Harmlos? Freundschaft zwischen Kindern und Fremden
Elternfrage: „Mein Sohn (8) hat sich im Bus mit einem älteren Mann angefreundet. Sie sprechen jeden Tag auf dem Weg zur Schule. Wie kann ich ihm diese Freude lassen und gleichzeitig mit der Angst bezüglich Pädophilie umgehen?“
Als Eltern werden wir immer wieder vor den Gefahren gewarnt, die von Kontakten zwischen fremden Erwachsenen und Kindern ausgehen können. Und es ist auch wichtig, dass wir an dieser Stelle sensibilisiert sind – denn schließlich gibt es furchtbare Geschichten, die scheinbar harmlos angefangen haben. Wachsamkeit ist angebracht.
Wachsamkeit – aber keine Panik. Denn natürlich verfolgt nicht jeder ältere Mensch, der nett zu Kindern ist, böse Absichten. Im Gegenteil, tatsächlich ist eine solche Bekanntschaft in den allermeisten Fällen nicht gefährlich. Wenn Sie Ihrem Kind den Kontakt mit dem Mann verbieten, vermitteln Sie ihm, dass die Welt potenziell ein gefährlicher Ort ist und Menschen nicht vertrauenswürdig sind. Das wäre für seine Entwicklung nicht gut. Völlige Naivität ist natürlich auch keine Lösung. Kinder brauchen Erwachsene an ihrer Seite, die aufmerksam sind, aber nicht angstgesteuert. Es sollte immer darum gehen, einen solchen Kontakt sicher zu gestalten.
Präsenz zeigen
Sicherheit können Sie für Ihren Sohn zum Beispiel herstellen, indem Sie sich zuerst einmal selbst ein Bild von seinem neuen Freund machen. Fahren Sie einmal mit und sprechen Sie mit dem Mann – aber nicht, um ihm offensichtlich auf den Zahn zu fühlen. Vielmehr sollten Ihre Ziele dabei sein, den Menschen einmal kennenzulernen – und als Elternteil Präsenz zu zeigen. Letzteres ist bereits ein nicht zu unterschätzender Schutzfaktor. Denn Menschen, die es nicht gut meinen, versuchen meistens, in Lücken hineinzustoßen. Ihr Auftauchen im Schulbus signalisiert: „Bei uns gibt es ein Sicherheitsnetz. Wir reden zu Hause miteinander. Mit mir ist zu rechnen.“
Darüber hinaus dürfen Sie Regeln einführen. Die Wichtigste ist aus meiner Sicht, dass diese Kontakte nur öffentlich, vielleicht sogar nur im Bus stattfinden dürfen. Keine Verabredungen darüber hinaus – und wenn doch, nur in Absprache mit Ihnen. Kein heimlicher Austausch von Handynummern. Keine Geheimnisse, die Mama und Papa nicht wissen dürfen.
Gespür für Grenzen
Auch im Alltag können Sie viel für Prävention leisten. Bringen Sie Ihrem Kind seine eigenen körperlichen Grenzen nah. Ihr Sohn darf lernen, dass er niemanden umarmen muss, wenn er es nicht will, und auch sonst keine körperliche Nähe zulassen muss, die ihm unangenehm ist. Auch nicht, wenn Tante Gerda auf der Familienfeier ein Küsschen will. Gesprächssituationen, die sich komisch anfühlen, dürfen verlassen werden. Wenn man etwas nicht möchte, darf man laut Nein sagen und wird damit ernstgenommen. Wenn Kinder so etwas als selbstverständlich erleben, entwickeln sie ein gutes Gespür für ihre eigenen Grenzen und können diese auch gegenüber Fremden oder Busbekanntschaften kommunizieren.
Bleiben Sie in jedem Fall zugewandt und aufmerksam. Erkundigen Sie sich immer mal nach der Busbekanntschaft, indem Sie fragen, wie es dem Herrn geht oder über was die beiden sich unterhalten.
Das Gute sehen
Und bei allem Risikobewusstsein: Vergessen Sie nicht, dass so eine generationsübergreifende Beziehung wertvoll ist. Ihr Kind wird dadurch für die Bedürfnisse und Anliegen älterer Menschen sensibilisiert und bekommt einen Einblick in deren Lebenswelt. Vielleicht lernt er etwas über vergangene Zeiten und hört interessante Geschichten. Der ältere Herr wiederum hat die Chance, an der Lebenswelt eines jungen Menschen dranzubleiben. Das verstärkt das Verständnis für die heranwachsende Generation. Wie schade wäre es, wenn solche Kontakte aus Angst nicht mehr möglich wären.
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel. www.eltern-familie.de








