Flohmarkt

GENERVTE VÄTER GESUCHT

Katharina Hullen verhökert jede Menge Kindersachen, doch der Keller ist immer noch voll.

Katharina: Nach zehn Jahren Großfamilie sind Keller und Garage deckenhoch vollgestopft mit Kinderkleidung, Schuhen und Spielzeug. Und da die Kinder unaufhörlich wachsen, produzieren ihre Schränke nahezu wöchentlich eine neue Keller-Kiste. Es muss etwas geschehen. Wir melden uns also Anfang des Jahres bei einem Flohmarkt an. Ich nehme 17 Kisten in Angriff, um sie in drei Haufen zu zerlegen: den Sommerflohmarkt-, Winterflohmarkt- und Kleiderspendehaufen. Eigentlich gibt es da noch einen vierten, „Ichkann- mich-nicht-trennen-Korb“. Ich bemühe mich aber, ihn klein zu halten. Es gelingt mir fast. Der erste Markt, ein Late-Night-Shopping für Mütter, ist ernüchternd. Nicht nur die finanzielle Ausbeute: gerade mal etwas mehr als die Standmiete und Fahrtkosten erziele ich. Nein, es wird auch klar, nur die perfekt organisierten Stände machen hier Geschäft. Unser Tisch ist viel zu klein für all die Wäscheberge. Das ist nicht übersichtlich genug. Wo war nochmal der Schlafanzug in Größe 80? Bis ich ihn gefunden habe, ist die Kundin nicht mehr kaufwillig. Insgesamt fehlen diesem Mütter-Markt die Kinder und Väter. Fröhliche, gierige Kinder, die all die tollen Spielsachen kaufen möchten, und genervte Väter, die jede unschlüssige Kaufentscheidung der Frau beschleunigen, nur damit dieser Markt endlich für sie endet. Also rüsten wir für die nächsten zwei Märkte auf. Alle Teile werden mit Größe und Preis etikettiert. Die Kleiderstange bekommt aufwendig laminierte Größenringe verpasst. Wir laden vier statt einem Tisch als Ausstellfläche ein. Hinweisschilder werden gebastelt. Und wirklich, es funktioniert. Bestimmt zehn Prozent der Dinge sind verkauft – das heißt aber auch, neunzig Prozent des Plunders nehmen wir wieder mit nach Hause. Ganz zu schweigen von dem Kram, den unsere Kinder fröhlich und gierig erworben haben und den Dingen, die ich wiederum für die Kinder gekauft habe. Es ist zum Haare raufen. Es wird nicht weniger. Der dritte Markt läuft wie von selbst. Alles ist ja schon bestens vorbereitet. Wir lernen: Je weniger Kram auf den Tischen liegt, umso mehr kaufen die Leute einem ab. Eine ganze Kiste weniger tragen wir diesmal nach Hause. Nur noch 5 statt 7 Sommerflohmarktkisten stehen nun im Keller. Sieben Winterkisten warten noch auf die Vorbereitung. Ich stehe vor den Bergen und denke mir: Im letzten Haufen, dem Kleiderspendehaufen, liegt viel Leichtigkeit. Ich beginne zu verstehen, warum so viele Menschen lieber alles verschenken, als diesen Aufwand zu betreiben. Lebe leichter! Weniger ist mehr! Vielleicht probieren wir das dann im nächsten Jahr mal aus.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

HOCHREGALLAGER FÜR KINDERAUSSTATTUNG

Hauke Hullen bewundert die großartige Auswahl an Babysachen im Partykeller.

Hauke: Das erste, was der Besucher beim Betreten des Areals erblickt, sind Plüschtiere. Von A wie Affe bis Z wie Zebra – hier findet jedes Kind sein Lieblingskuscheltier! Direkt daneben gibt es Kinderschuhe in allen Größen und Farben, so dass man locker einen ganzen Kindergarten einkleiden könnte. Gegenüber: Hosen. Und Kleidchen. Und Bodys soweit das Auge reicht … Nein, das ist nicht der Kinderflohmarkt der benachbarten KiTa, sondern unser Partykeller, der sich inzwischen zu einem Hochregallager für Kinderausstattung entwickelt hat. Der Bestand ist immens! Wenn ich in der Kinderabteilung eines Kaufhauses stehe, ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich verächtlich lächle angesichts der mickrigen Auswahl. „Selbst schuld!“, denken Sie vielleicht, „warum entsorgen die Hullens den ganzen Kram nicht beizeiten!?!“ Ich gebe Ihnen Recht. Doch das entscheidende Wort ist „beizeiten“. Bislang war es nämlich so: Kaum war unser jüngstes Kind aus einer Kleidergröße herausgewachsen, kündigte sich bereits der nächste Nachwuchs an. Also hoben wir alles auf, damit es nochmal getragen werden kann, und verwandelten unseren Keller in ein Warenverteilzentrum. Dazu kommen große Tüten aus dem Bekanntenkreis, wo Freunde von Freunden von Freunden uns zentnerweise Kinderkleidung überlassen. Verstehen Sie mich nicht miss, die Tüten sind großartig! Die Haushaltskasse hätte eine derartige Ausstattung niemals hergegeben – nur muss eben alles erst einmal verstaut werden. Nicht ganz so praktisch ist das Säuglingszubehör. Jede Geburt spülte eine Lawine neuer Plüschtiere, Rasseln und pädagogisch hochwertigen Holzspielzeugs ins Haus. Vieles ist derart robust, dass man spätestens beim 3. Kind mehr als genug davon hat. Ich würde das Zeug ja gerne bei nächstbester Gelegenheit im Freundes- und Bekanntenkreis weiterschenken, aber leider haben wir uns nicht gemerkt, von wem wir was erhalten haben … Bleibt also der Flohmarkt, wo wir mit abgeschlossener Familienplanung und mehreren Campingtischen aufschlagen. Neben uns der Stand einer befreundeten Familie, wo die Mutter mühsam hier ein T-Shirt und da ein Mützchen verkauft, während ihr Göttergatte derweil mit einem riesigen Playmobilschiff („20 Euro, da kann man nichts falsch machen!“) durch das Menschenmeer zu seinem Familien-Van segelt. Wir bleiben tapfer und kaufen nichts. Haben eh schon alles. Die meisten Besucher leider auch. Erkenntnisse des Tages? Etliche. Zum Beispiel, dass man nicht auf nennenswerte Einnahmen hoffen sollte. Dass die Freude am Feilschen auch bei eingeschweißter Neuware keine Grenze nach unten kennt. Dass schwangere Frauen alles kaufen, wenn es das erste Kind ist. Dass man lernt, sich über Kleinigkeiten zu freuen, wenn man ein Paar Schuhe für zwei Euro verkauft hat. Dass dieser ganze Spaß es eigentlich wert wäre, noch Geld obendrauf zu legen.

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

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