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Schreibaby: Das können Eltern tun, wenn das Schreien nicht aufhört

Stundenlanges Schreien, Unruhe und Eltern am Rand der Verzweiflung: Ein Schreibaby kann eine echte Herausforderung sein. Was Eltern tun können, verrät Psychotherapeutin Melanie Schüer.

Janna steht am Fenster und wischt sich eine Träne weg. Gerade ist endlich Kai zurück von der Arbeit genommen und hat ihr die Kleine abgenommen, die schon wieder seit einer Stunde schreit. Woran kann das nur liegen? Janna ist verzweifelt. Die Babys ihrer Freundinnen wirken immer so entspannt! Hat sie ein „Schreibaby“?

Wie Janna geht es vielen Eltern: Wenn das Baby oft schreit, fühlen sie sich hilflos, erschöpft und manchmal sogar schuldig. Viele fragen sich: „Liegt es an mir?“ oder „Ist mein Baby krank?“ Die Wahrheit ist: Meistens ist niemand Schuld – manche Babys werden einfach mit einem Temperament geboren, das etwas Starthilfe beim Regulieren braucht.

Was ist ein Schreibaby?

Von einem Schreibaby spricht man, wenn ein Säugling mehr als drei Stunden pro Tag, an mehr als drei Tagen pro Woche, über mindestens drei Wochen hinweg weint. Das ist eine klassische Definition, aber entscheidend ist letztlich, als wie belastend die Eltern die Situation erleben. Wichtig: Babys wollen ihre Eltern nicht ärgern oder ausdrücken, dass sie grundsätzlich unglücklich sind. Ihnen fehlt noch die Fähigkeit, innere Anspannung selbst zu reduzieren und zur Ruhe zu kommen.

Warum schreien manche Babys so viel?

Babys kommen mit einem sehr unreifen Nervensystem zur Welt. In den ersten Monaten müssen sie lernen, ihre Gefühle, ihren Hunger und Übergänge zwischen Wachheit und Schlaf zu steuern. Das ist eine enorme Aufgabe – und bei manchen Babys ist dieses Regulierungssystem besonders empfindlich. Mögliche Gründe für ausgeprägtes Schreien sind:

  • Unreifes Nervensystem: Einige Babys brauchen einfach länger, um Stress zu verarbeiten und um “abzuschalten”, nachdem sie die Welt erkundet haben
  • Reizüberflutung: Viele Geräusche, Licht, Besuch, zu viele Eindrücke oder Termine
  • Unruhe im Körper: Verdauungsprobleme, Blähungen, Reflux, Allergien oder Unverträglichkeiten.
  • Schlafprobleme: Schlafmangel verstärkt das Schreien oft
  • Temperament: Manche Babys sind von Natur aus sensibler und reizempfindlicher – das sind dann später oft auch sehr feinfühlige, kreative Kinder und Erwachsene.
  • Elterlicher Stress: Eltern, die selbst gestresst, unsicher oder erschöpft sind, übertragen oft unabsichtlich ihre Anspannung auf das Baby – und Babys „spüren“ das sehr schnell. Ein schreiendes Baby stärkt diese Belastung natürlich – ein Teufelskreis.

Wichtig ist: Nicht jede Ursache ist klar erkennbar. Manchmal bleibt es bei der Erklärung „Reifungsprozess“ – aber natürlich gilt es, genau hinzuschauen und alle möglichen Ursachen zu beleuchten.

Was hilft – und was nicht?

Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt viele Strategien, die helfen können, das Baby zu beruhigen und mit dem Schreien besser zurechtzukommen. Die wichtigste Grundlage ist: Das Baby braucht Regulation – und zwar körperlich und emotional.

Beruhigungsstrategien (die oft funktionieren)

  • Tragen oder Kuscheln: Nähe und Bewegung vermitteln Sicherheit.
  • Ruhiges Schaukeln: Babys lieben rhythmische Bewegungen.
  • Weißes Rauschen: Ein Staubsauger-, Föhn- oder Regen-Geräusch kann sehr beruhigend wirken.
  • Pucken/Swaddling: Das Gefühl von Geborgenheit hilft vielen Babys, sich zu entspannen. Manche schlafen auch besser auf der Seite (mit einem speziellen Seitenschläferkissen für Babys)
  • Bauchmassage: Sanfte, kreisende Bewegungen können bei Blähungen helfen. Manche Babys lieben auch die sogenannte Schmetterlingsmassage, eine spezielle Massagetechnik, zu der es online viele Informationen gibt.
  • Stillen, Schnuller oder Flasche: Nuckeln hilft Babys oft, zur Ruhe zu kommen.

Wechsle nicht zu oft zwischen verschiedenen Strategien – das verstärkt die Überreizung. Gib jeder erst einmal 5-10 Minuten Zeit, zu helfen.

Weinen begleiten – statt „wegmachen“

Ein wichtiger Punkt: Weinen ist auch ein Weg zum Stressabbau. Vielleicht hast du es auch schon einmal erlebt, dass du dich irgendwie erleichtert gefühlt hast, nachdem du dir etwas von der Seele gesprochen und – geweint hast? Babys können noch nicht reden – ihnen bleibt nur das Schreien als Ventil.

Manchmal ist es daher gar nicht möglich oder nötig, das Schreien sofort zu stoppen. In solchen Momenten kann es helfen, das Baby einfach zu begleiten:

  • Dabei bleiben, ohne den inneren Druck, das Schreien zu beenden
  • Sanft sprechen oder summen
  • Hand auf den Rücken legen
  • Dem Baby sagen: „Es ist okay, dass du weinst. Ich bin bei dir und halte dich.“

Für viele Babys wirkt diese Begleitung wie ein „sicherer Hafen“ und unterstützt den Stressabbau. Oft sind Eltern überrascht, dass das Weinen früher oder später von selbst aufhört, wenn sie es nicht zwanghaft beenden wollen.

Ganz pragmatischer Tipp: Nutze bei dieser „Schrei-Begleitung“ Ohrenschützer oder -stöpsel. Das hilft, dein eigenes Stresslevel gering zu halten – und das spürt dann auch dein Baby.

Was nicht hilft – oder sogar verschlimmert

  • Schütteln: Das hilft überhaupt nicht und ist stattdessen gefährlich! Die Halswirbelsäule eines Säuglings ist noch instabil. Schütteln kann zu schweren Verletzungen führen.
  • Unbegleitet schreien lassen: Das kann das Stressniveau erhöhen und ist emotional belastend sowie schädlich für die Bindung und das Urvertrauen.
  • Zu viel Stimulation, Ablenken mit Spielzeugen oder ständiger Aktivität: Manchmal braucht das Baby weniger, nicht mehr.

Wie Eltern damit umgehen können (ohne auszubrennen)

Schreien ist für Eltern extrem belastend. Besonders, wenn es sich anfühlt, als würde es niemals enden. Hier sind Strategien, die helfen, nicht zu zerbrechen:

  1. Du bist nicht allein – und du bist nicht schuld

Viele Eltern von Schreibabys fühlen sich schuldig. Das ist verständlich, aber meist gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Viele Babys kommen unruhig zur Welt – dafür können die Eltern nichts. Wenn du aber merkst, dass du selbst sehr belastet bist mit eigenen Themen, dann ist es richtig, dir fachliche Hilfe zu holen. Denn wenn Eltern unter Depressionen, anderen psychischen Erkrankungen oder unter starker Anspannung stehen oder extrem verunsichert sind, können Kinder das unbewusst spüren. Oft spiegeln sie diese Anspannung, was ihre Unruhe verstärkt.

  1. Sorge für dich – das ist kein Luxus

Wenn du erschöpft und angespannt bist, kannst du keine Ruhe vermitteln. Das bedeutet:

  • Mach Pausen, auch kurze
  • Hol dir Unterstützung: Partner, Familie, Freunde, Nachbarschaft, Ehrenamtliche, z.B. Familienpaten oder „wellcome“
  • Geh raus, auch wenn es nur 10 Minuten sind.
  • Sprich über deine Gefühle, z. B. mit einer Hebamme, einer Elternberatungsstelle oder einer Selbsthilfegruppe.
  1. Setze klare Grenzen – auch gegenüber dir selbst

Wenn das Schreien zu viel wird, ist es okay, das Baby sicher in die Wiege zu legen und kurz Abstand zu nehmen. Eine Minute Ruhe kann einen Unterschied machen. Wenn du merkst, dass du kurz davor bist, die Kontrolle zu verlieren, ist das ein Signal: Du brauchst eine Pause – genau jetzt.

Wann ist ärztlicher Rat ratsam?

Auch wenn das Schreien meist keine gravierenden körperlichen Gründe hat, ist es wichtig, medizinische Ursachen auszuschließen. Besonders bei folgenden Beobachtungen:

  • wenn das Baby nicht zunimmt oder Gewicht verliert
  • wenn das Schreien plötzlich sehr stark wird oder neu auftritt
  • bei Fieber, Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag oder Blut im Stuhl
  • wenn das Baby apathisch wirkt oder ungewöhnlich lethargisch ist
  • wenn du den Verdacht auf Reflux, Allergien oder starke Verdauungsprobleme hast (z.B. Schreien immer nach dem Essen, harter, aufgeblähter Bauch)

Der Blick nach vorn: Es bleibt kein Schreibaby

Die gute Nachricht: Ein Schreibaby wird nicht „für immer“ schreien. In den meisten Fällen verbessert sich die Situation ab dem 3.–4. Monat deutlich, weil das Nervensystem reift und das Baby lernt, sich selbst zu regulieren. Manche brauchen etwas länger, aber es handelt sich definitiv um eine begrenzte Phase in eurem Leben. Wichtig ist, genau das nicht zu vergessen: „Es geht vorbei“. Stelle dir immer mal wieder Szenen aus der Zukunft vor, in denen du die Zeit mit deinem fröhlichen Kind genießt.

Und, ganz wesentlich: Du bist nicht allein. Hole dir Hilfe – besser früh als spät. In vielen Orten gibt es Schreiambulanzen oder Frühe Hilfen, zum Beispiel „Familienpaten“, Familienhebammen oder das Projekt „wellcome“. Auch online gibt es gute Anlaufstellen wie elternleben.de.

Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Autorin.