Bindungsorientierte Erziehung? Was sich wirklich dahinter verbirgt
Für die einen ein Schreckgespenst, für die anderen der Königsweg: Bindungsorientierte Erziehung. Doch was genau ist das? Daniela Albert klärt auf und gibt Tipps, wie Eltern den passenden Erziehungsstil finden.
Bindungsorientierte Erziehung ist für manche Eltern der Königsweg zu einem gelungenen Zusammenleben. Für andere Eltern ist dieser Ansatz ein rotes Tuch, das sie mit Überforderung, verwöhnten Kindern und ständigem Körperkontakt in Verbindung bringen. Immer wieder entbrennen Diskussionen darüber, ob der Ansatz, der auch als bedürfnisorientierte Erziehung bezeichnet wird, nun das Potenzial hat, eine neue Generation friedfertiger Menschen hervorzubringen oder einen Haufen Egomanen, die nicht lebenstauglich sein werden.
Das mag überspitzt klingen. Schaut man sich aber an, wie unnachgiebig und kompromisslos unterschiedliche Richtungen in sozialen Medien aufeinander losgehen, wird klar, dass in dieser Debatte selten mit Augenmaß und Pragmatismus auf den Familienalltag geschaut wird.
Glücklicherweise begleite ich mittlerweile so lange Familien, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass ein großer Teil von Menschen, die Kinder erziehen, längst ihren eigenen Weg gefunden haben, jenseits dieser Polarisierung. Diese Wege sind meist eine Mischung aus erlerntem Wissen über das, was kleine Menschen brauchen, einem guten Bauchgefühl und einer pragmatischen Anpassung der eigenen Ideale an das, was im Alltag machbar ist.
Feinfühlige Begleitung
Eine Methode, zu einem guten Miteinander in der Familie zu finden, ist für mich die Frage, was junge Menschen am Ende einmal mit ins Leben nehmen sollen. Viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder ein grundsätzliches Gefühl von Verbundenheit mitnehmen, etwas, das sich nach Geborgenheit anfühlt und an das man anderswo anknüpfen kann. Natürlich wollen wir, dass junge Menschen mit einer gewissen Resilienz ausgestattet sind. Wir wünschen uns, dass sie in der Lage sind, soziale Beziehungen einzugehen, und dass sie wissen, was sie zufrieden macht und was ihnen weniger gut tut.
Für all das kann eine feinfühlige Begleitung einen Grundstein legen. Kinder, die mithilfe von Erwachsenen gelernt haben, sich selbst und ihre Gefühle besser zu verstehen, wissen später darum, wie sie emotional für sich sorgen können. In einem Zuhause, in dem ein gutes Miteinander vorgelebt wurde, kann die Fähigkeit entstehen, sich in soziale Gefüge einzufinden. Kinder, die Verlässlichkeit durch klare Regeln, gut gestaltete Übergänge und schöne Rituale erlebt haben, haben eine Idee von Geborgenheit mitbekommen. Diese wirkt sich positiv auf ihr weiteres Leben aus und kann sie in schwierigen Situationen tragen.
Begrenzte Kraft
Um all das mitzugeben, braucht es ein paar Grundzutaten, die wir im Vorratsschrank der bedürfnis- oder bindungsorientierten Erziehung finden und die wir nützlich einsetzen können. Doch wie genau das aussieht, bleibt am Ende jeder Familie selbst überlassen. Das hat, wie schon erwähnt, mit eigenen Einstellungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu tun. Für die einen spielt das gemeinsame Schlafen im Familienbett eine entscheidende Rolle, wenn es um das Geben von Sicherheit und Geborgenheit geht. Für andere ist allein die Vorstellung der Horror – und für viele liegen Wahrheit und praktische Ausgestaltung dazwischen.
Es hilft definitiv beim Verstehen der eigenen Emotionen und beim Lernen, diese sozialverträglich zu regulieren, wenn man in emotionalen Ausnahmesituationen wie Wutanfällen geduldig begleitet wird. Manche Eltern halten dies mit stoischer Ruhe sehr lange aus. Andere müssen den Raum verlassen oder an andere Erwachsene übergeben. Oder sie schimpfen doch irgendwann, und hinterher müssen sich alle beieinander entschuldigen – und lernen so auch etwas über soziales Miteinander.
Kraft, die man im Elternalltag hat, ist endlich und nicht verhandelbar – auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Mütter und Väter, die sich aufgrund von Perfektionsdruck und Erziehungsansätzen, die nicht zu ihnen passen, an den Rand eines Zusammenbruchs manövriert haben, können nicht mehr viel mitgeben. Manchmal sind klare Grenzen oder ein „Nein ohne Diskussion“ wichtig für die gesunde Entwicklung unserer Kinder. Nicht weil Kinder, wie es in einem alten Ratgeber mal hieß, Grenzen brauchen. Sondern weil wir als Eltern dadurch gut für uns sorgen und somit dafür, dass wir weiterhin verlässlich an ihrer Seite sein können.
Sicher und geborgen
Grundsätzlich kann man feststellen, dass die Erkenntnisse der Bindungstheorie und Ableitungen, die dadurch in die alltägliche Erziehung eingesickert sind, gute Entwicklungen gebracht haben. Es ist eine positive Entwicklung, dass immer mehr Mütter und Väter sich mit menschlichen Grundbedürfnissen auseinandersetzen. Auch ist es gut, dass sie sich Mühe geben, ihre Kinder feinfühlig zu begleiten und auf ihre verbalen und nonverbalen Signale einzugehen. Es hilft, wenn Kinder ihrem Alter angemessen verlässlich dabei unterstützt werden, nicht nur satt und sauber zu sein, sondern sich sicher und geborgen zu fühlen und sich eigenständig entwickeln zu können.
Gerade in meiner Arbeit in der Jugendhilfe sehe ich, wie viel nachhaltig kaputt gehen kann, wenn junge Menschen zu lange in einer Umgebung waren, in der ihnen dies nicht zuteilwerden konnte. Doch genau diese Arbeit dort hat mir auch noch einmal klar vor Augen geführt, dass wir uns diese ideologischen Grabenkämpfe darüber, wie genau man es nun „richtig“ macht, sparen können – genauso wie den Perfektionsdruck, der dahintersteht.
Bauchgefühl und Liebe
Es geht nicht darum, immer alles richtig zu machen. Und es geht schon gar nicht darum, jeden neuen Trend, der im Fahrwasser von „Bindungsorientierung“ durch soziale Medien oder Feuilletons geistert, mitzumachen. Es geht einzig und allein darum, einen Weg zu finden, der in der eigenen Familie gut funktioniert.
Und nein, dabei ist es natürlich nicht völlig egal, was wir tun. Glücklicherweise hat sich mittlerweile auch breit herumgesprochen, dass es Erziehungsmethoden gibt, die nichts Gutes mit sich bringen. Gewalt gegen Kinder, harte Hände und starre autoritäre Familienhierarchien sind nicht hilfreich, um Menschen auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten. Auch wenn heute wieder vereinzelt danach gerufen wird. Wir können uns von der guten Mischung aus Bauchgefühl, Wissenschaft und einer kräftigen Portion Liebe leiten lassen, dann dürfen sich solche Ideen schnell erübrigen.
Doch dazwischen – zwischen dem Aufopfern und Verwöhnen und der Härte, die wir größtenteils hinter uns gelassen haben – liegt ein Raum, in dem Verbundenheit und Beziehung möglich ist. Ein Raum, in dem Liebe gelebt werden und Halt gegeben werden kann. Gestaltet diesen Raum nach euren Vorstellungen!
Daniela Albert ist Erziehungswissenschaftlerin und Eltern- und Familienberaterin (familienberatung-albert.de). Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Kaufungen bei Kassel.
Buchtipps
Daniela Albert: Kleine Kinder, starke Wurzeln. Bedürfnisorientiert durch die ersten Jahre (Neukirchener)
Daniela Albert: Anlauf nehmen fürs Leben. Bedürfnisorientiert von der Grundschule in die Teenagerjahre (Neukirchener)