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„Gut genug“ statt Perfektion: Was Eltern und Kinder wirklich stark macht

Familien brauchen mehr Ehrlichkeit und weniger Perfektion, meint Domenik Schuster, Filmemacher und Initiator von „Good Enough Parents“. Im Interview erklärt er, worauf es ankommt.

Wie entstand die Idee zu „Good Enough Parents“?

Als ich mit 21 Jahren Vater wurde, hat mich überrascht, welche Überzeugungen über Kinder ich im Kopf hatte. „Du darfst ein Kind nicht verwöhnen“ oder „Kinder müssen schnell selbstständig werden!“ Als aus unserem Baby ein Kleinkind wurde, fiel mir immer mehr auf, wie oft wir uns über die Bedürfnisse von Kindern hinwegsetzen. Ich wollte verstehen, woher das kommt. Das war der Anstoß zu meinem ersten Film „Good Enough Parents“, in dem ich mit Historikerinnen, Kinderärzten, Psychologinnen und Pädagoginnen gesprochen habe.

Als Eltern „good enough“ zu sein, klingt wohltuend unperfekt. Was bedeutet das im Familienalltag?

Ich bewundere alle Eltern, die hohe Ideale haben. Wir wollen es gut machen: Selbstwert stärken, Gefühle begleiten, zugewandt sein. Wir wollen unsere Kinder auf eine Welt vorbereiten, von der wir nicht wissen, wie sie sein wird und was unsere Kinder dafür brauchen. Und nebenher versuchen wir noch, irgendwie Gemüse in die Kinder zu bekommen. Es gibt so viele Ideale, an denen wir scheitern können. Wenn wir mehr über das Scheitern sprechen, ohne unsere Ideale zu vergessen, haben wir mehr Kraft, die Eltern zu sein, die wir sein wollen. Am Tagesende neben dem schlafenden Kind zu liegen und zu denken: „Da war heute viel Schönes dabei. Ich mache das echt okay so“ – das tut uns besser als Selbstabwertung.

Warum ist der ehrliche Austausch unter Eltern wichtig?

Ich finde das Gefühl schrecklich, wenn ich wieder ein Instagram-Video von einem kleinen Kind sehe, dass montessori-gerecht Holzspielzeug stapelt und einen Babyccino schlürft, während meine Kinder mit einer Bratpfanne eine Delle in den Holzboden hauen. Das macht Druck und baut Versagensgefühle auf. Mit meinen Filmen will ich keinen Druck machen, sondern Eltern stärken, damit es Kindern besser geht. Die Hauptbotschaft ist: Eltern, bleibt zugewandt – euch selbst und euren Kindern gegenüber!

Was hilft dir, im Elternsein „good enough“ zu bleiben?

Ich lerne immer mehr, mich um mich zu kümmern. Das ist nicht leicht, weil man als Eltern die eigenen Bedürfnisse schnell aus dem Blick verliert. Ich frage mich: Was tut mir gut? Wie tanke ich Kraft für den Alltag? Wie reguliere ich mein Nervensystem? Mir hilft Bewegung – Sport oder mindestens ein langer Spaziergang am Tag. Und Schlaf – soweit das mit bald vier Kindern möglich ist.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Elternschaft funktioniert nicht als Einzelleistung?

Seit Tag eins hatte ich das Gefühl, dass Elternschaft in unserer Kleinfamilien-Isolation gar nicht funktioniert. Freunde, die Essen im Wochenbett vorbeibringen, ein Spaziergang, um über das Erlebte zu sprechen – das macht einen Unterschied. Wir Erwachsenen brauchen andere Erwachsene. Es ist nur nicht so leicht, verbundene Familienfreundschaften aufzubauen und zu halten.

Der Volksmund sagt, man braucht ein Dorf als Unterstützung. Warum fehlt dieses Dorf so vielen Familien?

Viele Familien sind enorm eingespannt. Wohnraum und Lebenshaltung sind teuer, die Arbeit frisst viel Zeit, der finanzielle Druck erzeugt Turbostress. Viele Familien kreisen sehr um sich selbst, während sie versuchen, den Kopf über Wasser und den Alltag am Laufen zu halten. Ich denke oft: Alle Eltern aus unserem Kindergarten kochen ungefähr zur gleichen Zeit Abendessen und stellen sich die gleichen Fragen. Aber wenige bieten sich gegenseitig Unterstützung an. Wenn Familien alles selbst stemmen, geht Kraft verloren. Aber diese Kraft braucht es für ein verbundenes Miteinander, Gesundheit und für gemeinsame Erinnerungen, die uns als Familie tragen. Der Dorf-Gedanke beginnt für mich dort, wo Eltern gemeinsam über Lösungen nachdenken. Ich biete Freunden an, einmal in der Woche auf ihre schlafenden Kinder aufzupassen – dafür bekommen wir das an einem anderen Abend zurück. Solche Absprachen schaffen Freiräume.

Welchen Vorteil siehst du noch im „Dorf“?

Wir als Eltern können nur einen kleinen Teil der Lebensrealitäten und Wertesysteme zeigen. Andere authentische Erwachsene eröffnen neue Perspektiven: Wie kann man aufs Leben blicken? Womit seine Zeit verbringen? Welche Ziele verfolgen? Das inspiriert.

Mit deiner Instagram-Seite und der „Good Enough Parents“-App schaffst du Räume für Vernetzung – also Dörfer. Wie funktioniert das konkret?

Für viele Eltern ist es schwer, neue Elternbekanntschaften zu machen, obwohl wir ständig anderen Eltern begegnen. Aber in der Kita-Garderobe oder auf dem Spielplatz sind wir oft sehr auf unsere Kinder fokussiert. Im virtuellen Raum kann man entspannter kommunizieren. In der App gibt es Raum für Ratsuchende und Ratgebende. Wir Eltern haben viel Erfahrung, weil wir so viel Zeit mit dem Elternsein verbringen. Ich glaube an Schwarmintelligenz, wenn Menschen mit einer zugewandten Haltung gegenüber Kindern zusammenkommen. Der Austausch dort ist sehr wertschätzend. Außerdem bietet die App eine Community-Karte, über die sich Mitglieder in der gleichen Region finden und bei Interesse auch persönlich vor Ort treffen können.

Wenn du dir für Familien ein Dorf wünschen dürftest – wie würde es aussehen?

Es braucht Mut, nach Hilfe zu fragen, und Lust auf unkonventionelle Lösungen. Wenn man Gedanken wie „Wir waren seit einem Jahr nicht mehr nur als Paar essen“ mit anderen teilt, können Unterstützungssysteme entstehen. Genau das ist das Dorf: ein tragendes Netzwerk.

Das Interview führte Lisa-Maria Mehrkens.

Mehr Infos zu Domenik Schuster und seiner Arbeit unter goodenoughparents.de oder auf ­Instagram @goodenoughparents.de. Die App mit Eltern- und Paarberatungsangeboten findet ihr auf steady.de unter dem Stichwort „Good Enough Parents“. Filmtipp: „Liebe, Wut & Milchzähne“, Buchtipp: „Nein, der Rasenmäher darf nicht mit ins Bett.“

https://www.family.de/wp-content/uploads/2026/08/glueckliche-Familie_GettyImages_evgenyatamanenko_iStock_Getty-Images-Plus.jpg 1359 2205 Marcus Beier https://www.family.de/wp-content/uploads/2022/08/Family-Logo-2.svg Marcus Beier2026-08-04 14:04:432026-08-04 14:04:43„Gut genug“ statt Perfektion: Was Eltern und Kinder wirklich stark macht

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