Naikan: Drei Fragen, die deiner Beziehung eine neue Perspektive geben
Genervt von deinem Gegenüber? Beziehungscoach Marc Bareth empfiehlt dass Naikan-Experiemtent für einen Perspektivwechsel.
Lena rührt aggressiv in ihrem Cappuccino. „Ich sag’s dir, Sarah, ich habe die Schnauze voll. Markus macht mich wahnsinnig. Gestern kam er wieder erst um 19 Uhr nach Hause, hat sich aufs Sofa gesetzt und gefragt: ‚Was gibt’s zu essen?‘ Ich hatte den ganzen Tag Stress im Büro und die Kleine hat Husten. Und er macht nichts und interessiert sich einen Dreck für mich.“ Sarah nickt. „Das klingt schrecklich“. Als Lena Luft holt, um weitere Verfehlungen aufzuzählen, fragt sie: „Willst du ein Experiment machen?“
Drei Fragen
Lena seufzt. „Was für ein Experiment?“ „Es heißt Naikan. Ich stelle dir drei Fragen. Frage eins: Was hat Markus in den letzten 24 Stunden für dich getan? Auch Kleinigkeiten zählen.“
Lena schnaubt: „Nichts. Er lag auf dem Sofa.“ Sarah: „Gar nichts?“ Lena denkt nach: „Er hat mir heute Morgen Kaffee gemacht. Und gestern Abend, als ich so genervt war, die Spülmaschine ausgeräumt. Und er hat das Auto getankt.“
Sarah stellt die zweite Frage: „Und was hast du in den letzten 24 Stunden für Markus getan?“ „Alles!“, schnaubt Lena. „Ich habe den Alltag organisiert, eingekauft, seine Hemden von der Reinigung abgeholt und sein Lieblingsessen gekocht.“
Sarah: „Okay. Jetzt die dritte Frage. Welche Schwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten hast du Markus in den letzten 24 Stunden bereitet?“ Erst ist Lena empört über die Frage. Dann starrt sie nachdenklich in ihre Tasse. „Ich habe ihn gestern Abend direkt angefahren, als er zur Tür reinkam. Ohne Begrüßung habe ich sofort gemeckert, dass die Mülltonne noch voll ist. Und heute Morgen wollte er mir einen Kuss geben, als er den Kaffee brachte. Ich habe ihn einfach abgewimmelt.“ Lena schluckt. „Und den ganzen Abend war ich so stinkig, dass er sich nicht getraut hat, mich anzusprechen.“
Beide sitzen schweigend da. „Mach das eine Woche lang jeden Abend“, sagt Sarah schließlich. „Nimm dir 5 Minuten Zeit, für diese drei Fragen. Die Antworten schreibst du in ein Notizbuch. Danach trinken wir wieder einen Cappuccino.“
Ein Gegengewicht
Das japanische Wort Naikan setzt sich zusammen aus Nai (=innen) und Kan (=beobachten). Naikan basiert auf drei Fragen, die man sich in Bezug auf den Partner oder die Partnerin stellt:
- Was habe ich heute von meinem Partner empfangen?
- Was habe ich meinem Partner heute gegeben?
- Welche Schwierigkeiten habe ich meinem Partner heute bereitet?
Die naheliegende vierte Frage („Welche Schwierigkeiten hat er/sie mir bereitet?“) wird bewusst weggelassen, da unser Ego sie sowieso dauernd stellt. Die meisten Menschen sehen die Fehler anderer schnell, sind gleichzeitig aber fast blind für die eigenen. Naikan ist ein Gegengewicht, indem es Dankbarkeit, Wahrnehmung von Fülle statt Mangel, Demut und das Wissen um die eigenen Fehltritte fördert.
Neben dem Tarieren unserer „Wahrnehmungswaage“ hilft das Beantworten der drei Fragen auch zu erkennen, dass man geliebt wird, obwohl man fehlerhaft ist. Und das hat eine viel stärkere Bindungskraft, als geliebt zu werden, weil man viel geleistet hat.
Marc Bareth und seine Frau Manuela leiten gemeinsam FAMILYLIFE Schweiz. Sein Blog bietet wertvolle Impulse für die Partnerschaft: familylife.ch/five







