Ausreisser

„Unsere Tochter (8) ist nun schon zum zweiten Mal weggelaufen. Wie verhalten wir uns richtig, wenn das wieder passiert?“

Wenn ein Kind wegläuft, machen sich alle Beteiligten große Sorgen. Die Eltern fragen sich häufig: „Was haben wir falsch gemacht?“ Diese Gedanken sind nachvollziehbar. Ein Kind, vor allem wenn es noch so jung ist, hat auf der Straße nichts zu suchen. Es ist dort verschiedenen Gefahren schutzlos ausgeliefert. Auch Kinder wissen das teilweise. Wenn eine Achtjährige also ein solches Risiko auf sich nimmt, muss schon ein ziemlicher Leidensdruck herrschen.

VERTRAUEN ALS BASIS
Es gibt eine Menge Probleme, die Kinder in diesem Alter haben können. Das müssen nicht immer Schwierigkeiten im Elternhaus sein. Konflikte oder Mobbing in der Schule können ihnen sehr zu schaffen machen. Wenn die Beziehung zwischen Eltern und Kind gut funktioniert, kommt es normalerweise zu ihnen, um sich Hilfe und Rat zu holen. Fehlt jedoch diese Vertrauensbasis, versucht das Kind, allein klarzukommen. Manchmal gibt es andere Erwachsene, zu denen es Vertrauen hat. Dann kann es sein, dass das Kind zu ihnen „flüchtet“. Wenn eine Vertrauensperson fehlt, landet das Kind vielleicht wirklich allein auf der Straße. Meist dauert es nicht sehr lang, einen solchen „Ausreißer“ zu finden. Hunger, Einsamkeit und Reue treiben ihn bald wieder Richtung Elternhaus. Ich selbst habe als Kind mehrmals überlegt, wegzulaufen. Ich wusste nur nicht, wohin. Wirkliche Vertrauenspersonen hatte ich nicht. Einfach abzuhauen ohne bestimmtes Ziel war mir dann doch zu riskant. Viele Nachmittage verbrachte ich allein im Wald, wenn die Situation zu Hause wieder besonders schwierig war. Mit 18 war ich dann wirklich zwei Wochen unangekündigt von zu Hause weg. Mir war klar, dass es nicht in Ordnung war, ohne Vorwarnung abzuhauen. Jetzt im Nachhinein kann ich mir sehr gut vorstellen, welche Sorgen meine Eltern damals gequält haben. Doch ich weiß auch, wie ich bei meiner Rückkehr gern empfangen worden wäre – trotz allem.

ANNAHME UND VERSTÄNDNIS
Ein Kind, das zurückkommt, weiß ganz genau, dass es falsch war, wegzulaufen. Eine Strafpredigt oder Vorwürfe helfen deshalb nicht weiter. Die Eltern können ruhig sagen, dass sie sich Sorgen gemacht haben. Aussprüche wie: „Was hast du uns bloß angetan!“, körperliche Züchtigung oder Drohungen lösen das Problem aber nicht. Auch Schweigen, vielleicht aus Angst, etwas Falsches zu sagen, ist keine Lösung. Was das Kind jetzt braucht, ist Annahme und Verständnis. Nehmen Sie es in den Arm. Drücken Sie Ihre Freude aus, dass es wieder da ist. Servieren Sie ihm sein Lieblingsessen. Wenn sich die Emotionen etwas beruhigt haben und das Kind auch innerlich wieder „angekommen“ ist, können Sie versuchen, ein klärendes Gespräch zu führen. Manchmal hilft es, jemand Dritten mit dazu zu nehmen. Es ist auf jeden Fall wichtig, die Sache ernst zu nehmen und die Ursache des Weglaufens herauszufinden. Vielleicht ist es notwendig, bei einer offiziellen Stelle Hilfe zu suchen. Manchmal kann eine Familientherapie allen Beteiligten helfen. Wie auch immer Ihr Weg aussieht – machen Sie sich gemeinsam als Familie auf den Weg!

Maria Lang lebt mit ihrer Familie in Wieselburg (Österreich) und arbeitet als Buchautorin, Illustratorin und Referentin.

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