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„Ich hab Angst, Papa!“ – Leidet mein Kind an einer Angststörung?

Dass Kinder Angst haben, ist normal. Aber welches Maß an Sorge gehört zu einer gesunden Entwicklung dazu und wann sollten Eltern Hilfe holen?

Der neunjährige Ben (alle Namen geändert) fürchtet sich seit Beginn der Covid-Pandemie davor, allein zu seinem Freund zu laufen, obwohl dessen Haus um die Ecke liegt. Lana ist im zweiten Schuljahr und wagt nicht, in der Schule zu sprechen, weil andere Kinder sie auslachen könnten. Gian gruselt sich mit fünf Jahren davor, in seinem eigenen Zimmer zu schlafen oder nachts auf die Toilette zu gehen. Die elfjährige Julia hat so starke Angst davor, keine Luft mehr zu bekommen, dass ihre Eltern sie immer wieder von der Schule abholen.

Ängste begleiten unsere Kinder auf jedem Schritt ihrer Entwicklung. So sehr wir es ihnen wünschen würden, eine Kindheit ohne Furcht gibt es nicht. Aber warum spüren Kinder so starke Furcht? Welche Ängste sind normal in ihrer Entwicklung – und wann brauchen Kinder fachkundige Hilfe?

Warum gibt es Angst?

„Mama, warum muss es überhaupt Angst geben? Es wäre viel schöner ohne sie …“, fragte mich unsere jüngste Tochter verzweifelt, als sie sieben Jahre alt war. Als Biologin antwortete ich darauf: Wir Menschen sind eine sehr verwundbare Spezies. Uns schützen kein dicker Panzer, keine Reißzähne und keine Beine, die schneller als andere Tiere laufen können. Wir brauchen zum Überleben ein Frühwarnsystem.

Genau diese Funktion übernimmt die Angst. Unsere Sinne scannen die Umgebung permanent danach ab, ob uns etwas bedrohlich werden könnte. Dazu gehört neben körperlichen Gefahren auch das Risiko, dass wir andere falsch einschätzen oder uns selbst unangemessen verhalten, denn Menschen können nur in der Gruppe überleben. Aus diesem Grund sind soziale Ängste so ausgeprägt.

In der frühen Menschheitsgeschichte hatten vorsichtige Menschen eher die Chance zu überleben und Nachwuchs zu bekommen. Auch Kinder, deren Bindungssystem aktiviert wird von Ängsten, blieben nahe bei den schützenden Erwachsenen. So wurde die Angst tief in uns verankert.

Diese Kinderängste sind normal

Kinder durchlaufen verschiedene Ängste als Teil ihrer gesunden Entwicklung. Dazu gehören:

  • beim Säugling das Erschrecken bei lauten Geräuschen und die Angst, allein zu sein: So lebensbedrohlich, wie es früher für ein Baby gewesen wäre, schutzlos in die Nachbarshütte gelegt zu werden, fühlt sich auch heute noch das Alleingelassen-Sein an.
  • bei Babys ab 6 bis 8 Monaten das Fremdeln: Ab diesem Alter unterscheiden Kinder zwischen vertrauten Personen und Fremden, die ihnen Angst einflößen. So wird das zunehmend mobile Kind an seine schützen den Bezugspersonen gebunden.
  • ab dem Kleinkindalter die Furcht vor einer Begegnung mit Tieren wie Hunden, Schlangen, Spinnen: Als Menschen noch naturnäher lebten, hätte dies dafür gesorgt, dass Kinder sich zunächst an Erwachsenen oder älteren Kindern orientieren, bevor sie sich potenziell gefährlichen Tieren vorsichtig nähern.
  • als Kindergartenkind die Angst vor der Dunkelheit: Nachts waren Menschenkinder am sichersten in unmittelbarer Nähe ihrer Eltern und Verwandten. Hinzu kommt, dass Kinder ab diesem Alter die Fantasie entwickelt haben, sich ausmalen zu können, wie Einbrecher durchs Fenster klettern oder Monster unter dem Bett sein könnten.
  • ab dem Grundschulalter die Sorge, schulisch nicht mitzukommen oder von anderen Kindern ausgeschlossen zu werden: Den Schulkindern wird bewusst, wie wichtig es ist, die geforderte Leistung zu bringen und als Teil einer Gruppe funktionieren zu können. Auch Ängste vor Tod und Krankheit können in diesem Alter vermehrt auftauchen.

Häufige Angststörungen

Von einer Störung spricht man, wenn die Manifestationen der Angst so übersteigert sind, dass sie das alltägliche Leben der Kinder stark beeinträchtigen, schweren Stress und/oder ein längerfristiges Vermeidungsverhalten auslösen. Etwa 10 bis 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen durchleben eine Angststörung. Seit Beginn der Covid-Pandemie haben Ängste und Sorgen bei Kindern deutlich zugenommen: Im Herbst 2021 empfanden etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Corona-Krise als „ziemlich oder äußerst belastend“, knapp 30 Prozent hatte ein Risiko für psychische Auffälligkeiten. Vor Corona waren es ca. 18 Prozent (COPSY-Studie 3). Angststörungen zeigen sich bei Kindern besonders häufig als:

Trennungsängste: Die Kinder fürchten sich davor, dass ihnen oder ihren Eltern etwas zustoßen könnte, während sie getrennt sind. Diese Störung kann auch zum Verweigern von Kindergarten oder Schule führen oder dem Ablehnen von Übernachtungen und Ausflügen ohne die Eltern.

Phobien: Wenn spezifische Situationen oder Objekte unangemessen starke Ängste auslösen, spricht man von einer Phobie. Kinder können Phobien entwickeln vor Tieren, Höhen, engen Räumen, Blut und Spritzen, Naturkatastrophen etc. Phobien treten intensiv und dauerhaft auf und hemmen das Kind in seiner Entwicklung.

Ungenügende Leistungen werden zur Katastrophe

Soziale Ängstlichkeit: Kinder mit sozialen Ängsten fürchten übermäßig, sich zu blamieren, kritisiert zu werden oder in sozialen Situationen „Fehler“ zu machen. Sie fühlen sich gehemmt, wenn sie in der Schule im Fokus stehen und wagen kaum, sich zu melden. Oft reden sie wenig und leise, vermeiden Blickkontakt und fühlen sich anderen gegenüber unterlegen.

Prüfungs- und Leistungsängste: Kinder und Jugendliche fürchten sich davor, den Ansprüchen von anderen oder sich selbst nicht zu genügen. Oft zeigen sie ein rigides Lernverhalten, das mit Gedanken einhergeht wie: „Ich muss alles wissen!“, und interpretieren ungenügende Leistungen als Katastrophe. Viele zweifeln ihre eigene Leistungsfähigkeit stark an und glauben, dass Lernen allen anderen leichter fällt.

Generalisierte Angststörung: Bei dieser Störung wirken Kinder dauerhaft ernst und betrübt, leiden unter geringem Selbstwertgefühl und ausgeprägten Sorgen in vielen Lebensbereichen. Sie grübeln oft darüber nach, ob sie nicht einen Fehler gemacht haben, in der Schule nicht gut genug sind oder nicht genügend Freunde haben. Weitere Symptome können Ruhelosigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme sein.

Bei Angststörung unbedingt Hilfe holen!

Als Eltern sollten wir bei ersten Hinweisen auf eine Angststörung unbedingt handeln und mit unseren Kindern eine erfahrene Fachperson aufsuchen. Ohne Behandlung kann es zu einem chronischen Verlauf kommen, bei dem das Leben des Kindes immer stärker von Ängsten dominiert und eingeschränkt wird oder weitere Ängste und Depressionen hinzukommen.

Angststörungen sind gut behandelbar, wobei die Erfolgschancen umso höher sind, je früher mit einer Behandlung begonnen wird. Es gibt unterschiedliche Therapie-Ansätze gegen Ängste, die unseren Kindern effektiv helfen. Dabei hat sich vor allem die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen.

Wie helfe ich meinem Kind bei Angst?

Kindern hilft es, wenn sie ihre Ängste besser kennenlernen. Das gelingt, wenn sie offen über die Angst sprechen, ihr sogar eine Stimme und Gestalt verleihen, sie malen und beschreiben dürfen. Es gibt viele Kinderbücher, wie das Sach- und Mitmach-Buch „Huch, die Angst ist da!“, die zum Reflektieren einladen. Sie können sehr wertvoll sein, um ins Gespräch zu kommen und sich mit den Ängsten in der Familie auszusöhnen. Auch Lieder und Gebete sind hilfreich.

So lernen unsere Kinder: Die Angst besucht jeden von uns manchmal. Wenn wir sie annehmen, kann sie uns wie ein freundliches Wesen warnen und helfen, gut auf uns aufzupassen. Manchmal übertreibt unsere Angst aber auch und veranstaltet ein großes Kopfkino. Dann können wir lernen, sie weniger ernst zu nehmen, vielleicht sogar über sie zu schmunzeln.

Als Erwachsene begleiten

Wenn Befürchtungen zu einem riesigen, bedrohlichen Angstmonster anwachsen, gibt es viele Wege, sie wieder zu einem hilfreichen Begleiter zu zähmen: Atem- und Entspannungs-Übungen helfen Kindern bei akuten Angstwellen. Sicher gebunden und begleitet durch Erwachsene können sie erfahren, wie man für angsteinflößende Situationen einen Plan machen und sich ihnen in kleinen Schritten nähern kann.

So merken die Kinder: „Zusammen mit meinen Eltern konnte ich mich meiner Angst stellen und sie aushalten. Jetzt ist mein Angstmonster schon ein Stückchen kleiner geworden, mein Mut und mein Selbstvertrauen sind größer!“

So bringen Bens Eltern ihn nur noch bis zur Straßenecke, ab dort läuft er zu seinem Freund allein. Lana bespricht ihre Sorgen mit einem Kinderpsychologen und schafft es in der Schule schon, in einer Kleingruppe zu sprechen. Gian schläft jetzt in seinem Zimmer bei offener Tür ein, darf aber nachts ins Elternschlafzimmer schleichen und sich dort auf eine Matratze legen. Und Julia lernt bei der Atemtherapeutin, wieder tief durchzuatmen und sich auf ihren Körper zu verlassen. Auf ein Leben mit einer schützenden, hilfreichen Angst sind sie gut vorbereitet.

Ulrike Légé arbeitet als freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Basel. Zusammen mit Fabian Grolimund hat sie das Buch „Huch, die Angst ist da!“ (Hogrefe) geschrieben – es eignet sich für Kinder von 6 bis 11.