, die gerade viel kuscheln wollen, bis zum letzten Tropfen ausgeschöpft. Möglicherweise ist der Alltag auch so stressig, dass für romantisch-lustvollen Sex gerade keine Kraft mehr da ist. Vielleicht liegt aber auch eine hormonelle Störung vor oder es gibt schwerwiegende traumatische Erfahrungen in Zusammenhang mit Sexualität. Einfach großzügig sein impliziert, dass fehlende Sexualität im Gegenzug emotionaler Geiz wäre. Diese Form der Unterstellung ist für keine Paarbeziehung konstruktiv. Ein hilfreicherer Tipp wäre, beide Teile des Paares zu ermuntern, sich über Wünsche und Fantasien auszutauschen.

  • Die Tradwife empfiehlt, morgens dem Ehemann Mittagessen für die Arbeit mitzugeben.

In vielen Videos sieht man Frauen, die noch vor Sonnenaufgang Fleisch anbraten und große Brotboxen richten. Gegenseitige Fürsorge, kulinarische Gelüste erfüllen, für den anderen, die andere mitdenken, einander überraschen und sich gegenseitig versorgen bringt viel Halt und Geborgenheit in Paarbeziehungen. Was diese Videos allerdings empfehlen, ist eine sehr einseitige Form der leiblichen Versorgung. Eine, bei der der Mann nicht mehr auf Augenhöhe bleibt, sondern eher auf die Kinderebene rutscht. Ich frage mich, wo hier das Elternpaar als Team ist, das die Kinder gemeinsam versorgt. Davon sehe ich in den Videos wenig. Für eine langfristig gesunde Beziehung ist es wichtig, dass Eltern miteinander kooperieren und nicht ein Teil das Gefühl hat, ein weiteres Kind versorgen zu müssen. Da braucht es Erwachsene, die selbstfürsorglich sind, was nicht bedeutet, dass auch gegenseitige Versorgung und Entlastung stattfinden kann.

Einen individuellen Weg finden

Was ich festhalten möchte: Als Paartherapeutin werte ich nicht die Verteilung von Care- und Erwerbsarbeit. Das ist nicht mein Auftrag. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Kinder gute Bindungspersonen haben, die zuverlässig sind, und dass sie einen sicheren Lebensraum erfahren. Für mich ist entscheidend, dass beide Teile einer Partnerschaft sich in dem gesehen fühlen, was sie zum Familienleben beitragen. Für jedes Paar und jede Familie funktioniert etwas anderes. In meiner Arbeit und in meinem privaten Umfeld habe ich sehr viele unterschiedliche Paare kennengelernt. Alle geben ihr Bestes. Paritätische Partnerschaft kann man nicht pedantisch in stündlichen Tabellen ausmessen. Tabellen und Listen finden manche Paare hilfreich. Aber schlussendlich geht es darum, ob emotionale Prinzipien im Gleichgewicht sind. Beispielsweise, dass eine achtungsvolle Wertschätzung da ist oder dass das Gefühl der Gleichwertigkeit im Gleichgewicht ist.

Es ist hilfreich, wenn beide Teile des Paares sich mit Altersvorsorge beschäftigen und ein für sich gutes Modell ausarbeiten. Wenn ein Paar sich Rollen traditionell aufteilt, kann das für das Paar wunderbar funktionieren. Oft beobachte ich auch, dass Paare sich in Lebensphasen abwechseln. Mal ist der eine Teil mehr, mal der andere Partner erwerbstätig. Paarbeziehungen sind ein vertrauensvolles gegenseitiges Wechselspiel an Unterstützung. Das entscheiden Paare für sich. Hingegen ein rigides Bild zu malen, in dem Ehe und Familie nur nach einem Modell funktioniert, wie es die Tradwives in flatternden Röcken behaupten, streut rechtspopulistische Werte. Es ist ein Nährboden derer, die Frauen in ihrer Freiheit beschneiden wollen und stärkt die strukturelle Benachteiligung, die Frauen ohnehin schon erleben.

Ira Schneider arbeitet als Paartherapeutin. Ihr Ratgeber ,,Jeden Tag ein neues Ja“ ist im Juni erschienen. @ira.schneider_

Vater sein – Hirnforscher erklärt: Das brauchen Kinder von ihren Vätern

Vater sein ist nicht nur eine Aufgabe oder eine Rolle, sondern eine innere Haltung. Star-Hirnforscher Gerald Hüther erzählt im Interview, warum Kinder von ihren Vätern bedingungsloses Interesse brauchen.

Im Kindergarten und der Grundschule werden Kinder mehrheitlich von Frauen betreut. Sind Männer verzichtbar geworden?

Gerald Hüther: Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, um sich zu orientieren. Da Frauen und Männer unterschiedlich sind, fehlt ein wesentliches Gegenüber für eine gesunde Rollenbildung, wenn kein Mann da ist. Jungen und Mädchen müssen aber ein inneres Bild von dem entwickeln, was männlich und was weiblich ist. Mannsein lerne ich eben nicht aus dem Internet, dem Fernsehen oder aus Büchern. Und wenn die Kinder keinen Mann erleben, wachsen sie mit einem echten Erfahrungsdefizit auf.

Vater sein – eine besondere Bedeutung

Hier kommt besonders der Vater ins Spiel. Worin sehen Sie die Bedeutung von Vätern?

Wir haben zwei verschiedene Geschlechter und eine bestimmte Erfahrungswelt für Frauen und Männer in unserer Gesellschaft. Und die einzige Notwendigkeit, die ich als Hirnforscher sehe, ist, dass Kinder Gelegenheit bekommen müssen, möglichst unterschiedliche Erfahrungen mit vielfältigen Menschen zu machen. Es gibt eine ganze Reihe Untersuchungen, die zeigen, dass Väter und Mütter unterschiedlich auf Kinder reagieren und ihnen damit auch andere Möglichkeiten bieten. Wenn zum Beispiel ein Kind auf dem Spielplatz von der Schaukel fällt, nimmt die Mutter das Kind auf den Schoß, tröstet es und setzt es dann woanders hin. In die Sandkiste zum Beispiel, wo es nicht mehr runterfallen kann.

Bei Vätern beobachtet man häufiger, dass sie das Kind nehmen, es trösten und es wieder zurück auf die Schaukel setzen. Und das ist eine völlig andere Erfahrung für ein Kind. Nämlich, dass es ein Problem gab, aber dass das Problem nicht dadurch gelöst wird, dass man es vermeidet, sondern dass man sich dem Problem stellt. Es mag sein, dass Männer das leichter können, und so mag es eine ganze Reihe von anderen Dingen geben, die ein Vater dem Kind besser vermitteln kann. Und das gilt eben nicht nur für Jungs, die natürlich ein männliches Vorbild brauchen, sondern das gilt in gleicher Weise auch für Mädchen. Auch Mädchen brauchen ihre Väter.

Was macht für Sie einen richtig guten Vater aus?

Ich fürchte, dass es keine richtig guten Väter gibt, sondern dass jeder Vater versuchen kann, es so gut wie möglich zu machen. Und es gibt Väter, die sich selbst darüber bewusst sind, dass sie für ihre Kinder ein Rollenmodell bieten. Kinder lernen von Vorbildern, und Jungs lernen von ihrem Vater, was männliche Identität bedeutet und bekommen damit einen Maßstab und eine Orientierung, die ihnen oftmals für das ganze Leben lang bedeutsam ist. Das war und ist aber nicht immer gegeben. Daher wäre es gut, wenn Väter sich noch stärker darüber bewusst würden, welche bedeutsame Rolle sie spielen und wie sehr ihr Vorbild ihre Kinder auf ihrem Weg prägt.

Aber nicht nur die Jungs, sondern die Mädchen in gleicher Weise. Denn wir sehen auch in vielen Studien, dass Mädchen ihre spätere Partnerwahl sehr stark unter dem Einfluss der Erfahrungen treffen, die sie mit ihrem eigenen Vater gemacht haben. Manche suchen sich einen, der so ähnlich ist wie der Vater, andere suchen einen, der sich in ihren Augen sehr stark von ihrem Vater unterscheidet. Väter sind also Rollenmodelle für Söhne, wie sie als Väter leben. Und Töchter sollten an ihrem Vater sehen können, wie ein Mann wertschätzend mit einer Frau umgeht und was man von einem Mann erwarten sollte. Und sie leben vor, wie Partnerschaft aussieht.

Anspruch und Wirklichkeit

Als Vater versuche ich natürlich, meine Sache gut zu machen. Trotzdem scheitere ich oft genug an meinen Ansprüchen. Ich möchte liebevoll sein und doch reagiere ich über. Was kann ich tun, um ein besserer Vater zu sein?

Vielleicht ist es hilfreich, erst mal zu fragen, weshalb es so oft nicht gelingt. Das hat etwas mit Affekten zu tun, die wach werden, wenn man als Vater mit bestimmten Verhaltensweisen des Kindes konfrontiert wird. Das kann wie ein Trigger wirken, der im eigenen Gefühlsleben bestimmte Emotionen und Affekte erzeugt, die so stark sind, dass man plötzlich nicht mehr Herr seiner Handlungen ist. Und dass man plötzlich in dieser übererregten Situation – neurobiologisch nennen wir das Frontalhirndefizit – kopflos reagiert.

Aus dem Affekt heraus tut man Dinge, die man sonst nicht machen würde. Das passiert vor allem dann, wenn man in engen emotionalen Bindungen steht. Also mit den eigenen Kindern oder dem Ehepartner. Was notwendig wäre, um nicht im Affekt zu reagieren: Zählen Sie erst mal bis zehn und dann denken Sie nochmal kurz nach und dann handeln sie. Wer sofort aus dem Affekt heraus handelt, kann nicht umsichtig und liebevoll mit seinem Kind umgehen. Das wären die praktischen Tipps.

Als Vater ein Vorbild zu sein, ist nicht immer leicht. Die Rollen im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft sind sehr unterschiedlich. Wie kann man das Mann- und Vatersein da leben?

Als Mann muss man sich über die verschiedenen Rollen bewusst sein. Die Gefahr ist groß, von der Gesellschaft verführt zu werden, irgendwelche Rollen spielen zu wollen, um Anerkennung zu bekommen. Es ist schlecht, wenn ein Mann, dem dieses Theaterspiel selbst nicht klar ist, Kinder erzieht, egal ob Jungs oder Mädchen. Wer das selbst nicht durchschaut, identifiziert sich dann auch allzu leicht mit seiner Rolle. Den Kindern so ein Rollenspiel vorzuleben, kann dazu führen, dass auch sie versuchen, irgendwelche Rollen zu spielen, und sich dabei selbst fremd werden.

Jetzt könnte man versuchen, diese Rolle, die man in der Gesellschaft spielt, zu hinterfragen und sich nicht mit dieser Rolle zu identifizieren. Wenn ich gefragt werde, wer ich bin, dann sage ich eben nicht: Ich bin Professor für Neurobiologie. Sondern: Ich bin Gerald Hüther, der sich auf irgendeine Art und Weise darum bemüht, im Leben zurechtzukommen. Das ist ein ganz anderes Selbstbild. Und dieses andere Selbstbild, dass ich, wie alle anderen, suchend und fragend unterwegs bin, wäre als Grundhaltung dann auch für die Kinder großartig.

Dadurch ist man nicht der Besserwisser und der Alleskönner, der die Kinder zum Objekt seiner Erwartungen, Belehrungen und Bewertungen macht. Sondern man outet sich als einer, der auch nicht weiß, wie es geht. Man kann dem Kind auch offenbaren, dass man ein fehlbarer Mensch ist, der sich Mühe gibt und es versucht, so gut wie möglich zu machen. Hier ist der Erwachsene, ob Mutter oder Vater, nicht mehr die Führungsfigur, die das Kind erzieht und belehrt und ihm alles beibringt.

Solche Eltern werden ihr Kind in seiner ganzen Einzigartigkeit so annehmen, wie es ist. Sie werden nicht versuchen, aus diesem Kind etwas zu machen, wovon sie glauben, dass es darauf ankäme oder günstig wäre. Und das ist die wirkliche Definition von Liebe, nämlich das bedingungslose Interesse an der Entfaltung des Geliebten. Das halte ich im Augenblick für die wichtigste Botschaft, die wir an Väter weitergeben können: Kein Rollenspieler, sondern ein authentischer Mann zu sein. Natürlich brauchen Kinder auch Führung, Halt und Orientierung. Aber was sie nicht brauchen, ist jemand, der autoritär sagt, wie das Kind zu sein hat.

Vater sein – sich auf das Kind einlassen

Das setzt voraus, sich tief im Inneren auf das Kind einzulassen.

Richtig. Aber das fällt vielen Vätern schwer, weil sie eine andere Haltung erlernt haben. Nämlich, dass Väter bei kleinen Kindern noch nicht so wichtig sind und sie nicht gebraucht werden. Aber wenn man sich auf die Kinder einlässt, spürt man plötzlich, wie das Kind einen einlädt, in seine Welt zu kommen und alles mit zu entdecken. Die Welt, das Wohnzimmer, die Puppe, das Bett und auch den Papa, der mit kindlichen Augen betrachtet ganz anders ist.

Dann öffnet sich plötzlich nochmal auf eine neue Weise eine ganze Erfahrungswelt. Je öfter man diese Erfahrung macht, wie sehr sich das Kind darauf freut, dass der Papa jetzt da ist und es mit ihm etwas machen kann, desto stärker fühlt es der Papa. Dann macht er diese starke emotionale Erfahrung, dass er eigentlich ein toller Papa ist und dass er dadurch dem Kind eine ganze Menge schenken kann und dass er auch ganz viel von dem Kind bekommt.

Aus dieser wiederholt gemachten Erfahrung wird dann eine Haltung. Und die Haltung heißt, dass es toll ist, mit meinem Kind als Vater auf diese Weise verbunden zu sein. Das will ich auch aufrechterhalten. Das heißt, er kann später wieder arbeiten gehen. Diese Erfahrung geht nicht wieder weg und diese Haltung bleibt bestehen. So kann man das lernen und auch anderen Vätern weitergeben, sich auf diese Erfahrung einzulassen.

Gibt es für Sie ein Vorbild für Männer und Väter?

Jesus Christus. Wenn man wissen will, wie der moderne Mann aus neurobiologischer Sicht aussieht, sollte man sich an Jesus orientieren. Der Kern dieses Mannseins heißt: ein Liebender zu sein. Das ist das, was Jesus konnte. Er brauchte nicht andere, um sich selbst aufzubauen, musste nicht mit Klugscheißereien dauernd dazwischenreden und anderen erzählen, was sie zu tun und zu lassen haben. Er hatte etwas zu verschenken. Und er konnte sich um andere kümmern, sich hingeben, da sein und zuhören. Das können wir alle lernen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier.

Dr. Gerald Hüther ist emeritierter Professor für Neurologische Präventionsforschung und Autor vieler ­Sach- und Fachbücher. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Göttingen. gerald-huether.de

Mehr sein und weniger tun

Vater sein ist nicht nur eine Aufgabe oder eine Rolle, sondern es ist eine innere Haltung. Hirnforscher Gerald Hüther erzählt im Interview, was Kinder an Vätern wirklich brauchen.

Im Kindergarten und der Grundschule werden Kinder mehrheitlich von Frauen betreut. Sind Männer verzichtbar geworden?

Gerald Hüther: Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, um sich zu orientieren. Da Frauen und Männer unterschiedlich sind, fehlt ein wesentliches Gegenüber für eine gesunde Rollenbildung, wenn kein Mann da ist. Jungen und Mädchen müssen aber ein inneres Bild von dem entwickeln, was männlich und was weiblich ist. Mannsein lerne ich eben nicht aus dem Internet, dem Fernsehen oder aus Büchern. Und wenn die Kinder keinen Mann erleben, wachsen sie mit einem echten Erfahrungsdefizit auf.

Hier kommt besonders der Vater ins Spiel. Worin sehen Sie die Bedeutung von Vätern?

Wir haben zwei verschiedene Geschlechter und eine bestimmte Erfahrungswelt für Frauen und Männer in unserer Gesellschaft. Und die einzige Notwendigkeit, die ich als Hirnforscher sehe, ist, dass Kinder Gelegenheit bekommen müssen, möglichst unterschiedliche Erfahrungen mit vielfältigen Menschen zu machen. Es gibt eine ganze Reihe Untersuchungen, die zeigen, dass Väter und Mütter unterschiedlich auf Kinder reagieren und ihnen damit auch andere Möglichkeiten bieten. Wenn zum Beispiel ein Kind auf dem Spielplatz von der Schaukel fällt, nimmt die Mutter das Kind auf den Schoß, tröstet es und setzt es dann woanders hin. In die Sandkiste zum Beispiel, wo es nicht mehr runterfallen kann. Bei Vätern beobachtet man häufiger, dass sie das Kind nehmen, es trösten und es wieder zurück auf die Schaukel setzen. Und das ist eine völlig andere Erfahrung für ein Kind. Nämlich, dass es ein Problem gab, aber dass das Problem nicht dadurch gelöst wird, dass man es vermeidet, sondern dass man sich dem Problem stellt. Es mag sein, dass Männer das leichter können, und so mag es eine ganze Reihe von anderen Dingen geben, die ein Vater dem Kind besser vermitteln kann. Und das gilt eben nicht nur für Jungs, die natürlich ein männliches Vorbild brauchen, sondern das gilt in gleicher Weise auch für Mädchen. Auch Mädchen brauchen ihre Väter.

Was macht für Sie einen richtig guten Vater aus?

Ich fürchte, dass es keine richtig guten Väter gibt, sondern dass jeder Vater versuchen kann, es so gut wie möglich zu machen. Und es gibt Väter, die sich selbst darüber bewusst sind, dass sie für ihre Kinder ein Rollenmodell bieten. Kinder lernen von Vorbildern, und Jungs lernen von ihrem Vater, was männliche Identität bedeutet und bekommen damit einen Maßstab und eine Orientierung, die ihnen oftmals für das ganze Leben lang bedeutsam ist. Das war und ist aber nicht immer gegeben. Daher wäre es gut, wenn Väter sich noch stärker darüber bewusst würden, welche bedeutsame Rolle sie spielen und wie sehr ihr Vorbild ihre Kinder auf ihrem Weg prägt. Und nicht nur die Jungs, sondern die Mädchen in gleicher Weise. Denn wir sehen auch in vielen Studien, dass Mädchen ihre spätere Partnerwahl sehr stark unter dem Einfluss der Erfahrungen treffen, die sie mit ihrem eigenen Vater gemacht haben. Manche suchen sich einen, der so ähnlich ist wie der Vater, andere suchen einen, der sich in ihren Augen sehr stark von ihrem Vater unterscheidet. Väter sind also Rollenmodelle für Söhne, wie sie als Väter leben. Und Töchter sollten an ihrem Vater sehen können, wie ein Mann wertschätzend mit einer Frau umgeht und was man von einem Mann erwarten sollte. Und sie leben vor, wie Partnerschaft aussieht.

Als Vater versuche ich natürlich, meine Sache gut zu machen. Trotzdem scheitere ich oft genug an meinen Ansprüchen. Ich möchte liebevoll sein und doch reagiere ich über. Was kann ich tun, um ein besserer Vater zu sein?

Vielleicht ist es hilfreich, erst mal zu fragen, weshalb es so oft nicht gelingt. Das hat etwas mit Affekten zu tun, die wach werden, wenn man als Vater mit bestimmten Verhaltensweisen des Kindes konfrontiert wird. Das kann wie ein Trigger wirken, der im eigenen Gefühlsleben bestimmte Emotionen und Affekte erzeugt, die so stark sind, dass man plötzlich nicht mehr Herr seiner Handlungen ist. Und dass man plötzlich in dieser übererregten Situation – neurobiologisch nennen wir das Frontalhirndefizit – kopflos reagiert. Aus dem Affekt heraus tut man Dinge, die man sonst nicht machen würde. Das passiert vor allem dann, wenn man in engen emotionalen Bindungen steht. Also mit den eigenen Kindern oder dem Ehepartner. Was notwendig wäre, um nicht im Affekt zu reagieren: Zählen Sie erst mal bis zehn und dann denken Sie nochmal kurz nach und dann handeln sie. Wer sofort aus dem Affekt heraus handelt, kann nicht umsichtig und liebevoll mit seinem Kind umgehen. Das wären die praktischen Tipps.

Als Vater ein Vorbild zu sein, ist nicht immer leicht. Die Rollen im Beruf, in der Familie, in der Gesellschaft sind sehr unterschiedlich. Wie kann man das Mann- und Vatersein da leben?

Als Mann muss man sich über die verschiedenen Rollen bewusst sein. Die Gefahr ist groß, von der Gesellschaft verführt zu werden, irgendwelche Rollen spielen zu wollen, um Anerkennung zu bekommen. Es ist schlecht, wenn ein Mann, dem dieses Theaterspiel selbst nicht klar ist, Kinder erzieht, egal ob Jungs oder Mädchen. Wer das selbst nicht durchschaut, identifiziert sich dann auch allzu leicht mit seiner Rolle. Den Kindern so ein Rollenspiel vorzuleben, kann dazu führen, dass auch sie versuchen, irgendwelche Rollen zu spielen, und sich dabei selbst fremd werden. Jetzt könnte man versuchen, diese Rolle, die man in der Gesellschaft spielt, zu hinterfragen und sich nicht mit dieser Rolle zu identifizieren. Wenn ich gefragt werde, wer ich bin, dann sage ich eben nicht: Ich bin Professor für Neurobiologie. Sondern: Ich bin Gerald Hüther, der sich auf irgendeine Art und Weise darum bemüht, im Leben zurechtzukommen. Das ist ein ganz anderes Selbstbild. Und dieses andere Selbstbild, dass ich, wie alle anderen, suchend und fragend unterwegs bin, wäre als Grundhaltung dann auch für die Kinder großartig. Dadurch ist man nicht der Besserwisser und der Alleskönner, der die Kinder zum Objekt seiner Erwartungen, Belehrungen und Bewertungen macht. Sondern man outet sich als einer, der auch nicht weiß, wie es geht. Man kann dem Kind auch offenbaren, dass man ein fehlbarer Mensch ist, der sich Mühe gibt und es versucht, so gut wie möglich zu machen. Hier ist der Erwachsene, ob Mutter oder Vater, nicht mehr die Führungsfigur, die das Kind erzieht und belehrt und ihm alles beibringt. Solche Eltern werden ihr Kind in seiner ganzen Einzigartigkeit so annehmen, wie es ist. Sie werden nicht versuchen, aus diesem Kind etwas zu machen, wovon sie glauben, dass es darauf ankäme oder günstig wäre. Und das ist die wirkliche Definition von Liebe, nämlich das bedingungslose Interesse an der Entfaltung des Geliebten. Das halte ich im Augenblick für die wichtigste Botschaft, die wir an Väter weitergeben können: Kein Rollenspieler, sondern ein authentischer Mann zu sein. Natürlich brauchen Kinder auch Führung, Halt und Orientierung. Aber was sie nicht brauchen, ist jemand, der autoritär sagt, wie das Kind zu sein hat.

Das setzt voraus, sich tief im Inneren auf das Kind einzulassen.

Richtig. Aber das fällt vielen Vätern schwer, weil sie eine andere Haltung erlernt haben. Nämlich, dass Väter bei kleinen Kindern noch nicht so wichtig sind und sie nicht gebraucht werden. Aber wenn man sich auf die Kinder einlässt, spürt man plötzlich, wie das Kind einen einlädt, in seine Welt zu kommen und alles mit zu entdecken. Die Welt, das Wohnzimmer, die Puppe, das Bett und auch den Papa, der mit kindlichen Augen betrachtet ganz anders ist. Und dann plötzlich öffnet sich nochmal auf eine neue Weise eine ganze Erfahrungswelt. Je öfter man diese Erfahrung macht, wie sehr sich das Kind darauf freut, dass der Papa jetzt da ist und es mit ihm etwas machen kann, desto stärker fühlt es der Papa. Dann macht er diese starke emotionale Erfahrung, dass er eigentlich ein toller Papa ist und dass er dadurch dem Kind eine ganze Menge schenken kann und dass er auch ganz viel von dem Kind bekommt. Aus dieser wiederholt gemachten Erfahrung wird dann eine Haltung. Und die Haltung heißt, dass es toll ist, mit meinem Kind als Vater auf diese Weise verbunden zu sein. Das will ich auch aufrechterhalten. Das heißt, er kann später wieder arbeiten gehen. Diese Erfahrung geht nicht wieder weg und diese Haltung bleibt bestehen. So kann man das lernen und auch anderen Vätern weitergeben, sich auf diese Erfahrung einzulassen.

Gibt es für Sie ein Vorbild für Männer und Väter?

Jesus Christus. Wenn man wissen will, wie der moderne Mann aus neurobiologischer Sicht aussieht, sollte man sich an Jesus orientieren. Der Kern dieses Mannseins heißt: ein Liebender zu sein. Das ist das, was Jesus konnte. Er brauchte nicht andere, um sich selbst aufzubauen, musste nicht mit Klugscheißereien dauernd dazwischenreden und anderen erzählen, was sie zu tun und zu lassen haben. Er hatte etwas zu verschenken. Er konnte sich um andere kümmern, sich hingeben, da sein und zuhören. Das können wir alle lernen. Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Marcus Beier.

Dr. Gerald Hüther ist emeritierter Professor für Neurologische Präventionsforschung und Autor vieler ­Sach- und Fachbücher. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Göttingen. www.gerald-huether.de