Warum Malen und Zeichnen wichtig für die Entwicklung eines Kindes ist, erklärt der Diplom-Psychologe Michael Thiel.
Welche Fähigkeiten werden durch Malen und Zeichnen trainiert?
Das Offensichtlichste ist, dass Zeichnen die Feinmotorik eines Kindes trainiert. Schon das Zusammenspiel zwischen Daumen und Zeigefinger, um den Stift zu halten und zu führen, ist Höchstleistung für das Gehirn – gerade bei kleinen Kindern. Und Intelligenz hängt stark mit der Fähigkeit zusammen, den Körper zu kontrollieren und auch gezielte, sichere Bewegungen auszuführen. Die feinmotorischen Bewegungen beim Zeichnen stärken bestimmte Gehirnstrukturen und daraus entwickelt sich nachher eine Intelligenzleistung, die auch Auswirkung auf andere kognitive Fähigkeiten hat. Beim Zeichnen und Malen legen Kinder daher die Grundlage auch für das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Und wer früh mit Stift und Pinsel umgehen kann, kann später leicht den Umgang mit Schraubenzieher, Kochmesser oder Nähmaschine lernen.
Welche Auswirkung haben Malen und Zeichnen noch auf die kognitive Entwicklung des Kindes?
Je mehr ein Kind zeichnet, umso genauer wird es sich ein Bild von der Welt machen können, die es umgibt. Malen und Zeichnen schärfen die Wahrnehmungsfähigkeit und das analytische Denken. Denn um etwas abzubilden, muss sich ein Kind diese Sache ja nicht nur genau anschauen, sondern auch analysieren, was die charakteristischen Merkmale sind und altersgemäß begreifen, wie es funktioniert. So ein einfaches Gesicht nach dem Motto „Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht“ sieht simpel aus – aber dafür muss ein Kind erst mal die Transferleistung machen, dass Auge, Nase, Mund in genau dieser Anordnung ein Gesicht ausmachen und einen Menschen darstellen. Andersrum: Es entsteht Abstraktionsvermögen. Wenn Kinder älter werden, sieht man an den immer detaillierter werdenden Bildern, dass sie eine immer genauere Vorstellung von ihrer Umwelt haben – und daraus auch eigene, neue Vorstellungen entwickeln.
Können sich Malen und Zeichnen auch positiv auf das sonstige Verhalten eines Kindes auswirken?
Eindeutig ja! Interessant ist, dass Malen und Zeichnen Einfluss auf das Selbstbewusstsein haben können. Zum einen kann ein Kind beim Malen dieses wunderbare Gefühl erleben, dass es etwas produzieren kann, was ihm selbst oder auch anderen Freude macht. Und das Wunderbare dabei ist, dass das alles aus seinem Kopf entstanden und mit seinen eigenen Händen auf Papier gekommen ist. Das stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Dazu kommt: Je sicherer ich in meiner Feinmotorik und meinem Körper bin, umso sicherer und selbstbewusster kann ich andere Situationen meistern. Aus psychologischer Sicht spricht man auch von Selbstwirksamkeit. Das heißt: Durch das Gehirn-Training beim Malen und Zeichnen hat man das Gefühl, etwas im Leben und der Umgebung bewirken zu können, und die Angst vor kleineren Herausforderungen oder komplizierten Angelegenheiten verschwindet. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit macht das Leben für Kinder positiver und überschaubarer.
Wie können Eltern ihre Kinder ermuntern zu malen oder zu zeichnen?
Erster Punkt: Je früher, umso besser! Zweiter Punkt: Lernen am Modell. Auch als Erwachsener öfter mal Stifte benutzen und Dinge skizzieren. Drittens: Gemeinsam macht es Spaß. Bereits im Kleinkindalter schaffen Malen und Zeichnen zusammen mit den Eltern neben dem Flow innige und fröhliche Momente. Wecken Sie ruhig wieder das Kind in sich. Viertens: Auch, wenn das vielleicht ganz simpel klingt – Kinder brauchen altersgerechte Utensilien. Erst gröbere Stifte, dann vielleicht auch einen vernünftigen Malkasten. Fünftens: Stifte, Papier, ruhig auch mal eine Tapetenrolle, Karton oder buntes Papier – diese Materialien sollten immer parat liegen. Dann kann das Kind jederzeit seiner Phantasie und Kreativität freien Lauf lassen. Erfolgsdruck und Bewertungen haben beim Malen und Zeichnen nichts verloren – denn allein das Versinken, der Flow Effekt und der Moment der Kreativität beim Kind sind das Entscheidende und sollten Eltern freuen.
Herr Thiel, wird die Welt besser, wenn Eltern mit Kindern mehr malen?
Ja. Denn mal abgesehen davon, dass Malen Kindern auf ganz unterschiedliche Art und Weise sehr gut tut, macht gemeinsam Malen ja noch etwas ganz anderes: Wenn Eltern mit Kindern zusammen kreativ sind, vermitteln sie ihren Kindern, dass sie Spaß daran haben, mit ihnen zusammen zu sein – und dass man gemeinsam ganz tolle Sachen machen kann. Das wiederum stärkt die Eltern-Kind-Bindung, die für die psychische Entwicklung und psychische Gesundheit von Kindern extrem wichtig ist. Also sollten alle Familien einfach ab und zu einen Eltern-Kind-Maltag oder eine Eltern-Kind-Malstunde einlegen.
Quelle: STAEDTLER
Malwettbewerb
Anlässlich des Weltkindermaltags am 6. Mai ruft der Stiftehersteller STAEDTLER zum Malwettbewerb auf. Unter dem Motto „Kleine Köpfe, große Ideen“ sind Kinder auf der ganzen Welt aufgerufen, mit Bildergeschichten zu zeigen, wie sie sich ihr Leben in der Zukunft vorstellen. Bis zum 31. Mai können die Ideen eingereicht werden, dann wählt eine Jury die Gewinner. Der Preis: In einem Workshop können die Gewinnerkinder selbst daran mitwirken, aus ihren Bildern digital animierte Filme zu machen. Weitere Infos: weltkindermaltag.de
Kinder haben’s auch im Kreuz
Mit der Zahl an Schuljahren steigt das Risiko, dass Kinder von Rückenschmerzen betroffen sind. Neben Verletzungen im Rückenbereich und falscher Belastung sind vor allem Bewegungsmangel und eine schwache Rückenmuskulatur Ursachen für die Schmerzen. Amerikanische Experten ermittelten, dass bereits mit sieben Jahren ein Prozent der Kinder Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich hat, mit zehn Jahren sind es schon sechs Prozent, bei den 14-bis 18-Jährigen leidet fast jeder Fünfte darunter. Die meisten Fälle seien in der Regel harmlose Funktionsstörungen und gut zu behandeln, sagt Professor Dr. med. Bernd Kladny, stellvertretender Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). „Trotzdem ist es wichtig, jedes einzelne Kind körperlich zu untersuchen, um eine ernsthafte Erkrankung oder Fehlbildung auszuschließen.“
Verletzungen, Wachstumsstörungen oder auch Stress können Grund für die Schmerzen sein. Meist ist es zu schwere oder falsche Belastung, die den Kindern und Jugendlichen Schmerzen im Rücken bereitet. „Das Muskel- und Skelettsystem von Kindern und Jugendlichen befindet sich noch in der Entwicklung und ist deswegen besonders anfällig für Verletzungen und Verspannungen“, erklärt Kladny. Hinzu komme, dass die meisten Kinder mehr als die Hälfte ihres Tages im Sitzen verbringen: Nach der Schule verdrängen Smartphone und Spielekonsole aktive Hobbys wie Fußball, Schwimmen oder Reiten von der Liste der liebsten Freizeitbeschäftigungen. Wer sich mindestens eine Stunde am Tag bewegt, stärkt damit die Muskeln im Rücken, die auch die Wirbelsäule unterstützen und beuge so Schmerzen vor.
Eine wichtige Rolle kommt beim Thema Rückengesundheit auch den Eltern zu: Wer sein Kind zu mehr Bewegung ermutigen will, sollte selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Dies bedeutet, den eigenen Gebrauch von TV, Tablet oder Smartphone einzuschränken und die Freizeit aktiv mit Spaziergängen, Schwimmbadbesuchen oder Fahrradtouren zu gestalten.
Weitere Infos: www.dgou.de
„Hilfe! Mein Kind ist aggressiv.“
„Unser vierjähriger Sohn ist zu Hause und im Kindergarten aggressiv. Wie sollen wir damit umgehen?“
Bei bestimmtem Verhalten von Kindern können wir uns erst einmal nicht erklären, woher es kommt. Doch sicher ist, es gibt eine Begründung! Die gilt es herauszufinden, um entsprechend zu reagieren. Bei Jungen kann eine mögliche Erklärung der erste Testosteronschub um das vierte Lebensjahr sein. Es kann auch vorkommen, dass sich verschiedene Entwicklungsprozesse überlappen und das Kind überfordern. Das Testosteron sagt seinem Körper zum Beispiel: „Geh raus in die Welt und zeig jedem, wie groß und stark du bist.“ Gleichzeitig schmälert die Trotzphase seine Frustrationstoleranz, und sein Geduldsfaden ist sehr kurz. Dies ist eine explosive Kombination und kann zu dem geschilderten Verhalten führen. Wichtig ist nun genau zu beobachten, in welchen Situationen das aggressive Verhalten auftritt. Versuchen Sie sich zu e rinnern, ob es plötzlich begonnen hat. Dies könnte ein Hinweis auf biologische Ursachen sein, die Sie mit einem Arzt besprechen sollten. Teilen Sie dem Kind Ihr Verständnis für seine Wut mit und zeigen Sie ihm Wege auf, wie es damit umgehen kann. Aggressives Verhalten erfordert darüber hinaus eine sofortige Konsequenz. Auf keinen Fall sollten Sie die Aggression unter „so ist er nun mal“ abhaken. Ansonsten lernt Ihr Kind, dass sein Verhalten keine Konsequenzen hat und Gewalt ein bewährtes Mittel ist, seine Konflikte zu lösen.
DER RICHTIGE UMGANG
Um Aggressionen vorzubeugen, sollte ihr Kind zunächst körperlich ausgelastet sein. Frühzeitig einschreiten und zusammen die Situation lösen. Will das Kind unbedingt seinen Willen durchsetzen, kann es für Sie beide nervenaufreibend sein. Der Lernprozess fordert besonders von den Eltern viel Geduld, doch durchhalten lohnt sich! Lenken Sie das Kind nicht mit anderen Dingen ab. Um zu lernen, muss es sich der Situation stellen. Einen Kompromiss auszuhandeln ist okay. Geht das Kind darauf nicht ein, bleibt es bei den Vorschlägen, die Sie bisher gemacht haben. Wichtig für Eltern ist es, einen eigenen Plan zu haben. Wenn Sie hinter dem stehen, was Sie sagen, können Sie in der Situation selbstbewusst handeln. Kinder brauchen Gelegenheiten, um Gelerntes umzusetzen. Geben Sie ihrem Kind immer wieder Freiräume, um sich zu beweisen und beobachten Sie, wie die Situation läuft. Hierunter fällt auch das „Prinzip“ der Verwarnung. Wenn das Kind auffällt, machen Sie deutlich, dass es jetzt nur noch eine Chance hat. Wenn so etwas nochmal passiert, folgt die Konsequenz. Nur durch häufiges Wiederholen kann das Kind lernen, Situationen ohne Aggression zu meistern. Klare Grenzen verhindern häufig, dass Aggressionen überhaupt erst aufkommen und stecken den Rahmen ab, indem es sich bewegen darf.
LOGISCHE KONSEQUENZEN
Am besten sind logische Konsequenzen nach dem „Wenn – dann – Prinzip“. Zum Beispiel: Du schlägst Kinder mit Stöcken, dann hast du heute „Stock-Verbot“. Wichtig ist durch die Körpersprache auszudrücken, dass dieses Verhalten unerwünscht ist. Es darf eine gewisse Strenge in Gesicht und Stimme zu erkennen sein. Wenn sie Ihrem Kind mit einem Lächeln vermitteln, dass Schlagen falsch ist, kann es Sie nicht ernst nehmen und weiß nicht, woran es ist.
Anika Sohn ist Erzieherin und bietet Bewegungs-Kurse für Eltern und Kinder an: familie-bewegt.de. Sie lebt in Neuhofen (Pfalz).
Große Kinder, große Sorgen?
Man kann sich trefflich streiten, ob der bekannte Spruch mit den kleinen und großen Kindern und den dazugehörigen Sorgen denn nun stimmt oder nicht. Fakt ist, dass auch Eltern von Jugendlichen oder von erwachsenen Kindern ihre Fragen und Probleme haben. Um ihnen eine Austauschmöglichkeit zu geben, bieten wir in Kooperation mit jesus.de nun das Forum „Familienleben mit (fast) erwachsenen Kindern“ an. Hier können namentlich oder anonym Fragen und Probleme aus dieser besonderen Familienphase diskutiert werden. Damit knüpfen wir an unser neues Magazin FamilyNEXT an, das sich auch an diese Zielgruppe richtet. Eltern von „großen“ Kindern sind immer noch mit genauso viel Herzblut an Themen wie Familie und Erziehung interessiert wie Eltern von kleineren Kindern. Nur haben sich die Umstände und Vorzeichen verändert. Deshalb nun dieses neue Forum: Familienleben mit (fast) erwachsenen Kindern
Erwartungen
Elisabeth Vollmer blickt zurück und nach vorn.
Zwischen Weihnachten und Neujahr lese ich immer meine Tagebücher. Diese Tradition ist mein persönlicher Jahresrückblick und hat sich bewährt. Auf wenige Tage konzentriert durchlebe ich noch einmal lesend mein Jahr – Höhen, Tiefen, Banalitäten, der ganz normale Wahnsinn. Ich stelle fest, dass sich Themen wiederholen (Warum muss ich diese Felder immer wieder beackern?) und Fettnäpfchen von mir auch mehrfach ausgelatscht werden (Bin ich so lernresistent?). Aber ich lese auch wunderbare Kleinigkeiten, die mein Leben bereichert haben (und die ich längst vergessen hatte). Und die wirklich guten Dinge und Begegnungen nehme ich mit großer Dankbarkeit noch einmal wahr. „Unerwartet“ ist ein Wort, das dabei öfter fällt und mir zum Schlüssel wird – im Guten wie im Schlechten. Beispiel gefällig? Ich erwarte nichts zum Muttertag, denke ich im Mai. Das ganze geschäftsmäßige Gedöns ist mir auch zuwider. Nicht nur einen Tag, sondern das ganze Jahr möchte ich schließlich als Mutter gesehen und geschätzt werden! Als der Muttertag kommt, ist es ein ganz gewöhnlicher Sonntag. Keiner in der Familie bedenkt mich mit liebevollen Gesten oder Worten. Ich bin beleidigt. Wie blöd ist das denn? Da mache ich Sprüche und belächle milde die Frauen, denen der Muttertag wichtig ist, und merke beschämt, dass ich auch nicht so wirklich darüberstehe. Also wenigstens so ein kleines bisschen wollte ich dann doch bedacht werden … Nur habe ich nicht mal mir selbst eingestanden, dass ich solche Erwartungen habe. Ent-Täuschung tut weh. Ein Gegenbeispiel: Es ist Anfang Dezember, ein freier Samstag, ich habe Zeit und beschließe, Plätzchen zu backen. Kaum begonnen, kommt Jonas dazu: „Oh, Plätzchen! Ich mach mit!“ Kurz darauf klinkt sich auch Tabea ein. Wir werkeln, unterhalten uns und lachen. Eine Idylle wie im Bilderbuch. Einen Moment stehe ich in der Tür, nehme diese geschenkte Zeit in ihrer ganzen Schönheit wahr. Es kommen mir die Tränen vor Dankbarkeit. Völlig unerwartet werde ich beschenkt mit dieser Zeit mit meinen Teens. Im Rückblick auf mein Jahr merke ich, dass ich oft gerade dann beschenkt werde, wenn ich frei von Erwartungen bin. Wenn ich nichts er-warte, warte ich nicht auf das, was ich mir vorstelle, sondern bin frei, das wertschätzend wahrzunehmen, was mir begegnet. (Der Muttertags-Sonntag war nämlich eigentlich kein schlechter Tag, bis ich ihn mit grummeliger Miene vermiest habe …) Und ich merke, dass meine Erwartungen schnell zur Falle werden – besonders dann, wenn sie unausgesprochen sind. In diese Falle will ich im nächsten Jahr nicht mehr ganz so oft tappen. Am Valentinstag ist mir das schon mal gut gelungen. Es war ein ganz normaler, guter Tag in einer vollgepackten Zeit. Nichts Besonderes und völlig okay. Ich möchte lernen, mir meine Erwartungen einzugestehen und selbst zu entscheiden, ob diese Erwartung angemessen und wichtig für mich ist (und dann muss ich sie kommunizieren!), oder ob ich diese Erwartung auch loslassen kann. Bewusst und vielleicht mit ein bisschen Wehmut. Der Rückblick wird zeigen, wie mir das gelungen ist.
Eingewöhnung bei der Tagesmutter
„Meine Tochter (2) soll bald zur Tagesmutter gehen. Wie können wir die Eingewöhnungsphase dort gut gestalten?“
Sowohl für Sie als Eltern als auch für Ihre Tochter bedeutet die Betreuung bei der Tagesmutter eine große Veränderung. Sie müssen lernen, Ihr Kind ein Stück weit loszulassen. Ihr Kind steht vor der Herausforderung, sich an eine neue Bezugsperson und eine neue Umgebung zu gewöhnen. Um Ihrem Kind Sicherheit zu vermitteln, sollten Sie die Eingewöhnung sanft gestalten. Eine aktuelle Studie zeigt, wie wichtig das ist: Drei Monate nach Beginn der Eingewöhnung zeigten die behutsam eingewöhnten Kinder mehr positive soziale Interaktionen, Heiterkeit, Selbstständigkeit, Kooperation und weniger Angst, Aggressionen und Unzufriedenheit als die schnell eingewöhnten Kinder. Selbst wenn Ihre Tochter sich scheinbar problemlos von Ihnen trennt, sollen Sie sie ein paar Tage lang begleiten. Bei den „pflegeleichten“ Kindern zeigen sich die Trennungsängste nur verzögert.
VORBEREITUNGEN
Sprechen Sie mit Ihrer Tochter einige Tage vor Beginn der Eingewöhnung in einfachen Worten über die Veränderung, zum Beispiel: „Mama wird bald wieder mehr arbeiten. Während ich bei der Arbeit bin, passt Anna auf dich auf. Du wirst sie bald kennenlernen – sie ist sehr lieb und hat tolle Spielsachen. Übermorgen besuchen wir sie gemeinsam.“ Oft hilft es, ein „Übergangsobjekt“, also ein Stofftier oder ein Schmusetuch, das ihr Kind gern hat, mitzugeben. Besuchen Sie in den ersten paar Tagen die Tagesmutter gemeinsam für ein bis zwei Stunden. Lassen Sie ihre Tochter keinesfalls direkt am ersten Tag dort allein. Ab dem zweiten Tag können Sie versuchen, sich immer mehr im Hintergrund zu halten.
DIE ERSTE TRENNUNG
Frühestens am vierten Tag findet die erste Trennung statt – das Münchner Eingewöhnungsmodell empfiehlt diesen Schritt sogar frühestens nach sechs Tagen. Folgende Kriterien sollten laut Münchner Modell erfüllt sein, bevor Sie die erste Trennung versuchen: Ihre Tochter erkundet entspannt den Raum, ohne ständig nach Ihnen Ausschau zu halten. Ihre Tochter kommuniziert mit der Tagesmutter/ anderen Kindern. Ihre Tochter reagiert positiv auf die Tagesmutter, lässt sich von ihr helfen, wickeln und füttern und wirkt dabei entspannt und aktiv. Ihre Tochter spielt mit gewisser Ausdauer, ohne ständig nervös die Aktivität zu wechseln. Sie sollen sich nicht heimlich „fortstehlen“. Gestalten Sie den Abschied kurz, aber liebevoll. Wenn Ihre Tochter weint, geben Sie der Tagesmutter die Chance, sie zu beruhigen. Bleiben Sie höchstens zehn bis zwanzig Minuten fort – sollte Ihre Tochter sich gar nicht beruhigen lassen, kann die Tagesmutter Sie anrufen. In diesem Fall sollten Sie am nächsten Tag zuerst wieder eine Weile anwesend sein. Hat die Trennung gut funktioniert, können Sie Ihre Abwesenheitszeiten Tag für Tag steigern.
Melanie Schüer ist Erziehungswissenschaftlerin und Gesundheitsberaterin für Schwangere. Sie bietet Onlineberatung für Eltern von Babys und Kleinkindern mit Schrei- und Schlafproblemen sowie für Schwangere (www.neuewege.me).
„Beim Malen machen sich Kinder ein Bild von der Welt“
Warum Malen und Zeichnen wichtig für die Entwicklung eines Kindes ist, erklärt der Diplom-Psychologe Michael Thiel.
Welche Fähigkeiten werden durch Malen und Zeichnen trainiert?
Das Offensichtlichste ist, dass Zeichnen die Feinmotorik eines Kindes trainiert. Schon das Zusammenspiel zwischen Daumen und Zeigefinger, um den Stift zu halten und zu führen, ist Höchstleistung für das Gehirn – gerade bei kleinen Kindern. Und Intelligenz hängt stark mit der Fähigkeit zusammen, den Körper zu kontrollieren und auch gezielte, sichere Bewegungen auszuführen. Die feinmotorischen Bewegungen beim Zeichnen stärken bestimmte Gehirnstrukturen und daraus entwickelt sich nachher eine Intelligenzleistung, die auch Auswirkung auf andere kognitive Fähigkeiten hat. Beim Zeichnen und Malen legen Kinder daher die Grundlage auch für das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen. Und wer früh mit Stift und Pinsel umgehen kann, kann später leicht den Umgang mit Schraubenzieher, Kochmesser oder Nähmaschine lernen.
Welche Auswirkung haben Malen und Zeichnen noch auf die kognitive Entwicklung des Kindes?
Je mehr ein Kind zeichnet, umso genauer wird es sich ein Bild von der Welt machen können, die es umgibt. Malen und Zeichnen schärfen die Wahrnehmungsfähigkeit und das analytische Denken. Denn um etwas abzubilden, muss sich ein Kind diese Sache ja nicht nur genau anschauen, sondern auch analysieren, was die charakteristischen Merkmale sind und altersgemäß begreifen, wie es funktioniert. So ein einfaches Gesicht nach dem Motto „Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht“ sieht simpel aus – aber dafür muss ein Kind erst mal die Transferleistung machen, dass Auge, Nase, Mund in genau dieser Anordnung ein Gesicht ausmachen und einen Menschen darstellen. Andersrum: Es entsteht Abstraktionsvermögen. Wenn Kinder älter werden, sieht man an den immer detaillierter werdenden Bildern, dass sie eine immer genauere Vorstellung von ihrer Umwelt haben – und daraus auch eigene, neue Vorstellungen entwickeln.
Können sich Malen und Zeichnen auch positiv auf das sonstige Verhalten eines Kindes auswirken?
Eindeutig ja! Interessant ist, dass Malen und Zeichnen Einfluss auf das Selbstbewusstsein haben können. Zum einen kann ein Kind beim Malen dieses wunderbare Gefühl erleben, dass es etwas produzieren kann, was ihm selbst oder auch anderen Freude macht. Und das Wunderbare dabei ist, dass das alles aus seinem Kopf entstanden und mit seinen eigenen Händen auf Papier gekommen ist. Das stärkt das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl. Dazu kommt: Je sicherer ich in meiner Feinmotorik und meinem Körper bin, umso sicherer und selbstbewusster kann ich andere Situationen meistern. Aus psychologischer Sicht spricht man auch von Selbstwirksamkeit. Das heißt: Durch das Gehirn-Training beim Malen und Zeichnen hat man das Gefühl, etwas im Leben und der Umgebung bewirken zu können, und die Angst vor kleineren Herausforderungen oder komplizierten Angelegenheiten verschwindet. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit macht das Leben für Kinder positiver und überschaubarer.
Wie können Eltern ihre Kinder ermuntern zu malen oder zu zeichnen?
Erster Punkt: Je früher, umso besser! Zweiter Punkt: Lernen am Modell. Auch als Erwachsener öfter mal Stifte benutzen und Dinge skizzieren. Drittens: Gemeinsam macht es Spaß. Bereits im Kleinkindalter schaffen Malen und Zeichnen zusammen mit den Eltern neben dem Flow innige und fröhliche Momente. Wecken Sie ruhig wieder das Kind in sich. Viertens: Auch, wenn das vielleicht ganz simpel klingt – Kinder brauchen altersgerechte Utensilien. Erst gröbere Stifte, dann vielleicht auch einen vernünftigen Malkasten. Fünftens: Stifte, Papier, ruhig auch mal eine Tapetenrolle, Karton oder buntes Papier – diese Materialien sollten immer parat liegen. Dann kann das Kind jederzeit seiner Phantasie und Kreativität freien Lauf lassen. Erfolgsdruck und Bewertungen haben beim Malen und Zeichnen nichts verloren – denn allein das Versinken, der Flow Effekt und der Moment der Kreativität beim Kind sind das Entscheidende und sollten Eltern freuen.
Herr Thiel, wird die Welt besser, wenn Eltern mit Kindern mehr malen?
Ja. Denn mal abgesehen davon, dass Malen Kindern auf ganz unterschiedliche Art und Weise sehr gut tut, macht gemeinsam Malen ja noch etwas ganz anderes: Wenn Eltern mit Kindern zusammen kreativ sind, vermitteln sie ihren Kindern, dass sie Spaß daran haben, mit ihnen zusammen zu sein – und dass man gemeinsam ganz tolle Sachen machen kann. Das wiederum stärkt die Eltern-Kind-Bindung, die für die psychische Entwicklung und psychische Gesundheit von Kindern extrem wichtig ist. Also sollten alle Familien einfach ab und zu einen Eltern-Kind-Maltag oder eine Eltern-Kind-Malstunde einlegen.
Quelle: STAEDTLER
Malwettbewerb
Anlässlich des Weltkindermaltags am 6. Mai ruft der Stiftehersteller STAEDTLER zum Malwettbewerb auf. Unter dem Motto „Kleine Köpfe, große Ideen“ sind Kinder auf der ganzen Welt aufgerufen, mit Bildergeschichten zu zeigen, wie sie sich ihr Leben in der Zukunft vorstellen. Bis zum 31. Mai können die Ideen eingereicht werden, dann wählt eine Jury die Gewinner. Der Preis: In einem Workshop können die Gewinnerkinder selbst daran mitwirken, aus ihren Bildern digital animierte Filme zu machen. Weitere Infos: weltkindermaltag.de
Party statt Schule
„Meine Tochter (17) will nur noch Party machen. Sie hält sich an keine Absprachen, kommt und geht, wann sie will. Schule ist ihr egal. Was kann ich tun?“
Zunächst einmal ein kleiner Trost: Es ist nichts Neues, dass Jugendliche auf Regeln pfeifen und nicht auf ihre Eltern hören: „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dieser Satz wird dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben, der von 470 – 399 v. Chr. lebte. Schon er hatte mit dem provokanten Verhalten der Jugend zu kämpfen.
SOUVERÄN BLEIBEN
Wenn Jugendliche sich über Grenzen hinwegsetzen, ist es wichtig, dass die Eltern souverän bleiben und sich nicht provozieren lassen. Natürlich ist es schwer, einfach zu Hause abzuwarten, ob das Kind tatsächlich wieder pünktlich und heil von der Party zurückkommt. Dieses Loslassen ist für alle Eltern ein Lernprozess. Je schwerer er uns fällt, umso mehr rebelliert unser Kind und hält die vorgegebenen Zeiten erst recht nicht ein. Deshalb ist es wichtig, eine eigene Souveränität zu erlangen. Gebet ist dabei eine wesentliche Hilfe. Trotzdem müssen sich die Kinder natürlich daran halten, zu den vereinbarten Zeiten wieder zu Hause zu sein.
GESETZLICHE AUSGEHREGELN
Der deutsche Gesetzgeber hilft hier, denn er gibt sehr genau vor, wie lange Heranwachsende in welchem Alter wegbleiben dürfen (in der Schweiz gibt es leider keine einheitliche Regelung). 16- bis 18-jährige dürfen bis 24 Uhr in einer Disco oder Gaststätte bleiben. Reden Sie mit Ihrer 17-Jährigen und sagen Sie ihr, dass Sie sich Sorgen machen, wenn sie sich nicht an Absprachen hält. Weisen Sie Ihr Kind unaufgeregt und sachlich auf die Konsequenzen hin, die dieses Verhalten nach sich zieht. Sollte sie sich nicht an die Regeln halten, wird der Ausgang ganz gestrichen, oder Sie überlegen sich eine andere Konsequenz.
PARTYS STATT REGELN
Wenn Ihrer Tochter die Schule egal ist, gibt es unterschiedliche Gründe dafür. Finden Sie heraus, ob der Grund für die schlechten Noten im fehlenden Interesse für die Schule oder in einer zunehmenden Überforderung liegt. Im ersten Fall hat es Sinn, die Prioritäten – eventuell mit Hilfe von Lehrergesprächen – wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen. Im zweiten Fall sollten Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter nach Alternativen Ausschau halten, wie eine andere Schulart oder eine Ausbildung. Manchmal hilft es auch, einfach die Klasse zu wiederholen. Überforderung kann durchaus ein Grund dafür sein, dass Ihr Kind mehr Sinn daran sieht, Partys zu machen, als sich um die Schule zu kümmern. Wenn Ihre Tochter Sie nicht mehr in ihr Leben hineinlässt, dann müssen Sie das akzeptieren. Sie wird erwachsen und will sich abgrenzen. Sie müssen es allerdings nicht akzeptieren, wenn Ihre Tochter Ihre Regeln nicht mehr einhält. Machen Sie Ihr klar, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen darf, dass sie sich aber trotzdem an die Regeln zu halten hat, die Sie ihr vorgeben.
Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.
„Ich suche nicht nach Qualitäts-Kriterien“
Ein Interview mit Dr. Detlev Katzwinkel, Chefarzt der Gynäkologie im St. Martinus Krankenhaus in Langenfeld
Die pränatale Diagnostik wird immer ausgefeilter. Gibt es dadurch mehr Abtreibungen?
Wir vermuten, dass durch die Mehrdiagnostik mehr Abbrüche notwendig werden. Es lässt sich aber zahlentechnisch schwer beweisen. Allerdings gibt es auch ganz viele Abbrüche, die mit anderen Dingen zu tun haben, zum Beispiel mit so genannter „sozialer Unverträglichkeit“. Das geht von „Ich stecke gerade in einer persönlichen Notlage“ bis hin zu „Die Schwangerschaft passt mir jetzt nicht“.
Was raten Sie Schwangeren, die vor der Frage stehen, welche Diagnostik sie machen sollen?
Ich rate Schwangeren, darüber nachzudenken, was sie wirklich wissen wollen, und zwar bevor sie eine tiefergehende Diagnostik in Anspruch nehmen. Ich habe gerade eine Schwangere untersucht, eine Lehrerin. Sie und ihr Mann sind Christen. Ich habe ihnen bei der ersten Begegnung gesagt: „Ich kann Sie gern bei der Schwangerschaft begleiten, aber ich werde nicht nach Qualitätskriterien des Kindes suchen. Ich werde natürlich das Kind genauestens angucken. Und wenn ich Erkrankungen entdecke, bei denen das Kind eine Therapie bekommen kann, werde ich mit ihnen darüber reden. Aber eine Trisomie 21 zum Beispiel ist nicht therapierbar. Nach Hinweisen auf Trisomie 21 würde ich nicht suchen, und wenn ich zufällig welche fände, würde ich es Ihnen nicht sagen.“ Nach so einem Gespräch haben die werdenden Eltern erst einmal Zeit zu überlegen, ob sie eine weitergehende Pränataldiagnostik extern machen lassen wollen oder nicht. Dieses Paar hat gesagt: „Wir wollen nur gucken, dass sich das Kind gut entwickelt, dass es die bestmöglichen Optionen hat, unterstützt zu werden, aber das andere interessiert uns nicht.“
Aber die meisten Ärzte machen es nicht so wie Sie …
Das stimmt. Die meisten Ärzte würden sagen: „Sie wollen doch sicher ein gesundes Kind, dann müssen Sie zur Pränataldiagnostik gehen.“ Und dann kommen sie aus so einer Untersuchung heraus und haben plötzlich ein Ergebnis: „Die Nackenfalte ist um drei Millimeter größer als im Durchschnitt und das Nasenbein ist an dieser Stelle ein bisschen hypoplastisch entwickelt.“ Die Eltern fragen: „Ist mein Kind jetzt krank?“ Und der Arzt sagt: „Das könnte ein Hinweis sein, dass ein genetischer Defekt vorliegt. Um das rauszukriegen, müssen wir jetzt weitersuchen …“ Insofern finde ich meine Beratung viel ergebnisoffener, weil ich ja vorher sage, was auf sie zukommt. Aber viele Leute finden, ergebnisoffen würde heißen: Wir machen die Untersuchung und wenn wir wissen, was es ist, dann kann die Frau sagen, ob sie das Kind haben will oder nicht. Und das ist nicht richtig. Die Eltern bekommen vom ersten Tag der Untersuchungen an eine Skepsis gegen das eigene Kind: Ist das auch das Kind, das wir haben wollen? Diese Frage finde ich persönlich ethisch schon anmaßend.
Wie kann ich dem entgehen, wenn ich schwanger bin?
Indem man im Vorfeld mit seinem Partner spricht. Und wenn man zur Vorsorge geht, dass man dann sagt, was man wirklich will und was nicht, zum Beispiel: „Wir wollen keine Informationen über Krankheiten, die nicht therapierbar sind und die als Konsequenz nur den Abbruch der Schwangerschaft nach sich ziehen würden.“
Welche psychischen und körperlichen Folgen kann eine Abtreibung haben?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt sicher Frauen, die aufgrund der Abtreibung keine weiteren Folgen haben. Es gibt aber auch Frauen, die im Abstand dieses Kind vermissen. Ich kenne viele Frauen, die damit große Probleme haben und eine psychiatrische Betreuung brauchen wegen eines im Englischen als „Post Abortion Syndrom“ bezeichneten Trauma-Komplexes. Das darf man aber nicht so nennen in Deutschland. Da spricht man allgemeiner von einer „posttraumatischen Belastungsstörung“.
Interview: Bettina Wendland
*Weitere Artikel zum Thema Abtreibung gibt es in der Ausgabe 2/17.
Allein schwanger
Helen (25) war nicht mehr mit ihrem Freund zusammen, als sie ihre Schwangerschaft bemerkte. Also zog sie die Sache allein durch.
Irgendetwas war anders mit meinem Körper. Ich bemerkte ein Ziehen im Bauch und dachte: Entweder du bist schwanger oder du hast eine Zyste oder sowas. Ich machte einen Schwangerschaftstest. Der war positiv. Ich musste zuerst an meine Mutter und meine Tante denken. Beide haben ewig darauf gewartet, überhaupt schwanger zu werden und hatten mehrere Fehlgeburten. Und bei mir hat es einfach so geklappt – ohne dass ich es wollte. Bis dahin war ich eigentlich immer davon überzeugt, dass ich auch nur sehr schwer schwanger werden würde. Zu dem Zeitpunkt, als ich bemerkte, dass ich schwanger bin, war ich schon nicht mehr mit dem Vater meines Kindes zusammen. Und ich war mir auch ganz sicher, dass ich nicht mehr mit ihm zusammen sein will. Mir war klar, dass ich das allein schaffen musste. Eine Abtreibung war für mich keine Option, allein schon, weil es in meiner Familie so schwierig war, schwanger zu werden. Als ich meinem Ex-Freund von der Schwangerschaft erzählte, war er geschockt. Er hat gleich klargestellt, dass er mich, wenn überhaupt, nur finanziell unterstützen würde. Als Vater wollte er nicht auftreten.
EMOTIONALE BELASTUNG
Die Reaktion meines Umfelds war sehr unterschiedlich. Meine Familie hat sich gefreut. Sicher kamen Fragen nach dem Vater auf, aber sie haben die Situation schnell akzeptiert. In meinem Freundeskreis war es ähnlich. Auf der Arbeit war es schon ein bisschen anders. Viele haben sich für mich gefreut, aber es kamen auch kritische Fragen. Ich habe mich teilweise ganz schön bloßgestellt gefühlt. Ich habe erfahren müssen, dass andere schlecht über mich redeten. Das war furchtbar für mich. Allein schwanger zu sein, ist schon eine riesige emotionale Belastung. Man hat so viel, mit dem man klarkommen muss: die Angst vor der Geburt, die Fragen, warum der Papa nicht da ist … Und wenn man dann noch erfährt, dass andere einen schlechtmachen, ist das ein furchtbares Gefühl. Ein grauenhafter Moment war auch, als mich ein Kollege fragte, warum ich das Kind nicht einfach habe wegmachen lassen. Eine Abtreibung kam für mich nie in Frage. Auch wenn ich das Kind allein bekommen und großziehen würde. Das Kind allein zur Welt bringen zu müssen, war für mich zeitweise sehr schwer. Wenn man schwanger ist, gehen alle automatisch davon aus, dass man zu Hause einen liebenden Partner hat, der sich wahnsinnig darauf freut, Vater zu werden. Und der bei allen Vorsorgeuntersuchungen dabei sein möchte. Aber so ist es halt nicht immer. Eine Schwangerschaft an sich ist schon eine emotionale Achterbahn, aber wenn man allein ist, ist das Ganze noch viel heftiger.
Helen (Name geändert) ist inzwischen dreißig Jahre alt.
Protokoll: Priska Lachmann
*Weitere Artikel zum Thema Abtreibung gibt es in der Ausgabe 2/17.
Ballerspiele nicht den Gamern überlassen!
Neulich habe ich nur ein paar Sekunden in ein Videospiel für Erwachsene reingeschaut. Ich sollte eine Geisel in Schach halten. Ich wurde sofort in die Geschichte hineingezogen, empfand die Atmosphäre als unglaublich düster und die Knarre in der Hand meines Avatars furchteinflößend. Ich wusste nicht, welchen Knopf ich drücken soll, und so habe ich gleich jemanden virtuell umgebracht. Das war schockierend realistisch.
Echte Gamer werden über meine empfindliche Reaktion schmunzeln und anmerken, dass ich ja keine Ahnung habe. Das dürfen sie. Ich stehe zu meiner Ignoranz, gleichzeitig finde ich es wichtig, dass sie meine Irritation ernst nehmen. Wenn man sich in dieser Welt bewegt, kann man nämlich schnell aus den Augen verlieren, was da wirklich passiert.
In einem Artikel aus der Gamerzeitschrift „WASD“, den ich auf spiegel-online las, ging es darum, dass manche Spiele es erlauben, sadistische Impulse auszuleben. Das ist nicht das eigentliche Spielziel, aber ein Nebeneffekt der Möglichkeiten, die einige Spiele mit ihren fast unbegrenzten Welten bieten. Spieleentwickler nehmen das in Kauf, weil sie wissen, dass solche Freiheiten von den Zockern eingefordert werden.
In dem Artikel wird von einem Spiel berichtet, in dem die Entwickler das Töten von Kindern ausgeschlossen hatten. Diese Einschränkung wollten die Gamer nicht hinnehmen, und so entstand schnell eine modifizierte Version, die das Abknallen der Kleinen möglich machte, um den Realismus des Spiels zu erhöhen.
Dieser Artikel aus der Gamerwelt kam sehr nachdenklich daher. Diese Nachdenklichkeit habe ich bei den Kommentaren unter dem Artikel vermisst. Da hieß es lapidar, Mord und Totschlag wären immer schon Teil von Kinderspielen gewesen (Räuber und Gendarm), man könne schon zwischen virtueller und echter Welt unterscheiden. Außerdem habe noch nie jemand nachweisen können, dass Gewalt am Bildschirm aus friedliebenden Menschen mordende Monster macht.
Ich möchte Eltern von zockenden Halbwüchsigen und Partnerinnen von ballernden Ehegatten Mut machen, dran zu bleiben. Halten Sie sich nicht raus! Spiegeln Sie Ihre eigenen Reaktionen auf die Spiele. Es geht nicht darum, Zocker unter einen Generalverdacht zu stellen oder in eine Ecke zu drängen. Aber ich finde es wichtig, dass sie sich den Fragen von Leuten stellen, die nicht in der Gamerblase leben.
Womit beschäftigen wir uns? Warum tun wir, was wir tun? Was macht das mit uns? An diesen Fragen sollten nicht nur Zocker dran bleiben.
Christof Klenk ist Redakteur bei Family und FamilyNEXT.