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Kind schläft schlecht – ist das Zungenband schuld? Ein Experte klärt auf

Elternfrage: „Mein Kind (1) schläft schlecht. Der Kinderarzt sagt, schuld sei ein zu kurzes Zungenband. Aber was hat die Zunge meines Sohnes mit seinem Schlaf zu tun?“

Auf den ersten Blick scheint es ungewöhnlich, dass ein kleines Stück Gewebe unter der Zunge den Schlaf beeinflussen kann. Doch die Zunge hat weit mehr Aufgaben als nur das Essen und spätere Sprechen – sie spielt eine wichtige Rolle für Atmung, Muskelspannung und die Stabilität im Mund- und Rachenraum.

Unruhiger Schlaf

In der Praxis erleben wir oft, dass Kinder mit einem funktionell eingeschränkten Zungenband einen sehr leichten Schlaf haben. Sie schlafen unruhig, wachen häufig auf oder kommen nur mit offenem Mund zur Ruhe. Das kann damit zusammenhängen, dass die Zunge nachts nicht dort liegt, wo sie physiologisch häufig am günstigsten liegt: oben am Gaumen. Diese Position unterstützt die Entwicklung des Oberkiefers, stabilisiert die oberen Atemwege und fördert eine ruhige Nasenatmung. Wenn ein Zungenband zu kurz oder straff ist, kann die Zunge diese Haltung nicht gut einnehmen. Sie rutscht nach unten, und die Kinder atmen häufiger durch den Mund.

Mundatmung kann zu trockeneren Schleimhäuten, leichterem Aufwachen und einer insgesamt höheren Unruhe beziehungsweise Grundanspannung beitragen. Durch die veränderte Atmung kann es zu kleinen, kaum wahrnehmbaren Weckreaktionen kommen, die den Schlaf immer wieder unterbrechen und die Schlafqualität mindern. Das kann teilweise erklären, warum manche Kinder am Tag müde wirken oder schneller erschöpft sind. Kann sich die Zunge dagegen frei bewegen, entsteht nachts häufig ein ruhigerer Atemrhythmus – und das Kind schläft tiefer und erholsamer.

Ungewöhnliches Essverhalten

Ein weiteres Anzeichen kann sein, dass Ihr Kind tagsüber beim Essen unruhig ist, sich leicht verschluckt, viel speichelt oder „schmatzend“ schluckt. Auch nächtliches Schnarchen, ständige Positionswechsel oder ungewöhnliche Schlafhaltungen können Hinweise darauf sein, dass die Zunge nicht frei arbeiten kann. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes kurze Zungenband behandelt werden muss. Entscheidend ist, ob die Funktion eingeschränkt ist – und ob Symptome auftreten, die sich dadurch erklären lassen.

Wenn der Verdacht auf eine funktionelle Einschränkung besteht, lohnt sich eine genauere Abklärung – idealerweise bei Fachleuten, die Erfahrung mit Zungenbewegung, Atmung und früher Mundentwicklung haben. Dazu gehören zum Beispiel Osteopathen, Logopädinnen sowie spezialisierte (Kinder-) Zahnärzte. Gerade Themen wie eingeschränkte Zungenbeweglichkeit (orale Restriktionen) werden in den üblichen Vorsorgeuntersuchungen nicht immer umfassend betrachtet. Eine interdisziplinäre Sicht hilft, alle Aspekte gut einzuordnen – und gibt Eltern Sicherheit.

Ralf Vogt MSc ist Physiotherapeut, Heilpraktiker und Osteopath mit Schwerpunkt auf der Behandlung von Babys & Kindern sowie der funktionellen Diagnostik oraler Restriktionen (u. a. Zungenband).

Einschlafprobleme: Finger weg von Melatonin für Kinder!

Elternfrage: „Ich bin neulich auf Einschlafmittel in Form von Fruchtgummis mit Melatonin für Kinder gestoßen. Sind solche Mittel bei Kleinkindern – meine Tochter ist vier – wirklich unbedenklich?“

Gut, dass Sie fragen – denn bei Einschlaf­medikamenten für Kinder ist immer Vorsicht geboten. Gerade frei verkäufliche Mittel, die von der Apothekenpflicht ausgenommen und deshalb scheinbar harmlos sind, unterliegen keinen strengen Laborkontrollen. Hinzu kommt, dass viele Präparate, auch pflanzliche, vom kindlichen Körper anders verstoffwechselt werden als vom Erwachsenen. Häufig liegen hierzu keine Studien zur Verträglichkeit von Kindern vor.

Vorsicht bei Melatonin-Produkten

Manche Einschlafmittel gelten nicht als Medikamente, sondern als Nahrungsergänzungsmittel. Nahrungs­ergänzungsmittel dürfen ohne ärztliche Verschreibung gekauft werden, können dennoch erheblichen Schaden anrichten, weil die Nebenwirkungen nicht bekannt sind oder nicht überprüft wurden. Vermutlich handelt es sich bei den Fruchtgummis, auf die Sie aufmerksam geworden sind, um ein Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin.

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Ein Einschlafmittel mit Melatonin soll ein schnelles Einschlafen begünstigen. Doch die Zugabe des Hormons führt dazu, dass es in wichtige Körpervorgänge eingreift – über die konkreten Auswirkungen bei Kindern ist wenig bekannt. Allerdings weisen Kinderärzte und Kinderärztinnen darauf hin, dass der Melatonin-Abbau bei Kindern deutlich langsamer verläuft als bei Erwachsenen. Experten warnen deshalb vor der Einnahme der Melatonin-Gummibärchen. Hinzu kommt, dass Melatonin nur dann wirkt, wenn tatsächlich ein Mangel davon für die Schlafprobleme verantwortlich ist – das ist meist erst bei Menschen ab 55 Jahren der Fall.

Natürliche Hilfsmittel

Es gibt durchaus einige milde, für Kinder zugelassene medikamentöse Schlafhilfen, die Eltern sich nach individueller Beratung in der Apotheke rezeptfrei besorgen können. Viel sinnvoller ist es aber, bei Einschlafproblemen zunächst nach pädagogischen und psychologischen Hilfen Ausschau zu halten. So hilft zum Beispiel ein möglichst dunkles Zimmer, gegebenenfalls mit rötlichem Nachtlicht, die Melatonin-Produktion natürlich zu fördern. Lavendelsäckchen versprühen einen beruhigenden Duft, und spezielle Einschlafmusik für Kinder fördert die Schlafbereitschaft. Auch Sternenlicht-Projektoren können Kindern helfen, zur Ruhe zu kommen, ebenso wie Kuscheleinheiten mit Gute-Nacht-Liedern oder Gebeten.

Manchmal hilft es dem Kleinkind, wenn eine Matratze neben dem Kinderbett liegt, auf die sich ein Elternteil zeitweise legt. Das vermittelt Sicherheit und unterstützt gleichzeitig die Gewöhnung an das Einschlafen im eigenen Bett. Wichtig ist es auch, dass Kinder mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr auf Bildschirme schauen, um Überreizung zu verhindern. Wenn Ihr Kind Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, empfehle ich, eine professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine kostenlose Schlafberatung finden Eltern beispielsweise auf elternleben.de.

Und, nicht vergessen: Es ist alles eine Phase! Schon bald reiben Sie sich verwundert die Augen, wenn Ihr Kind ein Teenager ist, den man kaum noch aus dem Bett bekommt.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Zudem ist sie freie Autorin von Kinderbüchern und Elternratgebern.

Zungenband stört den Schlaf? Ein Experte klärt auf

Elternfrage: „Mein Kind (1) schläft schlecht. Der Kinderarzt sagt, schuld sei ein zu kurzes Zungenband. Was hat die Zunge meines Sohnes mit seinem Schlaf zu tun?“

Auf den ersten Blick scheint es ungewöhnlich, dass ein kleines Stück Gewebe unter der Zunge den Schlaf beeinflussen kann. Doch die Zunge hat weit mehr Aufgaben als nur das Essen und spätere Sprechen – sie spielt eine wichtige Rolle für Atmung, Muskelspannung und die Stabilität im Mund- und Rachenraum.

Unruhiger Schlaf

In der Praxis erleben wir oft, dass Kinder mit einem funktionell eingeschränkten Zungenband einen sehr leichten Schlaf haben. Sie schlafen unruhig, wachen häufig auf oder kommen nur mit offenem Mund zur Ruhe. Das kann damit zusammenhängen, dass die Zunge nachts nicht dort liegt, wo sie physiologisch häufig am günstigsten liegt: oben am Gaumen. Diese Position unterstützt die Entwicklung des Oberkiefers, stabilisiert die oberen Atemwege und fördert eine ruhige Nasenatmung. Wenn ein Zungenband zu kurz oder straff ist, kann die Zunge diese Haltung nicht gut einnehmen. Sie rutscht nach unten, und die Kinder atmen häufiger durch den Mund.

Mundatmung kann zu trockeneren Schleimhäuten, leichterem Aufwachen und einer insgesamt höheren Unruhe beziehungsweise Grundanspannung beitragen. Durch die veränderte Atmung kann es zu kleinen, kaum wahrnehmbaren Weckreaktionen kommen, die den Schlaf immer wieder unterbrechen und die Schlafqualität mindern. Das kann teilweise erklären, warum manche Kinder am Tag müde wirken oder schneller erschöpft sind. Kann sich die Zunge dagegen frei bewegen, entsteht nachts häufig ein ruhigerer Atemrhythmus – und das Kind schläft tiefer und erholsamer.

Ungewöhnliches Essverhalten

Ein weiteres Anzeichen kann sein, dass Ihr Kind tagsüber beim Essen unruhig ist, sich leicht verschluckt, viel speichelt oder „schmatzend“ schluckt. Auch nächtliches Schnarchen, ständige Positionswechsel oder ungewöhnliche Schlafhaltungen können Hinweise darauf sein, dass die Zunge nicht frei arbeiten kann. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes kurze Zungenband behandelt werden muss. Entscheidend ist, ob die Funktion eingeschränkt ist – und ob Symptome auftreten, die sich dadurch erklären lassen.

Wenn der Verdacht auf eine funktionelle Einschränkung besteht, lohnt sich eine genauere Abklärung – idealerweise bei Fachleuten, die Erfahrung mit Zungenbewegung, Atmung und früher Mundentwicklung haben. Dazu gehören zum Beispiel Osteopathen, Logopädinnen sowie spezialisierte (Kinder-) Zahnärzte. Gerade Themen wie eingeschränkte Zungenbeweglichkeit (orale Restriktionen) werden in den üblichen Vorsorgeuntersuchungen nicht immer umfassend betrachtet. Eine interdisziplinäre Sicht hilft, alle Aspekte gut einzuordnen – und gibt Eltern Sicherheit.

Ralf Vogt MSc ist Physiotherapeut, Heilpraktiker und Osteopath mit Schwerpunkt auf der Behandlung von Babys & Kindern sowie der funktionellen Diagnostik oraler Restriktionen (u. a. Zungenband).

Einschlafprobleme: Warum Melatonin für Kinder nicht sinnvoll ist

Elternfrage: „Ich bin neulich auf Einschlafmittel in Form von Fruchtgummis für Kinder gestoßen. Sind solche Mittel bei Kleinkindern – meine Tochter ist vier Jahre alt – wirklich unbedenklich?“

Gut, dass Sie fragen – denn bei Einschlaf­medikamenten für Kinder ist immer Vorsicht geboten. Gerade frei verkäufliche Mittel, die von der Apothekenpflicht ausgenommen und deshalb scheinbar harmlos sind, unterliegen keinen strengen Laborkontrollen. Hinzu kommt, dass viele Präparate, auch pflanzliche, vom kindlichen Körper anders verstoffwechselt werden als vom Erwachsenen. Häufig liegen hierzu keine Studien zur Verträglichkeit von Kindern vor.

Vorsicht bei Melatonin-Produkten

Manche Einschlafmittel gelten nicht als Medikamente, sondern als Nahrungsergänzungsmittel. Nahrungs­ergänzungsmittel dürfen ohne ärztliche Verschreibung gekauft werden, können dennoch erheblichen Schaden anrichten, weil die Nebenwirkungen nicht bekannt sind oder nicht überprüft wurden. Vermutlich handelt es sich bei den Fruchtgummis, auf die Sie aufmerksam geworden sind, um ein Nahrungsergänzungsmittel mit Melatonin.

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Ein Einschlafmittel mit Melatonin soll ein schnelles Einschlafen begünstigen. Doch die Zugabe des Hormons führt dazu, dass es in wichtige Körpervorgänge eingreift – über die konkreten Auswirkungen bei Kindern ist wenig bekannt. Allerdings weisen Kinderärzte und Kinderärztinnen darauf hin, dass der Melatonin-Abbau bei Kindern deutlich langsamer verläuft als bei Erwachsenen. Experten warnen deshalb vor der Einnahme der Melatonin-Gummibärchen. Hinzu kommt, dass Melatonin nur dann wirkt, wenn tatsächlich ein Mangel davon für die Schlafprobleme verantwortlich ist – das ist meist erst bei Menschen ab 55 Jahren der Fall.

Natürliche Hilfsmittel

Es gibt durchaus einige milde, für Kinder zugelassene medikamentöse Schlafhilfen, die Eltern sich nach individueller Beratung in der Apotheke rezeptfrei besorgen können. Viel sinnvoller ist es aber, bei Einschlafproblemen zunächst nach pädagogischen und psychologischen Hilfen Ausschau zu halten. So hilft zum Beispiel ein möglichst dunkles Zimmer, gegebenenfalls mit rötlichem Nachtlicht, die Melatonin-Produktion natürlich zu fördern. Lavendelsäckchen versprühen einen beruhigenden Duft, und spezielle Einschlafmusik für Kinder fördert die Schlafbereitschaft. Auch Sternenlicht-Projektoren können Kindern helfen, zur Ruhe zu kommen, ebenso wie Kuscheleinheiten mit Gute-Nacht-Liedern oder Gebeten.

Manchmal hilft es dem Kleinkind, wenn eine Matratze neben dem Kinderbett liegt, auf die sich ein Elternteil zeitweise legt. Das vermittelt Sicherheit und unterstützt gleichzeitig die Gewöhnung an das Einschlafen im eigenen Bett. Wichtig ist es auch, dass Kinder mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr auf Bildschirme schauen, um Überreizung zu verhindern. Wenn Ihr Kind Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, empfehle ich, eine professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine kostenlose Schlafberatung finden Eltern beispielsweise auf www.elternleben.de.

Und, nicht vergessen: Es ist alles eine Phase! Schon bald reiben Sie sich verwundert die Augen, wenn Ihr Kind ein Teenager ist, den man kaum noch aus dem Bett bekommt.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Zudem ist sie freie Autorin von Kinderbüchern und Elternratgebern.

Zu viel Körperkontakt: Wenn das Familienbett zur Belastung wird

Die ganze Nacht kuscheln, immer ein Ärmchen oder Beinchen im Gesicht… Zu viel Körperkontakt mit dem Kleinkind kann den Eltern den Schlaf rauben. Schlafberaterin Miriam Schneider verrät, wie die Schlafsitaution wieder erträglich wird.

Es ist erstmal gut und wichtig, die Bedürfnisse der Kinder herauszufinden und darauf einzugehen. Enger Körperkontakt beim Schlafen ist ein normales Bindungsverhalten von Kindern. Aber es ist auch verständlich, dass das zur Belastung werden kann. Wenn die Schlafsituation eher kurzfristig besteht, dann könnte es sein, dass das Kind mit diesem Verhalten auf etwas reagiert, was neu ist (zum Beispiel eine Eingewöhnung oder ein Umzug). Das ist ganz normal. Um den 18. Lebensmonat gibt es außerdem einen Entwicklungsschub. In dieser Phase empfinden Eltern die Nächte oft als herausfordernd. Das bessert sich meist nach zwei bis sechs Wochen. Ist die Schlafsituation schon länger nicht mehr zufriedenstellend, dann könnten andere Impulse weiterhelfen.

Übermüdet?

Es ist wichtig zu verstehen, dass es immer eine Ursache gibt, warum Kinder so reagieren, wie sie reagieren. Häufig holen Kinder ihr Bedürfnis nach Nähe intensiv in der Nacht nach. Dann hilft es, das Nähebedürfnis so gut es geht tagsüber zu erfüllen, indem ihr bewusst Zeit miteinander habt, dabei kuschelt oder Bücher anschaut. So kann man dem Kind auch gut deutlich machen: „Wow, wir haben jetzt Zeit nur für uns, das ist so schön. Ich habe dich lieb.“ Es gibt aber auch andere Gründe, die hinter einem starken Nähebedürfnis in der Nacht stecken können. In meiner Arbeit als Schlafberaterin schaue ich mir als Erstes immer die Schlafprotokolle an. Vielleicht hat sich der Tagesrhythmus in der Familie verändert, was dazu führt, dass der Mittagsschlaf zu kurz ausfällt oder das Kind am Abend zu spät ins Bett kommt, sodass es übermüdet ist. Übermüdete Kinder brauchen sehr viel Körperkontakt. Warum? Weil durch Übermüdung Cortisol, unser Stresshormon, ausgeschüttet wird. Kinder sind intuitiv wahnsinnig kompetent: Denn Oxytocin, das „Kuschelhormon“, kann den Cortisolspiegel wieder reduzieren. Kinder kuscheln also als Reaktion auf Stress. Ein Schlafprotokoll und gegebenenfalls eine Beratung helfen dabei, den individuellen Grund und damit auch die Lösung für das starke Bedürfnis nach Nähe und Körperkontakt herauszufinden.

Grenzen setzen

Für Eltern ist es aber auch wichtig, auf sich selbst zu achten und einander Freiräume zu ermöglichen. Denn wenn der eigene Krafttank gefüllt ist, hat man auch wieder mehr Kraft für die Schlafherausforderung. Deshalb müssen die Eltern herausfinden, was ihnen guttut. Vielleicht ist es spazieren gehen, Sport treiben oder sich in die Sonne legen? Und noch einen Gedanken finde ich wichtig: Eltern müssen schwere Situationen nicht einfach aushalten, sondern dürfen ihre Grenzen kommunizieren. Kinder verstehen so viel mehr, als wir häufig meinen. Sie brauchen Transparenz, Ehrlichkeit und eine klare Haltung. Über eine unzufriedene Schlafsituation lässt sich liebevoll kommunizieren. Wie zum Beispiel folgendermaßen: „Du kannst gern neben mir einschlafen und wir können jetzt nochmal richtig doll kuscheln. Aber wenn du eingeschlafen bist, braucht Mama auch ein bisschen mehr Platz. Das ist mir zu nah, so kann ich nicht schlafen. Ich zeige dir, wie es für mich okay ist.“ Eltern dürfen an sich selbst glauben und herausfinden, was für ihr Kind, für sie selbst und für die Familie das Beste ist.

Miriam Schneider lebt mit ihrer Familie in Ketsch, sie ist Kinderkrankenschwester und Schlafberaterin für Kinder. abenteuerbabyschlaf.com

Ein Paar, zwei Perspektiven: Schlaf

NACHTSCHICHTEN AUS TROTZ

Katharina Hullen muss mit sehr wenig Schlaf auskommen und beneidet ihren Mann um seine Superkräfte.

Katharina: Schlafen macht schön und klug. Schlafen ist gesund! Ich sage Ihnen was: Schlaf ist überbewertet! Denn all diese Aussagen ergeben nur unter Laborbedingungen Sinn.

Unsere Wahrheit ist derzeit: Schlafen wäre schon schön und wahrscheinlich klug und es wäre auch sicher gesund, früher schlafen zu gehen. Leider liegt unsere Zubettgehzeit weit hinter Mitternacht. Das ist notwendig und ärgerlich zugleich, weil es einfach an so vielen Faktoren hängt, warum es sich nur schwer ändern lässt.

Zum einen: Wir sind Eulen, können abends effektiv Dinge erledigen. Beziehungsweise: könnten. Denn unsere drei Mädels, die theoretisch rund 10 Stunden Schlaf benötigen sollten, kommen abends ebenfalls noch mal richtig in Fahrt und vor allem nicht beizeiten in die Federn. Das bedeutet meist, dass unser Programm erst weit nach 22 Uhr beginnen kann.

Zum anderen ist auch die Kombination von Aufschieberitis und Trotz (jetzt will ich aber auch mal Zeit für mich haben!) oft Ursache für unzählige Nachtschichten. Hauke treibt es hierbei bisweilen auf die Spitze. Ich werkele gern parallel zu meinem Mann abends vor mich hin, aber um 2 Uhr nachts ist auch Schluss. Mein Bester sitzt dann oft noch lange am Küchentisch und korrigiert weiter Klassenarbeiten. Resigniert, weil es mal wieder nicht mit der besseren Planung geklappt hat und weil ich leider selbst zu unvernünftig bin, gehe ich dann schon mal ins Bett.

Wenn wir an normalen Abenden gegen halb 2 beschließen, das Schlafzimmer aufzusuchen, liegt Hauke 60 Sekunden später bereits im Tiefschlaf. Eine bewundernswerte Fähigkeit, denn ich räume auf dem Weg zum Badezimmer noch kurz den Flur auf, stelle Müsli auf den Tisch, stolpere über eine Wäschekiste, die ich kurzerhand im Keller noch aufsetze, drehe eine kleine Zudeck-Runde durch die Kinderzimmer und liege erst 20 Minuten später neben dem besten Ehemann von allen.

Wie schön es hier ist – so weich und warm! Warum liege ich eigentlich nicht schon seit 2 Stunden hier? Wenn‘s gut läuft, habe ich jetzt noch 5 Stunden Schlaf. Wenn‘s normal läuft, hat in 3 Stunden unser Sechsjähriger bereits ausgeschlafen oder der Kleinste träumt schlecht und steht verstrubbelt und schluchzend vor meinem Bett. Natürlich vor meinem, nicht vor Papas!

Hauke bekommt von alledem meist nichts mit. Darum haben wir eine neue Regel: Ich werde zwar wach, wenn etwas mit den Jungs ist, darf Hauke aber anstupsen. Dann schlurft er schlaftrunken ins Kinderzimmer, legt sich mit einer Matratze von innen vor die Tür und nutzt seine Superkraft „Schlafen in allen Lebenslagen“. Während die Kinder fröhlich das Zimmer auf links ziehen, blendet er alles aus und schläft. So stelle ich mir den Schlaf von Jesus bei der Sturmstillung vor.

Achja, sicher ist dies auch nur so eine Phase, und irgendwann kommt wieder mehr Ruhe in unsere Nächte. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf! Wie gut, dass unser Herr so mächtig ist und nicht viel Zeit zum Geben braucht.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

FRÜHSCHICHT FÜR HELDEN

Hauke Hullen kann sich in den ganz wichtigen Familien-Momenten nicht zeigen, weil er sie schlichtweg verpennt.

Hauke: Erstaunlich, was Schlaf alles bewirkt: Das kratzbürstigste Kind erscheint schlummernd plötzlich wie ein Sinnbild für Frieden und Geborgenheit, im Traum wachsen den Schwachen Superkräfte und im Gegenzug sind selbst die Mächtigsten schlafend völlig wehrlos.

Philosophen sehen darin den Grund, warum Menschen sich zu Gesellschaften zusammengeschlossen haben: Wo in einer Anarchie auch der Starke fürchten muss, morgens ohne Kopf aufzuwachen, geben nur gemeinsame Gesetze Sicherheit. Kurz: Die Existenz des Schlafes führt zu festen Regeln.
Bei uns ist es umgekehrt: Ohne feste Regeln würde kein Schlaf existieren. Nur dank mühsam erkämpfter Rituale gehen bei unseren Kindern irgendwann die Augen zu. Doch kaum erscheinen ein Brückentag oder gar Ferien im Kalender, zerstäuben unsere 10- und 12-jährigen Mädchen den Schlafrhythmus. Plötzlich gilt Mitternacht als angemessene Zielmarke, zwei Tage später murren die Mädels, wenn man sie schon vor 1 Uhr ins Bett schickt.

Doch auch hier gilt der Satz: „Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen, sie machen sowieso alles nach.“ Denn auch Kathi und ich bleiben oft zu lange auf, weil wir entweder so spät erst in Ruhe arbeiten können oder auf der Couch versacken. Oder beides, was eine unheilvolle Kombination ist, weil unsere kleinen Jungs ausgesprochene Frühaufsteher sind. Dann kommt für uns die Stunde der Wahrheit: Wer liebt den anderen wirklich? Wer verlässt um kurz nach 5 die warmen Decken, weil es im Nachbarzimmer schreit und scheppert?

In meiner Jugend hatte ich mir immer gewünscht, der Frau meines Herzens meine Liebe zu zeigen, indem ich sie aus brennenden Häusern rette. Heute weiß ich: Ein Held wird man erst frühmorgens im Kampf gegen volle Windeln und die sich anbahnende Verwüstung des Kinderzimmers.

Leider kann ich meine heroische Seite oft nicht zeigen – ich höre die Kinder schlichtweg nicht! Meine Frau hingegen vernimmt jedes Rascheln und ärgert sich, dass ich nicht stante pede aus dem Bett hüpfe, um nach dem Rechten zu sehen.

Doch kann man für etwas bestraft werden, was man nicht gemacht hat? Für eine Situation, die man gar nicht wahrgenommen hat? Kathi löst das Problem, indem sie mir unsanft die Faust in die Seite bohrt und mich aus dem Bett schiebt.

Wie gut, dass uns unsere kleinen Aufmerksamkeitsterroristen manchmal länger schlafen lassen, nämlich dann, wenn sie nächtens mit wirren Haaren in unser Zimmer getapst sind. In der Besucherritze schlafen sie dann beide in anatomisch höchst bedenklichen Verrenkungen, die dazu führen, dass Kathi und ich an die Bettkanten geklammert stundenlang ums Gleichgewicht kämpfen.

So richtig erholsam ist das nicht. Und so oder so wache ich zur Unzeit morgens auf, weil entweder die Jungs oder Kathi mir Fuß oder Faust zwischen die Rippen stecken.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

Das Baby schreien lassen?

„Meine Freundin lässt ihr wenige Wochen altes Baby schreien, damit es lernt, allein zu schlafen. Ich finde es nicht nur viel zu früh, sondern auch falsch. Was kann ich tun?“

Ihre Gefühle kann ich gut verstehen. Wichtig wäre mir noch zu klären: Was meint Ihre Freundin mit „allein schlafen“? Heißt das „ganz allein in seinem Bettchen, ohne seine Mama zu spüren“? Und wenn ja, wie kam Ihre Freundin dazu, so zu handeln?

OFFEN REDEN

Manche Babys schreien gerade in den ersten drei Lebensmonaten sehr viel und finden schwer in den Schlaf. In der Regel nimmt eine Mutter ihr schreiendes Baby ja intuitiv zu sich und versucht es zu trösten, bis es sich beruhigt hat. Doch das andauernde Schreien kann für Mütter sehr herausfordernd und gleichzeitig auch verunsichernd sein. Solche Erfahrungen machen sie empfänglich für Ratschläge von anderen, die nicht immer hilfreich und gut sind. Woher kommt dieser Rat? Welche Erziehungsvorstellung steckt dahinter? Womöglich: Die Erwachsenen geben vor, wie ein Kind „funktionieren“ soll, ohne dabei die kindlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Früher wurde dies oft so gehandhabt, und natürlich haben die Kleinen dann irgendwann resigniert und sind vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber mit welch trauriger Grunderfahrung: „Niemand ist da, keiner hilft mir!“ Wie fühlt sich eigentlich die Mama dabei, wenn sie ihr Baby im Nebenraum schreien hört? Reden Sie offen und achtsam mit Ihrer Freundin. Fragen Sie sie, wie es ihr geht. Was sind ihre Sorgen oder Nöte? Wie würde sie es eigentlich lieber machen? Wer kann sie dabei ermutigen und ihr guttun? Wer kann sie praktisch unterstützen? Ich glaube, in ihrem „Mama-Herzen“ weiß sie, wie es richtig wäre, aber dafür braucht sie Mitgefühl und Entlastung.

URVERTRAUEN ENTWICKELN

Wenn ein Baby schreit, gibt es immer einen Grund dafür – auch wenn es satt und gewickelt ist. Oft, vor allem nach einer langen Wachphase, drückt es damit aus: „Es geht mir nicht gut, Mama, ich brauche dich! Ich bin so aufgewühlt, ich kann noch nicht einschlafen!“ Je kleiner es ist, umso mehr braucht ein Baby eine ruhige, vertraute Person, in deren Armen es sich gehalten fühlt und seinen Stress rausschreien darf. Diese Erfahrung ist wichtig, um Urvertrauen entwickeln zu können. Erst auf dieser Basis von Geborgenheit kann ein Kind zum späteren Zeitpunkt lernen, allein (ein-)zu schlafen.

Dazu braucht es aber Zeit (mehrere Monate), in denen kindliche Entwicklungsprozesse reifen können, Rituale vertraut werden und das Kind tief verinnerlicht hat: „Mama ist da, auch wenn ich sie nicht sehe oder spüre. Ich kann sie rufen und sie wird mir helfen, wenn ich sie brauche.“ Den Zeitpunkt kann man nicht vorher festlegen. Das Baby oder Kleinkind zeigt es von sich aus, wenn es sich entspannt ablegen lässt und Mama den Raum verlassen kann, ohne dass es schreien muss.

Beate Döbel arbeitet als Systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis. Viele Jahre begleitete sie vor allem Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. www.therapiepraxis-doebel.de Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com

 

Ein Paar, zwei Perspektiven: Gute Nacht

DER TRAUM VOM FEIERABEND

Katharina Hullen hat sehr aufgeweckte Kinder, vor allem, wenn sie eigentlich schlafen sollten. Ihr Ehemann ist keine große Hilfe.

Katharina: Entwischte Hühner einfangen – haben Sie das schon einmal gemacht? So ungefähr müssen Sie sich unser abendliches Zu-Bett-Bringen der Kinder vorstellen. Es ist zum Auswachsen! Selbstverständlich haben wir immer wiederkehrende Rituale, die klare Signale senden, dass nun Schlafenszeit ist und Ruhe im Bau.

Pustekuchen! Wie besagte Hühner schlüpfen sie durch Türritzen und schleichen sich mit vielen Fragen oder wichtigen Anliegen durch die Wohnung. „Muss noch Zähneputzen!“ – „Ich brauche noch Kakaogeld für morgen!“ – „Mama, die Stelle im Buch gerade war sooo witzig! …“ – „Mein Bein tut weh!“ (ersetzen Sie Bein durch jedwedes Körperteil) – „Habe ich morgen um 9 XY?“… Natürlich dürfen die drei Großen etwas länger aufbleiben, aber schön wäre ja, wenn sie in dieser Zeit trotzdem all diese Fragen und Anliegen schon einmal klären könnten. Und nicht erst, wenn ich bei den Kleinen fertig bin.

Auf die konzentriere ich mich nämlich zuerst. Das ist schon schwierig genug, denn bis der Flohzirkus gebadet, gewickelt und im Bett bereit fürs Vorlesen ist, vergeht schon eine beträchtliche Zeit. Nach dem Buch singe ich noch ein Lied und platziere mich auf einer Matratze vorm Bett und warte, bis beide eingeschlafen sind. Das übrigens ist ein Ritual, welches aus der Not geboren ist. Bei den drei Großen wäre es undenkbar gewesen – natürlich sind die Kinder alleine eingeschlafen! Da inzwischen bei dem Krawall draußen vor der Tür aber beide Jungs stets mehrfach ihr Zimmer verlassen haben, musste eine lebendige Barrikade her: DU! KOMMST! NICHT! VORBEI!

Leider schläft man selbst häufig ein auf diesem Wachposten, sodass ich irgendwann zwischen halb 10 und 11 Uhr hochschrecke, geweckt vom Huschen, Tuscheln, Singen, Pfeifen, Klappern der drei Großen im Rest der Wohnung. Ich gehe ins Wohnzimmer und finde auf dem Sofa den besten Ehemann von allen und frage mich, wie lange er eigentlich schon hier sitzt.

Er hätte ja den Mädchen schon mal Gute Nacht sagen können! „Hab ich!“, höre ich dann. Und gesungen habe er auch schon bei jeder. „Und dann war doch auch Ruhe, oder?“, meint er. Nein – eine liest noch, eine andere spielt, die dritte ist gerade erst zum Zähneputzen ins Bad gehuscht. Er hört und sieht nichts. Es käme ihm im Traum nicht die Idee, noch einmal nachzusehen oder gar zu schimpfen.

Dabei haben wir beide den Wunsch nach einem früheren Feierabend für uns Eltern – aber den können wir uns nur gemeinsam erkämpfen. Mir eine sinnvolle Konsequenz für die Kinder auszudenken, finde ich richtig schwierig. Es müssen also wohl wieder Belohnungspunkte her. Vielleicht mache ich auch eine Belohnungsliste für Hauke – ein Aufkleber für jeden Abend, wo er die Kinder um 21 Uhr schlafend im Bett hat. Die Idee gefällt mir!

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

„SO LEGT EUCH DENN, IHR BRÜDER …“

Hauke Hullen führt zermürbende Debatten über das Einschlafen und findet in Matthias Claudius einen Leidensgenossen. Seine Frau ist keine große Hilfe.

Hauke: Da liegen sie: Hingegossen, zart, engelsgleich. Unsere Kinder schnaufen sanft in ihren Träumen – und Kathi und ich schnaufen auch: Endlich Ruhe!

Wer keine schlafunwilligen Kinder hat, kann sich nicht vorstellen, wie nervenaufreibend solche Abende sein können. Auch wir gehörten lange Zeit dazu: unsere vier ältesten Kinder schliefen alle schnell ein und durch. Durchwachte Nächte waren Ausnahmen. Doch dann kam Nummer Fünf!

Beim kleinen Jonathan führen eine ausgeprägte Willensstärke, gepaart mit bemerkenswerten Power-Napping-Fähigkeiten, zu schwer zu prognostizierenden Einschlafrhythmen. Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass ihm zwischen 16 und 18 Uhr die Augen zufallen, ansonsten verwandelt sich das Kinderzimmer in einen Debattier-Club, der erst weit nach Mitternacht schließt. Es ist nicht nur frustrierend, wenn die To-do-Liste eines ganzen Abends auf einen einzigen Punkt zusammenschnurrt (selber bis 1 Uhr im Bett zu sein, na gut, bis 2!). Es ist auch entwürdigend, wenn man den Argumenten eines Zweijährigen irgendwann nichts mehr entgegenzusetzen hat: Ja, er ist halt wirklich gar nicht müde, und ja, er will tatsächlich gar nicht schlafen, und ja, er hat recht, die Sonne geht doch eh gleich wieder auf …

Unser Pastor meinte einmal, das wichtigste Gebot in der Kindererziehung sei: „Du sollst nicht töten!“ Nachts um 3 ist es wichtig, sich an diese Aussage zu erinnern.

Damit es nicht so weit kommt, habe ich eine sedative Form des Singens entwickelt, die bei unseren beiden kleinen Jungen meist recht gut funktioniert. Ich liege in ihrem Zimmer auf der Elternmatratze und stimme „Der Mond ist aufgegangen“ an – möglichst tief und möglichst langsam. Oft wirkt das so gut, dass Jungs und Papa schon bei der dritten Strophe einschlafen.

Wenn dies nicht der Fall ist und Jonathan weiterhin Rabatz macht, dann singe ich auch noch die letzte Strophe und bemerke, dass wohl auch Dichter Matthias Claudius mit renitenten Kindern zu kämpfen hatte. Hören Sie selbst:

„So legt euch denn, ihr Brüder“ – damit sind natürlich die Brüder Jonathan und Konstantin gemeint, die gerade in ihren Betten herumkullern – „in GOT-TES NA-MEN nieder!“ – man sieht förmlich, wie der Dichter die Fäuste ballt – „kalt ist der Abendhauch“ – das ist ganz klar eine Drohung – „verschon uns Gott mit Strafen“ – was war noch gleich das wichtigste Gebot in der Kindererziehung? – „und lass uns ruhig schlafen“ – nämlich meine Frau und mich – „und unser‘n kranken Nachbarn auch“ – ein Flehen, dass die anderen Bewohner des Hauses nicht unleidlich werden.

Inzwischen schlafen die Jungs. Ich schleiche mich aus ihrem Zimmer und entdecke die beste Ehefrau von allen auf dem Sofa. Offenbar hat sie von dem ganzen Theater nichts mitbekommen.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

„Gaga“ im Kopf

Eine Frage ist Elisabeth Vollmer besonders wichtig geworden.

„Sie müssen nicht erschrecken, wenn Ihre Tochter beim Aufwachen ziemlich desorientiert ist. Der Medikamentencocktail, den sie gekriegt hat, lässt die Kinder beim Aufwachen manchmal ziemlich gaga wirken. Aber das geht vorbei.“ Glücklicherweise hatte mich der Anästhesist mit diesen Worten auf Tabeas Zustand vorbereitet. Aber selbst damit war es noch gruselig genug, meine 14-jährige taffe Teenagertochter so desorientiert zu erleben – „gaga“ traf es ziemlich gut. Neben all dem mehr oder weniger sinnlosen Geblubber, das sie dabei äußerte, kam eine Frage ungefähr alle zwei Minuten klar und deutlich: „Mama, bist du da?“ – und wurde von mir selbstverständlich und liebevoll in gleicher Häufigkeit positiv beantwortet.

Der Zustand ging wie prognostiziert vorbei. Das Ganze ist schon eine Weile her, und eigentlich hatte ich es fast vergessen. Bis ich neulich nachts im Bett lag. Unüberblickbare Problemberge in unterschiedlichen Lebensfeldern, Überforderung, Frust, Chaos in Herz und Kopf – ziemlich „gaga“ lag ich wach. Da kam mir dieser Satz von Tabea in den Sinn: „Mama, bist du da?“ Davon ausgehend formte sich die Frage an Gott: „Du fürsorglicher, liebevoll kümmernder Mama-Papa-Gott, bist du da?“

Und auch wenn ich keine Antwort hörte, so war mir doch das Bild Gottes, der an meinem Bett steht, meine Hand hält und mir zusagt, dass er da ist, plötzlich tröstend nahe. So breitete ich mein ganzes Chaos Stück für Stück aus – immer wieder mit der Frage: „Bist du da – auch in dieser Chaosfacette?“ Und obwohl ich in dieser Nacht in keiner einzigen Problemlage eine Lösung gefunden habe, so hat es mir doch gut getan, mich zu vergewissern, dass Gott in all dem da ist und ich konnte – nach einiger Zeit – einschlafen.

Das hat mir so geholfen, dass ich es seitdem immer wieder übe. Nicht nur nachts, sondern auch sonst. Manchmal eher nebenbei im Alltag oder auch ganz bewusst in einer Pause, die ich mir gönne. Ich schaue mir mein Leben an und vergewissere mich, dass Gott in allem mit mir ist. Nicht nur, wenn ich ziemlich gaga, sondern auch wenn ich grade über etwas oder jemanden froh und dankbar bin.

Diese schlichte, kleine Übung tut mir gut, entlastet mich und ist mir in letzter Zeit zu einer Tankstelle geworden. Und während ich darüber nachdenke, warum das so ist – schließlich habe ich für die meisten Probleme noch immer keine Lösung gefunden! – fällt mir ein, dass Gott sich in der Begegnung mit Mose am Dornbusch „Jahwe“ nennt, was auch als „Der ich bin da“ übersetzt wird. Die Erfahrung ist also nicht neu. Auch wenn bei mir nicht der Dornbusch brennt. Gott weiß, dass wir ihn brauchen. Er weiß auch, dass es uns guttut, zu wissen, dass er da ist. Er vergewissert es uns so gerne, dass er für uns da ist, dass er es sich sogar in den Namen geschrieben hat. Und so frage ich weiter, immer wieder: „Bist du da?“ Und ich vertraue, dass er antwortet. Immer wieder, selbstverständlich und liebevoll: „Ja! Ich bin da!“

Elisabeth Vollmer ist Religionspädagogin und lebt mit ihrer Familie in Merzhausen bei Freiburg.

 

 

 

 

 

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