„Es geht nicht nur um die Hebammen“

Immer weniger Hebammen bieten Geburten zu Hause oder im Geburtshaus an. Dabei würden sie das gern. Ein Gespräch mit Lisa Leitlein, Hebamme in Essen.

Seit Jahren sind die hohen Haftpichtprämien für freiberuiche Hebammen im Gespräch. Wie ist zurzeit der Stand der Dinge?

Die Haftpflichtversicherungen steigen weiter. 1992 lag die Versicherungsprämie bei 178,95 Euro pro Jahr, vor zehn Jahren ungefähr bei 1.400 Euro und jetzt sind wir schon bei über 6.000 Euro. Und es wird weiter steigen. Letztes Jahr gab es ein großes Bangen, wie es weitergeht, weil es hieß, dass es nur bis 2016 einen Versicherer geben wird, der diese Haftpflicht für Hebammen anbietet. Inzwischen hat sich ein neuer Zusammenschluss von Versicherern gefunden, die uns bis 2018 versichern. Das Problem ist: Es gibt keine langfristige und keine nachhaltige Lösung, es wird immer nur aufgeschoben. Inzwischen gibt es nicht mehr viele Hebammen, die außerklinische Geburtshilfe anbieten. 98 Prozent der Kinder werden in der Klinik geboren und nur zwei Prozent außerklinisch. In den Niederlanden zum Beispiel liegt der Anteil an außerklinischen Geburten bei etwa 30 Prozent.

Aber für die hohen Haftpichtprämien soll es doch Ausgleichszahlungen geben.

Ja, es gibt einen Sicherstellungszuschlag. Voraussetzung ist aber, dass die Hebammen ein Qualitätsmanagement haben. Bisher war die Frage: Wer prüft das Ganze? Es gab keine Prüfer. Die ersten Hebammen erhalten nun den Zuschlag und trotzdem bleibt durch bestimmte Anforderungen und Kriterien eine Ungewissheit, den Zuschlag zu bekommen. Wenn man aktuell Geburtshilfe anbieten und außerklinisch Geburten begleiten möchte, muss man erst einmal anfangen zu rechnen: Wie viele Geburten muss ich begleiten, dass sich das überhaupt lohnt?

Begleiten Sie noch Frauen bei außerklinischen Geburten?

Aufgrund der aktuellen Situation begleite ich momentan keine Geburten. Aktuell begleite ich Frauen und Familien vor und nach der Geburt und biete Geburtsvorbereitungs- Kurse an. Dadurch ist die Haftpflichtprämie viel geringer. Wenn ich Geburtshilfe anbieten würde, wären es über 6.000 Euro im Jahr. Ohne Geburtshilfe sind es nur etwas mehr als 500 Euro.

Bedauern Sie, dass Sie im Moment keine Geburten begleiten können?

Ja, sehr. Trotzdem bin ich voll ausgelastet, denn das Arbeitspensum ist weiterhin hoch. Aber es wäre mein Wunsch, Frauen wieder komplett betreuen zu können: vor, während und nach der Geburt. Die Geburtsbegleitung ist ja eigentlich das Herzstück der Hebammenarbeit …

Warum sind die Haftpichtprämien denn so extrem gestiegen? Gibt es mehr Schadensfälle?

Leitlein

Lisa Leitlein

Nein, die Zahl der Schadensfälle ist in etwa gleich geblieben. Aber wenn es geschädigte Kinder gibt, leben sie dank der Fortschritte in der Medizin länger als früher. Dadurch entstehen höhere Kosten. Ich frage mich aber, ob das der alleinige Grund ist. Warum gibt es so wenig gesundheitspolitische Hilfe für uns Hebammen und vor allem für die Familien? Sie sehen, ich habe selbst viele Fragen …

Liegt es auch daran, dass Eltern, die ein behindertes Kind haben, heute schneller klagen, wenn der Verdacht besteht, dass es Fehler bei der Geburt gab?

Dass Eltern Schadensersatz fordern, ist nachvollziehbar. Fraglich ist eher, ob die Hebammen diese Kosten tragen sollten. Die Krankenkassen wollen die Kosten nicht selbst übernehmen, sondern reichen sie an die Hebammen weiter.

Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Lösung, um das Problem zu beheben?

Eine gute Lösung wäre zum Beispiel ein Haftpflichtfonds, wie es ihn in den Niederlanden und in Österreich gibt, aus dem die Kosten für solche Geburtsschäden bezahlt werden. Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass es hier nicht nur um die „armen“ Hebammen geht, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Eigentlich geht es ja um Familien, die keine freie Wahl des Geburtsortes haben. Darüber hinaus haben wir insgesamt zu wenige Hebammen für die Wochenbettbetreuung. Viele Frauen finden keine Hebamme mehr, die sie in der Zeit nach der Geburt begleiten.

Was können Eltern tun, damit sich etwas ändert?

Im Internet gibt es eine Landkarte der Unterversorgung, wo sich Frauen oder Familien eintragen können, die keine Hebamme finden. Eltern können auch bei ihrer Krankenkasse und ihren Politikern nachfragen: Was tut ihr? Wichtig ist es, über das Thema immer wieder zu reden und Aktionen und Demonstrationen zu unterstützen. Es geht ja auch nicht nur um die freiberuflichen Hebammen. Auch in den Krankenhäusern ist der Personalschlüssel viel zu gering. Eine Hebamme betreut manchmal drei bis vier Geburten gleichzeitig. Das ist keine sichere Geburtshilfe.

Interview: Bettina Wendland

 

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