Beiträge

Mit den Eltern über den Tod reden: Tipps für offene Gespräche

Mit den alten Eltern über Sterben und Tod reden – das fällt vielen schwer. Eine Trauerrednerin erklärt, wie man letzte Dinge ansprechen kann.

In meiner freiberuflichen Tätigkeit als Trauerrednerin begegnet mir so einiges. Zum Beispiel die Familie einer Frau, die schon seit Jahren eine Diagnose hatte, die unweigerlich zum Tod führen würde. Während sie immer schwächer wurde und schließlich ins Krankenhaus kam, wussten alle, dass sie sterben würde. Doch die Familie redete nur davon, was sie noch alles vorhatten, wenn die Patientin wieder aus dem Krankenhaus käme: Sie planten Urlaube und Unternehmungen und machten einen großen Bogen darum, über den Tod zu reden.

Als die Frau verstorben war und wir zum Gespräch am Tisch saßen, erzählten sie mir, dass die Verstorbene schon alle Papiere für ihren Tod vorbereitet hatte. Es brauchte nur noch ihr Sterbedatum eingetragen zu werden. Alles war fertig, ausgedruckt und organisiert, jedes einzelne Schreiben für jede Behörde und jede Versicherung. Aber vor ihrem Tod haben sie und ihre Angehörigen kein Wort darüber verloren.

Natürlich ist es legitim, nicht über den Tod zu reden. Aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Denn jeder ist auf seiner Seite allein: die Person, die stirbt, und die, die zurückgelassen wird. Beide können von einer offenen Kommunikation profitieren. Aber häufig wird das Reden über Sterben und Tod blockiert, weil es unangenehm ist und verunsichert oder weil man es nicht gewohnt ist, über schwierige Dinge zu sprechen.

Angst und Scham

Es fordert uns heraus, darüber zu reden, dass die Eltern eines Tages nicht mehr da sein werden. Das geht sicher vielen so. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass wir eines Tages selbst die alternden Eltern sein werden. Das konfrontiert uns mit der Aussicht auf unsere eigene Endlichkeit.

Die Eltern-Kind-Beziehung ist eine der tiefsten Verbindungen, egal wie gut oder schlecht sie sein mag. Die alternden Eltern, die als nächstes dem Tod entgegensehen, müssen mit Schmerzen, Kontrollverlust und körperlichem Versagen rechnen. Auch damit, ihre Kinder und Enkel allein zurückzulassen, loszulassen und alles nicht mehr mitzuerleben. Die Kinder müssen sich damit auseinandersetzen, was ihre Verantwortung sein mag in dem unsicheren Prozess und welche Hilfe sie leisten können. Sie wissen, dass sie eines Tages ohne ihre Eltern leben werden – mit allen Konsequenzen. Das kann man in Gedanken vielleicht üben, aber man kann nicht wissen, wie es ist, bevor man es erlebt. Das macht Angst.

Ängste provoziert auch, dass beide Seiten sich mehr oder weniger bewusst sind, dass die letzte Lebensphase der Eltern die jahrelang vertieften Rollenbilder umkehren kann. Nun ist es an den Kindern, Verantwortung für die Eltern zu übernehmen. Das kann Scham auf beiden Seiten auslösen. Und es ist zu vermuten, dass sie mit einem intensiven Gefühl von Verletzlichkeit einhergeht. Schutzbedürftigkeit und Stärke wechseln die Lager. Wie wird man damit zurechtkommen? Wird die Beziehung das aushalten?

Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft der Tod ein Tabuthema ist. Man flüstert nur darüber, verschweigt es den Kindern, wo es geht, und arbeitet daran, den eigenen Tod möglichst weit nach hinten zu schieben. Im Alltag über den Tod zu reden, steht meist im Gegensatz zu dem, was wir gelernt und weitergegeben haben. Kein Wunder also, dass es Irritationen auslösen kann. Sollte ich mich trotzdem dem Thema stellen und mit meinen Eltern über den Tod reden? Macht es Sinn, sie damit zu konfrontieren? Und wie stelle ich es an?

Offener Austausch

Als meine Kinder in der Grundschule waren, machten mir andere Eltern Angst vor den Teenagerjahren: „Warte nur ab, dann wird es euch nicht mehr so gut gehen“, schien die Botschaft zu sein. Ein Erziehungsvortrag bot eine andere Perspektive: „Wenn ihr jetzt als Eltern mit den Kindern in gutem Kontakt seid und daran arbeitet, dass es so bleibt, habt ihr eine gute Grundlage für die Teenagerzeit,“ beantwortete der Referent meine sorgenvoll gestellte Frage.

Ähnlich kann man auch auf die Phase zugehen, wenn die Eltern alt werden. Wir können rechtzeitig die Beziehung zu unseren Eltern pflegen und vertiefen. Gelegenheiten zum besseren Kennenlernen und Austauschen kann man mit einem Kaffeetrinken oder Abendessen schaffen. Einstiegsfragen können sein:

  • Gab es einen Moment, der euer Leben besonders geprägt hat?
  • Was hättest du gern über das Leben gewusst, als du so alt warst wie ich jetzt?
  • Wie habt ihr schwierige Zeiten gemeistert?
  • Welche Träume habt ihr aufgegeben?
  • Welche Wünsche habt ihr für die nächsten Jahre?

Wenn wir uns selbst unseren Eltern gegenüber offen und verletzlich zeigen, fördert das den Austausch und vertieft die Beziehung. Es kann auch hilfreich sein, den Eltern Lob und Anerkennung für ihr Engagement und ihre Erziehungsarbeit zu zollen. Vielleicht hadern sie genau wie wir mit ihrem Elternsein. So ein offenes Gespräch kann eine Grundlage bilden, weiter in Kontakt zu bleiben und auch die Themen der Zukunft anzusprechen, zum Beispiel so:

„Meine lieben Eltern, auf der Family-Webseite habe ich einen Artikel gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um das Älterwerden der eigenen Eltern. Ich bin oft so mit meinen Kindern beschäftigt, dass ich nicht so sehr an euch denke. Beim Lesen des Artikels wurde mir bewusst, wie wichtig ihr mir seid. Und auch, dass ich gar nicht weiß, was euch wesentlich ist, wenn ihr alt werdet und etwas so kommt, dass ihr es vielleicht nicht mehr ausdrücken könnt. Es macht mir auch ein mulmiges Gefühl, dass ich mich vielleicht eines Tages um euch kümmere und unsere Rollen vertauscht werden. Aber ich möchte euch dann gern zur Seite stehen und wünsche mir, dass wir über ein paar Dinge reden.“

Oder: „Ich würde euch gern ein paar Fragen stellen. Die demente Mutter meiner Arbeitskollegin ist ins Pflegeheim gekommen. Ihr Vater hatte sich bisher um alles gekümmert, aber er ist vor vier Wochen plötzlich verstorben. Jetzt steht meine Kollegin allein mit der Verantwortung da und hat viele Fragen, die ihr keiner mehr beantworten kann. Ich merke, wie schwer es für sie ist. Das wünsche ich mir mit euch anders. Können wir uns mal Zeit dafür nehmen und darüber reden, welche Vorstellungen und Wünsche ihr habt?“

In diesem Kontext kann man auch auf Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu sprechen kommen. Oder man kann besprechen, ob eine 24-Stunden-Pflegekraft für zu Hause eine Möglichkeit ist oder ein Pflegeheim, in dem noch andere Menschen wohnen.

Über Essenzielles reden

Nun haben wir aber immer noch nicht über Tod und Sterben geredet, nur übers Älterwerden. Als meine Mutter im Hospiz war, sagten uns die Pflegerinnen dort, dass sterben so individuell ist wie geboren werden. Es kann länger dauern und ein Kampf sein. Es kann friedlich sein und schnell. Es kann erwartet sein oder plötzlich. Jeder stirbt anders. Jeder hat seine eigene Geschichte, oder sein eigenes Ende der Geschichte, wenn man so will. Worüber kann man da vorher reden?

Auf der einen Seite ist es sicher gut, Chancen zu nutzen, um über Essenzielles zu reden. Fragen könnten sein: Was soll dein Vermächtnis sein? Was sollen wir über dich erzählen? Was soll von dir bleiben? Gibt es etwas, das du noch erreichen oder erleben möchtest? Was möchtest du mir oder deinen Enkeln noch sagen? Wie siehst du mich? Was wünschst du dir für mich, wenn du nicht mehr da bist? Hier kann auch ein Brief oder ein Audio wertvoll sein.

Vielleicht gibt es auch wunde Stellen im Herzen, die Vergebung brauchen. Eine Bekannte hat von ihrer Mutter auf dem Sterbebett zum ersten Mal den Satz gehört: „Man hätte auch manches anders machen können.“ Es war das erste Eingeständnis, dass sie als Mutter nicht über allem gestanden und sich selbst hinterfragt hat. Diese paar Worte waren ein enormer Trost für meine Bekannte. Wenn über Sterben und Tod geredet wird, ist es ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen, was emotional noch zu klären ist, bevor jemand geht. Vielleicht ist auch eine kritische Rückmeldung möglich oder nötig: „Ich hätte mir gewünscht …“ Oder: „Diese Entscheidung habe ich nicht verstanden …“

Um über den Sterbeprozess selbst zu reden, können diese Fragen wertvoll sein:

  • Denkst du, du möchtest eher allein sein, wenn du im Sterben bist? Oder wünschst du dir, dass jemand bei dir ist?
  • Gibt es Lieder, die wir singen oder abspielen können, die dir guttun? Oder sollen wir etwas vorlesen oder mit dir beten?
  • Gibt es etwas, das dir Trost und Geborgenheit spenden würde?

Gleichzeitig ist es auch ein gemeinsamer Weg, den wir mit unseren Eltern gehen. Und es ist gut, darüber im Gespräch zu sein. Nach einer Diagnose kann die bisherige Zuversicht unerwartet schnell umschlagen. Schmerzen können Gottvertrauen in Frage stellen. Es ist ein Weg, bei dem wir oft nur bis zur nächsten Biegung schauen können – danach kann alles passieren. Jeder Abschnitt mag sich anders anfühlen. Aber wenn wir gelernt haben, im Kontakt zu sein und Gefühle und Ängste auszusprechen, ist keiner allein.

Aufeinander zugehen

Ich bin fest davon überzeugt, dass beide Seiten emotional profitieren und sich gegenseitig stützen können, wenn der Austausch früh angefangen hat und in herausfordernden Zeiten weitergehen darf. Dieser Weg, der unterschiedlich endet, kann lange gemeinsam gegangen werden.

Mit den Eltern über Sterben und Tod zu reden, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Da darf jeder und jede einen eigenen Weg finden, auf dem es kein richtig oder falsch gibt. Manches, was eine Seite sich wünscht, kann die andere nicht ertragen. Aber es ist gut, mutig zu sein, aufeinander zuzugehen und damit zu rechnen, dass Nähe wachsen kann. Mit offenen Augen und einem offenen Herzen lassen sich Möglichkeiten finden, um über praktische und persönliche Dinge zu sprechen und sich gegenseitig zu tragen.

PS: Vergesst nicht, nach dem Rezept vom leckeren Kartoffelsalat zu fragen!

Debora Güting lebt in Linsengericht. Sie hat vier Kinder, zwei davon erwachsen. Sie arbeitet derzeit mit psychisch kranken Menschen und als Trauerrednerin.

„Ich will nicht ins Heim!“ – So meistern Sie Demenz in der Familie

Menschen mit Demenz zu pflegen, ist für Angehörige oft eine große Belastung. Expertin Susanne Maußner über Herausforderungen und Grenzen.

Das Zusammenleben mit einem Menschen, der an einer Demenz erkrankt ist, stellt die Angehörigen vor große Herausforderungen. Am Beginn der Erkrankung kann Organisatorisches noch gemeinsam besprochen werden. Merkhilfen können zum Einsatz kommen, und der oder die Betroffene kann bei alltäglichen Verrichtungen mithelfen. Im Fortschreiten der Erkrankung wird die Planung und Durchführung von Alltagstätigkeiten, wie Einkaufen oder Termine vereinbaren, immer schwieriger, bis die Organisation des Tagesablaufs vollständig von den Angehörigen übernommen werden muss. Zu einer großen Belastung wird es, wenn der oder die Betroffene auch bei grundlegenden Tätigkeiten wie der Körperpflege nicht mehr allein zurechtkommt, zum Essen und Trinken motiviert werden muss, die Toilette nicht mehr findet und kontinuierlich begleitet werden muss. Kommt eine Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus hinzu, ist auch für die betreuenden Angehörigen nicht mehr ausreichend Schlaf möglich, und es kommt schnell zu körperlicher Überforderung.

Auch die emotionale Belastung wird unterschätzt. An Demenz Erkrankte sind sich lange ihrer Verluste und Einschränkungen bewusst. Durch die Auseinandersetzung mit der Erkrankung, Angst vor Abhängigkeit, Scham oder Trauer kann es bei den Betroffenen zu Persönlichkeitsveränderungen kommen, die bis zum vollständigen sozialen Rückzug führen können. Diesen Prozess zu begleiten, ist für nahe Angehörige oftmals mit genauso tiefen Emotionen verbunden wie für die Betroffenen selbst. Auch sie erleben mit, wie der geliebte Mensch sich verändert und nach und nach das Wissen und die Erinnerung an alles, was im Leben erlernt und aufgebaut wurde, verliert.

Auflehnung und Abweisung

Im Fortschreiten der Erkrankung werden die eigenen Defizite nur noch teilweise wahrgenommen. Die Einsicht, auf Hilfe angewiesen zu sein, verliert sich. Es kann zu Auflehnung und Abweisung kommen. Gut gemeinte Ratschläge und Hinweise, wie zum Beispiel dem Wetter angepasste Kleidung zu wählen, können zu Streit führen, da die Betroffenen sich durch Ermahnungen in ihrer Eigenständigkeit eingeschränkt fühlen. In manchen Fällen kann es sogar zu körperlichem Abwehrverhalten kommen. Es ist für die Betreuenden schwer, solche Konfrontationen nicht persönlich zu nehmen.

Betroffene brauchen zu ihrem Wohlbefinden ein Gefühl der Sicherheit und der Wertschätzung in gewohnter Umgebung mit vertrauten Menschen. Das bietet in der Regel das Leben in der Familie. Um die Erkrankten lange Zeit zu Hause begleiten zu können, ist es notwendig, dass die Angehörigen sich bewusst machen: Die Begleitung von Demenzkranken ist nur zu bewältigen, wenn die betreuenden Familienangehörigen ihre Kräfte einteilen und auch für das eigene körperliche und seelische Wohlbefinden sorgen. Im Alltag der stets wachsenden Verantwortung und der Übernahme von Alltagstätigkeiten verlieren sie häufig ihre eigenen Bedürfnisse und Belastungsgrenzen aus den Augen. Hier eine Balance zu finden, ist für die Pflege und Betreuung von großer Wichtigkeit.

Freunde informieren

Wird man mit der Demenzerkrankung eines Angehörigen konfrontiert, ist es empfehlenswert, vorausschauend zu planen. Ein erster Schritt ist, sich regelmäßig Zeit zur Erholung zu nehmen und für Aktivitäten, die Freude bringen. Um sich dies zu ermöglichen, ist es nötig, sich Unterstützung zu organisieren, wenn der oder die Betroffene nicht mehr allein bleiben kann.

Für alle Beteiligten ist es gut, mit der Erkrankung offensiv umzugehen. Nachbarn, Freunde und auch der weitere Umkreis sollten über die Krankheit, den Umgang mit den Betroffenen und die Belastung für die Angehörigen informiert sein. So wird es einfacher, um Hilfe zu bitten oder Hilfe anzubieten. Hilfreich kann auch ein Austausch mit Menschen sein, die sich in derselben Situation befinden. An vielen Orten gibt es dazu Selbsthilfegruppen.

Ein weiterer Schritt ist, sich über die Krankheit zu informieren, um zu wissen, was auf die Familie zukommen kann und welche Hilfen in Anspruch genommen werden können. Es ist für alle Beteiligten gut, frühzeitig zu planen und gemeinsam zu besprechen, was im individuellen Fall sinnvoll ist. Wenn die Betreuung zur Belastung wird, fehlt den Angehörigen häufig die Kraft, sich um organisatorische Dinge zu kümmern.

Frühzeitig Pflegeheim suchen

Gibt es am Ort das Angebot der Nachbarschaftshilfe? Gibt es einen Pflegedienst, der häusliche Betreuung anbietet? Oder die Möglichkeit der Tagespflege? Welche Pflegeheime sind auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz eingerichtet? Der Gedanke an diesen Schritt wird meist weggeschoben. Es ist jedoch sinnvoll, frühzeitig im Kreis der Familie zu besprechen, was geschehen soll, wenn die Pflege und Begleitung nicht mehr zu bewältigen ist. In vielen Fällen wird dieser Schritt im Verlauf der Erkrankung nötig, um die pflegenden Angehörigen vor einer gesundheitsbelastenden Überforderung zu schützen und auch den Erkrankten vor den Konsequenzen dieser Überforderung.

Im Anfangsstadium kann dabei der oder die an Demenz Erkrankte miteinbezogen werden. In dieser Zeit sind die Betroffenen noch in der Lage, die Belastung der Pflege einzuschätzen und zu überlegen, welche Hilfen für sie in Frage kommen. Man kann gemeinsam verschiedene Angebote besuchen und sich bei passenden Einrichtungen auf die Warteliste setzen lassen. Häusliche Hilfen oder Tagespflegen, die schon im Anfangsstadium einer Demenz kennengelernt werden, werden später besser akzeptiert.

Fremde Personen führen zu Verunsicherung

Im Fortschreiten der Erkrankung fühlen die Betroffenen sich durch unbekannte Menschen, Orte und Situationen unsicher und verängstigt. Häufig lehnen sie Unbekanntes ab. Fremde Personen in der Wohnung werden nicht als Hilfe angenommen. Zum Besuch einer Tagespflege oder zum Umzug in ein Pflegeheim lassen sie sich kaum überreden. Die Überlastung ihrer Angehörigen können sie nicht mehr einschätzen. Sie reagieren mit Vorwürfen auf die Suche nach Unterstützung. Das löst vor allem bei Ehepartnern ein schlechtes Gewissen aus und lässt sie lange versuchen, allein zurechtzukommen.

Erkrankten, die allein leben, kann eine Tagespflege oder ein Umzug ins Pflegeheim in positivem Licht aufgezeigt werden. Sie leiden unter dem Alltag, der nicht mehr bewältigt werden kann, und unter dem vielen Alleinsein. Ihnen kann die vollständige Versorgung im Pflegeheim vor Augen geführt werden sowie der tägliche Kontakt mit Menschen und das Beschäftigungsprogramm. Manchmal helfen diese Bilder, dem Umzug zuzustimmen. Wenn jedoch im fortgeschrittenen Stadium einer Demenz die Defizite im Alltag nicht mehr realistisch eingeschätzt werden, finden Hinweise auf Hilfe und Kontakte oft keine Zustimmung.

Besondere Herausforderung: Partnerschaft mit Demenz

Bei Ehepaaren ist die Situation schwieriger. Die oder der Betroffene klammert sich an die Partnerin oder den Partner, die bzw. der Halt und Orientierung bietet. Ein Umzug ins Heim wird als Abschieben empfunden in einer Situation, in der dieser Mensch besonders auf Nähe und Unterstützung angewiesen ist. Und vielen ist nach jahrelanger Gemeinschaft das Versprechen, in guten wie in schlechten Tagen füreinander da zu sein, ein ernstgenommener Vorsatz.

Aber auch als betreuende Person hat man ein Recht auf Wertschätzung und Fürsorge. Da Demenzkranken dies nicht mehr möglich ist, müssen Betreuende sich in Selbstfürsorge üben und sich auch bewusst machen, dass Erkrankte der Selbstaufgabe und Überforderung ihres Gegenübers wohl nicht zustimmen würden.

Unterstützen als Kind

Wenn erwachsene Kinder die Demenzerkrankung eines Elternteiles erleben, ist es wichtig, den pflegenden Elternteil in der Betreuung zu unterstützen und die emotionale und körperliche Belastung sensibel zu beobachten. Es kann nötig werden, auf eine beobachtete Überlastung, gereizte Stimmung oder Ähnliches aufmerksam zu machen und behutsam auf mögliche Hilfen hinzuweisen. Hat der betreuende Elternteil den schweren Entschluss gefasst, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen oder gar den Umzug in ein Pflegeheim zu vollziehen, sollten Kinder dies nicht zum Vorwurf machen, sondern die Entscheidung unterstützen und mittragen. Ein solcher Entschluss wird in der Regel nur schweren Herzens gefasst.

Im Rahmen meiner Arbeit in einer Akutklinik erlebe ich immer wieder, dass pflegende Angehörige weit über ihre Kräfte hinausgehen, bis sie selbst mit einem Zusammenbruch in die Klinik kommen. Für Demenzerkrankte muss dann akut ein Pflegeheim gefunden werden, was selten zufriedenstellend ist.

Umzug trotz Widerstand

Ist bei Pflegenden die Belastungsgrenze überschritten, beobachte ich oft eine gereizte, ungeduldige Stimmung der Angehörigen und die verstörten Reaktionen der Betroffenen. In manchen Fällen kommt es sogar zu körperlichen Übergriffen gegenüber den Erkrankten. In der Regel ist das begleitet von einem zutiefst schlechten Gewissen der Angehörigen. Sie wissen, dass ihr Verhalten nicht angemessen ist. In solchen Fällen kommt es beiden Parteien zugute, den Umzug ins Heim auch gegen anfänglichen Widerstand umzusetzen.

Auch in meiner Familie habe ich mehrfach erlebt, dass der Umzug in ein Pflegeheim notwendig wurde. Meine Großmutter, die nicht dement, aber blind und pflegebedürftig war, hatte sich immer gegen einen Umzug ins Heim gewehrt. In ihren letzten Lebensjahren, die sie dann doch im Heim verbrachte, hat sie immer wieder erzählt, wie schön es sei, sich um nichts mehr kümmern zu müssen. Vor allem den Kontakt mit anderen hat sie sehr genossen. Dieselbe Erfahrung konnten wir bei der an Demenz erkrankten Mutter meines Lebenspartners machen. Es gab immer wieder Dinge, über die sie sich beschwert hat. Aber wir konnten beobachten, wie sie Ängste verlor, die sie allein in ihrer Wohnung hatte. Sie genoss das Umsorgtwerden und die ständige Ansprache – und vor allem den täglichen Kuchen zum Mittagskaffee.

Das Pflegeheim kann Erlösung sein

Weitaus schwerer war der Umzug meines Vaters auf eine geschlossene Demenzstation. Sehr lange hat sich meine Mutter zu Hause um ihn gekümmert. Die Unterstützung von uns Kindern, den Enkeln und Freunden war zwar eine Entlastung. Sie reichte aber nicht mehr aus, als mein Vater nicht mehr sprechen konnte und voll versorgt werden musste, aber körperlich so agil war, dass er keine Minute alleingelassen werden konnte. In der offenen Tagespflege musste ständig auf ihn geachtet werden, da er jede Gelegenheit zur Flucht nutzte.

Meine Mutter hat sich lange gegen den Umzug gewehrt. Sie wollte sich nicht auf diese Weise von ihrem Mann trennen. Aber es war spürbar, dass ihre Kraft und Geduld am Ende waren. Als deutlich wurde, dass ihre Gesundheit massiv angegriffen war, gab es keinen anderen Weg mehr. Die ersten beiden Wochen im Heim waren für alle Beteiligten schwer, auch für das Pflegepersonal. Dann hat mein Vater sich langsam eingelebt. Er hat in den zwei Jahren dort an den meisten Tagen einen zufriedenen Eindruck gemacht.

Mehr Geduld und Liebe möglich

Ich konnte die Erfahrung machen, dass das Vergessen des früheren Lebens in der letzten Phase der Demenz auch positive Seiten haben kann. Mein Vater schien das Heim als sein Zuhause anzusehen. Auch bei Spaziergängen außerhalb des Heimes war das Zurückkehren in seine Gruppe für ihn etwas spürbar Vertrautes. Zu vielen Pflegekräften hat er Vertrauen gefasst, hat sie als Kontaktpersonen angenommen. Meine Mutter hat ihn täglich besucht. Sie konnte ihm wieder mit Geduld und sehr liebevoll begegnen. Und er hat sich sichtbar gefreut, wenn sie zu Besuch kam. So kann manchmal der Besuch einer Tagespflege oder ein Umzug ins Pflegeheim von allen Beteiligten angenommen werden und das gestörte Miteinander in einer überforderten Situation wieder entspannen.

Susanne Maußner ist Krankenschwester, Aromapraktikerin nach AiDA und Demenzbeauftragte an einer Klinik in Aalen. Sie hat zwei erwachsene Söhne.

Buchtipp:
Susan Scheibe: Ratgeber Demenz. Praktische Hilfen für Angehörige (Verbraucherzentrale)

Lerncoach: Auch Menschen 50+ können Neues lernen, wenn die Voraussetzungen stimmen

Auch Senioren können noch Sprachen, Instrumente oder einen neuen Sport lernen. Coach Annette Penno erklärt, welche fünf Tricks dabei helfen.

„Wirst du es nicht bereuen? Wenn du jetzt aufhörst, wird das später viel schwerer. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr …“ Ich war in der Grundschule und hatte meinem Vater gerade erklärt, dass ich keinen Bock mehr auf den blöden Klavierunterricht hatte, den ich bekam. Wobei mich genau genommen meine Lehrerin langweilte – und nicht das Instrument. Und jetzt hingen die Worte meines Vaters wie eine dunkle Wolke in der Luft. Denn seine Warnung war zugegeben eine schlimme Vorstellung für mich: Ein Leben als Erwachsene in ewigem Bedauern darüber, dass ich eine Chance meines Lebens für immer verspielt hatte! Sollte das Sprichwort wahr werden? Lieber nicht. Also hielt ich noch ein weiteres Jahr durch und lernte viel. Nur leider eins nicht: Klavier spielen.

Lernen ist auch im Alter möglich

Damit Lernen leicht und mit Freude funktioniert, ist immer ein günstiges Umfeld notwendig. Und der Eindruck, dass etwas Neues zu lernen dem Gehirn umso schwerer fällt, je älter man ist, lässt sich ja nicht einfach so von der Hand weisen: Die Vokabeln fürs Urlaubsland wollen einfach nicht so gut hängen bleiben, wie man sich das denkt. Die jungen Wilden sind beim Bouldern oder Reiten so schnell so viel besser als man selbst. Und das Pauken für die Prüfung der Weiterbildung dauert gefühlt dreimal so lang wie zu Schulzeiten. All das erlebt man oft, wenn man sich an ein neues Lern-Unterfangen heranwagt. Außerdem es ist unangenehm, wenn einen das Gefühl beschleicht, dass man das nicht (mehr) hinkriegt! Lernt unser Gehirn im Erwachsenenalter also schlechter als in jungen Jahren? Lohnt sich der Aufwand überhaupt – auch gemessen am Frust, den man verdauen muss?

Die Erkenntnisse der Hirnforschung zur Lernfähigkeit des Gehirns machen Mut: Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, ist es tatsächlich so, dass zeitlebens neue Nervenzellen im Gehirn gebildet werden. Die Fähigkeit zur Veränderung unserer Gehirnstrukturen hört nicht auf, nur weil wir erwachsen sind. Ein gesundes Gehirn, das älter wird, ist also nicht wie ein statisches Gebäude, an dem unweigerlich der Zahn der Zeit nagt und das nach und nach verfällt. Es ist ein sehr flexibles, phänomenales Etwas, das durch unser Denken permanent bewegt und in seinen Netzwerken aus Nervenzellen umgebaut werden kann. Wir können mit unserem Geist bis zum Lebensende Neues lernen. Und da wir ohnehin nur zehn Prozent unserer verfügbaren Gehirnmasse benutzen, ist die intelligente Reserve zwischen unseren Ohren schier endlos.

Das Gehirn braucht Training

Dass unsere Lebenserfahrung uns dennoch so oft ein anderes Bild malt, liegt meiner Erfahrung und Beobachtung nach vor allem an zwei Dingen: Zum einen ist Lernen ein enorm komplexer und damit auch sehr störanfälliger Prozess. Es gibt einige Faktoren, die den Erfolg sehr beeinträchtigen oder hinausschieben können. Und zum anderen ist es mit unserem Gehirn wie mit einem Muskel. Wer seinen Geist gut im Training hat – indem er zum Beispiel liest, nachdenkt, für Perspektivwechsel, Haltungsänderungen und Neues offen ist –, kommt auch besser voran.

Wenn wir uns also bestimmte Störfaktoren bewusst machen und sie ausschalten, ist schon viel gewonnen. Und wenn wir uns dann noch entscheiden, lebenslang Lernende zu sein und mit einer Wachstumshaltung durch den Alltag zu gehen, wird sich der stetige Lernfortschritt kaum aufhalten lassen.

Lassen Sie sich nicht ablenken!

Geringe Konzentration: Um voll bei der Sache sein zu können, brauchen wir einen freien Kopf. Das ist im Arbeitsleben oft viel schwieriger als zu Schulzeiten, weil unsere Verantwortungsbereiche größer geworden sind. Kreisende Gedanken an den Anruf bei der Schwiegermutter oder den Knatsch mit dem Chef müssen erst einmal gestoppt werden, damit sie uns nicht ablenken. Dafür alles, was sich in drei Minuten erledigen lässt, am besten vor der Lern- oder Trainingsphase erledigen. Das, was man nicht vergessen will, auf einen Zettel notieren und ihn bis zur Bearbeitung bewusst an einen anderen Ort legen. Alle äußeren Reize, die ablenken, so gut es geht aussperren oder eliminieren.

Für einen guten Fokus ist außerdem ein gut gefüllter Energietank wichtig: Wenn das letzte Drittel anbricht, fällt die Konzentration naturgemäß schwer. Daher am besten einen Zeitpunkt zum Lernen wählen, an dem man nicht bereits hundemüde oder noch in Hektik ist. Bei Kopfarbeit für Wasser, Nüsse oder Traubenzucker und frische Luft sorgen, gern ein paar Kniebeugen machen oder zum aktuellen Lieblingssong durchs Zimmer tanzen – so kann ein gut versorgtes und angeregtes Gehirn 20 Prozent mehr (!) leisten als bei Unterversorgung.

Finden Sie heraus, was Sie motiviert!

Schwache Motivation: Wenn wir uns das schöne Ziel unseres Lern-Vorhabens vor Augen malen, einen guten Zeitpunkt dafür gewählt haben und die Menge der Aufgabe nicht überfordert, haben wir eine gute Grundmotivation, um loszulegen. Dennoch kann es sein, dass es sich sehr mühsam anfühlt. Da jeder Mensch durch unterschiedliche Dinge motiviert wird, kann es helfen, sich zu überlegen, welche Umstände (auch in anderen Momenten) motivierend wirken und die Stimmung heben. Das kann alles sein, vom Lieblingspulli über einen reizarmen Lernplatz oder schönes Arbeitsmaterial bis zum Witz des Tages, den man sich vorliest. Was auch immer für gute Laune sorgt und einen in den „Ich-bin-großartig-und-kann-das-schaffen“-Modus versetzt, sollte genutzt werden!

Und: Oft wird unterschätzt, wie schwierig das Lernen allein ist. Das jüngste Distanzlernen allein vorm Bildschirm hat nicht ohne Grund eine noch größere Leistungsschere unter Schülerinnen und Schülern hervorgebracht. Egal, wie alt wir sind: Wir sind nicht dafür gemacht, alles allein zu schaffen. Hat man einen Lernpartner oder ein kleines Team, geht es oft leichter, weil man sich gegenseitig anspornen, ausfragen und auch mal bei Bedarf den Lernfrust bei den anderen abladen kann …

Greifen Sie auf Bilder und Eselsbrücken zurück!

Falsche Lernstrategien: Wer sich die Vokabeln schon früher nicht mit Karteikarten oder stumpfem Abschreiben ins Gedächtnis hämmern konnte, dem wird das auch als Erwachsenem nicht plötzlich gelingen. Ist auch kein Wunder: Soll kognitiver Lernstoff ins Hirn, braucht gehirnfreundliches Lernen eigene assoziative Bilder und Emotionen. Die sind quasi das Lieblingsessen für unsere grauen Zellen und gehen gut rein. Sketchnotes, Mnemostrategien oder auch die gute alte Eselsbrücke wären entsprechende Techniken, die man sich aneignen kann und die so „merkwürdig“ sind, dass sie besser im Kopf bleiben.

Seien Sie nett zu sich!

Geschwächte Beziehung: Ausreichend Studien belegen, dass der Lernerfolg zu mindestens 60 Prozent von der Beziehung zur Lehrkraft oder Trainingsperson abhängt. Lernen ist Beziehungsarbeit. Lernt man allein, ist die Art und Weise, wie man mit sich selbst dabei umgeht, umso wichtiger: Wie rede ich eigentlich gedanklich mit mir, wenn mir etwas nicht gleich gelingt? Wie reagiere ich bei Fehlern oder eigenen Schwächen? Das ist ein Hinweis darauf, wo noch ungenutztes Erfolgspotenzial liegt. Denn wir alle brauchen Lob, Nachsicht und Ermutigung – und sabotierende Sätze im gedanklichen Selbstgespräch wie „Mist, schon wieder falsch“, „Bin ich eigentlich blöd?“ oder „Boah, ich kann das echt nicht“ sind hinderlich für Leistung und Laune. Gehen wir also liebevoll mit uns um, damit wir unseren Erfolg nicht selbst ausbremsen.

Besuchen Sie einen Lerncoach!

Innere Blockaden: Wenn uns Missgeschicke oder Fehler im Lernprozess an Negativerfahrungen in unserer eigenen Lernbiografie erinnern, kann es sein, dass wir uns innerlich festfahren und Lernen zum emotionalen Drahtseilakt mit Absturz wird: Plötzlich holt ein bestimmter Gedanke, Satz oder ein ähnliches Setting wie zu Schulzeiten unsere längst vergessenen oder weggesperrten Gefühle wieder hoch. Und dann geht nix mehr. Unser Inneres blockiert und geht in den Widerstand. Erlebte Mini-Traumata wie Beschämung vor oder von anderen, zu viel Druck, verletztes Selbstvertrauen oder missglückte Prüfungserfahrungen legen uns wortwörtlich lahm. Denn die Stresshormone, die unser Körper dann ausschüttet, wirken wie eine Bremse aufs Denken. Und das ist keine Einbildung, sondern eine biochemische Tatsache. Nur ein entspanntes Gehirn lernt gut! Da von allein wieder herauszukommen, ist meist sehr schwierig. Spätestens dann lohnt sich der Gang zum Lerncoach, um diese Blockaden aufzulösen und Hilfen zum Überwinden an die Hand zu bekommen.

Gewiefte Greise

Auch wenn es von der zweiten Lebenshälfte bis zum Greisenalter noch etwas dauern mag: Aus den Erkenntnissen der Neurowissenschaft lässt sich demnach ein ganz anderes Zukunftsszenario entwerfen als das übliche Bild, das die Medien oft in Sachen Alter präsentieren. Ein betagter Hans Dampf statt Demenz, eine gewiefte Alte voller Scharfsinn statt Altersstarrsinn – wäre das nicht toll? Und die Chance auf diese Option ist oft nur eine Entscheidung weit entfernt: Unser Gehirn trainiert zu halten, uns nicht gedanklich festzufahren und immer bereit zu sein, etwas Neues zu lernen und das auch in Angriff zu nehmen. Hilfe gibt es bei Bedarf. Wenn damit unser demografischer Wandel viele Alte mit vielfältigen Fähigkeiten und beeindruckender Weisheit hervorbringen kann, ist das eine faszinierende Vorstellung, an deren Umsetzung ich gern mitwirken will. Deshalb tue ich tatsächlich gerade etwas, das ich schon lange vorhatte: Ich suche ein E-Piano …

Annette Penno praktiziert als Master-LernCoach offline und online in Lübeck: annettepenno.de