Wie viel Mitspracherecht soll ich meinem Kind einräumen? Ab welchem Alter kann ich was erlauben? Wie viel Freiheit ist gut für mein Kind? Antworten von Sonja Brocksieper
Vielen Eltern ist es ein Anliegen, ihre Kinder in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Sehr bewusst wollen sie nicht allein bestimmen, wo es langgehen soll. Stattdessen fragen sie die Kinder nach ihrer Meinung und wägen gemeinsam mit ihnen ab. In unserer Gesellschaft hat es einen Wandel gegeben, der sich mittlerweile auch in einem veränderten Erziehungsverhalten zeigt. Die Familienstudie von Tobias Künkler und Tobias Faix („Zwischen Furcht und Freiheit“) hat gezeigt, dass in christlichen Familien die autoritären Strukturen immer mehr zurückgegangen sind und stattdessen Kommunikation und die Wertschätzung des kindlichen Standpunkts eine wichtige Rolle spielen. Kinder werden als gleichwürdige Persönlichkeiten gesehen, die Achtung, Respekt und damit auch ein Mitspracherecht verdienen. Ein Ergebnis der Familienstudie ist, dass 69 Prozent der Eltern ihre Kinder oft oder sehr oft nach ihrer Meinung fragen, nur 3 Prozent tun dies selten. Aber es ist klar, dass diese Mitbestimmung auch ihre Grenzen hat. Denn ohne solche Grenzen gäbe es bei manchen Kindern nur noch Schokolade auf dem Speiseplan, und Kindergartenkinder würden ihr Bedürfnis erfüllen, ein eigenes Smartphone zu besitzen. Wie schaffen Eltern also den Spagat zwischen Mitspracherecht und klaren Vorgaben?
WACHSENDE MITBESTIMMUNG
Zunächst ist es hilfreich, wenn sich Eltern Gedanken darüber machen, welche Ziele sie in der Erziehung ihrer Kinder haben. Sicherlich wünscht sich jede Mutter und jeder Vater, dass ihre Kinder einmal das Elternhaus als eigenständige Persönlichkeiten verlassen, die in der Lage sind, vernünftige und reife Entscheidungen zu treffen. Aber diese Selbstständigkeit müssen Kinder im Laufe der Familienzeit erst mal lernen und einüben. Kommt ein Baby auf die Welt, ist es zunächst absolut hilfsbedürftig und benötigt die verlässliche Fürsorge der Bindungspersonen. Die elterliche Kontrolle und Einflussnahme sind zu Beginn des Lebens also stark ausgeprägt, müssen aber mit der Reifung des Kindes nach und nach abnehmen. Schritt für Schritt erlangt der kleine Mensch neue Fähigkeiten, entdeckt seinen eigenen Willen und möchte Dinge allein tun. Die meisten Eltern erleben das sehr einschneidend in der so genannten Trotzphase, wenn ihr Kind die Worte „nein“ und „ich“ entdeckt. Dieser Selbstbehauptungstrieb ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, den die Eltern begleiten und in gute Bahnen lenken sollten. In dieser Zeit braucht das Kind die Erfahrung, dass der eigene Wille wünschenswert ist. Deswegen ist es wichtig, dass die Eltern die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Kinder ernst nehmen, gleichzeitig aber auch vermitteln, dass die eigenen Bedürfnisse nicht das Maß aller Dinge sind: „Jetzt bist du richtig sauer, dass du nicht die ganze Schokolade haben darfst. Das verstehe ich. Aber Sophie möchte auch was von der Schokolade essen, und deswegen teilen wir jetzt.“ Im Laufe der Kindheit und der Teenagerjahre müssen die Eigenständigkeit und Selbstkontrolle des Kindes immer mehr zunehmen. Je älter die Teenager werden, desto mehr sind sie in der Lage, abzuwägen und reife Entscheidungen zu treffen. Genau das können Eltern fördern, indem sie überwiegend eine beratende und begleitende Funktion übernehmen. Und das bedeutet auch, dass das Mitbestimmungsrecht in der Familie unbedingt mehr Platz einnehmen muss. Schreiben Eltern ihrem fünfzehnjährigen Teenager immer noch vor, wann er abends ins Bett gehen muss, ist die Einflussnahme zu groß. Er kann nicht selbst die Erfahrung machen, welche Auswirkungen es hat, wenn er bis spät in die Nacht chattet.
EIN GESUNDES MASS
Leider gibt es keine Patentantwort auf die Frage, in welchem Alter wie viel Mitbestimmungsrecht sinnvoll ist. Welche Grenze wann gesetzt wird, bleibt eine individuelle Entscheidung, die von der Lebenssituation, von den persönlichen Werten und vom Temperament und der Reife des Kindes abhängt. Der Familientherapeut Achim Schad gibt folgenden Ratschlag: „Beim Ermessen von Entscheidungsspielräumen für Kinder sollte nach dem Motto verfahren werden: So viel Mitbestimmung wie möglich, so viel elterliche Entscheidung wie nötig.“ Auf dieser Grundlage sollten sich Eltern immer wieder die Frage stellen: Führen meine Erziehungsmaßnahmen in größere Eigenständigkeit, oder zu größerer Abhängigkeit oder in die Überforderung? Das Mitspracherecht muss ein gesundes Maß haben. Auf der einen Seite sollten Eltern ihren Kindern viel zutrauen und sie altersangemessen in ihrer Eigenständigkeit bestärken. Auf der anderen Seite können Kinder aber noch nicht auf einen so großen Erfahrungsschatz wie Erwachsene zurückgreifen. Deshalb brauchen sie einen Rahmen, in dem sie ohne Überforderung oder Verunsicherung lernen können. Einige Beispiele sollen deutlich machen, wie eine angemessene Mitbestimmung aussehen kann: In der Grundschulzeit wird eine feste Mediennutzungszeit für eine Woche festgelegt. Das Kind kann entscheiden, ob es diese Zeit am Computer oder vor dem Fernseher verbringt und wie die Medienzeiten innerhalb der Woche verteilt werden. Bei einem Kindergartenkind entscheiden die Eltern, ob es im Winter ein Kleid oder eine warme Hose anzieht. Das Kind kann aber mitbestimmen, welche Hose es anzieht. Die Eltern bestimmen, welche Lebensmittel auf dem Tisch stehen, das Kind darf sich aus diesem Angebot sein Frühstück zusammenstellen. Geht die Mutter mit ihrer Teenagertochter shoppen, ist ein Budget festgelegt. Die Tochter kann entscheiden, ob sie sich die teure Markenhose kaufen möchte, dann aber auf ein Paar neue Schuhe verzichten muss.
IMMER MEHR VERANTWORTUNG
Es ist hilfreich, die Mitbestimmung eines Kindes an die Übernahme von Verantwortung zu knüpfen. Ein Vorschulkind trägt zunächst für seinen eigenen kleinen Lebensraum Verantwortung. Dazu gehört, selbst an das Zähneputzen zu denken, die Spielsachen wegzuräumen und selbstständig zu essen. Wird das Kind älter, bekommt es mehr Verantwortung: kleine Aufgaben im Haushalt, die Versorgung des Haustiers, das selbstständige Erledigen der Hausaufgaben und ähnliche Pflichten. Je mehr Verantwortung ein Kind übernimmt, desto mehr wächst auch das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Hat ein Kind die Aufgabe übernommen, ein Mittagessen zu kochen, kann man ihm die Entscheidung überlassen, was auf dem Tisch stehen soll. Mit den Aufgaben wächst das Mitbestimmungsrecht und somit auch der Freiraum, eigene Erfahrungen zu machen.
GRENZEN DER MITBESTIMMUNG
Sobald die eigene Gefährdung im Raum steht, ist es notwendig, die Mitbestimmung zu begrenzen. Niemand würde sein dreijähriges Kind an einer viel befahrenen Straße allein laufen lassen, auch wenn das Kind auf sein Mitbestimmungsrecht pocht. Außerdem kann ein Kind durch zu viel Freiheit überfordert werden. Zum Beispiel wünschen sich viele Kinder spätestens zum Wechsel auf die weiterführende Schule ein Smartphone. Stellen Eltern ihrem Fünftklässler nun ein internetfähiges Handy zur Verfügung mit dem Kommentar „Aber spiel nicht so lange“, ist das weniger ein Zeichen von angemessenem Mitspracherecht als von grober Fahrlässigkeit. Die Freiheit hat auch dann eine Grenze, wenn die Rechte anderer verletzt werden. Rücksichtnahme, Teamfähigkeit und Beziehungsfähigkeit sind wichtige Kompetenzen, die Kinder im engen Zusammenleben in der Familie erwerben können. Kinder sind Teil einer Gemeinschaft und müssen deswegen auch lernen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse hin und wieder zurückstellen müssen.
EIGENE ENTSCHEIDUNGEN
Eine zentrale Aussage der oben genannten Familienstudie ist, dass Eltern, gerade im Hinblick auf die Glaubenserziehung ihrer Kinder, in einem Dilemma stecken: Sie wollen, dass sich ihre Kinder frei für den Glauben entscheiden, und gleichzeitig ist der christliche Glaube für sie alternativlos. Fakt ist, dass Eltern den Glauben ihrer Kinder nicht „machen“ können, und diese Spannung sollten sie aushalten können. Sie können Grundlagen schaffen, Angebote machen und vorleben. Aber je älter die Kinder werden, desto mehr müssen Eltern zurücktreten und akzeptieren, wenn die Kinder Entscheidungen treffen, die sie nicht gut finden. Einen Teenager in die Jugendgruppe oder in den Gottesdienst zu zwingen, ist äußerst schwierig, auch wenn die Not und Sorge der Eltern verständlich ist. Äußert ein zwölfjähriges Kind dagegen, dass es sonntags lieber ausschlafen will, ist es angemessen, wenn Eltern den Entscheidungsspielraum ihres Kindes einschränken. Ein Kompromiss kann sein, dass das Kind an einem Sonntag im Monat „frei“ hat. Bei ihren sechzehn- oder siebzehnjährigen Jugendlichen können Eltern nur noch Empfehlungen aussprechen und ihnen in erster Linie auf der Beziehungsebene begegnen. Darüber hinaus können sie ihr Kind im Gebet immer wieder vor Gott bringen. Letztlich sind Kinder ihren Eltern nur für eine begrenzte Zeit anvertraut und müssen als erwachsene Söhne und Töchter auf allen Ebenen ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Sonja Brocksieper ist Diplom-Pädagogin und arbeitet für das Kindergottesdienstmaterial SevenEleven und Team.F. Sie lebt mit ihrer Familie in Remscheid, www.sonja-brocksieper.de.

Buchtipp: Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Frei erziehen – Halt geben“ (SCM R. Brockhaus), das von Tobias Künkler, Tobias Faix und Damaris Müller herausgegeben wird. Es enthält zahlreiche Artikel unterschiedlicher Autorinnen und Autoren zur christlichen Erziehung.
„Immer seid ihr die Bestimmer!“
Wie viel Mitspracherecht soll ich meinem Kind einräumen? Ab welchem Alter kann ich was erlauben? Wie viel Freiheit ist gut für mein Kind? Antworten von Sonja Brocksieper
Vielen Eltern ist es ein Anliegen, ihre Kinder in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Sehr bewusst wollen sie nicht allein bestimmen, wo es langgehen soll. Stattdessen fragen sie die Kinder nach ihrer Meinung und wägen gemeinsam mit ihnen ab. In unserer Gesellschaft hat es einen Wandel gegeben, der sich mittlerweile auch in einem veränderten Erziehungsverhalten zeigt. Die Familienstudie von Tobias Künkler und Tobias Faix („Zwischen Furcht und Freiheit“) hat gezeigt, dass in christlichen Familien die autoritären Strukturen immer mehr zurückgegangen sind und stattdessen Kommunikation und die Wertschätzung des kindlichen Standpunkts eine wichtige Rolle spielen. Kinder werden als gleichwürdige Persönlichkeiten gesehen, die Achtung, Respekt und damit auch ein Mitspracherecht verdienen. Ein Ergebnis der Familienstudie ist, dass 69 Prozent der Eltern ihre Kinder oft oder sehr oft nach ihrer Meinung fragen, nur 3 Prozent tun dies selten. Aber es ist klar, dass diese Mitbestimmung auch ihre Grenzen hat. Denn ohne solche Grenzen gäbe es bei manchen Kindern nur noch Schokolade auf dem Speiseplan, und Kindergartenkinder würden ihr Bedürfnis erfüllen, ein eigenes Smartphone zu besitzen. Wie schaffen Eltern also den Spagat zwischen Mitspracherecht und klaren Vorgaben?
WACHSENDE MITBESTIMMUNG
Zunächst ist es hilfreich, wenn sich Eltern Gedanken darüber machen, welche Ziele sie in der Erziehung ihrer Kinder haben. Sicherlich wünscht sich jede Mutter und jeder Vater, dass ihre Kinder einmal das Elternhaus als eigenständige Persönlichkeiten verlassen, die in der Lage sind, vernünftige und reife Entscheidungen zu treffen. Aber diese Selbstständigkeit müssen Kinder im Laufe der Familienzeit erst mal lernen und einüben. Kommt ein Baby auf die Welt, ist es zunächst absolut hilfsbedürftig und benötigt die verlässliche Fürsorge der Bindungspersonen. Die elterliche Kontrolle und Einflussnahme sind zu Beginn des Lebens also stark ausgeprägt, müssen aber mit der Reifung des Kindes nach und nach abnehmen. Schritt für Schritt erlangt der kleine Mensch neue Fähigkeiten, entdeckt seinen eigenen Willen und möchte Dinge allein tun. Die meisten Eltern erleben das sehr einschneidend in der so genannten Trotzphase, wenn ihr Kind die Worte „nein“ und „ich“ entdeckt. Dieser Selbstbehauptungstrieb ist ein wichtiger Entwicklungsschritt, den die Eltern begleiten und in gute Bahnen lenken sollten. In dieser Zeit braucht das Kind die Erfahrung, dass der eigene Wille wünschenswert ist. Deswegen ist es wichtig, dass die Eltern die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Kinder ernst nehmen, gleichzeitig aber auch vermitteln, dass die eigenen Bedürfnisse nicht das Maß aller Dinge sind: „Jetzt bist du richtig sauer, dass du nicht die ganze Schokolade haben darfst. Das verstehe ich. Aber Sophie möchte auch was von der Schokolade essen, und deswegen teilen wir jetzt.“ Im Laufe der Kindheit und der Teenagerjahre müssen die Eigenständigkeit und Selbstkontrolle des Kindes immer mehr zunehmen. Je älter die Teenager werden, desto mehr sind sie in der Lage, abzuwägen und reife Entscheidungen zu treffen. Genau das können Eltern fördern, indem sie überwiegend eine beratende und begleitende Funktion übernehmen. Und das bedeutet auch, dass das Mitbestimmungsrecht in der Familie unbedingt mehr Platz einnehmen muss. Schreiben Eltern ihrem fünfzehnjährigen Teenager immer noch vor, wann er abends ins Bett gehen muss, ist die Einflussnahme zu groß. Er kann nicht selbst die Erfahrung machen, welche Auswirkungen es hat, wenn er bis spät in die Nacht chattet.
EIN GESUNDES MASS
Leider gibt es keine Patentantwort auf die Frage, in welchem Alter wie viel Mitbestimmungsrecht sinnvoll ist. Welche Grenze wann gesetzt wird, bleibt eine individuelle Entscheidung, die von der Lebenssituation, von den persönlichen Werten und vom Temperament und der Reife des Kindes abhängt. Der Familientherapeut Achim Schad gibt folgenden Ratschlag: „Beim Ermessen von Entscheidungsspielräumen für Kinder sollte nach dem Motto verfahren werden: So viel Mitbestimmung wie möglich, so viel elterliche Entscheidung wie nötig.“ Auf dieser Grundlage sollten sich Eltern immer wieder die Frage stellen: Führen meine Erziehungsmaßnahmen in größere Eigenständigkeit, oder zu größerer Abhängigkeit oder in die Überforderung? Das Mitspracherecht muss ein gesundes Maß haben. Auf der einen Seite sollten Eltern ihren Kindern viel zutrauen und sie altersangemessen in ihrer Eigenständigkeit bestärken. Auf der anderen Seite können Kinder aber noch nicht auf einen so großen Erfahrungsschatz wie Erwachsene zurückgreifen. Deshalb brauchen sie einen Rahmen, in dem sie ohne Überforderung oder Verunsicherung lernen können. Einige Beispiele sollen deutlich machen, wie eine angemessene Mitbestimmung aussehen kann: In der Grundschulzeit wird eine feste Mediennutzungszeit für eine Woche festgelegt. Das Kind kann entscheiden, ob es diese Zeit am Computer oder vor dem Fernseher verbringt und wie die Medienzeiten innerhalb der Woche verteilt werden. Bei einem Kindergartenkind entscheiden die Eltern, ob es im Winter ein Kleid oder eine warme Hose anzieht. Das Kind kann aber mitbestimmen, welche Hose es anzieht. Die Eltern bestimmen, welche Lebensmittel auf dem Tisch stehen, das Kind darf sich aus diesem Angebot sein Frühstück zusammenstellen. Geht die Mutter mit ihrer Teenagertochter shoppen, ist ein Budget festgelegt. Die Tochter kann entscheiden, ob sie sich die teure Markenhose kaufen möchte, dann aber auf ein Paar neue Schuhe verzichten muss.
IMMER MEHR VERANTWORTUNG
Es ist hilfreich, die Mitbestimmung eines Kindes an die Übernahme von Verantwortung zu knüpfen. Ein Vorschulkind trägt zunächst für seinen eigenen kleinen Lebensraum Verantwortung. Dazu gehört, selbst an das Zähneputzen zu denken, die Spielsachen wegzuräumen und selbstständig zu essen. Wird das Kind älter, bekommt es mehr Verantwortung: kleine Aufgaben im Haushalt, die Versorgung des Haustiers, das selbstständige Erledigen der Hausaufgaben und ähnliche Pflichten. Je mehr Verantwortung ein Kind übernimmt, desto mehr wächst auch das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Hat ein Kind die Aufgabe übernommen, ein Mittagessen zu kochen, kann man ihm die Entscheidung überlassen, was auf dem Tisch stehen soll. Mit den Aufgaben wächst das Mitbestimmungsrecht und somit auch der Freiraum, eigene Erfahrungen zu machen.
GRENZEN DER MITBESTIMMUNG
Sobald die eigene Gefährdung im Raum steht, ist es notwendig, die Mitbestimmung zu begrenzen. Niemand würde sein dreijähriges Kind an einer viel befahrenen Straße allein laufen lassen, auch wenn das Kind auf sein Mitbestimmungsrecht pocht. Außerdem kann ein Kind durch zu viel Freiheit überfordert werden. Zum Beispiel wünschen sich viele Kinder spätestens zum Wechsel auf die weiterführende Schule ein Smartphone. Stellen Eltern ihrem Fünftklässler nun ein internetfähiges Handy zur Verfügung mit dem Kommentar „Aber spiel nicht so lange“, ist das weniger ein Zeichen von angemessenem Mitspracherecht als von grober Fahrlässigkeit. Die Freiheit hat auch dann eine Grenze, wenn die Rechte anderer verletzt werden. Rücksichtnahme, Teamfähigkeit und Beziehungsfähigkeit sind wichtige Kompetenzen, die Kinder im engen Zusammenleben in der Familie erwerben können. Kinder sind Teil einer Gemeinschaft und müssen deswegen auch lernen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse hin und wieder zurückstellen müssen.
EIGENE ENTSCHEIDUNGEN
Eine zentrale Aussage der oben genannten Familienstudie ist, dass Eltern, gerade im Hinblick auf die Glaubenserziehung ihrer Kinder, in einem Dilemma stecken: Sie wollen, dass sich ihre Kinder frei für den Glauben entscheiden, und gleichzeitig ist der christliche Glaube für sie alternativlos. Fakt ist, dass Eltern den Glauben ihrer Kinder nicht „machen“ können, und diese Spannung sollten sie aushalten können. Sie können Grundlagen schaffen, Angebote machen und vorleben. Aber je älter die Kinder werden, desto mehr müssen Eltern zurücktreten und akzeptieren, wenn die Kinder Entscheidungen treffen, die sie nicht gut finden. Einen Teenager in die Jugendgruppe oder in den Gottesdienst zu zwingen, ist äußerst schwierig, auch wenn die Not und Sorge der Eltern verständlich ist. Äußert ein zwölfjähriges Kind dagegen, dass es sonntags lieber ausschlafen will, ist es angemessen, wenn Eltern den Entscheidungsspielraum ihres Kindes einschränken. Ein Kompromiss kann sein, dass das Kind an einem Sonntag im Monat „frei“ hat. Bei ihren sechzehn- oder siebzehnjährigen Jugendlichen können Eltern nur noch Empfehlungen aussprechen und ihnen in erster Linie auf der Beziehungsebene begegnen. Darüber hinaus können sie ihr Kind im Gebet immer wieder vor Gott bringen. Letztlich sind Kinder ihren Eltern nur für eine begrenzte Zeit anvertraut und müssen als erwachsene Söhne und Töchter auf allen Ebenen ihre eigenen Entscheidungen treffen.
Buchtipp: Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Frei erziehen – Halt geben“ (SCM R. Brockhaus), das von Tobias Künkler, Tobias Faix und Damaris Müller herausgegeben wird. Es enthält zahlreiche Artikel unterschiedlicher Autorinnen und Autoren zur christlichen Erziehung.
Überwachung per Smartwatch?
Wenn Kinder auf weiterführende Schulen kommen, entscheiden sich inzwischen zahlreiche Eltern für eine Smartwatch als Alternative zum Smartphone. Die kinderfreundlichen Modelle sollen viele Vorteile bieten: leichte Bedienung, einfache Kontaktmöglichkeit, geringe Risiken. Eltern können sie aber auch zur Überwachung nutzen. Die Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht.“ empfiehlt Eltern, die Uhren nicht dafür einzusetzen, um ihre Kinder stärker zu kontrollieren.
Längere Unterrichtszeiten, ein neuer und oftmals weiterer Schulweg – Eltern möchten ihre Kinder erreichen. Viele Smartwatches sind auf die Kommunikation zwischen Eltern und Kind spezialisiert. Doch auch Kontroll-Funktionen wie eine GPS-Ortung sind häufig integriert. Diese Möglichkeit sollte jedoch nur in Absprache mit dem Kind und in echten Notfällen genutzt werden, rät der Elternratgeber SCHAU HIN!.
Mehr Übersicht
Vorteile der Uhren, die speziell auf Kinder zugeschnitten sind: Die Eltern haben eine Übersicht darüber, mit wem ihr Nachwuchs telefoniert, schreibt und Sprachnachrichten austauscht, da die Kontakte vorher von den Eltern auf der Smartwatch hinterlegt werden müssen. Zum Telefonieren wird eine SIM-Karte direkt in die Uhr eingesetzt, über das Handgelenk können Anrufe erledigt und empfangen werden, ohne dass das Kind ein eigenes Mobiltelefon besitzt. Zudem ist ein Zugang zum Internet mit den Kinder-Smartwatches meist unmöglich. Damit werden unabsichtliche Online-Käufe, das Betrachten unangemessener Inhalte und die Weitergabe sensibler Daten vermieden. Einige Modelle bieten kleine Spiele oder eine Kamerafunktion an. Schulleitungen haben die technische Entwicklung dabei genau im Blick – in manchen Schulen müssen Kinder fortschrittlichere Modelle, etwa mit Internetzugriff und Nachrichtenfunktion, bei Klausuren bereits abgeben.
Zu viel Kontrolle
Überwachungsmöglichkeiten in Smartwatches wie GPS-Ortung oder „Voice Monitoring“ – bei dem die Eltern die Umgebungsgeräusche des Kindes hören, selbst aber nicht gehört werden können – stellen einen Eingriff in die Freiräume des Kindes dar. Sie sollten daher nur in Ausnahmefällen und nicht ohne Einverständnis des Kindes genutzt werden. Im schlechtesten Fall kann das Vertrauen zwischen Eltern und Nachwuchs nachhaltig beeinträchtigt werden.
SCHAU HIN!-Tipps zur Smartwatch-Nutzung
• Die Smartwatch gemeinsam mit dem Kind einrichten und vereinbaren, welche Funktionen genutzt werden.
• Eine Smartwatch ist keine dauerhafte Alternative – ist das Kind sicher in der Nutzung des Internets und verantwortungsbewusst genug, kann es auch ein Mobiltelefon nutzen, das von den Eltern in den Einstellungen kindersicher gemacht worden ist.
• Lückenlose Überwachung ist schädlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind und bremst die Entwicklung der Selbstständigkeit. Eltern sollten ihren Kindern Freiräume und Vertrauen schenken und Standortbestimmung und „Voice-Monitoring“ eher nicht einsetzen.
• Eltern sollten sich in jedem Fall bereits vor dem Kauf informieren, wie die AGB, Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärungen bei verschiedenen Anbietern und Uhren aussehen. Inzwischen ist häufiger bekannt geworden, dass Wearables und Smartwatches besonders datenhungrig sind und viele Nutzerinformationen erfassen.
Eltern können sich bei Fragen über die Internetseite www.schau-hin.info an Experten wenden – dort finden sie unter anderem einen Chat und alle wichtigen Kontaktmöglichkeiten aufgelistet.
Besuche anmelden?
„Unsere Tochter kommt gern spontan vorbei, ohne vorher Bescheid zu sagen. Ehrlich gesagt, stört mich das. Ich habe aber die Sorge, dass sie sich nicht mehr willkommen fühlt, wenn ich sie bitte, ihre Besuche anzukündigen.“
Genauso wie Kinder sehr unterschiedlich sind, gibt es auch unterschiedliche Eltern. Während die einen nach dem Auszug der eigenen Kinder am liebsten weiterhin über jeden Schritt genau unterrichtet wären, sind andere Eltern gar nicht so unglücklich darüber, dass sie ihren Tagesablauf wieder nach eigenen Bedürfnissen ausrichten können und sich nicht ständig nach den Kindern richten müssen. Es gibt hier kein „richtig“ oder „falsch“. Deshalb müssen Sie sich nicht schlecht dabei fühlen, wenn Sie jetzt, nach dem Auszug Ihrer Tochter, für sich selbst Grenzen ziehen möchten.
AUSGEZOGEN – ABER AUCH ABGENABELT?
Wichtig ist es jedoch, dass Sie trotzdem auch die Seite Ihrer Tochter sehen. Mit dem Auszug aus dem Elternhaus vollzieht sich für Ihre Tochter die endgültige Abnabelung von den eigenen Eltern. Manche Kinder genießen das in vollen Zügen und melden sich nur noch sporadisch zu Hause. Andere dagegen brauchen einen „Anker“. Sie wünschen sich einen festen Platz, an den sie immer wieder zurückkehren und zur Ruhe kommen können. Dieser Ruhepunkt ist das eigene Elternhaus. Möglicherweise ergibt sich das Bedürfnis, diesen Fluchtpunkt aufzusuchen, für Ihre Tochter sehr spontan.
GEÄNDERTER TAGESABLAUF DER ELTERN
Reden Sie mit Ihrer Tochter darüber, dass Sie nach ihrem Auszug einen anderen Tagesablauf haben und es deshalb notwendig ist, dass Sie über spontane Besuche vorher informiert werden. Machen Sie Ihr klar, dass Sie sich natürlich über ihre Besuche freuen, aber dass Sie nicht möchten, dass Ihre Tochter bei einem unangemeldeten Besuch vor verschlossener Tür steht. Sollte Ihre Tochter noch einen Wohnungsschlüssel haben, so besprechen Sie mit ihr, dass dieser Schlüssel nur für Notfälle gedacht ist und nicht zum Betreten der Wohnung während Ihrer Abwesenheit.
MIT EINFÜHLUNGSVERMÖGEN ABGRENZEN
Erklären Sie ihr, dass Sie sie gerne jederzeit willkommen heißen und ihr auch extra das Lieblingsessen kochen oder die Lieblingsschokolade im Kühlschrank lagern, aber dass das nur möglich ist, wenn Sie vorher Bescheid sagt. Im ersten Moment ist es für erwachsene Kinder sicherlich nicht einfach, plötzlich wie ein Besucher behandelt zu werden. Wenn Sie jedoch Ihr Anliegen in die richtigen Worte kleiden, wird Ihre Tochter Sie sicherlich verstehen. Erwachsene Kinder ziehen aus, um ihr eigenes Leben zu leben. Dieses eigene Leben steht jedoch auch den Eltern zu. Deshalb müssen Eltern kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nach Auszug der Kinder ihren Tagesablauf ändern und infolgedessen darauf bestehen, dass sich die Kinder bei einem Besuch anmelden.
Ingrid Neufeld ist Erzieherin und Mutter von drei inzwischen erwachsenen Töchtern. Sie lebt in Mittelfranken.
Nachhilfe, ja oder nein?
„Ich habe das Gefühl, mein Kind kommt im Unterricht nicht mit. Ab wann ist Nachhilfe sinnvoll?“
Nachhilfe ist sinnvoll, wenn ein Schüler versetzungsgefährdet ist, viel krank war und dadurch große Lücken entstanden sind, oder in einem Fach regelmäßig Probleme bei den Hausaufgaben und Klassenarbeiten entstehen. Auch bei Leistungsunterschieden durch einen Schulwechsel ist sie empfehlenswert. Kurz gesagt: Nachhilfe ist dann sinnvoll, wenn Wissenslücken geschlossen werden müssen. Wenn Ihr Kind sich oft krank fühlt und die Noten in den Keller rutschen, kann das aber auch auf andere Gründe, wie zum Beispiel Mobbing hindeuten. Dann kann Nachhilfe unterstützen, aber die Ursache sollte parallel gefunden und bearbeitet werden.
WIE VIEL KOSTET NACHHILFE UND WER GIBT SIE?
Individuelle Förderung ist oft teurer als das Lernen in kleinen Gruppen. Für eine private Nachhilfestunde bei Schülern oder Studenten kann man zwischen 10 und 18 Euro investieren. Ausgebildete Pädagogen können schon mal bis zu 30 Euro nehmen. Der Vorteil dieser 1:1-Betreuung ist die individuelle Ausrichtung auf die Bedürfnisse des Schülers. Wenn die Chemie stimmt, kann es Ihr Kind motivieren, mit einem Studenten zusammenzuarbeiten, der selbst noch mitten im Lernprozess steckt und weiß, was es heißt, Klausuren schreiben zu müssen. Außerdem sind Studenten altersmäßig näher an den pubertierenden Kindern und können sich anders einfühlen. In der Zeitung oder im Internet findet man die Angebote zahlreicher geeigneter Lehrer. Eine Unterrichtsstunde (45 Minuten) in Kleingruppen kostet dagegen zwischen acht und dreizehn Euro, wobei oft 90 Minuten gearbeitet wird. Sprechen Sie mit Ihrem Kind und beobachten Sie, wie es besser lernt. Arbeitet es gerne in einer Gruppe, dann ist ein Nachhilfeinstitut sicherlich empfehlenswert. Qualitätsmerkmale dort sind das Angebot einer Probestunde sowie ein persönliches Gespräch, in dem die Bedürfnisse des Schülers abgefragt werden, das Angebot von Fachpersonal, ansprechendes Lernmaterial sowie nachweisbares Qualitätsmanagement und eventuell sogar ein TÜV-Siegel.
AN WEN SOLL ICH MICH WENDEN?
Mit dem eigenen Kind über die Nachhilfe sprechen. Idealerweise sollte es selbst motiviert sein, Unterstützung beim Lernen zu bekommen, sonst bleibt oft der Erfolg aus. Den Lehrer des Kindes um ein Gespräch bitten. Eventuell hat er auch gleich eine Adresse für eine Nachhilfemöglichkeit. Wie viel individuelle Förderung erhält ihr Kind schon schulintern? Steht die Frage im Raum, ob das Kind unter Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) oder Matheschwäche (Dyskalkulie) leidet, braucht es gezielte Förderung. Suchen Sie daher das Gespräch mit dem Schulpsychologen. Auch Schulangst kann der Grund für eine Lernblockade sein. Hier ist die Erziehungsberatungsstelle oder der Schulpsychologe der richtige Ansprechpartner.
WAS GILT ES ZU BEACHTEN?
Achten Sie darauf, dass in der Nachhilfe nicht nur der aktuelle Lernstoff wiederholt wird, sondern auch der Lernstoff bearbeitet wird, den Ihr Kind nicht verstanden hat. Außerdem gilt: Nachhilfe sollte keine Dauerlösung sein! Nach einem halben Jahr sollte man überprüfen, ob die Nachhilfe erfolgreich und weiterhin nötig ist.
Stefanie Böhmann ist Grund- und Hauptschullehrerin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Ein Truckerfrühstück für die Freundschaft
Christof Matthias startet später, dafür aber mit voller Kraft in den Arbeitstag.
Eigentlich haben wir beide keine Zeit. Der Terminer ist voll, und einige unerledigte Baustellen verlangen jetzt eher Vollgas als ein freundschaftliches Treffen am Morgen. Zum Glück kann ich meine Arbeitszeit relativ frei einteilen und mein Freund hat die Möglichkeit, auch mal erst um 09.30 zu beginnen, wenn er dafür am Nachmittag länger bleibt. Also setze ich mich nach der üblichen Morgenroutine ins Auto und fahre zehn Kilometer über Land, um mich mit einem Freund zum Frühstücken zu treffen. In dem Café brummt es an dem Morgen wieder. Viele Tische sind bereits besetzt, einige noch frei, aber reserviert. Im hinteren Bereich finden wir noch ein Plätzchen für uns beide. Eine eher gehetzt wirkende Frau bringt uns die Speisekarte. Ich weiß eigentlich schon, was ich will: das Truckerfrühstück – reichlich Rührei und Speck, frisches Brot. Mein Freund braucht etwas länger, entscheidet sich schließlich für das Vitalfrühstück. Na ja, jedem das Seine. Erst jetzt nehme ich eine bequemere Sitzposition ein und frage: „Nun, mein Freund, wie schaut‘s?“ Aus dieser Frage entwickelt sich ein tief gehender, persönlicher Austausch. Wir erfahren voneinander und hören aufeinander. Es geht um die letzte Nacht, Träume, Beruf und Berufung, alte Eltern, Kinder, Enkelkinder, Ehe, Pläne, Visionen – haben wir die noch? Eine geordnete Struktur ist weder angedacht, noch erkennbar. Was interessant erscheint, wird vertieft, bevor ein neuer Gedanke ins Spiel kommt. Ausgemacht haben wir eine gute Stunde. Die ist aber längst vorbei. Nun müssen wir beide unbedingt los. Die Pflichten rufen unüberhörbar. Ich mache immer wieder die gleiche Erfahrung – Männer können reden und wollen es auch. So viele Gelegenheiten, anderen im vertrauten Rahmen von dem zu berichten, was mich beschäftigt und umtreibt, habe ich nicht. Freunde fallen nicht vom Himmel, und Freundschaften müssen gepflegt werden. In einer Gruppe fremder Leute lädt mein Akku nicht. Ich suche und brauche eher das Vertraute. Da, wo ich sein kann, tiefere Töne angeschlagen und Oberflächlichkeiten durchdrungen werden. In der herzhaften, männlichen Umarmung zur Verabschiedung spüre ich noch etwas, das Worte nicht ausdrücken können. Als ich wieder nach Hause komme, weiß meine Frau sofort, dass ich eine gute Zeit hatte. Sie merkt mir an, dass ich aufgetankt habe. Sie hat Recht.
Ein bisschen Helikopter …
… sind wir Eltern doch alle, oder? Ich denke, jede Mutter, jeder Vater hat so seine Bereiche, wo er oder sie mehr als andere das Kind kontrolliert, beobachtet oder zu sehr unterstützt. Aber dabei darf man sich bloß nicht erwischen lassen. Helikoptereltern-Bashing ist nämlich sehr beliebt. Zum Schulstart gab es in allen Medien Artikel und Berichte über Eltern-Taxis. Und dabei wird gern pauschal geurteilt. Ja, ich finde auch, dass mehr Kinder zu Fuß zur Schule gehen sollten. Ja, auch bei Regen! Aber für manche Kinder und Eltern ist es eben nicht machbar. Das interessiert aber keinen. Schnell sind es „die Eltern von heute“, die ihre Kinder nicht loslassen können, die ihrer Selbstständigkeit im Weg stehen und sich nur von Angst leiten lassen.
Bei Facebook kursieren Posts, in denen romantisch verklärt von der tollen Kindheit „damals“ die Rede ist, als die Kinder noch auf der Straße spielen durften. Wenn ich auf unsere – zugegebenermaßen verkehrsberuhigte – Straße blicke, sehe ich dort mehr Kinder als „damals“ bei uns. Ängstliche Mütter gab es immer schon …
Ich denke, es ist gut und sinnvoll, sich immer mal wieder zu hinterfragen: Gibt es Bereiche, in denen ich mein Kind überbehüte? Wo müsste es eigentlich selbstständiger sein? Wie kann ich es darin noch mehr unterstützen? Und es ist gut, sich der eigenen Ängste immer mal wieder bewusst zu werden.
Aber die meisten Eltern machen ihren Job gut. Meiner Beobachtung nach sind „echte“ Helikoptereltern eindeutig in der Minderheit. Wie letztens beim Schul-Staffel-Lauf im Rahmen eines Halbmarathons. Viele hundert Kinder haben hier mitgemacht. Mein Sohn auch. Ja, ich hatte vorher die Sorge, dass er zu schnell losrennt und dann seine Teilstrecke nicht schafft. Aber ich habe ihn fröhlich loslaufen lassen und war stolz, als er nach einer halben Stunde wieder am Wechselpunkt ankam. Umso erschrockener war ich, als ich einen Vater sah, der neben seinem 11-jährigen Sohn herlief. Nicht ein kleines Stück, um ihn zu motivieren. Nein, er ist die ganze Strecke neben ihm hergelaufen. Wie schade! Damit hat er seinem Sohn die Erfahrung genommen, es allein geschafft zu haben.
Nun könnte man wieder losschimpfen: Diese Helikoptereltern! Aber es war nur ein Vater von mehreren hundert Eltern. Alle anderen haben ihre Kinder angefeuert. Und sie laufen lassen. Das ist es, was zählt!
Bettina Wendland
Redakteurin Family und FamilyNEXT
Die Sorgenkralle bezwingen!
Stefanie Diekmann ist anfällig für Sorgen.
Das Gemeine an der Sorgenkralle in meinem Leben ist: Sie krampft sich unvermittelt um mein Herz. Ich gebe mein Schulkind zum Segeln ab und realisiere den erstaunlichen Größenvergleich von Frachter und Segeljolle mit meinem Kind (das sehr fröhlich winkt). Dann auf einmal gibt die Sorgenkralle ihr Bestes: „Wenn sie kentert? Und was ist, wenn sie dann unter dem Boot bleibt?“ Eng wird es mir und vor Sorge bleibt fast die Luft weg. Die Sorgenkralle scheint auch meine wunden Punkte zu kennen. Beim Klaviervorspiel hat meine Tochter besonders großes Herzklopfen und möchte sich am liebsten drücken. Sie drückt sich sogar tatsächlich! Und ich spüre von einem Moment auf den anderen zermürbende Sorgen: Wieso traut sie sich so wenig zu? Was habe ich vermittelt, was ihr nicht guttut und sie bremst? An einigen Tagen bin ich sehr vertraut mit der Sorgenkralle und komme kaum dazu, einen Blick auf etwas anderes zu werfen. Ich sorge mich rein in ein Gefühl der Machtlosigkeit und der groben Erziehungsfehler und bin mehr und mehr gefangen in einer rostigen Kralle der „Wenns“ und „Achs“ … Jesus kennt unsere Anfälligkeit zum Sorgen und hat eine Idee: „Sorgt nicht!“, sagt er wiederholt. Was zu banal klingt, übe ich täglich. Spüre ich den Druck der Enge im Herzen, habe ich eine Art Spezialöffner für Sorgenkrallen. Ich schüttele ab, was sich für Szenarien in mir abbilden wollen und atme betend durch. Ich richte mich auf, als Mutter, als Frau, als Ich. Manchmal entweicht mir ein kleines: „Herr, segne du!“ oder ein „Jesus, hilf mir!“, manchmal nutze ich die scheinbare Enge, um über Freiheit und Mut zu beten. Das mag die Sorgenkralle gar nicht. Wenn ich bei Bekannten mitbekomme, wie sie in ihrer Ehe um Vorteile zerren, reagiert die Sorgenkralle verzögert. Erst nicke ich beim Zuhören zustimmend, wenn eine Frau über ihren Mann schimpft. Doch dann will mir die Sorgenkralle das Gefühl von Beziehungsmüdigkeit und von lieblosen Missverständnissen vor Augen führen. Bis ich meine eigene Ehe sorgenvoll betrachte. Auch hier will ich mich schneller aus dem Zugriff der Sorgenkralle befreien. Ich versuche, Gutes über meinen Mann und unser Miteinander zu sagen. Ich strecke der Sorgenkralle die Zunge raus, denn ich übe mich darin, meinem Mann direkt einen fast unaussprechlichen Wunsch an unsere Beziehung zu nennen. Was mir in letzter Zeit aufgefallen ist: Die Zeit in der Sorgenkralle verbringe ich allein, und sie kostet mich viel Kraft. Wenn ich mich herauswinde, habe ich die Chance, Gestalterin zu sein und nicht ausgelieferte Untätige. Ich setze mich zum Bügelperlen bezwingenden Kind dazu. Oder ich mache meinem Jugendlichen, der einen Studienort sucht, einen Tee. Ich bin Teil ihrer Gedanken, anstatt mich in der Distanz zu sorgen. Ich richte meinen Blick auf das Jetzt und das Miteinander. Ich lebe, sehe in die Augen des anderen, lache, schimpfe, höre zu. So wird mein Herz stark und lebendig. Die Sorgenkralle passt gar nicht mehr richtig drum … Beim Segeln ist übrigens nie etwas passiert.
Nur noch kurz die Welt retten
Was kann ein Einzelner bewirken, um die Welt zu verändern? Mehr, als viele denken, meint Ruth Weißenborn und fängt an, müllarm zu leben.
Ich träume davon, dass wir den leisen Gedanken zuhören, die Gott uns manchmal zuflüstert und die zu einer großen Sache werden können. Ich glaube, dass jeder von uns sie hat, diese kleinen Ideen und Träume. Denn so fängt Veränderung an. Mit einer Idee, einem, der sie umsetzt und dem nächsten, der sich anstecken lässt. Ich träume davon, dass wir anfangen zu tun. Dass wir selber wagen, anstatt auf andere zu warten. Ohne Rücksicht auf Perfektion, die uns nur aufhält. Wir können viel bewirken mit einer Idee, etwas Idealismus und einer Spur Blauäugigkeit, die uns etwas riskieren lässt. Das ist in der Theorie einfacher als in der Praxis. Können wir trotzdem heute zusammen etwas wagen? Und sei es nur, unseren Traum zu Ende zu träumen: Was möchte ich verändern, verbessern, verschönern? Was liegt mir auf dem Herzen? Was würde ich tun, wenn ich nicht scheitern könnte? Und was brauche ich, um meine leisen Gedanken in die Tat umzusetzen?
ZERO WASTE
Werner Boote hatte die Idee, einen Film über die katastrophalen Auswirkungen von Plastik zu machen. Sein Großvater war in den 60er Jahren Geschäftsführer der deutschen Interplastikwerke. Sandra Krautwaschl aus Österreich war von dem Film so bewegt, dass sie mit ihrer Familie beschloss, einen Monat lang komplett ohne Plastik zu leben und Online-Tagebuch darüber zu führen. Das war 2009, und Familie Krautwaschl lebt heute noch plastikfrei. Bea Johnson aus Kalifornien dachte, sie lebe umweltbewusst, weil sie ja ihren Müll ordentlich trennt. Bis sie durch Bücher und Dokumentationen anfing „zu verstehen, nicht nur, wie stark unser Planet gefährdet ist, sondern auch, wie sehr unsere alltäglichen, gedankenlosen Entscheidungen alles noch schlimmer machten für unsere Erde und die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen“. Sie lebt seitdem nicht nur plastik- sondern fast müllfrei: Ihre vierköpfige Familie produziert etwa ein Weckglas Restmüll pro Jahr. 2014 eröffneten in Deutschland die ersten Lebensmittelläden ohne Einwegverpackungen. Mittlerweile gibt es etwa 40 Unverpackt-Läden, weitere sind in Planung.
MÜLL HALBIERT
Vor zwei Jahren entdeckte ich beim Youtube-Surfen Werner Bootes Dokumentation „Plastic Planet“. Nach der Hälfte des Films wusste ich, dass ich nicht mehr ruhigen Gewissens weitermachen kann wie bisher. Ich musste etwas ändern – und zwar sofort. Ich habe mich im Netz informiert und schrittweise Plastik aus unserem Haushalt entfernt. Dann stieß ich auf Bea Johnsons Buch „Zero Waste Home“. Deutsche Literatur gab es Anfang 2015 kaum. Mittlerweile sind aber diverse Bücher und noch mehr Blogs erschienen. So fing ich an, unsere Wohnung zu entrümpeln und die Müllquellen in unserem Fünf-Personen-Haushalt durch müllfreie Alternativen zu ersetzen. Was wir aussortierten, wanderte ins soziale Kaufhaus oder in die Kleinanzeigen. Überrascht stellte ich fest: Für fast jeden Wegwerf- oder müllproduzierenden Artikel gibt es eine wiederverwendbare, aufladbare, auffüllbare oder DIY-Alternative. Zurück zur guten alten Pfandflasche und einem simplen, unverpackten Stück Seife. Manchmal ist etwas Kreativität gefragt, um zum Beispiel herauszufinden, dass man aus Joghurt und einer Prise Salz Labneh herstellen kann, der uns Frischkäse und Quark ersetzt. Innerhalb von ein paar Monaten halbierte ich unseren M üll. U nkompliziert u nd o hne großen A ufwand, weil ich eine Sache nach der anderen umstellte und nur das wählte, wo mir die Alternative leicht fiel: Auf dem Wochenmarkt kann ich mir Oliven und Schafskäsecreme direkt ins Bügelglas füllen lassen. Für Butter ist mir noch keine geeignete Alternative begegnet, deshalb kaufe ich sie weiterhin konventionell. Genau wie Zahnpasta. Die kann man zwar wunderbar selber machen, aber nach meinem Zahnpasta-Experiment wollte mein Mann mich nicht mehr küssen.
EIGENE VERPACKUNGEN
Die größte Müllersparnis brachte die Umstellung unserer Einkaufsgewohnheiten: Wir kaufen Getränke und Milchprodukte in Pfandflaschen und kaum noch Fertigprodukte. Auf dem Wochenmarkt besorge ich Käse und Wurst (Edelstahldosen), Honig (Pfandglas), Brot (Brotbeutel), Obst und Gemüse (waschbare Gemüsenetze). Alle Utensilien warten in meiner Markttasche auf den nächsten Einkauf. Auf freundliche Nachfrage wurde mir die Bitte, meine eigene Verpackung benutzen zu dürfen, bisher nur selten abgeschlagen. Ein guter Kompromiss ist, den Behälter nur auf die Theke zu stellen, sodass der Verkäufer die Ware hineinlegen kann. Laut Verbraucherzentrale NRW gibt es branchenspezifische Leitlinien, aber letztendlich entscheidet jeder Marktleiter, ob eigene Behälter benutzt werden dürfen. Die Bäckereien sind bei mir auf Platz eins in der Müllfrei-Beliebtheitsskala: Mein Brotbeutel war immer sofort willkommen. Zwischendurch kaufe ich im Supermarkt ein. Leider ist dort meistens das konventionelle Obst und Gemüse lose, während bio eingeschweißt ist. Mein Mann bevorzugt bio, ich entscheide mich eher für plastikfrei. Zum 17 Kilometer entfernten Unverpackt-Laden fahre ich nur alle paar Monate, um einen Großvorrat an trockenen Lebensmitteln zu kaufen. Oder ich teile mir mit Freunden Großgebinde in Papierverpackung, die wir online bestellen. Ich lagere alle Lebensmittel in Bügelgläsern, in denen man auch hervorragend einfrieren kann, wenn man sie maximal zu drei Vierteln füllt.
ENTSPANNUNG STATT PERFEKTION
Mit „heiter bis wolkig“ lässt sich die Begeisterung meiner Familie zusammenfassen. Die erste Reaktion meines Mannes zum Thema Zero Waste war: „Ja okay, mach das. Drei Monate lang sag ich nichts dazu.“ Daran hat er sich gehalten, sogar sechs Monate lang, und dann angefangen zu protestieren. Nach einigen Runden verbalen Armdrückens haben wir unseren Mittelweg gefunden und entschieden, dass beispielsweise Chips für uns, trotz Plastikverpackung, dazugehören. Mir fällt es leicht zu verzichten, wenn es keine unverpackte Alternative gibt. Über die plastikverpackten Käufe meiner Familie hinwegzusehen, fällt mir schwerer. Ich versuche, mich dennoch mit meinen Töchtern über ein neues Shampoo und superniedliche Polyestertierchen mit Riesenaugen zu freuen. Aber zwischendurch werde ich rückfällig und bin die nervige Ehefrau und Mama mit Müll-Spleen und erhobenem Zeigefinger. Als Familie funktioniert nur der Weg, den alle gerne gehen. Unsere Zero-Waste-Reise ist von Chipskrümeln gesäumt und riecht nach Pfirsichblüten. Entspannung statt Perfektion.
AUGEN AUF!
Plastik hält eine Ewigkeit und wird oft nur für wenige Augenblicke benutzt. Ich möchte dazu beitragen, dass wir die Augen öffnen für das, was um uns herum selbstverständlich geworden, aber der helle Wahnsinn ist. In Deutschland landen pro Stunde 320.000 To-Go-Becher im Müll, und wir verbrauchen zwei Milliarden Kaffeekapseln im Jahr. Zwei von vielen Beispielen, die wir im Handumdrehen ändern könnten. Erfreulich ist die Entwicklung beim Thema Plastiktüten: Durch die Einführung von Gebühren ist der Verbrauch von 5,6 Milliarden Tüten jährlich auf 3,6 Milliarden gesunken. Das sind ein Drittel weniger Plastiktüten als im Vorjahr. Mein Ziel ist „zero waste“, aber wir sind eine normale Familie mit unterschiedlichen Wünschen und Interessen. Ein Weckglas Restmüll im Jahr werden wir vermutlich nie erreichen. Doch wenn wir „Normalen“ uns zusammentun und jeder seinen Müll ein wenig reduziert, dann können wir zusammen viel verändern. Meine Hoffnung ist, dass einige anfangen und viele mitmachen. Der berühmte kleine Stein, der ins Wasser fällt und Kreise zieht. Jetzt kennen Sie meinen Traum. Wovon träumen Sie?
„Sei nicht kindisch, Mama!“
Wenn meine Kinder erwachsener sind als ich … Von Stefanie Diekmann
Das Regenwetter des Urlaubstages beschreibt genau meine Stimmung. Wir trotten als fünfköpfige Familie durch eine englische Kleinstadt und suchen etwas Essbares. Der Burgerladen, der uns empfohlen wurde, erweist sich als hübsch und hochpreisig. Während ich mich seufzend niedergelassen hätte, geht mein Mann konsequent wieder aus dem Laden, um etwas Preisgünstigeres zu suchen. Ich bin grummelig: „Alter Sparfuchs!“ In mir braut sich Ärger zusammen. Nie gönnen wir uns was … Da wir von unserem letzten Halbjahr erschöpft sind, ist der Ton zwischen uns eh rau. Rauer, als uns lieb ist. Wir zischen uns an. Die Kinder rollen mit den Augen. Naja, Kinder – wohl eher Teens und Jugendliche. Schon lange sind sie nicht mehr unser Auftrag, sondern eher Partner. Aber heute will ich keine Partner. Mit hungrigem Magen und einem Gefühlsbrei in mir will ich gar nichts mehr. Ich will meinen Mann doof finden und finde keinen Mut, ihm von meiner Enttäuschung zu erzählen. Besser gelingt es mir, rumzunörgeln.
UNFLÄTIG AUSFLIPPEN
Im Schnellimbiss habe ich keine Lust, mich anzustellen und auch nicht mit ihm zu reden. Mein sonst sehr entspannter Mann blitzt mit funkelnden Augen zurück und ruft nicht gerade freundlich die Bestellung ab. Als wir alle die ersten Pommes in den Mund schieben, eröffnen unsere Jugendlichen ein Gespräch: Sie weisen uns auf unseren kindischen Auftritt eben an der Kasse hin. Wir wehren uns eifrig, aber alle drei sind sich einig: So gefällt ihnen unser Verhalten nicht. Sie wünschen sich mehr Nähe und Respekt. So macht Familie keinen Spaß. Wir hätten es ihnen schließlich beigebracht, Dinge anzusprechen, zu klären und nicht zu motzen. In mir tobt eine Dreijährige, die unflätig ausflippen möchte. Ich bin sprachlos und ein bisschen zynisch, als ich antworte: „Ach, das müsst ihr uns jetzt sagen?“ – „Scheinbar ja, so wie ihr euch heute benehmt!“, bleibt unsere 18-jährige Tochter klar.
IMMER MEHR GEGENVERKEHR
Ich brauche mehr als einen Tag, um dieses Erlebnis zu verdauen. Wenn unsere Kinder mit uns Alltag leben, reibe ich mich an diesen Spiegelmomenten manchmal wund. So gut, wie ich die jungen Menschen kenne – oder meine sie zu kennen –, so sehr sind sie mit mir und meinen Ecken und Kanten vertraut. Auf der Einbahnstraße meiner Kommentare zu ihrem Verhalten herrscht mit zunehmendem Alter immer mehr Gegenverkehr. Meine 16- und 18-jährigen Töchter lassen meine Chaostage, meinen Zorn auf Menschen, meine nicht gut geplanten Besprechungen nicht unkommentiert. Oft habe ich dann das Gefühl, alles falsch zu machen. Ein Gefühl, dass Jugendliche und junge Erwachsene zu gut kennen. Das edle Vorrecht, erwachsen zu sein, ist mit Jugendlichen in der Familie hart umkämpft. Ich muss üben, es zu teilen. In meinen kindlichen Momenten ist mein Empfinden und Verhalten von alten Gefühlen und Erfahrungen gesteuert. Ich bin wie zurückgeworfen in die ersten Versuche, meine Schwächen zu meistern. Ich sitze perplex auf dem Boden. Eben noch in die Performance als Erwachsene vertieft, stolpere ich durch ihre Rückmeldungen vom Seil. Da kommen Kommentare, die sind nicht nett und nicht sorgsam abgewogen, sondern klar und verletzend. Ich bin verdutzt, wie sehr es mich aus dem Gleichgewicht bringt. Habe ich meinen Kindern das mitgegeben? Andere so zu bewerten?
DAS NÄCHSTE LEVEL
Uns helfen als Paar zwei Gedankenwege, um die Rückmeldungen unserer Kinder zu verarbeiten: 1. Was sagt mir mein verletztes Gefühl über mich? Welche Themen sind für mich immer wieder fordernd? Welches uralte Hindernis ist da gerade wieder aufgetaucht? 2. Was sagt die Rückmeldung über den jungen Menschen? Meine Tochter mag es nicht, dass ich an einem Schmerztag auf der Couch liege. Oft kommt nach einigen Wortgefechten heraus, dass sie selbst unter Strom steht und sich einen Tag Auszeit wünscht. Wenn ich mich dem „Sei nicht kindisch, Mama!“ meiner Jugendlichen verwehre, erreichen wir das nächste Level von Beziehung nicht. Ich möchte nicht die Instanz bleiben, die allein weiß, was gut und richtig ist. Möchte nicht drohen: „So redest du nicht mit deiner Mutter – ich weiß, was gut für dich und mich ist!“ Ein Vater berichtete mir einmal von solchen Momenten. Es brach aus ihm heraus, wie viel Kummer ihm die „Besserwisserei“ und die „Tipps“ seiner Jungs machen. „Meine Erfahrung ist nichts wert! Ich bin nur noch der, der Geld ranschafft. Sie wollen gar nichts mehr von mir! Im Gegenteil, ständig muss ich mir anhören: ‚Weiß ich, Papa! Du hast keine Ahnung, Papa!‘“ Jugendliche wollen mit ihrem Wissen über die Welt und das Leben selbstständig agieren und sehen Zusammenhänge weniger komplex und risikoreich. Das ist gesund und natürlich – sonst würde nie ein Jugendlicher etwas wagen. Diese Leichtigkeit wird den Eltern gern als: „Ich weiß und ich kann alles!“ vermittelt. Zeitgleich bewege ich mich in einer Lebensphase, in der weniger geht und ich weniger weiß. Ich brauche meine Jugendlichen zum Installieren von Apps, zum Lernen neuer Lieder für den Gottesdienst, zum Loslassen alter Deko-Objekte („Diese Tischdecken sind so 80er, Mama!“). Ich lasse los, werde verwundbarer – und sie erobern das Leben.
DEN KOPF WASCHEN
Menschen, die zu ihren erwachsenen Kindern gelingende Beziehungen haben, haben es geschafft, zusammen das Balancieren zu üben. Irgendwann wird die Phase der Schonungslosigkeit weichen, und unsere Jugendlichen werden milder werden – auch mit uns. Mein Mann und ich haben uns im England-Urlaub nach zwei Tagen übrigens bei unseren Kindern bedankt. Nicht jeder Hinweis und jeder Anraunzer kommt so reflektiert und berechtigt. Wir haben ihnen Mut gemacht, uns weiter den Kopf zu waschen und sie gebeten, uns auch mal zu loben. Lächelnd haben sie zugestimmt. In diesem Gespräch haben alle Kinder auf ihre Art ausgedrückt, dass sie unsere Ehe schätzen und es deshalb gar nicht mögen, wenn wir so kindisch sind. Das war doch schon mal ein Lob, oder?
Sechs Schritte zum Traumberuf
„Unser 16-jähriger Sohn ist völlig planlos, was er beruflich machen soll. Wie kann er den passenden Beruf finden?“
Mit 16 wusste ich auch nicht, was ich werden sollte – also lernte ich Elektroinstallateur. Im Nachhinein war es der falsche Beruf für mich, auch wenn die Lehrzeit meinen Horizont enorm erweiterte. Nach meiner Zivildienstzeit in einer Behinderteneinrichtung studierte ich Theologie und wurde Pastor. Danach kam eine Zeit als Jugendreferent und heute bin ich Leiter eines Orientierungsjahres. Schon damals war es mit der Berufsfindung nicht einfach, heute ist es in unserer vernetzten Welt noch schwieriger geworden. Die Berufswahl ist eine der größten Herausforderungen im Leben von Jugendlichen. Sie haben eine Million Möglichkeiten, was sie machen könnten. Von daher ist es für die allermeisten schwer, sich für eine berufliche Richtung zu entscheiden. Wie kann man ihnen trotzdem helfen, ihren beruflichen Weg zu gehen? Hier ein paar praktische Tipps für Jugendliche:
1. Finde deine Gaben und Fähigkeiten heraus. Hilfreich ist der Schüler-Test auf www.berufsprofiling.de. Er dauert ca. 1,5 Stunden und ist das Beste, was es aktuell dazu gibt.
2. Finde Berufe, die zu diesen Begabungen passen. Das Testergebnis liefert wertvolle Hinweise.
3. Wähle fünf bis 15 Berufe aus der Liste aus und informiere dich intensiv darüber. Infos zu Berufen findest du u.a. hier: www.berufe.tv, www.planet-beruf.de, www.berufsberatung.ch
4. Mache von den drei Haupt-Berufen, die du für dich entdeckt hast, eine Liste: Was spricht für diesen Beruf, was dagegen? Lege für jeden Beruf ein Din A4-Blatt an.
5. Suche dir einen Berater, mit dem du über deine Überlegungen sprichst. Du kannst zum Beispiel mit dem (Jugend-)Pastor darüber reden. Auch im Berufsinformationszentrum bzw. in der Arbeitsagentur gibt es gute Berater. Schweizer wenden sich an die kantonale Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung.
6. Bete während dieses Prozesses immer wieder. Gott hat etwas vor mit deinem Leben – und er wird dich durch all deine Überlegungen leiten. Schreib alle Fragen, Zweifel und Unsicherheiten zum Beispiel in einem Gebetstagebuch auf.
EIN JAHR ORIENTIERUNG
Meine Frau und ich leiten „Lebenstraum“ – ein Jahr der Orientierung für junge Erwachsene in Uffenheim/Mittelfranken. Auch das ist eine Möglichkeit für unentschlossene junge Erwachsene. Es gibt drei Schwerpunkte: Berufsfindung und Persönlichkeitsentwicklung, Biblische Inhalte und christliche Werte, Soziales Engagement. Dabei ist uns wichtig, dass die jungen Erwachsenen Verantwortung übernehmen. Sowohl für die Berufswahl, als auch für die Gemeinschaft und ihren persönlichen Glauben. Außerdem kann jeder Teilnehmer in selbst konzipierten sozialen Projekten seine Gaben austesten.
Stephan Münch und seine Frau Hanna leiten das Orientierungsjahr „Lebenstraum“ in Uffenheim: www.dein-lebenstraum.com .