Bereit für die Pubertät? Wie sich Eltern auf die Zeit einstellen können
Machtkämpfe, Geschrei und Rebellion – muss so die Pubertät aussehen? Im Interview erklärt Tillmann Prüfer, warum Spannungen nicht ausbleiben und wie es nicht komplett eskaliert.
Wenn die Kinder älter werden, verändert sich die Dynamik zwischen Eltern und Kindern. Die Heranwachsenden schwimmen sich frei und dadurch verschieben sich die Rollen. Was ist in dieser Zeit besonders wichtig?
Tillmann Prüfer: Das ist bei jedem Kind unterschiedlich. Ich könnte gar nicht sagen, dass es mit 13 angefangen hat und mit 19 aufgehört hat. Ich hatte teilweise das Gefühl, dass bei manchen Kindern die Pubertät schon mit vier angefangen hat. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Die Adoleszenz, also die Phase, in der die Kinder zu Erwachsenen heranreifen, ist eine Zeit, in der sich die jungen Leute von den Eltern gezwungenermaßen distanzieren müssen. Sie müssen sich, wie Sie sagen, freischwimmen. Erst haben sie eine Einheit mit den Eltern gebildet. Das geben sie auf und entwickeln eigene Ziele, werden eigene Personen. Viele Eltern unterschätzten das. Sie denken, die Kinder werden so ruppig, unverschämt und werden komisch, bis sie irgendwann wieder normal werden. Letztlich werden die Kinder in dieser Zeit zu den Personen, die uns später im Leben begegnen. Deswegen ist es wichtig, diese Phase nicht als Krise zu bezeichnen, in der sie sich ungut verändern. Sie werden einfach zu vollen Menschen, mit allem, was dazugehört. Das geht auch mit Konflikten einher. Aber wie stark die sind, haben die Eltern zum Teil auch selbst in der Hand.
Inwiefern ist das der Fall?
Prüfer: Vor allem liegt es daran, wie stark wir als Eltern Zugriff auf das Leben der Kinder beanspruchen und wieviel Autonomie ich den Kindern zumesse. Das ist ein Lernprozess und eine Entwicklung. Konflikte werden dort besonders stark, wo Eltern Probleme mit dieser Autonomieentwicklung der Kinder haben. Viele Eltern lassen das nicht zu oder haben Angst davor. Sie können sich nicht in der Rolle sehen, diese Autonomie zu fördern. Wir Eltern müssen verstehen, dass die Adoleszenz, nach der frühkindlichen Entwicklungsphase, die wichtigste Phase der Persönlichkeitsentwicklung und der Hirnentwicklung bei den Kindern ist. Das wird oft unterschätzt.
Pubertät: Das Kind wird zu Persönlichkeit
Was sollten Eltern bedenken, um diese Entwicklung zu unterstützen und nicht zu hindern?
Prüfer: Ich glaube, Eltern fühlen sich oft in ihrer Rolle in Frage gestellt und gekränkt. Sie sind gewöhnt, dass sie die Regeln machen und das Vorbild sind und dass ihr Wort gilt. Innerhalb kürzester Zeit ändert sich das und sie werden hinterfragt und andere Akteure treten in das Leben und werden plötzlich wichtiger als die Eltern. Diejenigen, die damit ein Problem haben, sind nicht die Kinder, sondern die Eltern, die mit ihrer Rolle nicht zurechtkommen. Darauf müssen sich Eltern einstellen. Sie müssen begreifen, dass in dem kindlichen Gehirn so viel passiert. Und ich muss sagen, dass in dieser Zeit so viel schief gehen kann. Denn die Adoleszenz ist nicht nur die Zeit der Persönlichkeitswerdung, sondern auch die Zeit, in der Kinder besonders vulnerabel, besonders verletzlich sind. Durch traumatische Ereignisse oder Störungen kann es zu schwierigen Entwicklungen kommen. Heute wissen wir, dass der Großteil der schwierigen psychischen Erkrankungen, an denen Menschen ein Leben lang leiden können, ihren Ursprung in dieser Zeit haben.
Das klingt sehr dramatisch! Was können Eltern tun, um Schäden zu vermeiden?
Prüfer: Ich würde Eltern raten, ein Auge darauf zu haben, wie es dem Kind wirklich geht. Womit hat es gerade zu kämpfen? Wie können wir als Eltern es begleiten und stärken und weniger fragen, wie man das Kind wieder so hinbiegt, dass es mir wieder gefällt und wir Eltern wieder unsere alte Rolle zurückbekommen. Eltern müssen verstehen, dass sich das gerade für sie selbst schwer anfühlt, aber es geht eben nicht um mich als Papa, sondern es geht um dieses Kind. Das fällt uns leicht, wenn es um die frühkindliche Phase geht, aber in der Adoleszenz verstehen das die Eltern eher oft nicht. Da sind sie eher gekränkt und verwirrt, weil sie darauf nicht eingerichtet sind. Wichtig ist aber auch, dass wir als Eltern uns nicht zu sehr den Kopf zerbrechen. Ja, dort können eben nicht nur psychische Störungen ihren Anfang nehmen, sondern auch große Talente!
Eltern als Assistenz
Wie kann ich als Vater, wie können wir als Eltern unsere Kinder bestmöglich fördern?
Prüfer: Achten Sie darauf, welche Vorlieben und Talente, welche besonderen Feingefühle Ihr Kind entwickelt und ob es eine Möglichkeit gibt, das Kind dabei zu unterstützen. Denn das, was die Persönlichkeit des Kindes mal ausmachen wird, worin es Erfüllung finden kann, wo sich besondere Fähigkeiten entwickeln – all das wird in dieser Zeit Bedeutung haben. John Lennon, zum Beispiel, hat in dieser Zeit seine ersten Songs geschrieben. Oft entwickeln sich eben solche Leidenschaften und Fähigkeiten gerade dann. Und wenn Eltern sich in dieser Zeit eher als Assistenz verhalten und nicht als Verhinderer von Störungen und Chaos, dann ist der Entwicklung schon sehr geholfen. Es läuft im Grunde darauf hinaus, dass sowohl die Kinder als auch die Eltern ihre neuen Rollen finden. Und es kommt auf das Mindset an. Wenn Eltern die Kinder als Störfaktoren sehen, die sie regeln müssen, wird es wirklich spannungsreich. Deswegen müssen wir gut auf die Entwicklungen achten und uns darauf einlassen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Family-Redakteur Marcus Beier
Tillmann Prüfer ist Leiter des Ressorts „Familie“ für die ZEIT und ZEIT Online und Autor mehrerer Bücher. Er ist verheiratet und hat vier Töchter. Sein aktuelles Buch „Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen“ ist bei dtv erschienen.







