Der unerotische Hausmann

Männer, die viel im Haushalt machen, haben weniger Sex, besagt eine Studie. Was tun? Weniger Haushalt?

Fleißige Forscher werden einfach nicht müde, die Geheimnisse der menschlichen Sexualität zu ergründen. Dabei sind sie auf eine interessante Beobachtung zwischen Mann und Frau gestoßen.

Wenn bei einem Ehepaar der Mann vermehrt im Haushalt „typisch weibliche“ Aufgaben übernimmt, hat das Paar weniger Sex als Paare, deren Mann das nicht tut. Man befragte 4500 Ehepaare, Altersdurchschnitt Mitte 40, nach deren Haushaltsaktivitäten und dem Sexualleben. Die Hausarbeit wurde aufgeteilt in traditionell weibliche Aufgaben (kochen, waschen, einkaufen) und traditionell männliche Aufgaben (Auto waschen, Gartenarbeit , Rechnungen bezahlen). Paare, bei denen die Frau alle typisch weiblichen Aufgaben erledigte, hatten 60 Prozent mehr Sex als Paare, bei denen der Mann etwa ein Fünftel der klassischen Frauenarbeiten übernahm und nur etwas mehr als die Hälte der typisch männlichen Aufgaben.

Die Forscher um den Soziologen Dr. Sabino Kornrich schlossen aus, dass dominantere Männer den Sex ihren Frauen aufdrängten, denn die Frauen mit häufigeren körperlichen Begegnungen waren nicht unzufriedener mit dem Sex als die anderen Frauen. Die Berufstätigkeit (einer oder beide), das Einkommen der Frau, Geschlechterideologie und Religionszugehörigkeit kamen anhand der Statistik als Erklärung nicht in Frage.

Stattdessen vermuten die Wissenschaftler drei mögliche Gründe:

> 1. Das Erleben des Partners in geschlechtstypischen Rollen könnte das Verlangen steigern.

> 2. Frauen, die die komplette weibliche Hausarbeit erledigen, könnten aus ihrem Rollenverständnis als gute Hausfrau heraus regelmäßigen Sex als ihre Pflicht empfinden.

> 3. Das Eheleben in den klassischen Rollen könnte zufriedener machen und deshalb haben die Paare mehr Sex.

Rollen haben sich entlang der Genetik und der Kultur entwickelt. Durch unsere Gene sind wir von Geburt an männlich oder weiblich. Die Grundlagen sind da, mit all ihren Möglichkeiten und Grenzen. Dann werden wir durch Familie und Gesellschaft an das herangeführt, was sich seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden bewährt hat für die beiden Geschlechter. Je nach Kultur unterschiedlich und natürlich mit allen eingeschlossenen Irrtümern. Früher bot es sich zum Beispiel an, dass der Mann den Büffel jagt (Kraft, Aggression, Risikobereitschaft), währenddessen die Frau auf die Kinder aufpasst und das Essen zubereitet (Geburt, Bindung, Zugewandtheit). Die Zeiten haben sich geändert. Auch die Frau kann heute das Steak im Supermarkt beschaffen. In unserer Zeit jagen die Männer dafür dem Geld hinterher, mit dem das bereits erlegte Tier bezahlt werden kann.

In einer traditionellen Rolle zu leben, ist nicht verkehrt. Sie bietet uns einen Rahmen, hilft uns, eine Identität zu entwickeln. Der Einzelne muss nicht alles für sich neu erfinden und mit der Umwelt und später dem Partner verhandeln. Das gibt Sicherheit und entspannt. Jeder füllt die Rolle dann noch entsprechend seiner Persönlichkeit. Ich fragte Frauen, was ihnen an ihrer Rolle gefällt: Freundinnen haben, Kinder bekommen, sehr viele Möglichkeiten haben, schwach sein dürfen. Die Männer guckten meist ratlos drein oder fanden positiv, dass sie sich darüber keine Gedanken machen brauchten oder ihre Rolle nicht begründen mussten.
Wenn eine Rolle für den Einzelnen subjektive Nachteile mit sich bringt, dann sind wir in unserem Land in der glücklichen Lage, Dinge zu ändern. Kein Mann wird mehr schief angeguckt, wenn er Erziehungsurlaub nimmt und keine Frau, wenn sie nicht kochen mag und ihm das überlässt. Wir dürfen die Rollen alle verändern und es ist gut, wie unkompliziert die Aufgaben heute getauscht werden. Aber wir zahlen scheinbar doch — so die Studie — einen Preis dafür.
Alte Werte auch in der Sexualität sind abgeschafft worden, aber dafür keine neuen gekommen. Die Rollen im Bett sind nicht mehr klar. Es gibt nicht mehr das Normale, das Natürliche, das Korrekte in der Sexualität. Wir müssen wählen, was wir sexuell wollen. Mit der Wahlfreiheit haben die sexuelle Unzufriedenheit und Lustlosigkeit allerdings deutlich zugenommen. Die Erotik leidet. Wählen müssen, wie man Sexualität leben möchte, bringt für das Paar mit sich, über alles zu verhandeln. Das ist anstrengend, manche überfordert es. Dann lässt man es lieber gleich.

Ein Zusammenhang zwischen dem Engagement im Haushalt und der Leidenschaft im Bett ist mit diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Funktion der Rollen noch nicht zwangsläufig hergestellt. Wie stichhaltig sind also die Erklärungsversuche der Forscher?

Hier ein paar Anmerkungen:

1. In der Tat ist es so, dass Erotik und Sexualität sehr viel von Ungleichheit und Distanz leben. Als Frau z.B. sind mir weibliche Gefühle und Gedanken vertraut. Das Männliche ist anders, immer ein bisschen fremd und damit interessant. Gleichzeitig spüre ich die Möglichkeit der Ergänzung. Das andere Geschlecht hat etwas, das ich nicht habe, das ich reizvoll finde und das mir sogar gut tun würde: sei es die Stärke, die Schwäche, das Durchsetzungsvermögen, die Beziehungsorientiertheit. Jeder darf die Stärken seines Geschlechts ausleben. Wer sich in seinem Geschlecht sicher fühlt, der wird auch im anderen Geschlecht etwas zum Schwingen bringen. Kennen Sie das Gefühl, Ihren Mann dafür zu bewundern, dass er sich im Beruf durchsetzt, am Haus beeindruckend handwerkelt oder den kaputten Wagen wieder ans Laufen bringt? Wer war nicht schon mal ganz fasziniert davon, wie toll die eigene Frau das Haus dekoriert, geduldig mit den Kindern bastelt oder einen schönen Abend mit Freunden organisiert hat? Gibt man dem Partner diese Anerkennung zu spüren, ist das sehr attraktiv, das heißt es löst Anziehung aus. (Achtung: auch wenn eine Frau eine geschickte Handwerkerin ist und ein Mann geduldig mit Kindern spielt, schließt das nicht aus, in den „typischen“ Rollen stark zu sein).

Nur um das Prinzip zu verdeutlichen, möchte ich die so genannte Womanizer erwähnen, Männer – so kann man das Wort aus dem Englischen verstehen – die „Frauen zu Frauen“ machen. Es sind Männer, in deren Gegenwart sich Frauen besonders weiblich fühlen. Noch extremer ist das Bild vom Schuft im sexuellen Sinne (auch nur als Erklärung, nicht als Empfehlung!). Was macht ihn für eine Frau interessant? Er muss nicht bemuttert werden. Er verspricht Führung und Entscheidungsstärke. Sie wäre nach dem Geschlechtsverkehr diesem Mann nichts schuldig. Bedürftige Männer, die nicht auf irgendeine Stärke zurückgreifen können, sind erotisch meistens uninteressant. Mehr Frauen, als Sie ahnen, träumen davon, heiß begehrt zu werden und davon weiche Knie zu bekommen! Ulrich Clement (Systemischer Sexualtherapeut) sagt „Anziehung passiert nicht durch Demokratie“. Und da wären wir wieder beim

Verhandeln über den Haushaltsplan …

2. Die zweite Erklärungstheorie geht davon aus, dass Frauen die gesamte Hausarbeit aus ihrem Rollenverständnis heraus tun. Also nicht, weil es zum Beispiel aus praktischen Gründen sinnvoll ist. Sie widmen sich pflichtbewusst der Sexualität so wie sie pflichtbewusst ihre Hausarbeit erledigen. Als störend kann man dabei den negativen Beigeschmack des Wortes Pflicht empfinden. Doch selbst wenn dem so wäre, dass häufiger Sex aus Pflicht stattfindet, dann wirkt sich die bewusste Entscheidung zu Geschlechtsverkehr scheinbar nicht negativ aus: laut Studie waren die befragten Ehefrauen gleich zufrieden mit ihrer Sexualität. Man könnte es auch so sehen: weil die Frau die Rolle und die Bedürfnisse des Mannes verstanden hat (und damit die Bedeutung der Sexualität für ihn und so auch für sie) schenkt sie ihm – und sich- gerne regelmäßig dieses körperliche Erleben.

3. Zum dritten Erklärungsversuch: Selbstbewusstsein ist eine wichtige Voraussetzung für Erotik. Dazu gehört es, sich seiner Rolle als Mann oder Frau bewusst zu sein und gerne in ihr zu leben. Das heißt, ich darf meine Weiblichkeit oder Männlichkeit ausleben und brauche dem anderen Geschlecht nichts zu neiden. Ich kann zu den Vorteilen und Nachteilen meines Geschlechts stehen und muss nicht dagegen ankämpfen. Eine Frau, die gerne Frau ist und ein Mann, der gerne Mann ist, haben eine erotische Grundausstrahlung. Nicht die Glücklichen sind die Dankbaren, sondern die Dankbaren sind die Glücklichen. Allgemeine Zufriedenheit wiederum ist eine gute Basis für schöne körperliche Erfahrungen. Kein Zweifel.

Emanzipation und Intimität

Eine Beobachtung unter Sexualtherapeuten ist folgende: Frauen, die im Ehealltag großen Wert darauf legen, emanzipiert zu sein und stark dafür kämpfen (Emanzipation als Zugewinn von Gleichheit und Freiheit) , haben oft ein Problem, sich bei der Initmität „hinzugeben“. Ein Wechsel der inneren Haltung „über Tag“ (Abwehr der weiblichen Rolle) und der Haltung bei Sexualität (Annahme) ist schwer. Schon rein physiologisch ist Sexualität für Frauen eher rezeptiv, aufnehmend und damit hingebend (Scheide nimmt Penis auf). Trotzdem schließen sich Hingabe und Aktivität in keiner Weise aus!
Auch wenn man Liebe und Respekt unter den Partnern voraussetzt, kann man feststellen: Erotik und die gelebte Sexualität leiden häufig daran, dass Männer zu viel oder zu wenig aggressiv sind und das Frauen zu viel oder zu wenig hingebungsvoll sind. Das hat oft mit einem konflikthaften Rollenverständnis zu tun. Es geht nicht darum, dass Frauen allzeit bereite, graue Mäuschen werden, die unterwürfig und freudlos im Bett mitmachen. Genauso wenig ist es gut, Männer zu arroganten Mackern zu machen, damit sie ihre Macho-Allüren ausleben können. Beides ist unerotisch. Ganz im Gegenteil. Mit Selbstbewusstsein und mit Freude die eigene Rolle einnehmen, sich in ihr wertgeschätzt und akzeptiert wissen und das auch bei der körperlichen Liebe nutzen und ausleben: das macht Sexualität spannend und hält sie lebendig.

Zurück zur Studie: Der Studienleiter, Dr. Kornich stellt fest „Die Bedeutung des Geschlechts hat mit der Zeit nachgelassen, aber es hat noch immer starken Einfluss auf das individuelle Verhalten“. Er empfiehlt, die anfallenden Arbeiten gemäß der klassischen Rollenverteilung zu erledigen. Das ist eine Möglichkeit.

Wir drehen das Rad der Zeit aber nicht zurück. Hausarbeit wird heute in großen Stücken geteilt, da sehr viele Notwendigkeiten einfach nicht mehr bestehen. Die Aufgaben verändern sich definitiv; wer würde heute noch dem zustimmen, dass volle Windeln nur was für Frauen sind? Ebenfalls in Studien wird gezeigt, wie positiv sich die Mithilfe auf die Partnerschaft auswirkt. Wahrscheinlich liegt der Schlüssel darin, wie der Mann die vermeintlich weibliche Hausarbeit macht, mit welcher inneren Haltung. Er kann kochen und putzen mit dem Gefühl „jetzt bin ich wie eine Frau“. Oder er kann die Aufgaben „als Mann“ und mit Selbstbewusstsein machen. Viele Männer kochen leidenschaftlich, wobei sie überhaupt nicht weiblich rüber kommen. Tolle Werkzeuge, Maschinen und Erfindungen spielen dabei interessanterweise oft eine wichtige Rolle! (wer hat eigentlich den Staubsaugerroboter erfunden?) Ein leidenschaftlicher Kloputzer ist mir zwar noch nicht begegnet, aber auch das wird ein Mann auf seine Weise tun. Das sollte eine Frau akzeptieren, dass ihr Mann jede Hausarbeit auf seine Art erledigt.
Der Mann, der mit seiner Männlichkeit und seiner Rolle im Reinen ist und sich damit identifiziert, egal welche Aufgabe er im Haushalt übernimmt, hat sicher eine erotische, anziehende Ausstrahlung, die nicht ohne Folgen bleibt.

Dr. Cordula Kehlenbach ist Sexualtherapeutin in Krefeld.

Anregungen für das Paargespräch:

Was magst du an deinem Mannsein / Frausein besonders gerne?
Wie erlebst du mich in meiner Rolle?
Wie wirkt sich unser Rollenverhalten auf unsere Sexualität aus?

3 Kommentare
  1. F. Bernhardt says:

    Ein besonders beliebter Fehler bei der Auswertung von Statistiken: Es fallen zwei Dinge zusammen und daraus wird eine Kausalität konstruiert, das eine ist die Ursache des anderen. Leider ist dieser Artikel ebenfalls sehr einseitig in seinen Erklärungsversuchen. Wie wäre es denn anders herum? Oder: Beides hat die gleiche Ursache? Möglich wäre auch, dass das eine rein gar nichts mit dem anderen zu tun hat. Es gab auch mal eine Zeit, in der im Elsass die Anzahl der Störche mit den Geburtenzahlen sehr genau korrelierte. Also?

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  2. H.Perez says:

    Es wird meiner Meinung nach noch eine Weile dauern , bis das neue offenere Rollenverständnis auch gefühlsmäßig voll und ganz angenommen wird , ich kann schon verstehen , dass das manchem Mann nicht so leicht fällt . Aber ist es deshalb der falsche Weg ?
    Für mich sind die klassischen Frauen-und Männerrollen kulturbedingt und es ärgert mich , dass unter Christen ab und zu noch versucht wird , das als naturgegeben darzustellen . Die Argumente in diesem Artikel überzeugen mich nicht . Könnte es
    sein , dass Männer vor allem dort sehr viel Haushaltsarbeit übernehmen , wo die Familiensituation sie dazu zwingt ( viele Kinder , pflegebedürftiges Kind , sehr hohe berufliche Belastung der Frau , Krankheit der Frau ) und dass die geringere sexuelle Aktivität eine
    logische Folge der Situation ( überdurchschnittliche Belastung ) ist und nichts mit mangelnder Anziehung zu tun hat ?
    Wir alle , Mann oder Frau , müssen uns tagtäglich manchmal dominant , manchmal nachgiebig verhalten , je nach Situation , ob zuhause oder in der Firma . Was ist das also für ein merkwürdiges Argument ? Wir könnten gar nicht überleben , wenn wir nicht je nach Situation unsere Haltung ändern könnten !
    Andererseits finde ich es auch unmöglich , wenn Frauen , die die klassische Hausfrauenrolle gewählt haben , in den Medien geringschätzig behandelt werden , als sei das keine Arbeit .
    Mir ist nur wichtig , dass wir es zu schätzen wissen , dass wir wählen können ! Das ist einzigartig , genial , das gab es noch nie ! Und das ist nicht selbstverständlich , es ist sehr schwer und dauert lange , eingefleischte kulturelle Verhaltensweisen zu ändern , und das geht nicht ohne Verunsicherung . Wenn dann wieder jemand die „biologische Mottenkiste “ aufmacht , nervt mich das wirklich .

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  3. Grinsekatze says:

    Ich greife nur einen Satz heraus: „Bedürftige Männer, die nicht auf irgendeine Stärke zurückgreifen können, sind erotisch meistens uninteressant“. Zwar ist der Satz noch unterschiedlich interpretativ konkretisierbar, aber ich würde so weit gehen, dass das ganze Gender-Emanzipations-Konzept letztlich an diesem kleinen Aspekt hängt. Solange so getan wird, dass letztlich dort, wo es um Anziehung, Erotik, Sexualität, Liebe geht, doch wieder der klassisch gedachte Mann irgendwie von Relevanz ist, gibt es Probleme. Diejenigen cis-Männer, welche sexuell aktiv und in ihrer Selbstwahrnehmung rite „männlich“ sind, werden sich also hüten, ihre Rolle zu verändern. Die anderen, auf welche diese Beschreibung der „bedürftigen Männer“ passt, die also nicht sexuell aktiv sein können und in ihrer Selbstwahrnehmung ein gebrochenes Verhältnis zum Rollenbild „Mann“ haben, die vielleicht daher die Gender-Philosophie gut finden und hoffen, dass es hier eines Tages Emanzipation geben wird, haben jetzt nicht viele Möglichkeiten. Eine ist sicherlich das Verdrängen der eigenen Rollenunzulänglichkeit, also eine Umwandlung in ein übertriebenes Nacheifern dessen, was als „männlich“ gilt. Andere gibt es kaum. Und eine diese Situation naturalisierend festfahrende Sexualwissenschaft ist hier sicherlich auch nicht hilfreich.

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