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Artikel aus den Heften

GIBT ES EIN SEXLEBEN NACH DER GEBURT?

Wenn sich der Nachwuchs einstellt, dreht sich erst mal alles ums Kind. Doch die frischgebackenen Eltern sollten die Romantik nicht aus den Augen verlieren, rät Sexualtherapeutin Veronika Schmidt.

Nur wenigen Paaren ist wirklich bewusst, wie stark ein Kind ihre Beziehung und ihr Sexleben durcheinanderbringen kann. Doch eigentlich ist es gar
nicht so schwer, die entsprechenden Vorsorgemaßnahmen zu treffen, um ein Auseinanderdriften der frischgebackenen Eltern zu verhindern. Am leichtesten finden Paare in den Wochen nach der Geburt im Bett wieder zueinander, wenn sexuelle Begegnungen im positiven Sinne selbstverständlich sind und ein beständiger Teil der Beziehung bleiben.

Aber nicht erst die Zeit nach der Geburt kann für ein Paar zur Zerreißprobe werden. Auch schon davor sind Hürden für ein entspanntes Sexleben zu überwinden. Wenn der Kinderwunsch lange Zeit unerfüllt bleibt, ist Sex möglicherweise über Monate oder sogar Jahre nach Zyklusplan angesagt und zu einer Pflicht geworden. Manche Paare kapitulieren dann angesichts einer Art Überdosis. Eine ungeplante oder zu schnelle Schwangerschaft zu Beginn der sexuellen Beziehung versetzt das Paar in Stress und beeinträchtigt häufig auch die Entwicklung eines befriedigenden Sexlebens.

Auch Paare ohne solch eine Leidensgeschichte „vergessen“ manchmal einfach den Sex in der Schwangerschaft. Andere Paare werden übervorsichtig und ängstlich und gehen nicht mehr miteinander ins Bett, um das Baby nicht zu „stören“. Dazu scheitern manche Paare daran, dass sie die Frau nur in Extremen sehen können – als „Hure oder Heilige“. Diese verdrehte Perspektive kann auch nach der Geburt weiter wirken. Also müssen Frauen sich ihrer mütterlichen und ihrer erotischen Seite widmen, Männer in sich das Bild von ihrer Frau als Mutter und Liebhaberin vereinen können. Dass dies nicht allen Paaren gelingt, ist sicherlich ein Grund dafür, dass die Zahl der Seitensprünge in der heiklen Zeit von Schwangerschaft und Geburt so hoch ist.

KEINE ANGST VOR SEX IN DER SCHWANGERSCHAFT

Wenn es keine medizinischen Vorbehalte zum Beispiel wegen einer Risikoschwangerschaft oder Frühwehen gibt, braucht der schwangere Körper keine Sexabstinenz. Die gesundheitlichen Vorteile des regelmäßigen Sexlebens tun Körper, Seele, Geist und der Paarbeziehung gut. Es gibt Frauen, die ihre Sexualität während einer Schwangerschaft mehr genießen, weil sie jetzt nicht ungeplant schwanger werden können. Im ersten Drittel der Schwangerschaft ist die Lust oft nicht sehr groß, sie steigt im zweiten Drittel bei vielen Frauen aber wieder an. Weil die Geschlechtsorgane durch die Schwangerschaft besser durchblutet sind, erreichen Frauen sogar leichter einen Orgasmus. Gegen Ende der einzelnen Schwangerschaftsdrittel setzen die körperlichen Veränderungen der Lust auf Sex Grenzen. In dieser Phase könnten Paare mit schonenden Sexstellungen experimentieren oder auch andere erotische Möglichkeiten ausloten. Leider suchen viele Paare, die kaum Sex während der Schwangerschaft miteinander haben, auch sonst oft keinen Körperkontakt. Dabei tun sich Paare, die einander regelmäßig auf zärtliche Weise berühren, deutlich leichter, nach längerer Sexabstinenz wieder zueinander zu finden.

Es schadet der Beziehung, wenn man aufhört, sich erotisch zu begegnen. Egal, in welcher Beziehungsphase – Paare sollten sich beständig auch als erotisches Liebespaar sehen und dafür Sex „rationalisieren“. Das heißt, Sex als ganz natürlichen und normalen Bestandteil der Beziehung betrachten und ihn nicht einfach einstellen. So, wie sie weiterhin essen und trinken, schlafen und Sport treiben … Am wichtigsten ist dabei die Erkenntnis: Lust auf Sex fängt nicht bei der Lust an, sondern beim sexuellen Spiel, bei dem die Lust sich einstellen wird. Dass wir im Bett tun, was uns Spaß macht, ist eine wichtige Voraussetzung. Und das kann man erlernen (mehr dazu in meinem Buch „Alltagslust“).

MÄNNER MIT „GEBURTSTRAUMA“

Mit der Geburt beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt für die Eltern. Heutzutage sind die Väter im Kreißsaal meistens dabei. Für viele ist das auch eine unglaublich schöne Erfahrung, aber nicht für alle. Immer wieder begegnen mir Männer in der Praxis, für die die Geburt ihres Kindes ein traumatisches Erlebnis war. Sie kriegen die Bilder nicht mehr aus dem Kopf vom Blut, den Verletzungen, dem Anblick der leidenden Frau, der Hektik im Gebärsaal. Manche tun sich dann schwer mit der Vorstellung, in diese Vagina wieder eindringen zu wollen und kämpfen mit dem Impuls „nie mehr Sex zu wollen“. Paare sollten darüber unbedingt im Vorfeld der Geburt sprechen. Ob er dabei sein will, welche Bedenken und persönlichen Grenzen er hat, wie er damit umgehen kann. Zum Beispiel: am Kopfende der Frau bleiben, sich keinen Spiegel in die Hand drücken lassen, den direkten Blick auf den Geburtsvorgang vermeiden. Werden Männer im Nachhinein ihre Eindrücke nicht mehr los, sollten sie sich unbedingt Hilfe holen. Besser auch schon davor. Es gibt einige Kliniken oder Anlaufstellen, die sich den Fragen der Männer zum Vaterwerden annehmen.

DEPRESSIONEN UND KÖRPERHASS

Offiziell leidet etwa eine von sechs Frauen an postnataler Depression. Die Dunkelziffer liegt weit höher. Eine verständnisvolle Umgebung kann helfen, dass die Verstimmung nach ein paar Wochen von selbst wieder verschwindet. Doch wenn Unglücklichsein über die Mutterschaft und zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber anhalten, ist professionelle Hilfe angezeigt. Manchmal braucht es dazu den nachdrücklichen Anstoß von der nächsten Umgebung. Depressionen haben negative Auswirkungen auf die Partnerschaft, aber noch häufiger lösen schon bestehende Schwierigkeiten und unzufriedene Beziehungen die Depressionen aus – bei beiden Partnern. Auch das Körperbild trägt seinen Teil zur Unzufriedenheit bei. Der Bauch ist schlaff, die Brust überbeansprucht und das Übergewicht hartnäckig. Dass Männer ihre Frauen nach der Schwangerschaft nicht mehr attraktiv finden, oder dass Frauen unter ihrem Körper leiden, spielt bei der Sexver- drossenheit vieler Paare eine Rolle.

Die Hauptursache für die Unzufriedenheit sind oft unrealistische Vorstellungen, geprägt von Bildern Prominenter. Diese beenden ihre Schwangerschaft häufig per Kaiserschnitt, bevor der Körper die extremsten Veränderungen durchmacht. Und sie bringen sich mit teurem Personal Training innerhalb kürzester Zeit wieder in Bestform. Doch der Körper braucht mindestens neun Monate, um sich hormonell ans Nichtschwangersein wieder anzupassen. Damit ist der Körper rein äußerlich aber noch nicht zwingend im Ursprungszustand. Versöhnung mit dem „neuen“ Körper ist also angesagt. Ein befriedigendes Sexleben kann das Vertrauen in den eigenen Körper durchaus wachsen lassen.

WIE BEIM ERSTEN MAL

Wie der Körper verändert sich auch die Sexualität mit jeder Geburt. Der Sex muss neu ausprobiert werden. Einige Paare schlafen so schnell wie möglich wieder miteinander, bei anderen dauert es Monate, aus denen dann manchmal Jahre werden, wo Sex nur noch ab und zu stattfindet. Diesen Paaren rate ich sehr, das sexuelle Gleichgewicht wieder herzustellen. Denn der Kinderalltag ist zwar stressig und herausfordernd er kann aber der Beziehung auch neue Tiefe geben. Viele Frauen erleben zudem Sexualität nach der ersten Geburt viel ganzheitlicher und empfinden mehr dabei.

Manchmal kommt die Lust erst nach einiger Zeit zurück. Man sollte sich hier nicht unter Druck setzen. Aber man sollte trotzdem das Ziel „Lust“ auf dem Radar haben. Die Angst, gleich wieder schwanger zu werden, kann die Lust beeinträchtigen. Also lohnt es, über Verhütung zu sprechen. Stillen ist kein zuverlässiges Verhütungsmittel. Weil sich der Zyklus noch nicht wieder eingependelt hat, sind Verhütungsmethoden, die sich danach richten, ungeeignet. Kondome schützen nicht nur vor einer neuen Schwangerschaft, sondern auch vor Keimen, die eine Infektion verursachen könnten.

Der Körper braucht etwa sechs bis acht Wochen, um sich von der großen Umstellung von Schwangerschaft und Geburt zu erholen. Die Ablösung der Plazenta hat im Körper eine große Wundfläche hinterlassen. Ist di se abgeheilt und der Wochenfluss versiegt, kann man wieder miteinander schlafen. Die Lust der Frau auf Sex ist aber oft weniger ausgeprägt, weil sie durch das Stillen und die damit ausgeschütteten Hormone bereits Befriedigung erlebt. Geburtsverletzungen oder Schei- dentrockenheit wegen des Stillens können beim Geschlechtsverkehr zudem Schmerzen verursachen. Ein hochwertiges Vaginalgel kann Abhilfe schaffen. Der erste Sex nach der Geburt ist wie das erste Mal – nur leider ohne die Aufregung der Verliebtheit. Für die Zeit nach der Geburt kann es helfen, sich über Küssen und Petting der Sexualität wieder anzunähern, aber auch, sich emotional auszutauschen.

EIN KIND KANN PAARE UNGLÜCKLICH MACHEN

Nach der Geburt wird in der Partnerschaft vieles anders. Das Baby steht im Mittelpunkt, die Mutter muss sich erholen, der Alltag neu erfunden werden. Zum ersten Mal Eltern werden ist oftmals nicht nur reine Freude, sondern auch ein Schock. Untersuchungen zeigen: Viele Paare fühlen sich mit Baby unglücklicher als ohne. Gleichzeitig haben sie den Eindruck, sie müssten jetzt eigentlich rundum glücklich sein und setzen sich damit zusätzlich unter Druck. Doch nicht nur das Seelenleben, auch der Alltag muss neu geordnet werden.

Kinderbetreuung, Job, Hausarbeit, Hobbys, Gemeindeengagement, Paarzeit – das alles muss neu eingespurt werden. Ein Baby beansprucht etwa ein Viertel der verfügbaren Zeit. Vor der Geburt haben viele Paare den Haushalt einigermaßen fair aufgeteilt, die Mehrheit möchte dies beibehalten. Doch sobald Paare Eltern werden, wird die innerfamiliäre Aufgabenverteilung oft traditionell – auch entgegen der eigenen Ideale. Dieses Ungleichgewicht frustriert vor allem Frauen, denn sie müssen die persönlichen Bedürfnisse deutlich stärker einschränken.

Die Aufgabenteilung, die Beziehung, das Liebes- und Sexleben neu aushandeln klingt nicht sehr poetisch, ist aber eine Notwendigkeit. Wenn es nicht gelingen will, ist Beratung angezeigt. Denn es lauert die Gefahr der Unachtsamkeit. Die Kommunikation des Paares verändert sich nämlich. Oft wird der Umgangston mit dem Baby rauer, sogar gehässig. Paare sind kürzer angebunden und die Gesprächsthemen verändern sich. Die Verbundenheit bleibt nur bestehen, wenn man auch über Gefühle spricht, darüber, wie man sich fühlt bei dem, was passiert.

Es ist für die Paarzufriedenheit zudem entscheidend, regelmäßig ohne Kind etwas zu unternehmen, je früher, desto besser. Fehlende Zweisamkeit schadet. Am besten trägt man schöne Termine schon vor der Geburt in die Agenda ein. Denn man ist nicht nur Eltern, sondern auch Liebes- paar, und will es hoffentlich bleiben.

 

Veronika Schmidt arbeitet als Paar- und Familienberaterin und Sexualtherapeutin in eigener Praxis in Schaffhausen am Rhein. Im vergangenen Jahr ist ihr Buch „Alltagslust – ganz entspannt zu gutem Sex“ erschienen. Sie bloggt unter www.liebesbegehren.ch

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Family-Sexleben.jpg 1338 1888 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-17 08:34:082018-10-11 11:34:43GIBT ES EIN SEXLEBEN NACH DER GEBURT?

„MEIN SOHN HAT SCHULDEN“

„Als ich kürzlich bei meinem Sohn zu Besuch war, zeigte er mir mehrere Schreiben von Inkasso-Unternehmen, die Geld von ihm forderten. Das Grundproblem ist, dass er mit seinem Einkommen nicht klarzukommen scheint. Wie sollen wir als Eltern uns verhalten?“

Zunächst einmal können Sie ihm signalisieren, dass Sie sich freuen, dass Ihr Sohn so viel Vertrauen hat, dass er sich Ihnen öffnet. Denn zuzugeben, dass man sich finanziell übernommen hat und mit den Konsequenzen nicht mehr klarkommt, ist beschämend und kostet wirklich Mut. Ein erster Impuls, die Schulden zu übernehmen, sollte gut bedacht werden. Oft ist zu beobachten, dass der junge Erwachsene sich danach erneut verschuldet.

WIE KOMMT ES ZU SCHULDEN?

Das selbstständige Leben mit festen Verpflichtungen wie Miete oder Strom ist für junge Erwachsene noch ungewohnt und birgt manche Tücken. Im Freundeskreis dazuzugehören, kostet Geld: Mobilität, Erreichbarkeit, Fitness- studio, gemeinsame Unternehmungen … Schnell geht da der Überblick verlo-ren. Auch unvorhergesehene Ereignisse wie eine Stromnachzahlung oder eine Autoreparatur sind nicht so leicht aufzufangen. Bargeldloses Bezahlen (ec-Karte, Lastschriften) erschwert es, den Überblick über die Ausgaben zu behalten. Für vieles werden Verträge abgeschlossen. Dabei Kündigungsfristen im Auge zu behalten, gelingt nicht immer. Eine typische Falle für Schulden bei jungen Erwachsenen sind Verträge, die für Freunde abgeschlossen werden. Der Freund verspricht, regelmäßig zu zahlen, doch schon nach kurzer Zeit funktioniert das nicht mehr.

WAS HILFT?

Im akuten Fall ist ein Gang zur Verbraucher- oder Schuldnerberatung anzuraten. Die fachliche Unterstützung, um die Rechtmäßigkeit der Forderungen zu überprüfen, einen Ratenzahlungsplan aufzustellen oder auch Vergleiche mit den Gläubigern zu schließen, ist sehr hilfreich. Vorbeugend ist es sinnvoll, ein Haushaltsbuch zu führen. Monatliche und jährliche Einnahmen und Ausgaben übersichtlich einzutragen, bedeutet auch, sich mit seinem Konsum auseinanderzusetzen. Weshalb gebe ich Geld wofür aus, welche Einstellungen stehen dahinter? Ein Haushaltsbuch braucht Disziplin, ist aber hilfreich, um das eigene Konsumverhalten besser kennenzulernen. Außerdem ist es hilfreich, regelmäßig Geld zurückzulegen, damit unvorhergesehene Ausgaben und größere Investitionen finanziert werden können.

Erwachsen werden bedeutet auch, Fristen und Termine einzuhalten, sich begehrte Dinge zu versagen, bis man sie sich leisten kann, den Überblick über die komplexe finanzielle Situation zu erwerben. Es ist ein Lernprozess, bei dem Fehler passieren dürfen.

Geld ausgeben zu können hat in unserer wohlstands- und konsumorientierten Gesellschaft Bedeutung für das Selbstwertgefühl und sichert die soziale Zugehörigkeit. In einem gemeinsamen Gespräch könnten diese Aspekte besprochen werden.

Michaela Schnabel ist Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Sie arbeitet als Sozialpädagogin und lebt in Witten.

 

→ Finanz-Helfer

Haushaltsbücher gibt es auch digital oder als App, z.B. den „Finanzchecker“der Sparkasse.

Hilfreiche Tipps und Tools gibt es auf diesen Websites:

www.verbraucherzentrale.de
www.geldundhaushalt.de
www.schulden.ch

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Family-Schulden.jpg 1249 1676 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-15 09:13:062018-10-11 11:16:47„MEIN SOHN HAT SCHULDEN“

Schlafen im Familienbett

„Unser Sohn will nicht in einem eigenen Bett schlafen. Stattdessen schläft er von Beginn an in unserem Ehebett. Nun überlegen wir, ob das Familienbett eine Option für uns ist?“

Dass kleine Kinder am liebsten bei ihren Eltern schlafen, macht evolutionsbiologisch deshalb Sinn, weil es dort sicher ist. Während wir schlafen, sind wir verletzlicher und ausgelieferter als tagsüber. Die Bedrohung durch wilde Tiere und andere Gefahren ist tief verwurzelt, wenn auch heutzutage unberechtigt. Wenn Ihr Kind also an Ihrer Seite schlafen möchte, braucht es die Sicherheit, Nähe und Geborgenheit, die Sie als Eltern aus-strahlen. Ein Familienbett bezeichnet das, was Sie sowieso schon praktizieren: Ihr Kind schläft mit in Ihrem Bett. Da sich immer mehr Eltern für diese Form der Schlafumgebung entscheiden, kursieren im Netz zahlreiche Bauanleitungen, wie Sie die Liegefläche verbreitern und gemütlich gestalten können, damit alle Familienmitglieder die nötige Erholung bekommen.

ERHOLSAMER SCHLAF

Viele Mütter schlafen besser und fühlen sich ausgeruhter, wenn ihr Kind nachts nah bei ihnen schläft. Zum einen vereinfacht das Schlafen im Familienbett das Stillen und Beruhigen, weil es das nächtliche Aufstehen überflüssig macht. Die Brust geben, Händchen halten, zurück in den Schlaf kuscheln – das geht alles liegend und im Halb- schlaf. Zum anderen überprüfen Mütter unbewusst, ob es ihrem Kind noch gut geht. Hören und spüren sie den Atem des Kindes, schlafen sie entspannter. Darüber hinaus wird im Familienbett das Hormon Oxytocin aktiviert, das die emotionale Bindung aller Familienmitglieder positiv beeinflusst. Und der größte Vorteil: Die manchmal unregelmäßige Atmung von Säuglingen kann durch den elterlichen Atem stimuliert werden.

NACHTEILE?

Sollten Sie sich für ein Familienbett entscheiden, werden Sie vermutlich zu hören bekommen, dass Sie Ihr Kind nie wieder aus Ihrem Bett heraus bekommen. Diese Sorge bewahrheitet sich in der Regel nicht. Ihr Kind wird dann in seinem eigenen Bett schlafen wollen, wenn es sich nachts auch ohne Sie wohlfühlt. Auch das Gerücht, dass ein Familienbett gefährlich sei, hält sich hartnäckig. Folgendes sollten Sie zur Sicherheit beachten:

    • Lassen Sie Ihr Kind in einem Schlafsack schlafen und nicht unter Ihrer Bettdecke.
    • Stellen Sie sicher, dass Ihr Kind nicht an der Seite hinausfallen kann. Von verschiedenen Anbietern gibt es Gitter, Netze oder Ähnliches, um dies zu verhindern.
    • Achten Sie auf eine eher harte Matratze, um ein Einsinken des Kindes zu vermeiden. Ein Wasserbett eignet sich nicht als Familienbett.
    • Verzichten Sie auf Alkohol und andere Drogen, um auszuschließen, dass das Kind überrollt wird.

Ein populärer und häufig diskutierter Nachteil des Familienbetts ist der Sex. Im Familienbett selber geht es sicher nur ganz leise und zurückhaltend und kann auf Dauer keine befriedigende Lösung sein. Zum Glück sind Zärtlichkeiten aber nicht an ein Bett gebunden, hier ist Kreativität gefragt, auch andere Räume zu nutzen.

Julia Niewöhner ist Romanautorin, Mutter und Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Bielefeld.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Family-Familienbett.jpg 898 1800 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-12 08:58:392018-10-30 14:53:34Schlafen im Familienbett

Smartphone

DIE BOBO-APP

Katharina Hullen sucht nach Regeln zur Mediennutzung, auch für sich selbst.

Katharina: Jonathan – NEIN! Leg das zurück, das ist Mamas!“ – „Jonathan, Finger weg! Klapp das zu – der gehört Papa!“ – „Jonathan! Wo hast du das denn gefunden? Gib das her, das ist Amelies!“

Etliche Male pro Tag entwinde ich unserem Jüngsten irgendein Mobilgerät. Nicht selten bemerke ich erst, dass er wieder zugegriffen hat, wenn irgendwo die Musik „seiner“ App ertönt, die er mühelos durch Tippen, Wischen und Klicken findet und aktiviert. Niemand von uns musste ihm das zeigen – nein, plötzlich konnte er es einfach. Und seither ist kein Handy, Tablet oder Laptop vor seinen gierigen kleinen Händen sicher.

„Bobo?“ tönt es zu jeder Tageszeit aus unserem 2-jährigen Zwerg. Er liebt die Fil-me der Kinderbuchfigur und möchte am liebsten den ganzen Tag zusehen, wasBobo Siebenschläfer erlebt. Nicht dass wir ihm das erlauben würden – natürlich nicht –, wenngleich die Regeln für unser fünftes Kind ungleich lockerer sind als sie es für die ersten vier waren. Er darf eben nur manchmal und nicht täglich Bobo schauen.

Aber Bildschirme, Tasten und Lichter sind für ihn wahnsinnig interessant. Ich folge meinem Sohn, wie er sich mit seinem Hocker auf Beutezug begibt, um das iPad zu erhaschen. Dabei bemerke ich den Rest meiner Familie: Sie sitzen einträchtig versammelt im Wohnzimmer. Alle friedlich, still und voll konzentriert damit beschäftigt, das nächste Level bei irgendeinem Spiel zu erreichen,mit einer Freundin zu chatten oder online die Zeitung zu lesen.

Nichts geht mehr ohne! Uhrzeit, Mails, Termine, Fotos, WhatsApp, Fahrpläne, Wetter … Niemand von uns schafft es auch nur einen Tag ohne Handy. Ich spüre: Regeln müssen her – für alle. Wenn selbst die Kleinsten schon nerven, weil sie zu viel Medienzeit einfordern – wo führt das hin, wenn im nächsten Jahr die Zwillingeauch ein Handy bekommen? Noch mehr Geräte, noch mehr Verlockungen.

Offenbar sind wir als Eltern auch keine hinreichenden Vorbilder. Als ich meine große Tochter fragte: „Was macht Papa anders als Mama? Und was macht Mama anders als Papa?“, war ihre erste spontane Antwort: „Papa sitzt halt viel am Laptop und arbeitet zwar auch, aber der spielt ja auch viel und liest viel Zeitung. Mama macht irgendwie immer die wichtige Arbeit – Wäsche, Aufräumen und so …“ Aber um hier keinen falschen Eindruck zu erwecken: Meine Mädels haben mich auch schon oft gemaßregelt, dass das Handy am Tisch nichts zu suchen habe, wenn ich meinte, dass diese oder jene Nachricht aber wichtig sei und dringend sofort beantwortet werden müsse. Ich klebe am Handy, Haukes Laptop klebt an ihm.

Unsere Kinder spielen und toben gern, und noch müssen wir sie nicht lange bit ten, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Aber ich fürchte, das Thema Medi- ennutzung wird größer.

Und damit es uns nicht über den Kopf wächst, sollten wir an Regeln für alle feilen.Bis es soweit ist und Jonathan das Sideboard noch nicht erreicht, lege ich die Geräte erst mal höher.

Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache in Elternzeit. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

 

FAKE-NEWS IM MINUTENTAKT

Hauke Hullen ist umgeben von Süchtigen und hofft, dass die Menschheit das Handyzeitalter überlebt.

Hauke: Vielleicht haben wir die Büchse der Pandora geöffnet. Wir können noch kein abschließendes Urteil fällen, aber alle Anzeichen deuten darauf hin. Unsere Büchse ist halb so groß wie ein Blatt Din A4, hat einen berührungsempfindlichen Bildschirm und muss jeden Abend an die Steckdose, um tags darauf weiter unsere Familie zu knechten.

Ganz recht, es handelt sich um ein Tablet. Seit dem Geburtstag der besten Ehefrau von allen zieht es alle in seinen Bann – nur mich natürlich nicht! Ich halte nichts davon, Stunden meiner Lebenszeit damit zu verschwenden, Filme auf einem doch recht kleinen Bildschirm zu verfolgen, mit einer für Hobbits ausgelegten Touch- screen-Tastatur zu kämpfen oder sich von Spiele-Apps auf Kindergeburtstagsniveau betäuben zu lassen. Das Verhalten meiner Kinder und meiner Frau nimmt allmählich suchtartige Züge an, denke ich immer wieder, wenn ich vom Laptop aufschaue, wo ich die Weltpolitik im Minutentakt verfolge und sehr wichtige Dinge in Internetforen ausdiskutiere.

Die größten Verheißungen der smarten Alleskönner sind Lösungen für Probleme, die sie selbst erst schaffen. „Nie wieder Langeweile!“, flüstert der App- Store – und die Kinder nölen seitdem pausenlos: „Papa, mir ist sooo langweilig, kann ich auf deinem Handy spielen?“ Unbegrenzte Kommunikation ermöglicht die Flatrate – und ehemals ausgiebige Telefonate degenerieren zum kurzatmigen WhatsApp-Stakkato. Das Internet verspricht Information und Wissen für alle – und doch ist die Welt plötzlich erfüllt mit Fake-News und Verschwörungstheorien.

Der Untergang der menschlichen Kultur steht also kurz bevor, der Zusammenbruch unserer Zivilisation dürfte noch vor der Eröffnung des Berliner Flughafens stattfinden. Zu den Hintergründen der BER-Bredouille möchte ich nichts weiter sagen, nur so viel: Baubeginn war 2006. Vier Monate später erschien das erste iPhone. Noch Fragen?

Doch vielleicht sind unsere Befürchtungen ja auch unbegründet. Vor 300 Jahren wurde vor der „Lesesucht“ gewarnt, Romane verdürben Charakter und Geist, weshalb Goethes „Werther“ in Österreich und Sachsen sogar verboten wurde. Auch Theater, Tanz und später das Kino wurden verantwortlich gemacht für den moralischen Niedergang. Dann: Fernsehen, Privatfernsehen, Programme ohne Sendeschluss – o tempora, o mores! Und noch schlimmer: Computerspiele. Und noch viel, viel schlimmer: Internet! Die Kombination von beidem: infernalisch!

Irgendwie hat die Menschheit all das überlebt. Offenbar haben Erwachsene grundsätzlich Bedenken bei neuen Technologien, mit denen Jugendliche aber wie selbstverständlich aufwachsen, um 20 Jahre später ebenfalls voller Sorge auf die „Jugend von heute“ zu gucken. Die Büchse der Pandora bleibt vorerst also noch geschlossen. Hoffentlich …

Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.

 

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Smartphone_Kolumne.jpg 1260 1800 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-11 08:55:372018-10-09 11:57:36Smartphone

„Er leidet unter seinem Übergewicht…“

„Unser Sohn war von klein auf ein guter Esser. Leider entwickelt sich das allmählich zum Problem. Er hat deutliches Übergewicht und leidet inzwischen sehr darunter. Was sollen wir tun?“

Ihr Sohn ist kein Einzelfall. In unserer Gesellschaft, in der wir jederzeit Zugriff auf leckere Lebensmittel haben, passiert es schnell, dass wir verlernen, auf unseren eigenen Körper zu hören. Laut einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts sind unter den 3- bis 17-jährigen Kindern und Jugendlichen 15,4 Prozent von Übergewicht und 5,9 Prozent von Adipositas, also starkem Übergewicht, betroffen.

DAS KÖNNEN SIE TUN:

Wenn Ihr Sohn unter seinem eigenen Gewicht leidet, soll er zunächst begreifen, dass sein Körper nicht hässlicher oder weniger liebenswert ist als mit weniger Pfunden. Im nächsten Schritt geht es darum, dass Ihr Sohn ein normales Essverhalten einübt. Nicht weil er nach einer Gewichtsabnahme attraktiver sein wird, sondern weil er sich rundherum wohler und gesünder fühlen und entsprechend fitter sein wird. Zur Einübung eines normalen Essverhaltens gehört, dass er zu den Zeiten isst, wenn er Hunger hat. Es bedeutet nicht zwangsweise, dass er nur noch gesundes Essen zu sich nehmen muss, sondern dass er durchaus essen darf, worauf er Lust hat, allerdings nicht zu jeder Zeit. Essen aus Frust oder Langeweile sollte er vermeiden. Wenn Ihr Sohn keine Lust auf Frühstück hat, dann darf er das ruhig ausfallen lassen. Er soll lernen, auf seinen Körper zu hören.

DAS LIEBER NICHT:

Animieren Sie Ihren Sohn nicht dazu, eine Diät zu machen. Diäten haben oft nur einen kurzfristigen Erfolg. Schon nach kurzer Zeit stellt sich das alte Gewicht wieder ein und gleichzeitig das Gefühl des Versagens. Zudem gibt es Jugendliche, bei denen eine Diät der Einstieg ins andere Extrem ist, nämlich in die Magersucht. So wie bei der 16-jährigen Lisa, die sich seit Monaten weigert, gemeinsam mit ihrer Familie zu essen. Sie hätte schon gegessen, behauptet sie und verschwindet in ihrem Zimmer. Lisa hatte früher Übergewicht, doch jetzt hungert sie, macht Sport und nimmt Woche für Woche weiter ab. Ihre Eltern schieben ihr Verhalten auf die Pubertät und hoffen, dass sich alles wieder von selbst normalisiert. Doch Magersucht ist eine Krankheit, die sogar tödlich verlaufen kann. Egal, ob zu dick oder zu mager: Essstörungen müssen ernst genommen werden. Deshalb scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Erster Ansprechpartner ist der Kinder- oder Hausarzt.

Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Schlüsselfeld in Oberfranken.


Hilfreiche Webseiten:

  • www.bzga-kinderuebergewicht.de
  • www.bzga-essstoerungen.de
  • www.bag.admin.ch (Suchbegriff „Übergewicht“)
  • www.netzwerk-essstoerungen.ch
https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Family-dicker-Junge.jpg 1372 2186 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-09 10:54:342018-10-09 10:54:34„Er leidet unter seinem Übergewicht…“

Familiengenuss

Warum Tischgemeinschaft zum Familienleben dazugehört – auch mit großen Kindern. Von Stefanie Diekmann

Mit einem ordentlichen „Rumms“ scheppert die Haustür ins Schloss. „Was gibt’s zu essen, Mama? Oder habt ihr schon gegessen?“ Ich muss lächeln. Wenn mein Sohn vom Fußball-Training kommt, fragt er immer als Erstes, was er essen könnte … An unserem Esstisch spielt sich Familie ab. Hier war schon Raum für ausgewachsene Lachanfälle wegen lustiger Versprecher und Grimassen der Kleinkinder. Es gab Fantasiereisen mit den Kindergarten-Helden und Einmal- Eins-Probestunden. Nach dem Schweigemanöver während der Pubertät sind wir nun im Debattier-Club angekommen. Nicht immer ist unsere Tischgemeinschaft eine Oase der liebevollen Worte. Sie ist Raum für echtes Leben. Unser echtes Familienleben.

SMALLTALK UND SCHWEIGE-ANFALL

Schleichend haben Veränderungen an unserem Esstisch Platz genommen. Nach der Grundschulzeit waren wir nicht mehr als komplette Familie dreimal am Tag bei den Mahlzeiten zusammen. Rieka hatte ab der 5. Klasse länger Schule und kam erst nachmittags zurück, mit einem wehmütigen Seufzen, unser Mittagessen verpasst zu haben. Dabei ging es nicht so sehr um schmackhafte Gerichte, sondern um das Verpassen von Infos, Smalltalk und kleinen Absprachen. Wir haben manchmal sogar Gespräche ausgebremst, um nicht ohne Rieka Urlaube zu planen oder Geschenke für Freunde zu überlegen. Rieka hat sich vom Esstisch und vom Familiengefühl entfernt gefühlt. Durch die langen Oberstufen-Schultage haben unsere Mahlzeiten einen weiteren unrhythmischen Schwung bekommen. Kaum ein Tag gleicht dem anderen. Wo vorher feste Begegnungszeiten waren, sitzen nun Jugendliche, die Schweigen und Mürrisch-Sein abonniert haben und ein Gespräch fast zum Entertainment-Auftrag der Eltern machen. Nicht selten fühle ich mich bei einem Schweige-Anfall einsam und möchte die Veränderung als ungebetenen Gast bitten, den Tisch zu verlassen. Dabei erlebe ich meine Kinder als weiser als mich: Sie können mit mir verbunden sein, ohne viel zu reden und „rumzulabern“. Ihnen reicht das Zusammensein und das gemeinsame Ankommen im Zuhause ohne viele Worte: schmecken, durchatmen, genießen.

GEBRAUCHSSPUREN

Gerade weil die gemeinsamen Mahlzeiten reduziert worden sind, versuchen wir als Eltern, unseren Kindern ein Gegenüber zu bleiben. Schon rein körperlich: Wir setzen uns mit an den Tisch, wenn jemand allein nachisst. Wir trinken einen Tee und sind bereit, falls eine Episode aus dem Erlebten nach draußen sprudelt und uns einen Einblick in das pochende Herz des Heranwachsenden gibt. Und diese wundervollen Momente gibt es. Nach einem erhitzten Gespräch über die versemmelte Latein-Arbeit blitzt auf einmal ein Halbsatz mit einem Herzensanliegen auf. Wir haben als Eltern dann die Möglichkeit nachzufragen. Durch das gemeinsame Essen oder Sitzen am Tisch bekommen wir mit, wie traurig der oder die Jugendliche aussieht, wenn er oder sie von einer Mitschülerin spricht. Der Familientisch bleibt Ort von Hinweisen und Fragen – auch wenn manchmal jemand von uns mit erhitztem Gemüt aufspringen und die Diskussion beenden möchte. Durch unsere lange eingeübten Familienregeln bleiben alle am Tisch, bis die Mahlzeit beendet ist. Wir können und wollen uns nicht entrinnen. Hier füttern wir das Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn wir als Familie und mit Freunden am Tisch sitzen, ist Raum für das WIR. Auf unserem Tisch steht immer eine Kerze, oft frische Blumen, manchmal auch Zettel mit Infos oder kleinen Ermutigungen. Henriks Wunsch war es, auch nach einigen Jahren Familienleben den Tisch nicht neu zu lackieren. Er will die Spuren des gemeinsamen Weges am benutzten Tisch sehen und fühlen können.

GEMEINSAMER START

Wir stehen morgens mit den Kindern auf, auch wenn sie 15 und 17 Jahre alt sind, um im Schweigen und Wachwerden eine Heimat zu bieten, bevor sie schlaftrunken zur Schule wanken. Und auch unsere 20-jährige Tochter genießt es, wenn jemand da ist, bevor sie in ihren Tag startet. Wir verlassen dabei bewusst unser Bett. Einfach als Geste, als Zeichen, dass an unserem Esstisch das Willkommen bleibt. Wir stellen Müsli hin und versuchen jeden Morgen neu, im richtigen Moment ermutigende Worte oder eine Umarmung anzubieten. In die Schule zu starten, kann für Teens eine Hürde sein. Diese wollen wir durch einen gemeinsamen Start einfacher machen. Der gesprochene S egen, oft mit H andauflegung oder U marmung, ist und bleibt seit Beginn der Kindheit unser „Go!“ in den Tag. Manchmal sitzen wir als Eltern mit einem Pausen- Kaffee am Nachmittag zusammen und erzählen uns vom Tag. Und auf einmal füllt sich der Tisch mit unseren Kindern. Eine Geste für uns und unser Herz: Sie werden ein Gegenüber für uns. Die großen Kinder kommentieren unsere Sicht auf den Tag und schenken uns ganz neue Ideen oder ein beherztes Augenrollen für seltsame Erwachsenen- Allüren.

GENUSS-MOMENTE

Wir besprechen immer wieder, was uns zusammen schmeckt. Gerichte haben sich verändert und mittlerweile sind aus Würstchen und Salat Frühlingsrollen oder Avocadocreme geworden. Auch Abneigungen und Vorlieben der Jugendlichen haben sich gefestigt. So essen wir Milchreis nur, wenn Timna nicht da ist und Lasagne an besonderen Tagen. Jahrelang haben wir jeden Freitag Brezeln gegessen (mit der regionalen Spezialität Spundekäs). Nun suchen wir nach neuen Ritualen, denn freitags trifft sich die Jugendgruppe in der Kirchengemeinde. Am Samstag frühstücken wir zu teenager-freundlichen Zeiten ab 12.00 Uhr. Sonntags verzichten wir mittlerweile auf großartige Essen und kochen lieber schnell Nudeln mit Pesto oder abends eine Tütensuppe, die wir alle in Jogginghose schlürfen und dabei die neue Woche durchsprechen. Nicht selten sind weitere Teens an unserem Tisch und bekommen außer Nudeln noch einen Schwung Familienleben mit. Das Essen ist an manchen Tagen ein bewusster Genuss-Moment. Nach wilden Tagen laden wir uns zum gemeinsamen Schmecken ein: Wir kochen zusammen, reden uns warm, um die Nähe aufzusaugen, die bei Tisch entsteht. Wir schnippeln, kommentieren und finden Kompromisse im Würzen oder Anrichten. Am Tisch ist dann die Bereitschaft zum Teilen spürbar. Ich gebe dem anderen einen Einblick in meine witzigsten Missverständnisse, in bohrende Fragen und Glaubenserlebnisse. Dabei ist meine Familie mir in allem ebenbürtig und in allem ehrlich nah – jeder in seiner von Gott gegebenen Charaktereigenschaft: schnell und emotional, zackig und klar, liebevoll zugewandt, fragend verstehend.

RAUER TON

Und bevor hier ein vermeintlich glitzerndes Bild von Familiengenuss entsteht: Der schillernde Glücksmoment endet schneller, als ich gucken kann. Ein Spruch über den Fußball- Schiri-Entscheid des letzten Spiels, und alle Harmonie und Nähe ist hin. Die eben noch gesichtete Seifenblase meines Familienideals ist an der Realität zerplatzt. Mir dämmert: Es bleibt Genuss, und es bleibt Arbeit. Heute gebe ich keine Hinweise zum richtigen Umgang mit dem Besteck, sondern zum Umgang mit verachtender Sprache – und das geht bei Fußballthemen an unserem Esstisch fix. Immer wieder erwische ich mich dabei, dass ich unter dem manchmal rauen Ton der Jugendlichen leide und mir höfliche Gespräche herbeisehne. Ein bisschen mehr Harmonieglitzer halt. Mit etwas Abstand weiß ich: Unsere Kinder und ihre Freunde üben, ihre Meinung zu sagen. Sie trainieren sich im Argumentieren, Entschuldigen und Provozieren. Ein Familientisch ist daher für mich der Genuss, sich selbstbewusst, mutig, forsch und immer wieder herrlich unsachlich nah zu kommen. Guten Appetit!

Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Family_Essen_Teller.jpg 720 1280 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-04 09:07:402018-10-05 10:05:28Familiengenuss

Freiheit gewinnen

Ein Plädoyer fürs Loslassen. Von Priska Lachmann

Loslassen – ein Wort, das mit Schmerz verbunden ist. Sorgen und Ängste treiben mich als Mutter um, wenn mein Kind mir früh im Kindergarten vom Fenster aus winkt. Sie haben mich eingenommen, als unsere große Tochter zweimal in drei Jahren die Schule gewechselt hat. Kontrolle zu behalten und alle unschönen Erfahrungen von unseren Kindern fernzuhalten – das wäre mein Traum. Vor einem Jahr sind wir umgezogen. Wir haben gebaut und sind in unsere spießige Doppelhaushälfte mit Garten gezogen. Und ich saß in unserem neuen Haus und konnte die alte Wohnung in der Innenstadt nicht loslassen. Erinnerungen durchströmten mich, während ich in unsere braune Matschwüste – Garten genannt – starrte. Doch in diesen Empfindungen zu bleiben, bringt uns nicht weiter. Loslassen bedeutet auch Freiheit gewinnen. Freiheit von Ängsten und Sorgen. Freiheit von Lebenssituationen, die ich nicht mehr ändern kann.

ANDERS SCHÖN

Eine Freundin von mir hat vor einiger Zeit eine schlimme Diagnose bekommen: Multiple Sklerose. Da stand sie nun mit Säugling im Krankenhaus, gerade vom Sommerurlaub nach Hause gekommen, und sah ihr Leben vor einem Scherbenhaufen. Verzweiflung gehört in so einer Situation dazu, aber danach gilt es: Hoffnung schöpfen, die Ärmel hochkrempeln und anfangen zu kämpfen. Das alte Leben loslassen. Das perfekte alte Leben ohne Krankheit loslassen. Es kommt nicht wieder, aber es kann anders schön sein, und die Krankheit muss nicht das Leben bestimmen. Wenn sie nicht losgelassen hätte, hätte sie nicht anfangen können zu kämpfen. Loslassen kann man oft nur mit Gottes Hilfe. Allein sind wir häufig zu kraftlos, um alte Situationen aus unserem Leben loszulassen. Sei es eine zerbrochene Beziehung, Träume, die man in die Tonne werfen muss. Kinder, die ausziehen oder einfach nur in die Schule kommen oder ihren ersten festen Freund haben.

NEUE HERAUSFORDERUNGEN

Und wenn man loslässt, findet man Freiheit. Die Bande der Angst, die unsere Kehle zuschnüren, verschwinden. Sorgen weichen. „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ So steht es in der Bibel. Ängste loslassen führt zu Freiheit. Furcht vor etwas Unbestimmtem, vor etwas, das eventuell in der Zukunft passieren könnte, lähmt und engt ein. Loslassen bedeutet, Kraft, Liebe und Besonnenheit ins eigene Leben einziehen zu lassen. Das eigene Herz wird frei. Die Kinder werden frei und können sich entwickeln, Stärke bilden und Selbstbewusstsein entwickeln. Neue Freunde kommen, die das Leben bereichern, neue Herausforderungen verändern den Charakter positiv. Loslassen schaffe ich im Gebet und im Vertrauen auf Gott. Ich kann nicht wissen, was die Zukunft bringen wird. Ich weiß nicht, ob mein Kind heute nicht vielleicht Probleme in der Schule haben wird. Ich weiß nicht, was das Leben für uns bereithält. Es ist nicht perfekt. Es ist aber in der Hand eines himmlischen Vaters und ich entscheide, wie ich mit den Dingen umgehe, die das Leben mit sich bringt. Ich entscheide loszulassen.

Priska Lachmann studiert Theologie und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Leipzig. Sie bloggt unter mamalismus. de.


Einen weiteren Artikel aus dem Dossier „Loslassen“ finden Sie hier.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/10/Loslassen_Ballons-B.png 503 863 Team https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Team2018-10-01 15:38:072018-10-01 15:44:54Freiheit gewinnen

„Kinder haben ein Recht auf eigene Gottesbilder“

Am letzten Wochenende war ich bei einem Fachtag zum Kinderschutz. Er stand unter dem Motto „Kindern auf Augenhöhe begegnen“. Im Wesentlichen ging es um Kinderschutz in der Gemeinde, speziell auch in der Kinder- und Jugendarbeit, aber auch für Eltern gab es viele wertvolle Impulse. Denn Kinderschutz geschieht nicht nur, indem eine Gemeinde Schutzmaßnahmen ergreift und Schulungen abhält, sondern vor allem, wenn Kinder die Chance haben, sich zu starken Persönlichkeiten zu entwickeln.

Torsten Hebel, Leiter und Gründer der blu:boks in Berlin, die mit Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Gebieten arbeitet, betonte in seinem Vortrag zu Beginn des Fachtags, wie wichtig es ist, was Kindern in der Gemeinde und auch zu Hause bezüglich Gott und Glaube vermittelt wird. „Wir stellen uns ja nicht vor unsere Kinder und sagen: ‚Also so ganz grundsätzlich gesehen bist du scheiße'“, formulierte er sehr plakativ. Ähnliches geschehe aber nicht selten bei der Glaubensvermittlung, wenn den Kindern gesagt werde, dass der Mensch grundsätzlich sündhaft und böse sei. „Theologisch ist es richtig zu sagen: ‚Wir sind Sünder‘, aber das hat nichts bei den Kindern verloren“, betonte Torsten Hebel. „Das Kind braucht bedingungslose Zuwendung: ‚Du bist geliebt, egal wer und wie du bist!‘ Wir dürfen kein defizitäres Bild vom Kind haben.“ Aufgabe von Eltern und Mitarbeitenden sei es, Kindern liebevoll, wertschätzend und auf Augenhöhe zu begegnen.

Am Nachmittag wurden zahlreiche Workshops angeboten, um die verschiedenen Aspekte des Themas Kinderschutz zu vertiefen. Es ging um Kinderschutzkonzepte, um den Umgang mit Kindeswohlgefährdung und Missbrauchserfahrungen und um Schritte zu einer sicheren Gemeinde. In weiteren Workshops tauschten sich Eltern und Mitarbeitende über Erziehungsfragen aus oder bekamen Einblick in Konzepte der Arbeit mit Kindern.

In einem Workshop von Bastian Erdmann, Landesjugendpastor im Gemeindejugendwerk Norddeutschland, ging es um die Frage, wie Kinder Gott anschauen und wie sich Gottesbilder verändern. „Theologie mit Kindern bedeutet nicht, ihnen meine Wahrheit zu vermitteln“, betonte Erdmann. „Kinder haben ein Recht auf eigene Gottesbilder.“ Dabei definierte er ein Gottesbild als eine persönliche theologische Momentaufnahme – im Gegensatz zu einem festen Konstrukt, auf das sich das Bilderverbot in der Bibel beziehe. Anhand konkreter Beispiele zeigte Bastian Erdmann, wie sich das Gottesbild von Kindern in den verschiedenen Entwicklungsphasen verändert. „Auch Erwachsene müssen ihre Gottesbilder an ihre jeweilige Lebenssituation anpassen“, forderte er.

Ein weiterer Workshop trug den schönen Titel „Fröhlich und gelassen als Eltern scheitern“. Dagmar Lohan, Referentin im Fachbereich Familie und Generationen des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, lud die TeilnehmerInnen dazu ein, sich unter anderem darüber auszutauschen, wie Eltern Ermutigung erfahren. Dabei wurde deutlich, dass das Eingeständnis des eigenen Scheiterns für andere Eltern sehr ermutigend sein kann. Gerade in einer Zeit, in der immer höhere Ansprüche an Eltern gestellt werden – von der Umwelt ebenso wie von sich selbst. „Erziehung ist anstrengender geworden, weil sie von anderen bewertet wird“, erläuterte Dagmar Lohan. Die Elternschaft sei zu einem besonderen Projekt geworden, das gelingen müsse. Hilfe und Ermutigung gebe es für Eltern auch in der Bibel. Dort werde häufig von Menschen erzählt, die mit Gott unterwegs waren, aber trotzdem scheiterten. Die Bibel habe kein Interesse daran, ein ideales Bild von Familie zu beschreiben. Sie beschreibt, was war. Deshalb gebe es in der Bibel auch kaum etwas zu Erziehungsfragen. Aber es gebe durchaus grundlegende Gedanken, die sich auch auf die Erziehung und das Familienleben beziehen lassen. Beispielsweise, dass jeder Mensch einzigartig sei. Dass kein Mensch allein sein soll. Dass alle Menschen gleich sind. Dass Menschen – auch Eltern – aus der Gnade leben. Und dass sich Menschen – und damit auch Eltern und Kinder – gegenseitig Respekt erweisen sollen.

Am Ende des Tages waren wohl alle Besucher des Fachtags angefüllt mit vielen guten, oft auch herausfordernden Gedanken. Bei der Abschlussveranstaltung kamen Jason Querner und Andreas Schlüter zu Wort, die sich in ihrem jeweiligen Gemeindebund für das Thema „Sichere Gemeinde“ stark machen. Beide waren sich einig, dass in diesem Bereich noch viel zu tun sei. Viele Gemeinden hätten sich noch nicht mit Fragen des Kinderschutzes beschäftigt, manche seien auch gar nicht bereit dazu – aus Sorge, dass etwas ans Licht kommen könne, das man lieber nicht sehen wolle. Hier sind wir Eltern gefragt: Wir sollten uns dafür einsetzen, dass sich unsere Kirchengemeinde mit dieser Thematik auseinandersetzt – auch wenn sie durchaus unbequem ist!

Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT

Der Fachtag zum Kinderschutz war eine gemeinsame Veranstaltung des Fachkreises „Sichere Gemeinde“ im Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, der FeG Junge Generation im Bund Freier evangelischer Gemeinden und des Kinder- und Jugendwerks der Evangelisch-methodistischen Kirche Süd. Er fand in Bochum statt.

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/09/andrew-seaman-547774-unsplash.jpg 1987 3000 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2018-09-11 12:30:562018-09-11 12:30:56„Kinder haben ein Recht auf eigene Gottesbilder“

„Die können ja nicht mit Geld umgehen“

Neulich beim Friseur. Ein Mann Ende 30 unterhält sich mit der Friseurin über seine 12-jährige Tochter. Sie kommen aufs Thema Taschengeld. „Nein, Taschengeld bekommt sie nicht. Sie kriegt ja von uns alles, was sie möchte“, erklärt der Vater. „Aber ich habe ein Sparkonto für sie angelegt“, fügt er fast entschuldigend hinzu. Vielleicht hat er Sorge, sonst als Rabenvater dazustehen? Die Friseurin fragt nach: „Und wann bekommt sie das Geld?“ Der Vater erklärt: „Wenn sie mit der Schule fertig ist. Die jungen Leute können ja nicht mit Geld umgehen. Und wenn sie dann eine eigene Wohnung hat und ein Auto, dann kann sie das bestimmt gut gebrauchen …“

Mir fällt fast die Brigitte aus der Hand. Habe ich richtig gehört? Wie soll denn das Mädchen lernen, mit Geld umzugehen, wenn sie immer alles bekommt? Wenn sie kein eigenes Geld hat, mit dem sie üben kann? Und wie geht es weiter, wenn das Geld von Papas Sparkonto aufgebraucht ist? Wie sollen unsere Kinder zu selbstständigen Erwachsenen werden, wenn wir Eltern ihnen alles abnehmen? Wenn wir ihnen nichts zutrauen?

Das ist nicht nur beim Umgang mit Geld so. Das gilt auch fürs Kochen, fürs Taschepacken, fürs An-Sachen-Denken, fürs Termine-Planen. Da ist bei mir sicher auch noch Luft nach oben. Von daher war dieses mitgehörte Gespräch beim Friseur ein guter Impuls für mich. Und vielleicht ja auch für euch!

Bettina Wendland

Redakteurin Family/FamilyNEXT

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/08/felix-koutchinski-679118-unsplash.jpg 2000 3000 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2018-08-30 08:52:382018-08-30 08:52:38„Die können ja nicht mit Geld umgehen“

„Es genügt, dass man da ist“

Im Schweden-Urlaub habe ich passenderweise das neue Buch des schwedischen Autors Tomas Sjödin gelesen: „Es gibt so viel, was man nicht muss“. Schon den Titel finde ich sehr ansprechend. Und das Buch hält, was der Titel verspricht. Es besteht aus Kolumnen, die Sjödin in den letzten Jahren für verschiedene schwedische Zeitungen geschrieben hat. Diese Texte enthalten viele wertvolle Impulse. Meine Lieblingskolumne möchte ich gern mit euch teilen (danke an den Verlag SCM R. Brockhaus, der den Nachdruck genehmigt hat):

Das Schaffen-Müssen sein lassen

Ich treffe immer mehr Menschen, die von sich behaupten, dass sie den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht genügen. Nicht als Eltern, nicht als Partner, weder zu Hause noch im Beruf. Und vor allem nicht gleichzeitig zu Hause und im Beruf. Wenn es an der einen Stelle funktioniert, dann ist an der anderen Not am Mann, und beim tiefen Ausatmen kommt der Seufzer: „Ich schaff’s einfach nicht.“ Die Frage muss also heißen: Wer hat uns den Gedanken eingepflanzt, dass wir „es schaffen“ müssen? Und wer hat überhaupt festgelegt und normiert, was „schaffen“ und „genügen“ heißt?

Neulich begegnete mir ein Text, der mir klargemacht hat, dass das Problem keineswegs neu ist, sondern sich bereits in einer Quelle beschrieben findet, die fast 3000 Jahre alt ist – im Buch des Propheten Jesaja. Der Prophet beschreibt das Gefühl, nicht zu genügen, so: „Das Bett ist zu kurz, um sich darin auszustrecken, die Decke zu knapp, um sich damit zuzudecken“ (Jesaja 28,29). Ein sehr sprechender Beweis dafür, dass der Mensch sich über die Jahrtausende wenig verändert und schon immer mit den eigenen Ansprüchen und denen der anderen herumgeschlagen hat.

Wer schon einmal versucht hat, trotz einer zu kurzen Bettdecke einzuschlafen, weiß, was der fröstelnde Prophet meinte. Wenn man es sich gemütlich macht und die Decke über die Schultern zieht, ragen die Zehen unbedeckt in die kalte Luft des Schlafzimmers. Wenn man sie bedeckt, friert man bis zur Brust.

Kann es sein, dass das eine menschliche Grundbefindlichkeit ist: Immer fehlt etwas? Und dass eine Idee dahintersteckt: dass wir uns nämlich zusammentun sollen, uns nicht mit den eigenen Ressourcen zufriedengeben und uns weigern, das Dasein auf die innerweltlichen Dinge zu begrenzen?

Wenn man erkennt, dass man es alleine nicht schafft, öffnet man sein Leben für die helfenden Kräfte, die verfügbar sind. Die Situationen, in denen mein Leben eine neue und unerwartete Wendung genommen hat, waren selten die, in denen ich mich zusammengerissen und es noch einmal versucht habe, sondern solche, in denen ich aufgehört habe, mich zusammenzureißen, die Zügel aus der Hand gegeben und Hilfe angenommen habe. Hilfe von Gott und von Menschen.

Es gibt ein Wort mit nur fünf Buchstaben, das diese Erfahrung beschreibt: Gnade. Gnade ist das, was die Decke verlängert, sodass man sich in seiner vollen Länge ausstrecken kann, ohne kalte Füße zu bekommen.

In der letzten Woche las ich über den Mathematiker und Physiker Blaise Pascal und wie er seine zentrale geistliche Erkenntnis in dem zusammenfasste, was seitdem Pascals „Mémorial“ heißt: in einer Sammlung von Glaubenssätzen. Ich will mich nicht mit Pascal vergleichen, aber noch am selben Tag habe ich mich hingesetzt und „Sjödins Glaubenssätze“ formuliert. Falls sie außer mir selbst auch jemand anderem von Nutzen sein sollten, würde mich das sehr freuen. Sie lauten wie folgt – und gelernt habe ich sie von meinen kranken Söhnen: „Man muss nicht genügen. Es genügt, dass man da ist. Alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus.“

 

Wenn ihr gern mehr über Autor und Buch wissen wollt, schaut mal hier rein: https://www.scm-brockhaus.de/aktuelles/portraits/tomas-sjodin

Bettina Wendland, Redakteurin bei Family und FamilyNEXT

https://www.family.de/wp-content/uploads/2018/08/guillermo-sanchez-630049-unsplash.jpg 1932 2500 Bettina Wendland https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Bettina Wendland2018-08-13 10:17:112018-08-13 10:17:11„Es genügt, dass man da ist“
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