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Mit den Eltern über den Tod reden: Tipps für offene Gespräche

Mit den alten Eltern über Sterben und Tod reden – das fällt vielen schwer. Eine Trauerrednerin erklärt, wie man letzte Dinge ansprechen kann.

In meiner freiberuflichen Tätigkeit als Trauerrednerin begegnet mir so einiges. Zum Beispiel die Familie einer Frau, die schon seit Jahren eine Diagnose hatte, die unweigerlich zum Tod führen würde. Während sie immer schwächer wurde und schließlich ins Krankenhaus kam, wussten alle, dass sie sterben würde. Doch die Familie redete nur davon, was sie noch alles vorhatten, wenn die Patientin wieder aus dem Krankenhaus käme: Sie planten Urlaube und Unternehmungen und machten einen großen Bogen darum, über den Tod zu reden.

Als die Frau verstorben war und wir zum Gespräch am Tisch saßen, erzählten sie mir, dass die Verstorbene schon alle Papiere für ihren Tod vorbereitet hatte. Es brauchte nur noch ihr Sterbedatum eingetragen zu werden. Alles war fertig, ausgedruckt und organisiert, jedes einzelne Schreiben für jede Behörde und jede Versicherung. Aber vor ihrem Tod haben sie und ihre Angehörigen kein Wort darüber verloren.

Natürlich ist es legitim, nicht über den Tod zu reden. Aber dieses Schweigen hat seinen Preis. Denn jeder ist auf seiner Seite allein: die Person, die stirbt, und die, die zurückgelassen wird. Beide können von einer offenen Kommunikation profitieren. Aber häufig wird das Reden über Sterben und Tod blockiert, weil es unangenehm ist und verunsichert oder weil man es nicht gewohnt ist, über schwierige Dinge zu sprechen.

Angst und Scham

Es fordert uns heraus, darüber zu reden, dass die Eltern eines Tages nicht mehr da sein werden. Das geht sicher vielen so. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass wir eines Tages selbst die alternden Eltern sein werden. Das konfrontiert uns mit der Aussicht auf unsere eigene Endlichkeit.

Die Eltern-Kind-Beziehung ist eine der tiefsten Verbindungen, egal wie gut oder schlecht sie sein mag. Die alternden Eltern, die als nächstes dem Tod entgegensehen, müssen mit Schmerzen, Kontrollverlust und körperlichem Versagen rechnen. Auch damit, ihre Kinder und Enkel allein zurückzulassen, loszulassen und alles nicht mehr mitzuerleben. Die Kinder müssen sich damit auseinandersetzen, was ihre Verantwortung sein mag in dem unsicheren Prozess und welche Hilfe sie leisten können. Sie wissen, dass sie eines Tages ohne ihre Eltern leben werden – mit allen Konsequenzen. Das kann man in Gedanken vielleicht üben, aber man kann nicht wissen, wie es ist, bevor man es erlebt. Das macht Angst.

Ängste provoziert auch, dass beide Seiten sich mehr oder weniger bewusst sind, dass die letzte Lebensphase der Eltern die jahrelang vertieften Rollenbilder umkehren kann. Nun ist es an den Kindern, Verantwortung für die Eltern zu übernehmen. Das kann Scham auf beiden Seiten auslösen. Und es ist zu vermuten, dass sie mit einem intensiven Gefühl von Verletzlichkeit einhergeht. Schutzbedürftigkeit und Stärke wechseln die Lager. Wie wird man damit zurechtkommen? Wird die Beziehung das aushalten?

Dazu kommt, dass in unserer Gesellschaft der Tod ein Tabuthema ist. Man flüstert nur darüber, verschweigt es den Kindern, wo es geht, und arbeitet daran, den eigenen Tod möglichst weit nach hinten zu schieben. Im Alltag über den Tod zu reden, steht meist im Gegensatz zu dem, was wir gelernt und weitergegeben haben. Kein Wunder also, dass es Irritationen auslösen kann. Sollte ich mich trotzdem dem Thema stellen und mit meinen Eltern über den Tod reden? Macht es Sinn, sie damit zu konfrontieren? Und wie stelle ich es an?

Offener Austausch

Als meine Kinder in der Grundschule waren, machten mir andere Eltern Angst vor den Teenagerjahren: „Warte nur ab, dann wird es euch nicht mehr so gut gehen“, schien die Botschaft zu sein. Ein Erziehungsvortrag bot eine andere Perspektive: „Wenn ihr jetzt als Eltern mit den Kindern in gutem Kontakt seid und daran arbeitet, dass es so bleibt, habt ihr eine gute Grundlage für die Teenagerzeit,“ beantwortete der Referent meine sorgenvoll gestellte Frage.

Ähnlich kann man auch auf die Phase zugehen, wenn die Eltern alt werden. Wir können rechtzeitig die Beziehung zu unseren Eltern pflegen und vertiefen. Gelegenheiten zum besseren Kennenlernen und Austauschen kann man mit einem Kaffeetrinken oder Abendessen schaffen. Einstiegsfragen können sein:

  • Gab es einen Moment, der euer Leben besonders geprägt hat?
  • Was hättest du gern über das Leben gewusst, als du so alt warst wie ich jetzt?
  • Wie habt ihr schwierige Zeiten gemeistert?
  • Welche Träume habt ihr aufgegeben?
  • Welche Wünsche habt ihr für die nächsten Jahre?

Wenn wir uns selbst unseren Eltern gegenüber offen und verletzlich zeigen, fördert das den Austausch und vertieft die Beziehung. Es kann auch hilfreich sein, den Eltern Lob und Anerkennung für ihr Engagement und ihre Erziehungsarbeit zu zollen. Vielleicht hadern sie genau wie wir mit ihrem Elternsein. So ein offenes Gespräch kann eine Grundlage bilden, weiter in Kontakt zu bleiben und auch die Themen der Zukunft anzusprechen, zum Beispiel so:

„Meine lieben Eltern, auf der Family-Webseite habe ich einen Artikel gelesen, der mich nachdenklich gemacht hat. Es ging um das Älterwerden der eigenen Eltern. Ich bin oft so mit meinen Kindern beschäftigt, dass ich nicht so sehr an euch denke. Beim Lesen des Artikels wurde mir bewusst, wie wichtig ihr mir seid. Und auch, dass ich gar nicht weiß, was euch wesentlich ist, wenn ihr alt werdet und etwas so kommt, dass ihr es vielleicht nicht mehr ausdrücken könnt. Es macht mir auch ein mulmiges Gefühl, dass ich mich vielleicht eines Tages um euch kümmere und unsere Rollen vertauscht werden. Aber ich möchte euch dann gern zur Seite stehen und wünsche mir, dass wir über ein paar Dinge reden.“

Oder: „Ich würde euch gern ein paar Fragen stellen. Die demente Mutter meiner Arbeitskollegin ist ins Pflegeheim gekommen. Ihr Vater hatte sich bisher um alles gekümmert, aber er ist vor vier Wochen plötzlich verstorben. Jetzt steht meine Kollegin allein mit der Verantwortung da und hat viele Fragen, die ihr keiner mehr beantworten kann. Ich merke, wie schwer es für sie ist. Das wünsche ich mir mit euch anders. Können wir uns mal Zeit dafür nehmen und darüber reden, welche Vorstellungen und Wünsche ihr habt?“

In diesem Kontext kann man auch auf Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht zu sprechen kommen. Oder man kann besprechen, ob eine 24-Stunden-Pflegekraft für zu Hause eine Möglichkeit ist oder ein Pflegeheim, in dem noch andere Menschen wohnen.

Über Essenzielles reden

Nun haben wir aber immer noch nicht über Tod und Sterben geredet, nur übers Älterwerden. Als meine Mutter im Hospiz war, sagten uns die Pflegerinnen dort, dass sterben so individuell ist wie geboren werden. Es kann länger dauern und ein Kampf sein. Es kann friedlich sein und schnell. Es kann erwartet sein oder plötzlich. Jeder stirbt anders. Jeder hat seine eigene Geschichte, oder sein eigenes Ende der Geschichte, wenn man so will. Worüber kann man da vorher reden?

Auf der einen Seite ist es sicher gut, Chancen zu nutzen, um über Essenzielles zu reden. Fragen könnten sein: Was soll dein Vermächtnis sein? Was sollen wir über dich erzählen? Was soll von dir bleiben? Gibt es etwas, das du noch erreichen oder erleben möchtest? Was möchtest du mir oder deinen Enkeln noch sagen? Wie siehst du mich? Was wünschst du dir für mich, wenn du nicht mehr da bist? Hier kann auch ein Brief oder ein Audio wertvoll sein.

Vielleicht gibt es auch wunde Stellen im Herzen, die Vergebung brauchen. Eine Bekannte hat von ihrer Mutter auf dem Sterbebett zum ersten Mal den Satz gehört: „Man hätte auch manches anders machen können.“ Es war das erste Eingeständnis, dass sie als Mutter nicht über allem gestanden und sich selbst hinterfragt hat. Diese paar Worte waren ein enormer Trost für meine Bekannte. Wenn über Sterben und Tod geredet wird, ist es ein guter Zeitpunkt, sich zu fragen, was emotional noch zu klären ist, bevor jemand geht. Vielleicht ist auch eine kritische Rückmeldung möglich oder nötig: „Ich hätte mir gewünscht …“ Oder: „Diese Entscheidung habe ich nicht verstanden …“

Um über den Sterbeprozess selbst zu reden, können diese Fragen wertvoll sein:

  • Denkst du, du möchtest eher allein sein, wenn du im Sterben bist? Oder wünschst du dir, dass jemand bei dir ist?
  • Gibt es Lieder, die wir singen oder abspielen können, die dir guttun? Oder sollen wir etwas vorlesen oder mit dir beten?
  • Gibt es etwas, das dir Trost und Geborgenheit spenden würde?

Gleichzeitig ist es auch ein gemeinsamer Weg, den wir mit unseren Eltern gehen. Und es ist gut, darüber im Gespräch zu sein. Nach einer Diagnose kann die bisherige Zuversicht unerwartet schnell umschlagen. Schmerzen können Gottvertrauen in Frage stellen. Es ist ein Weg, bei dem wir oft nur bis zur nächsten Biegung schauen können – danach kann alles passieren. Jeder Abschnitt mag sich anders anfühlen. Aber wenn wir gelernt haben, im Kontakt zu sein und Gefühle und Ängste auszusprechen, ist keiner allein.

Aufeinander zugehen

Ich bin fest davon überzeugt, dass beide Seiten emotional profitieren und sich gegenseitig stützen können, wenn der Austausch früh angefangen hat und in herausfordernden Zeiten weitergehen darf. Dieser Weg, der unterschiedlich endet, kann lange gemeinsam gegangen werden.

Mit den Eltern über Sterben und Tod zu reden, kann individuell sehr unterschiedlich sein. Da darf jeder und jede einen eigenen Weg finden, auf dem es kein richtig oder falsch gibt. Manches, was eine Seite sich wünscht, kann die andere nicht ertragen. Aber es ist gut, mutig zu sein, aufeinander zuzugehen und damit zu rechnen, dass Nähe wachsen kann. Mit offenen Augen und einem offenen Herzen lassen sich Möglichkeiten finden, um über praktische und persönliche Dinge zu sprechen und sich gegenseitig zu tragen.

PS: Vergesst nicht, nach dem Rezept vom leckeren Kartoffelsalat zu fragen!

Debora Güting lebt in Linsengericht. Sie hat vier Kinder, zwei davon erwachsen. Sie arbeitet derzeit mit psychisch kranken Menschen und als Trauerrednerin.

Wenn die Eltern altern – und meine Hilfe brauchen

Schlaganfall, Parkinson oder Altersschwäche – irgendwann brauchen die Eltern Hilfe. Besonders herausfordernd ist das für Einzelkinder. Kerstin Wendel berichtet, was stärkt und was hilft.

Wir Einzelkinder stehen allein da. Wieder mal. So sind wir es gewöhnt aus dem geschwisterlosen Leben. Dabei wartet eine Fülle von Herausforderungen auf uns, die ansonsten auf mehrere Schultern hätten verteilt werden können. Was kommt jetzt auf uns zu? Und schaffen wir das allein?

Wenn Eltern unterstützt werden müssen, ist manches zu organisieren. Wie ist dies oder das zu machen? Welche Hilfe bietet man an? Was muss delegiert werden? Wie geht es einem selbst mit den schwächer werdenden Eltern? Austausch mit Geschwistern über all diese Fragen gibt es nicht. Wenn vorhanden, können wir mit dem Ehepartner sprechen. Eventuell reicht uns das nicht. Wir fühlen uns zunächst allein und eventuell auch überfordert mit allem.
Idee: Gibt es Freundinnen oder Freunde, mit denen wir über unsere Herausforderungen sprechen können?

Konflikte mit den Eltern

Unterschiedliche Vorstellungen von Eltern und Kind prallen aufeinander. Es ist natürlich, dass Eltern und Kindern manches unterschiedlich handhaben im Alltagsleben. Kein Problem, solange jeder „nur“ für sein eigenes Leben zuständig ist. Jetzt aber heißt es, den Eltern und ihrer Alltagsgestaltung näherzurücken.

Ein Freund von mir musste sehr plötzlich die Krankenhaustasche seines Vaters packen. Er empfand Scham, weil die Kleidung nicht in Ordnung war. Eigentlich hätte er am liebsten erst einmal passende, saubere Schlafanzüge bestellt.

Anna* litt darunter, dass ihre Mutter so unbeweglich war. Jede Idee, den Alltag zu verändern, wurde abgelehnt. Alles sollte so sein wie immer. Da war kein Interesse, es sich leichter zu machen. Das alles sind Konfliktfelder.
Fragen: Was kann ich als Einzelkind anregen? Welche Entscheidung der Eltern muss auch einfach hingenommen werden?

Kommunikation ist manchmal nicht erwünscht. Manchen Eltern fällt es schwer, Vorkehrungen für das eigene Alter zu treffen. Sie möchten nicht darüber nachdenken oder darauf angesprochen werden. Da keine Geschwister da sind, kann man niemand anderen bitten, ein Gespräch zu übernehmen.
Idee: Ein Freund von mir hat deshalb den Hausarzt mit eingeschaltet, als er nicht mehr weiterwusste. So konnte im Dreiergespräch Wichtiges auf den Tisch kommen.

Alte Konflikte können belastend nachwirken, denn manche Familiengeschichte ist beschwert von früher. Vielleicht war es nie leicht, über Persönliches zu sprechen? Oder es wurden Grenzen überschritten? Vielleicht gab es nicht zu lösende Konflikte? Vielleicht haben Kind oder Eltern etwas nicht vergeben können? Diese Probleme werden unterschwellig mitlaufen. Wenn wir Kinder durchschauen, welche Themen „von früher“ noch mitschwingen, können wir versuchen, konstruktiv damit umzugehen.
Idee: Wir sollten abwägen, was wir überhören müssen. Wir werden außerdem lernen müssen, wie wir gut für unsere Seele sorgen können, damit wir innerlich frei helfen können. Unter anderem sicher dadurch, indem wir uns fokussieren auf die aktuell nötige Unterstützung.

Schatten der Vergangenheit – (un)ausgesprochene Vorwürfe

Manchmal ergibt es sich, dass das pflegende Kind zum Buhmann wird. Das liegt weder am jeweiligen Einzelkind noch an den Eltern, sondern häufig einfach an der Situation. Denn der alte Mensch muss sich sehr umstellen. Plötzlich mischt „das Kind“ sich in Alltagsentscheidungen ein. Das kann zu Wut, Ärger oder Ohnmachtsgefühlen bei den Eltern führen. Vielleicht tauchen Gedanken auf wie folgende: „Mir wird nichts erlaubt! Immer soll ich so viel bezahlen. Alles geht nach deiner Nase.“ Die werden vielleicht offen angesprochen und stehen als Vorwurf im Raum oder sie wirken unterschwellig. Da sich die Hilfestellungen nicht auf Geschwister verteilen können, landet alles auf der Einzelkind-Schulter. Das kann wehtun und frustrieren.
Frage: Wo und wie kann ich Dampf ablassen? Das eingeschränkte Einzelkind ist besonders herausgefordert. Einige meiner Einzelkinderfreunde sind wie ich nur begrenzt belastbar. Entweder sind sie selbst chronisch krank oder verheiratet mit einem chronisch kranken Menschen. Deshalb ist es nicht einfach, weise Entscheidungen zu treffen. Natürlich geht der eigene Ehepartner vor, aber die Verantwortung für die Eltern bleibt bestehen. Eventuell spürt das Einzelkind deshalb auch Enttäuschungen der Eltern, weil mehr an Hilfe nicht zu leisten ist.
Frage: Wie können wir uns als Paar und evtl. parallel die Eltern durch Hilfe von außen unterstützen lassen? (Tipps dazu siehe „Praktische Hilfen“)

Niemand redet mir rein

An einigen Stellen haben wir es auch leichter ohne Geschwister:
Es sind keine Absprachen nötig: Langwierige Telefonate mit den Geschwistern? Eventuell sogar Konflikte über unterschiedliche Ansichten, Geldausgaben oder Notwendigkeiten? All das kennen wir nicht. Das spart eine Menge Nerven und Zeit. Ich kenne einige Familien, in denen das Thema Elternpflege zur Belastung der Geschwisterbeziehungen wurde. Davon sind wir Einzelkinder verschont.

Neues Gemeinschaftsgefühl kann wachsen: Klaus* hätte gern schon viel früher seinen Vater unterstützt. Aber der lehnte ab. Erst als er zu schwach für vieles war, durfte Klaus ran: den Schuppen aufräumen, Unnötiges ausmisten. Nachdem die ersten Dinge erledigt waren, bekam Klaus einen dankbaren Vater zu spüren. Eine neue Erfahrung für ihn. Oder Ilse*. In ihrer Elternbeziehung war nicht alles rundgelaufen. Es gab unlösbare Konflikte. Die Schwäche eines Elternteils erwies sich als Entlastung. Plötzlich wurden andere Fragen wichtig, lenkten von früheren Auseinandersetzungen ab. In beiden Fällen wurde Familie wieder positiver erlebt. Dieses Gemeinschaftsgefühl kann Einzelkinder und Eltern stärken. Auf der letzten gemeinsamen Wegstrecke geht plötzlich noch etwas.
Keine Rivalitäten aufgrund dankbarer Eltern: Vielleicht zeigen sich Eltern plötzlich sehr dankbar für Hilfe und Unterstützung. Sie zeigen es verbal oder finanziell. Das könnte Neid unter Geschwistern hervorrufen. Dem Einzelkind tut es einfach nur gut.

Was praktisch hilft

Wie schon deutlich wurde: Es gibt Hilfen und Ideen, um sich in dieser Zeit unterstützen zu lassen. Neben den bereits genannten Anregungen gibt es weitere grundsätzliche Hilfen:
Emotionale Unterstützung: Seit meine Eltern schwächer werden, tut es mir gut, mit engen Freunden zu sprechen. Unter ihnen sind ebenfalls manche Einzelkinder. Manche Last wird plötzlich leichter, Gebetsanliegen werden ausgetauscht, hilfreiche Infos geteilt. Und es darf gelacht werden! Das baut Spannung ab, schenkt neue Kraft, manchmal auch den nötigen Abstand und macht vieles leichter.

Praktische/pflegerische Unterstützung: Das kann für Einzelkinder, die vor Ort leben, wichtig sein, erst recht aber für auswärtige. Schon lange, bevor meine Eltern pflegebedürftiger wurden (ich bin auswärtiges Einzelkind), haben wir uns zu dritt dafür entschieden, eine Ansprechperson vor Ort zu haben. Sie hat einen Schlüssel zum Haus meiner Eltern, weiß, wo die gepackte Krankenhaustasche steht und wo wichtige Dokumente liegen.

Nicht immer wird man sofort „springen“ können. Für diesen Fall ist vorgesorgt. Außerdem kann man die Infrastruktur des Ortes ausschöpfen: Welche Geschäfte können etwas liefern? Wo finde ich Unterstützung für Haus, Technik oder Garten? Hier helfen Kleinanzeigen in Zeitungen oder Geschäften sowie Kontakte über die Ortsgemeinde oder die Diakonie. Außerdem ist wichtig zu wissen: Welche Pflegedienste gibt es vor Ort? Wer bietet „Essen auf Rädern“ an?

Klar und eindeutig kommunizieren: Mir ist es wichtig, klar auszudrücken, was ich leisten kann und was nicht. Das schenkt Eltern Sicherheit und bewahrt das Einzelkind vor zu großen Schuldgefühlen.
Vorausdenken lernen: Wie schon angedeutet fällt es manchen Eltern schwer, über ihr Älterwerden nachzudenken. Sie verdrängen lieber. Andere denken häufig ängstlich und besorgt darüber nach. Für beide kann es entlastend sein, wenn das Einzelkind bereits Dinge durchdacht hat, am besten, bevor eine zu große Notlage entsteht. Das kann sich auf kleine Dinge wie Fensterputzen beziehen oder auf größere. Manche reservieren deshalb bereits einen Platz im Betreuten Wohnen oder Pflegeheim vor.
Loslassen lernen: Ich weiß um Zeiten in meinem Leben, in denen mir die Situation „Eltern brauchen Hilfe“ zu einer großen seelischen Belastung geworden war. Das liegt Jahre zurück. Als Christ hat es mir geholfen, diese Last zusammen mit meiner Seelsorgerin an Gott abzugeben. Das war ein längerer Prozess, aber ich habe erlebt, wie der Glaube mir Halt gegeben und in mir Heilung bewirkt hat.

Kerstin Wendel ist Autorin, Sprecherin und Seminarleiterin und lebt mit ihrem Mann in Wetter/Ruhr.

*Alle Namen geändert.

Das letzte Jahr mit meinem Vater

Ein Elternteil in die Wohnung aufzunehmen, nachdem man viele Jahre als Familie allein gelebt hat, kann eine Herausforderung sein.

W enn meine Schwester und ich als junge Mädchen über unsere Eltern nachdachten, waren wir uns einig, dass wir zu unserer Mutter die vertrautere, bessere Beziehung hatten. Wenn wir die Wahl hätten, würden wir in ferner Zukunft lieber mit unserer Mutter zusammenleben und sie versorgen als mit unserem Vater. Aber es sollte anders kommen. Meine Mutter starb schon mit 65 Jahren, mein Vater lebte noch 26 Jahre länger. Nach ihrem Tod war er körperlich und geistig so fit, dass er noch gut in seinem Haus leben konnte. Bereits nach einem Jahr hatte er eine neue Lebensgefährtin gefunden. Wir wussten, dass er unsere Mutter geliebt hatte, und empfanden seine neue Freundin als Bereicherung für ihn. Wir waren dankbar, dass er eine Frau gefunden hatte, die sich um ihn kümmerte und sein Bedürfnis nach Nähe und Beschäftigung erfüllte. Wie vorher auch mit meiner Mutter besuchten sie uns regelmäßig, spielten mit unseren Kindern und mein Vater half uns, wo er nur konnte. Besonders beim Bau unseres Hauses setzte er sich stark ein. Es kam uns zugute, dass er handwerklich sehr geschickt war, gerne arbeitete und gerne half. Allerdings hatte er auch seine eigenen Vorstellungen, wie Arbeiten auszuführen seien, was nötig sei und was nicht. Seine großzügige Einstellung: „Das geht schon so!“ und seine Tendenz, das, was er für nötig hielt, auch durchzusetzen, kam gelegentlich in Konflikt mit unseren Wünschen und Vorstellungen. Trotzdem war klar, dass in unserem Haus immer ein Platz für ihn sein würde, wenn seine Versorgung oder Pflege zu bewältigen wäre.

BARRIEREFREI
Zwanzig Jahre später war es dann so weit: Seine Gesundheit wurde deutlich schlechter. Es war vorhersehbar, dass seine Lebensgefährtin, die mittlerweile 87 Jahre alt war, ihn nicht dauerhaft würde versorgen können. Mein Vater entwickelte eine Blutkrankheit. Er brauchte alle sechs Wochen eine Blutübertragung und wurde immer schwächer. Als er für ein Wochenende bei uns war, merkten wir, dass er sich nicht mehr orientieren konnte und die Treppen nur sehr schlecht bewältigte. Daher beschlossen wir ganz spontan, das Arbeitszimmer meines Mannes in die für meinen Vater vorgesehene Kellerwohnung zu verlegen. Damit war ein Zimmer in unserer Wohnung im Erdgeschoss frei, das wir ihm einrichten konnten. Da mein Mann gerade etwas Zeit hatte und auch unsere erwachsenen Kinder helfen konnten, hatten wir das neu möblierte Zimmer innerhalb von sechs Wochen fertig. Es war zuerst als Gästezimmer gedacht, doch es erwies sich, dass Gottes Timing genau richtig war. Eine Woche, nachdem das Zimmer fertig war, kam mein Vater ins Krankenhaus. Sein Zustand verschlechterte sich so, dass er anschließend per Krankentransport zu uns gebracht wurde. Es war alles für ihn vorbereitet. Eine behindertengerechte Dusche hatten wir ein Jahr vorher im Erdgeschoss einbauen lassen. Er bekam sofort Pflegestufe eins. Im Rückblick ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, rechtzeitig auch bauliche Vorkehrungen zu treffen, damit barrierefreies Wohnen möglich ist.

ALTE EMPFINDLICHKEITEN
Während mein Vater anfangs noch stark desorientiert war, besserte sich sein Zustand zusehends. Er konnte allein zum Tisch und zur Toilette gehen und eine Zeitlang noch mit uns zum Gottesdienst kommen. Für ihn war es selbstverständlich, dass er den ganzen Tag bei uns im Wohnzimmer auf dem Sofa saß oder lag und alles interessiert mitverfolgte, was bei uns passierte. Nur wenn wir Hauskreis in unserer Wohnung hatten, blieb er in seinem Zimmer. Wie gut, dass morgens die Mitarbeiterin der häuslichen Krankenpflege kam. Sie cremte ihn ein und half ihm beim Waschen und Anziehen. Das schützte meine und seine Intimsphäre. Ihre Gespräche brachten auch neue Impulse in seinen Alltag. Mein Vater klagte nicht. Er war lieb und freundlich und versuchte, uns keine Last zu sein. Obwohl ich ihn gern versorgte, merkte ich mehr und mehr, dass ich seine ständige Anwesenheit als Bedrohung meiner Privatsphäre empfand. Ich interpretierte sein Interesse an allem, was unser Leben betraf, als unangebrachte Neugier. Fragen wie: „Hat deine Nachbarin wieder einen Freund?“ und „Wie geht es in der Gemeinde?“ mochte ich nicht beantworten. Obwohl ich sein Bedürfnis nach Nähe und Teilhabe verstand, entdeckte ich in mir die Gefühle und Verhaltensweisen eines Teenagers, der nicht will, dass sein Vater alles weiß und sich einmischt. Ich hatte das Bedürfnis, meine innere Selbständigkeit und die Ablösung von meinem Vater zu behalten. Selbst harmlose Bemerkungen wie „Mach die Tür zu!“ und „Mach das Licht aus!“ weckten meinen Widerstand. Ich wollte Herr in meinem eigenen Haus bleiben, bestimmen, welche Musik gehört wurde und telefonieren, ohne dass mein Vater zuhörte. Ich wollte weder seine Mutter sein, die seine Bedürfnisse nach Nähe und Beschäftigung stillte, noch seine Lebenspartnerin, deren Leben sich vor allem um seine Wünsche gedreht hatte. Ich habe mich aber nie getraut, diese Gefühle meinem Vater gegenüber anzusprechen und ihn zu bitten, öfter in seinem Zimmer zu bleiben. Er würde das nicht verstehen, dachte ich.

GUT UNTERSTÜTZT
Wie gut, dass ich mit der Versorgung meines Vaters nicht alleine dastand. Mein Mann und meine Kinder unterstützten mich. Besonders die Kinder liebten ihren Opa und konnten ihm das auch zeigen. Mein Mann half in allen praktischen Dingen des Alltags. Auch meine Schwester war uns eine große Hilfe. Ich konnte alle Dinge, die meinen Vater betrafen, mit ihr besprechen – auch meine negativen Gefühle. Ich hörte keine Kritik, sondern bekam Ermutigung und Unterstützung. Als wir in den Urlaub fahren wollten, zog sie für eine Woche bei uns ein, um unseren Vater zu versorgen. Und auch manches Wochenende vertrat sie uns. Mein Vater wurde zusehends schwächer und empfand sein Leben als beschwerlich. Er hatte aber keine Schmerzen und auch keine Angst vor dem Tod.

TRAURIG UND BEFREIT
Es kam der Tag, an dem ich mir bei einem Sturz den Knöchel brach. Nur Stunden später erlitt mein Vater einen Schlaganfall. Wir lagen für eine Woche im selben Krankenhaus. Mit dem gebrochenen Knöchel wäre es mir unmöglich gewesen, ihn weiter zu Hause zu versorgen. Doch er verstarb friedlich, ehe ich ihm das sagen musste. Das empfand ich im Nachhinein als gutes Timing Gottes. Meine Schwester hatte Zeit, um ihn in den letzten Tagen zu begleiten. Wir verstanden seinen Tod mit 91 Jahren als das Ende eines guten, zuletzt aber auch beschwerlichen Lebens. Ich war traurig, fühlte mich aber auch befreit. Im Nachhinein habe ich bemerkt, dass ich mich besonders an den Eigenarten meines Vaters gerieben habe, die ich auch bei mir selbst feststelle. Daher will ich schon jetzt versuchen, meine Neugier gegenüber unseren Kindern zu zügeln oder zumindest nicht zu zeigen. Und ich will nicht immer erwarten, dass alles so läuft, wie ich es mir vorstelle. Auch ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, die Privatsphäre meiner Kinder zu respektieren und ihnen ihren Freiraum zu lassen.

SCHULDGEFÜHLE
Wenn ich heute über die letzte Zeit mit meinem Vater nachdenke, bekomme ich manchmal Schuldgefühle. Das passiert besonders, wenn ich davon lese oder höre, dass andere die letzte Zeit mit einem zu pflegenden Elternteil als Beginn einer neuen innigen Beziehung empfunden haben. Aber ich wollte nicht zu viel Nähe haben. Heute denke ich, dass ich ihm die letzte Zeit ein wenig schöner hätte machen können, etwa durch mehr herzliche Berührungen und intensivere Gespräche. Wenn ich mit meinem Mann oder meiner Schwester darüber rede, entgegnen sie mir, dass mein Vater sich bei uns wohlgefühlt hat und ich es gut gemacht habe. Aber die Schuldgefühle blieben noch lange. Irgendwann ist mir klargeworden, dass es weder sinnvoll ist, über meine Versäumnisse nachzugrübeln noch mir immer wieder die Bestätigung einzuholen, dass ich alles richtig gemacht habe. Gott kennt mein Herz und auch meine Versäumnisse. Er hat mir darüber Vergebung und Frieden geschenkt.

Die Autorin möchte anonym bleiben.