„GESUNDES MISSTRAUEN“ – Ist das Votum von Fachleuten immer der Weisheit letzter Schluss? Katharina Hullen wundert sich über das blinde Vertrauen ihres Mannes.
Katharina: Mein Mann ist ein belesener und mit umfangreichem Halbwissen gesegneter Mensch. Deshalb staune ich immer wieder, wie sich genau dieser kluge Mensch von sogenannten Experten über den Tisch ziehen lässt. Wenn der Auto-Mechaniker sagt: „Das Steuergerät muss raus. So können Sie nicht mehr fahren”, zückt mein Mann seufzend sein Geld und zahlt.
Ist unsere Waschmaschine defekt – was bei fünf Kindern eine Katastrophe ist! – und Hauke ruft den Kundendienst an, bekommen wir einen Termin für übermorgen! Nicht heute oder morgen. Nein, übermorgen! Ich frage ihn, ob er erwähnt hat, dass wir sieben Personen sind, es wirklich drängt (weil drei Kinder in den Urlaub fahren), ob er wenigstens gefragt hat, ob ein früherer Termin möglich wäre – Fehlanzeige. Der Experte hätte ihm sicher schon den frühestmöglichen Termin angeboten. Sonst hätte er ja was gesagt.
Zum Haare raufen! Beim nächsten Mal rufe ich selbst an! Wenn die Chefärztin im Krankenhaus behauptet, unser Kind käme am besten per Kaiserschnitt zur Welt, obwohl ebenso viele Argumente für eine spontane Entbindung sprechen, fällt es Hauke schwer, mit mir den Kampf zu kämpfen gegen die Experten, die vordergründig nur mein Bestes wollen und den mutmaßlich schnellsten, sichersten und bequemsten Weg empfehlen.
Wenn ich das Gefühl habe, hier stimmt doch was nicht, warum muss die Entscheidung jetzt sofort gefällt werden, hake ich gern noch mal nach. Das sagt mir mein Herz, nicht mein Verstand.
Warum ist Hauke so expertengläubig? Vielleicht weil er etliche Projekte ohne fachmännische Unterstützung begonnen hat. Ganz allein – nur Hauke und Herr Google – im Kampf gegen das Schimmelproblem im Badezimmer. Folge: die ganze Familie muss sich in den nächsten vier bis sechs Wochen im kleinen Gäste-WC die Zähne putzen und im Keller duschen. Wäre Schwiegerpapa nicht mit Rat und Tat zur Hilfe geeilt, sähe unser Badezimmer immer noch aus wie Dresden nach dem Krieg.
Heute hat er sich überlegt, einen Sandkasten selber zu bauen. Er wird gleich anfangen, den Garten umzugraben. Zuerst hat er aber einen Anhänger über eine Kuppe in unseren Garten gewuchtet, ihn mit Erde vollgeschaufelt, um dann festzustellen, dass man den vollen Hänger nicht mehr über die Kuppe zurückschieben kann. Daraufhin fing er an, die Kuppe abzutragen, wodurch der Hänger aber noch schwerer wurde …
Ich werde wohl schon mal heimlich die Nachbarn nach der Nummer ihres GaLa-Bauers fragen. Dumm nur, wenn der dann sagt: „Übrigens, die Bäume hier müssen aber alle weg …”
Katharina Hullen (Jahrgang 1977) ist Bankkauffrau und Dolmetscherin für Gebärdensprache. Sie und Ehemann Hauke haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.
„EINSICHT IN DIE EIGENE BEGRENZTHEIT“ – Hauke Hullen weiß über den Weltfrieden Bescheid, alles andere überlässt er lieber Experten und seiner Frau.
Hauke: Lassen Sie mich kurz erklären, was meine Frau und unsere Waschmaschine gemeinsam haben: Beide funktionieren tadellos und haben sich trotz ihres Alters gut gehalten. Die eine sorgt in ihrem Inneren für strahlend weiße Wäsche, die andere versorgte neun Monate lang unser fünftes Kind. Saubere Sache, soweit. Bloß: Im Juli wollten beide das Ergebnis ihrer Arbeit nicht mehr raus(d)rücken. Die Tür der Maschine ließ sich nicht mehr öffnen und unser Sohn beschloss, bis auf Weiteres im Hotel Mama zu bleiben.
Hier war guter Rat buchstäblich teuer. Die Ärzte probierten fünf Tage lang, mit Gels und Infusionen die Räumungsklage durchzusetzen, vergeblich. Plötzlich entschied die schlanke, blonde Chefärztin kühl, dass der Junge rausgeschnitten werden solle. Nein, nicht morgen, heute. Dann rauschte die Heidi Klum der Geburtshilfe aus dem Zimmer.
Wir waren innerlich zerrissen, Kathi bislang zum Glück nur auf metaphorische Weise. Gewiss, es gab Risikofaktoren bei dieser Geburt, allerdings waren noch nicht alle Methoden ausgereizt, und wer weiß, vielleicht wollten die Ärzte die OP lieber vor dem nächsten EM-Spiel hinter sich bringen oder die höhere Fallpauschale kassieren. Kathi vertagte alles, diskutierte mit Oberärzten und schließlich musste die Chefärztin noch einmal kommen, um den Fall zu erörtern. In solchen Diskussionen bewundere ich meine Frau, dass sie freundlich im Ton und hartnäckig in der Sache bleibt. Ich hingegen knicke schnell ein, immerhin hatte die Frau viele Jahre Berufserfahrung und vielleicht sogar studiert. Sobald jemand im weißen Kittel oder blauem Overall vor mir steht, denke ich: „Der ist vom Fach, der hat bestimmt recht.”
Egal ob Zahnarzt oder Kfz-Mechaniker – wenn die sagen: „Da kann man nichts mehr machen, das Ding muss raus”, dann öffne ich schweigend Mund und Geldbörse und füge mich. Als Politiklehrer bin ich zwar kompetent in Sachen Weltfrieden, aber bei den wirklich wichtigen Dingen muss ich den Fachleuten vertrauen.
Vielleicht bin ich auch einfach naiv. Bei jeder Diskussion überlege ich, ob der andere nicht auch recht haben könnte. Gerne lasse ich mich von Argumenten überzeugen. Und wenn der Waschmaschinen-Techniker mir erst für übermorgen einen Termin gibt, dann wird er dafür bestimmt gute Gründe haben. Meine Frau würde den armen Menschen wahrscheinlich so lange nötigen, bis er einen Großkunden verprellt und stattdessen sofort bei uns vorbeischaut.
Ach, über das Thema könnte ich noch seitenweise schreiben. Doch die Redaktion meinte, 2500 Zeichen würden reichen. Dann ist das wohl so …
Hauke Hullen (Jahrgang 1974) ist Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften. Er und Ehefrau Katharina haben fünf quirlige Kinder und leben in Duisburg. Gemeinsam bilden die beiden das Kirchenkabarett „Budenzauber“.
Alltagskokon
Woran liegt es, wenn die Kraft fehlt, um die Flügel auszubreiten?
Ich höre es immer wieder: „Ich bin so k.o.!“ Oder: „Warum bin ich bloß so dauermüde?“ Ich kann gerade selber fühlen, was gemeint ist. Heute ist Kopfwehtag, die Wäsche oben piept mahnend und erinnert mich auch noch an die zwölf Hemden, die ich für Henrik bügeln muss. Ich lasse Tarik TV gucken, weil ich so lahm bin. So müde und matt. So sehr mit dem Jetzt beschäftigt und eingewickelt, das mir nicht mal Kaffeetrinken Spaß macht. Ich fühle mich schlecht dabei. Ich sehe mich um und überall liegt etwas herum: Schuhe, Marmeladengläser, Bastelsachen für diverse Gruppen, Bücher, kopierte Artikel, Abholscheine für Schulbücher, aussortierte Kleidung aller Kids – die wollte ich eigentlich schon seit Tagen wegbringen … Es fühlt sich in diesem Moment an, als wickle mich mein Alltagsgewimmel wie Klarsichtfolie ein. Zu einem bewegungsunfähigen Wurm. Ich stecke in einem Kokon aus Murren und Seufzen fest. Ich komme nicht dagegen an. Während ich in dieser Starre aus Müdigkeit bleibe, sehne ich mich nach den Flügeln eines Adlers. Die Bibel beschreibt dieses Bild. Menschen, die Gott vertrauen, fliegen kraftvoll in den Himmel und nutzen dabei die große Spannbreite der Flügel voll aus. Warum dann meine Lähmung? Wieso genieße ich mein Jetzt nicht? Mir fällt auf, dass ich mein Pensum und Tempo erhöhe und mich dann wundere über Müdigkeit. Einerseits liebe ich zum Beispiel Blogs von Menschen, die dekorieren und aus Zutaten Leckeres machen und bei denen ein Sonntagskaffeetisch aussieht wie aus dem Malbuch. Ich lasse viel Zeit beim Bewundern und Nachmachen, bis ich enttäuscht und kraftlos aufgebe und Waffeln backe. Denn in meinem Leben gibt es nicht nur den Fotoausschnitt, sondern es liegen neben dem 1A-Kuchentisch auch noch Wäsche, Rechnungen, Altpapierberge und Berge an Post. Ich lege mir den beengenden Kokon oft selbst an. Hochglanz versus Alltag. Sehnsucht gegen Müdigkeit. Enge gegen Freiheit. Eine Spannung. Eine Spannung, die Kraft raubt. Kraft, die Gott mir anbietet. Ich darf neue Kraft ertasten, wenn ich Gott vertraue. Ich will Gott meine engen Kokon-Schichten hinhalten. Um neue Sichtweisen bitten. Ich will durch mein Vertrauen mit seinen Möglichkeiten rechnen. Will mich wie ein Adler auf die Luftströme legen und gleiten. Das ist nichts, was ich selbst tun muss, sondern was ich nutzen darf. Gottes Kraft ist da. Sie lässt sich nutzen. In ganz kleinen Schritten kann ich mit diesem Aufwind aussortieren, was heute hilfreich ist. Ich lebe den Tag mit der Kraft, die ich heute habe. Ich lasse meine inneren Forderungen an mich los. Nun gehe ich den Trockner ausstellen, meinen Sohn knuddeln und dabei das TV ausschalten.
Stefanie Diekmann ist Diplom-Pädagogin und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Ingelheim am Rhein.
Den Takt selbst bestimmen
Das Dossier zum Thema „Ruhe“ in der aktuellen Family und FamilyNEXT ist mir persönlich sehr wichtig. Ich merke, dass ich ohne bewusste Ruhezeiten meinen Alltag nicht bewältigen kann. Und dass ich immer wieder das Tempo rausnehmen muss.
Einen wesentlichen Impuls, wie ich das praktisch umsetzen kann, habe ich beim Reiten bekommen. Ich reite ein eher phlegmatisches Schulpferd, das aber manchmal, vor allem gegen Ende der Reitstunde, eine Art Renntrab einlegt. Wahrscheinlich weil es hofft, dass die Stunde dann schneller rumgeht …
Beim Leichttraben muss der Reiter im Takt des Pferdes im Sattel aufstehen und sich wieder hinsetzen. Wenn meine liebe Merrie nun losrennt, gibt es einen bewährten Tipp der Reitlehrer: Langsamer aufstehen! Wenn ich mich nicht seinem Tempo anpasse, sondern selbst ein ruhigeres Tempo wähle, wird auch das Pferd wieder etwas langsamer. Funktioniert nicht immer (Merrie kann ganz schön stur sein), aber immer öfter.
Irgendwann fiel mir auf, dass man dieses Prinzip auch auf das Leben anwenden kann. Der Alltag gibt oft einen zackigen Takt vor: Noch schnell dieses erledigen, jenes organisieren, Kind 1 hierhin bringen, mit Kind 2 Vokabeln lernen … Wenn ich merke, dass es mir zu schnell wird, versuche ich, einen Gang zurückzuschalten. Ich will mich nicht an den Takt des Alltags anpassen, ich will ihn – soweit das möglich ist – selbst bestimmen. Ich will mir mein Lebenstempo nicht von anderen oder vom Alltag vorgeben lassen.
Wie das praktisch geht: Jetzt in der Adventszeit heißt das für mich zum Beispiel, die Weihnachtsdeko eine Nummer kleiner ausfallen zu lassen. Nicht jede Woche Plätzchen zu backen (die ja nicht mal eine Woche überleben …), für das Adventskaffeetrinken nur einen einfachen Blechkuchen zu backen. Und beim Weihnachtseinkauf gehe ich einfach mal einen Schritt langsamer. Ich höre dem Straßenmusiker zu, nehme die unterschiedlichen Gerüche wahr und stelle mir vor, ich sei im Urlaub in einer fremden Stadt …
Bettina Wendland
Redakteurin Family/FamilyNEXT
So was wie Stille
Bei Familie Diekmann geht es oft laut zu. Umso mehr sind sie bemüht, immer wieder Oasen der Ruhe für die ganze Familie zu schaffen.
Unser Tag ist laut, wild und bunt. Das macht uns als Familie aus. Jeder, der uns kennt, grinst über meine laute Art zu lachen, die schnellen Wortgefechte bei Diskussionen und den frotzeligen Ton zwischen uns. Nicht immer tut uns unser kraftfordernder Tag gut. Oft ächzen wir und sehnen uns nach einer Oase der Ruhe. Wir lieben daher Pausenzeiten – als ganze Familie. Nach jedem Mittagessen um 14 Uhr verschwinden wir alle in unseren Zimmern und ruhen eine Zeit lang. Die, die lange Schule haben oder berufliche Termine, verzichten darauf. Alle anderen atmen bewusst durch – bei einem spannenden Hörspiel, handyfrei beim Stillliegen, Schlafen oder Musikhören. Nur eine halbe Stunde später röchelt die Kaffeemaschine und wir treffen uns in der Küche. Nun werden Fragen aus der Schule oder zum weiteren Tag besprochen. Wir brauchen diesen kleinen Stopp am Tag, um zu spüren, wer wir sind. Um uns zu erinnern und zu vergewissern. Nicht selten ist das auch eine Chance, für die weiteren Schritte des Tages zu beten.
ATEMHOLEN BEI GOTT
Seit unsere Kinder im Grundschulalter sind, versuchen wir in unregelmäßigen Abständen, Neues über Gott zu entdekken. Wir sind keine Familie, die das einmal pro Woche tut. Immer wieder befinden wir uns aber an einem Punkt, wo wir fünf uns zum Kuscheln auf dem Sofa treffen. Zur Ruhe zu kommen, ist in Familien eine echte Aufgabe und auch bei uns ist es immer wieder Thema. Wir wollen uns bewusst für Gottes Kraft öffnen. Wir wollen gut über unsere Herausforderungen denken und reden, anstatt über Stress zu jammern. Immer wieder entscheiden wir uns für ein Frühstück im Schlafanzug mit Vorlesen und Rückenkraulen oder sogar ein Abendmahl als Familie. Ich vermisse dabei allerdings die „würdige Andacht“ unserer Kinder. Sie sind schnell wieder im Alltag. Ich aber sehne mich nach einem tiefen Atemholen mit ihnen bei Gott. Highlights gibt es dennoch: Als alle Kinder noch im Kindergarten- und Krabbelalter waren, haben wir als Familie gesungen. Manchmal fünf Minuten, manchmal fünfzehn. Henrik konnte sich diese Pause am frühen Abend einrichten und hat mit einem Kind auf dem Schoß Wunschlieder aus dem Family-Liederbuch gespielt. Nach einem kurzen Gebet gab es Abendbrot. Mir haben diese Zeiten bei Gott geholfen, mein aufgewühltes Ich für den Tagesendspurt ins Lot zu bringen.
BESONDERER MOMENT
Einmal haben wir eine Gebetsrunde gestartet und uns von Gott ein Wort für das neue Jahr gewünscht. Ein Experiment. Werden wir etwas hören oder spüren, wenn wir einige Minuten still sind? Können wir alle Gedanken zurückschieben, die nicht mit dem Gebet zu tun haben? Die Kinder haben sich auf das Wagnis eingelassen. Nach der Stille hat jeder einen Moment lang innegehalten und sein Wort notiert. In einer Austauschrunde hat jeder sein Wort vorgestellt. Es kamen einige Worte, die passend werden sollten in diesem Jahr. Ein Kind hatte nichts für sich entdecken können – auch über dieses Ergebnis haben wir gesprochen. Dieser kleine Moment war besonders, und wir Eltern hätten ihn gerne noch länger festgehalten. Diese Stille-Übung hat uns miteinander und mit Gott verbunden. Meine Ideale für Ruhe und Stille als Familie mit Gott loszulassen, ist bis heute schwer für mich. So sind unsere Kinder beim abendlichen Beten im Urlaub ratzfatz fertig. Da bin ich kaum mit meiner Wahrnehmung bei Gott angekommen.
DER LIEBEVOLLE BLICK GOTTES
Da wir zappelig sind, können wir leichter zur Ruhe kommen, wenn wir körperlich beteiligt sind. Im Kindergartenalter haben unsere Kinder beim Beten die Tennisballmassage geliebt. Da wurde ihr Körper von Fuß über Beine, Rücken, Kopf bis zurück zum anderen Fuß mit kräftigem Druck abgerollt. Die Vorgabe war, dabei nicht zu sprechen. Einfach die leisen Tönen des Atmens zu hören. Am Ende der Ruhephase habe ich oft einen Segen gesprochen, und nicht selten ist ein Kind dabei eingenickt. Was ich gerade gerne übe, ist der liebevolle Blick Gottes. Ich habe diesen Gedanken im Gebetshaus Augsburg kennengelernt. Ich atme bewusst ein und aus. Manchmal ist mein Sohn dabei, manchmal alle. Wir stellen uns vor, welche Blicke von Menschen auf uns ruhen. Welche Erwartungen von diesem Tag drängen. Es gibt einen Punkt in meiner Vorstellung, der wie durch einen Spot hell erleuchtet ist. Dort ist nun mein Platz. Ich stelle mir vor, dass Gott mich hier liebevoll ansieht als seine Tochter. Ich lasse mich von ihm ansehen. Von ihm. Voller Liebe. Ich trete nicht schnell und zappelig wieder aus dem Licht. Ich halte es aus. Ruhe ist Raum, das Innere zu spüren. Es gibt viele Wege, wie Familien diese Stille für sich entdecken können: in die Sternennacht schauen, beim Hören einer Geschichte oder beim schaumigen Vollbad in eine Kerze blicken … Stille ist ein spannender Weg voller Entdeckungen.
„Wir können nicht in ihr Herz sehen“
Sie haben sich nicht vom Glauben losgesagt, sich aber auch nicht bewusst dafür entschieden. Die Söhne unserer Autorin scheinen schlichtweg kein Interesse am Glauben zu haben.
Mein Mann und ich haben zwei Söhne, die jetzt Mitte zwanzig sind. Vom Beginn ihres Lebens an haben wir sie in unseren Glauben mit hineingenommen – wie es unsere Eltern mit uns auch gemacht hatten. Das, was uns wichtig ist, haben wir versucht, unseren Kindern zu vermitteln: Dass Gott uns persönlich kennt und liebt und wir deshalb fröhlich und geborgen leben können. Dass wir mit ihm reden und ihm vertrauen können. Dass wir einander mit der gleichen Liebe, Wertschätzung und Ehrlichkeit begegnen wollen, mit der Jesus uns begegnet. Dass wir Fehler machen und Vergebung erfahren dürfen. Der sonntägliche Kindergottesdienst in der Freikirche, zu der wir gehören, war unseren Söhnen ebenso vertraut wie das Vorlesen und Erzählen biblischer Geschichten und das Beten vor dem Einschlafen.
KEIN INTERESSE
Die weitere Entwicklung unserer Kinder verlief, was den Glauben angeht, allerdings anders als unsere eigene. Sie waren in ihrer Teenagerzeit keine begeisterten Freizeit-Teilnehmer und Jugendkreis-Besucher. Sie „bekehrten“ sich nicht öffentlich und äußerten nie den Wunsch, sich taufen zu lassen. Sie wurden aber auch keine Rebellen, die den Glauben in hitzigen Diskussionen zerpflückt oder einen extremen Lebensstil gewählt haben. Stattdessen haben sie sich, irgendwann im Alter zwischen 14 und 18, still und unauffällig von der Gemeinde – vielleicht auch von Gott? – verabschiedet. Sie wollten nicht mehr regelmäßig mitkommen in den Gottesdienst, und der Glaube war (und ist bis heute) kein Thema mehr für sie. Offene Gespräche über Glaubensfragen sind schwierig, weil unsere Söhne einfach kein Interesse daran haben. Unsere gelegentlichen Gesprächsangebote werden höflich abgeblockt, was wir respektieren. Natürlich fragen wir uns: Warum wollen sie von Gott und der Gemeinde nichts wissen? Mein Mann und ich tragen unseren Glauben nicht so auf der Zunge wie manche andere, für uns ist unsere Beziehung zu Jesus etwas sehr Persönliches. Es mag sein, dass diese Eigenschaft in der Erziehung zum Glauben hinderlich war. Wir wollen uns aber nicht zu sehr mit Selbstvorwürfen und der Frage quälen, was wir hätten anders machen müssen. Wir sind überzeugt, dass Glaube ein Geschenk ist, keine automatische Folge eines bestimmten Erziehungsstils. Welches Ereignis, welche Erfahrung auch immer den Anstoß gibt, dass jemand anfängt, persönlich an Jesus zu glauben: Wir können das nicht durch Willenskraft oder „Missionierungsversuche“ herbeiführen.
VERTRAUEN UND BETEN
Heute gehen unsere beiden Söhne an Heiligabend mit in den Gottesdienst und senken beim Tischgebet den Kopf. Es gibt aber keine für uns offensichtlichen Anzeichen, dass der Glaube an Gott ihnen persönlich etwas bedeutet oder dass sie sich überhaupt damit beschäftigen. Sie lassen uns unseren Lebensstil – und leben ihren eigenen. Wie wir als Eltern damit klarkommen? Nicht immer gleich gut. Natürlich wünschen wir ihnen den Halt und die Geborgenheit, die wir selbst in unserem Glauben erfahren. Sicher bereitet uns die Vorstellung, unsere eigenen Kinder könnten in der Ewigkeit „verlorengehen“, manchmal Schmerz und Sorgen. Auf der anderen Seite halten wir uns daran fest, dass das letzte Wort darüber längst nicht gesprochen ist. Wir können nicht in ihr Herz sehen. Vielleicht haben sie sehr wohl eine Beziehung zu Gott, von der wir nur nichts wissen. Und wenn das im Moment nicht der Fall ist, kann es an einem Punkt in der Zukunft ja noch passieren. Menschen können sich, so lange sie leben, verändern – oder verändert werden. Wir können nur darauf vertrauen und dafür beten, dass Gott einen Weg findet, unseren Söhnen persönlich zu begegnen. Es würde uns glücklich machen, das mitzuerleben.
Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Nordrhein-Westfalen.
*In der Ausgabe 1/17 schreibt Dieter Martschinke einen weiteren Artikel zum Thema „Wenn die Kinder anders Glauben“
Endlich Ruhe!
Das Bedürfnis nach Ruhe kennen viele Eltern. Einfach mal kein Babygeschrei, kein Kindergeplapper, kein Teenie-Gemurre! Einfach mal Stille. Abschalten. Mal wieder mit Gott ins Gespräch kommen. In vielen Familiensituationen ist das herausfordernd. Aber es lohnt sich, dafür zu kämpfen. Und wenn es nur 30 Sekunden sind, wie Jennifer Zimmermann in ihrem Dossierartikel in der neuen Family schreibt.
Gerade sind Family und FamilyNEXT aus der Druckerei gekommen. Im Dossier von beiden Heften geht es um Ruhe – gerade in der oft hektischen Adventszeit ein wichtiges Thema. Aber auch für das neue Jahr etwas, das wir uns ernsthaft vornehmen sollten. Tomas Sjödin schreibt in seinem bemerkenswerten Buch „Warum Ruhe unsere Rettung ist“: „Es wird Zeit, der Ruhe wieder den Platz zu geben, der ihr gebührt: den ersten. Alles mit Ruhe beginnen, statt mit einem Seufzer der Erschöpfung zu enden.“
Neben dem inspirierenden Dossier sind Family und FamilyNEXT voll mit vielen guten, anregenden Artikeln. Wir haben uns endlich mal an das herausfordernde Thema „Gender Mainstreaming“ gewagt. Mit Christoph Raedel haben wir einen Autoren mit einer klaren Haltung und fundiertem Wissen gefunden. Der Artikel ist sehr differenziert und dadurch nicht ganz leicht zu lesen. Aber die Mühe lohnt, wenn man wissen will, was es mit Gender Mainstreaming auf sich hat.
Dies ist nun die zweite Ausgabe, die doppelt erscheint: als Family und FamilyNEXT. Wir freuen uns über die vielen überwiegend positiven Reaktionen, die wir zu FamilyNEXT bekommen haben. Es haben uns auch viele Anregungen, Themenvorschläge und Artikel erreicht – das macht es uns leicht, die nächsten Hefte mit vielen spannenden Themen zu planen. Ein Schwerpunkt in der aktuellen FamilyNEXT ist: „Wenn Kinder anders glauben“. Dieses Thema beschäftigt viele christliche Eltern. Dieter Martschinke hat dazu einen hilfreichen Artikel geschrieben. Viele Eltern meinen, ihr Kind gut zu kennen. Doch je älter die Kinder werden, umso weniger ist das oft der Fall. Deshalb rät Dieter Martschinke: „Begegne deinem Kind wie einem Fremden, den du kennenlernen möchtest.“
Wir hoffen, dass die neuen Ausgaben von Family und FamilyNEXT viele gute Impulse in die Familien bringen, in denen sie gelesen werden. Und wir freuen uns immer über Rückmeldungen und Anregungen: leserbriefe@family.de
Bettina Wendland
Redakteurin von Family und FamilyNEXT
„Experten“
„GESUNDES MISSTRAUEN“ – Ist das Votum von Fachleuten immer der Weisheit letzter Schluss? Katharina Hullen wundert sich über das blinde Vertrauen ihres Mannes.
Katharina: Mein Mann ist ein belesener und mit umfangreichem Halbwissen gesegneter Mensch. Deshalb staune ich immer wieder, wie sich genau dieser kluge Mensch von sogenannten Experten über den Tisch ziehen lässt. Wenn der Auto-Mechaniker sagt: „Das Steuergerät muss raus. So können Sie nicht mehr fahren”, zückt mein Mann seufzend sein Geld und zahlt.
Ist unsere Waschmaschine defekt – was bei fünf Kindern eine Katastrophe ist! – und Hauke ruft den Kundendienst an, bekommen wir einen Termin für übermorgen! Nicht heute oder morgen. Nein, übermorgen! Ich frage ihn, ob er erwähnt hat, dass wir sieben Personen sind, es wirklich drängt (weil drei Kinder in den Urlaub fahren), ob er wenigstens gefragt hat, ob ein früherer Termin möglich wäre – Fehlanzeige. Der Experte hätte ihm sicher schon den frühestmöglichen Termin angeboten. Sonst hätte er ja was gesagt.
Zum Haare raufen! Beim nächsten Mal rufe ich selbst an! Wenn die Chefärztin im Krankenhaus behauptet, unser Kind käme am besten per Kaiserschnitt zur Welt, obwohl ebenso viele Argumente für eine spontane Entbindung sprechen, fällt es Hauke schwer, mit mir den Kampf zu kämpfen gegen die Experten, die vordergründig nur mein Bestes wollen und den mutmaßlich schnellsten, sichersten und bequemsten Weg empfehlen.
Wenn ich das Gefühl habe, hier stimmt doch was nicht, warum muss die Entscheidung jetzt sofort gefällt werden, hake ich gern noch mal nach. Das sagt mir mein Herz, nicht mein Verstand.
Warum ist Hauke so expertengläubig? Vielleicht weil er etliche Projekte ohne fachmännische Unterstützung begonnen hat. Ganz allein – nur Hauke und Herr Google – im Kampf gegen das Schimmelproblem im Badezimmer. Folge: die ganze Familie muss sich in den nächsten vier bis sechs Wochen im kleinen Gäste-WC die Zähne putzen und im Keller duschen. Wäre Schwiegerpapa nicht mit Rat und Tat zur Hilfe geeilt, sähe unser Badezimmer immer noch aus wie Dresden nach dem Krieg.
Heute hat er sich überlegt, einen Sandkasten selber zu bauen. Er wird gleich anfangen, den Garten umzugraben. Zuerst hat er aber einen Anhänger über eine Kuppe in unseren Garten gewuchtet, ihn mit Erde vollgeschaufelt, um dann festzustellen, dass man den vollen Hänger nicht mehr über die Kuppe zurückschieben kann. Daraufhin fing er an, die Kuppe abzutragen, wodurch der Hänger aber noch schwerer wurde …
Ich werde wohl schon mal heimlich die Nachbarn nach der Nummer ihres GaLa-Bauers fragen. Dumm nur, wenn der dann sagt: „Übrigens, die Bäume hier müssen aber alle weg …”
„EINSICHT IN DIE EIGENE BEGRENZTHEIT“ – Hauke Hullen weiß über den Weltfrieden Bescheid, alles andere überlässt er lieber Experten und seiner Frau.
Hauke: Lassen Sie mich kurz erklären, was meine Frau und unsere Waschmaschine gemeinsam haben: Beide funktionieren tadellos und haben sich trotz ihres Alters gut gehalten. Die eine sorgt in ihrem Inneren für strahlend weiße Wäsche, die andere versorgte neun Monate lang unser fünftes Kind. Saubere Sache, soweit. Bloß: Im Juli wollten beide das Ergebnis ihrer Arbeit nicht mehr raus(d)rücken. Die Tür der Maschine ließ sich nicht mehr öffnen und unser Sohn beschloss, bis auf Weiteres im Hotel Mama zu bleiben.
Hier war guter Rat buchstäblich teuer. Die Ärzte probierten fünf Tage lang, mit Gels und Infusionen die Räumungsklage durchzusetzen, vergeblich. Plötzlich entschied die schlanke, blonde Chefärztin kühl, dass der Junge rausgeschnitten werden solle. Nein, nicht morgen, heute. Dann rauschte die Heidi Klum der Geburtshilfe aus dem Zimmer.
Wir waren innerlich zerrissen, Kathi bislang zum Glück nur auf metaphorische Weise. Gewiss, es gab Risikofaktoren bei dieser Geburt, allerdings waren noch nicht alle Methoden ausgereizt, und wer weiß, vielleicht wollten die Ärzte die OP lieber vor dem nächsten EM-Spiel hinter sich bringen oder die höhere Fallpauschale kassieren. Kathi vertagte alles, diskutierte mit Oberärzten und schließlich musste die Chefärztin noch einmal kommen, um den Fall zu erörtern. In solchen Diskussionen bewundere ich meine Frau, dass sie freundlich im Ton und hartnäckig in der Sache bleibt. Ich hingegen knicke schnell ein, immerhin hatte die Frau viele Jahre Berufserfahrung und vielleicht sogar studiert. Sobald jemand im weißen Kittel oder blauem Overall vor mir steht, denke ich: „Der ist vom Fach, der hat bestimmt recht.”
Egal ob Zahnarzt oder Kfz-Mechaniker – wenn die sagen: „Da kann man nichts mehr machen, das Ding muss raus”, dann öffne ich schweigend Mund und Geldbörse und füge mich. Als Politiklehrer bin ich zwar kompetent in Sachen Weltfrieden, aber bei den wirklich wichtigen Dingen muss ich den Fachleuten vertrauen.
Vielleicht bin ich auch einfach naiv. Bei jeder Diskussion überlege ich, ob der andere nicht auch recht haben könnte. Gerne lasse ich mich von Argumenten überzeugen. Und wenn der Waschmaschinen-Techniker mir erst für übermorgen einen Termin gibt, dann wird er dafür bestimmt gute Gründe haben. Meine Frau würde den armen Menschen wahrscheinlich so lange nötigen, bis er einen Großkunden verprellt und stattdessen sofort bei uns vorbeischaut.
Ach, über das Thema könnte ich noch seitenweise schreiben. Doch die Redaktion meinte, 2500 Zeichen würden reichen. Dann ist das wohl so …
Oktopus-Sehnsucht
Ingrid Jope hätte manchmal gern zehn Arme.
Mamaaaa!“ – Unüberhörbar dringt der Ruf aus der Richtung des stillen Örtchens an mein Ohr. Unser Dreijähriger hat sein großes Geschäft fabriziert. Während ich abwische, fordert er mich (als späte Nachwirkung des Ohne-Windel-Trainings) auf: „Du kannst sagen: Ich bin stolz auf dich!“ Ich muss schmunzeln, und anerkennende Worte kommen ganz von selbst über meine Lippen. Die Drittklässlerin hat eine Frage bei den Mathehausaufgaben. Noch bevor ich die Antwort geben kann, klingelt das Telefon. Der Handwerker schafft es nicht rechtzeitig und fragt, ob er zwei Stunden später kommen kann. Zu diesem Zeitpunkt bin ich allerdings mit den Kindern beim Zahnarzt vorgemerkt. Das Essen auf dem Herd riecht verdächtig angebrannt. Es klingelt an der Haustür. Eine Nachbarin bringt das Paket, das sie heute Vormittag für uns angenommen hat. Aus dem Kinderzimmer höre ich frustriertes Heulen. Das fast fertiggestellte Bügelperlen-Herz ist auf den Boden gefallen. Die Perlen sind auf dem ganzen Fußboden verteilt. Manchmal wünsche ich mir, Gott hätte sich Mütter mit zehn Armen und zehn Händen ausgedacht. Die fehlenden acht könnten doch während der Schwangerschaft dazuwachsen. Mit dieser Oktopus-Ausstattung könnte man gleichzeitig im Suppentopf rühren, mit der Arztpraxis telefonieren, bei den Hausaufgaben assistieren, den umgekippten Saft aufwischen und Bügelperlen aufsammeln. Oder wahlweise das Baby trösten, mit dem Kindergartenkind puzzeln und nebenbei noch ein berufliches Meeting per Telefonkonferenz bewältigen und die Einträge im Kalender machen. Ja, warum eigentlich nicht? Er muss sich etwas dabei gedacht haben. Darin, dass Gott uns keine zehn Hände zugedacht hat, steckt die Botschaft: Er wollte keine Multitasking-fähige, ständig beschäftigte Alleskönner-Super-Mutti. Er schenkt uns Zeit und Kraft und Liebe – aber eben nur für 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche. Er schenkt uns so viel Kraft und Nerven, wie man mit zwei Händen und einem Herzen aufbringen kann. Wir dürfen Grenzen haben. Wenn wir alles könnten, was wir wollten und was andere in Form von Bedürfnissen und Wünschen an uns herantragen – Hand aufs Herz –, dann würden wir noch mehr hetzen und uns noch mehr in den Tag packen. In unserer Begrenzung liegt die Chance, dass wir lernen, gute Entscheidungen zu treffen und Prioritäten zu setzen, dass wir den Wald der Erwartungen ausforsten und im Stehenlassen von Lücken barmherzig werden mit uns selbst und anderen. Nebenbei buchstabieren unsere Kinder, was es heißt, zu warten, Verständnis zu haben, nicht alle Wünsche erfüllt zu bekommen – auch wenn das manchmal ein mühsamer Weg ist. Und daran, dass ihre Eltern keine Alles- gleichzeitig-super-Könner sind, lernen sie, gut mit ihren eigenen Gaben und Grenzen zu leben. Alles in allem bin ich doch froh, dass ich keine Oktopus- Mutter sein muss.
Ingrid Jope ist Theologin und Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wetter/Ruhr. Weitere Mutmach-Texte für Mütter sind in ihrem neuen Buch zu finden: „Mit dem Papst nach Bullerbü. Von Mamastress und Maxiglück“ (Brunnen)
Abschied von den Zugvögeln
Bianka Bleier blickt den flügge gewordenen Kindern hinterher.
Durchwachsenes Sommerwetter haben wir dieses Jahr. Wolkenberge jagen am Himmel entlang und färben die Landschaft in Molltönen. Gerade noch haben Amseln und Nachtigallen ihre Frühlingsduette geschmettert, nun plündern bereits Starenwolken die Weinberge, die Störche werden unruhig und halten ihre Flügel in den Wind. Ihre Jungen sind groß geworden und flugfähig, bald werden sie sich auf die große Reise machen. Fasziniert beobachte ich Jahr für Jahr den Wandel der Zugvögel. Auch unsere Kinder sind flügge geworden und in die große weite Welt ausgeflogen. Anfangs war mir das Herz schwer. Ich bin ja nicht blind hineingestolpert in das große Loslassen, ich habe es sehenden Auges getan, aber das hat mir nichts genutzt, das Leben will gelebt werden. Unsere drei Nestflüchter haben ihr Nest alle im selben Jahr verlassen. Ich habe die Zeit vor ihrem Auszug bis auf den letzten Tropfen genossen, gleichzeitig gestöhnt über die Vielschichtigkeit der Herausforderungen, die häusliche Enge, die lebhafte Präsenz der jungen Erwachsenen, die vor allem mit sich selbst beschäftigt waren, die dichte Verantwortung für die letzte Phase vor dem Abflug, die Zerrissenheit zwischen mir, den Kindern und meinem Mann, der völlig anders mit dem abschiedlichen Leben umging. Wir sind zur Seite gestanden bei Liebeskummer, haben bei Schulabschlüssen und Berufsfindung gecoacht, haben geholfen, unvergessliche Hochzeitsfeiern und Abschiedsfeste zu zelebrieren und unsere Zugvögel zum Kontinentwechsel bis ans Gate chauffiert. Dann waren sie weg.
AUS DER SCHOCKSTARRE ERWACHT
Gerade noch das wilde Leben und plötzlich wieder zu zweit. Zuerst weinten wir. Dann verstummten wir. Das Vakuum, das sie hinterließen, war enorm. Aber als Werner eines Tages monierte, er käme sich vor wie im Altersheim, erwachte ich empört aus der Schockstarre. Wir schüttelten unsere Felle, sahen uns um und begannen, vorsichtig auf Entdeckungsreise zu gehen. Und siehe da: Das Vakuum war gar keine bedrohliche Leere, sondern freier Raum! Ein Land voll Möglichkeiten. Kraft war noch da. Lebenserfahrung hatte sich angesammelt, Lebensspuren sich gebildet, Netzwerke waren entstanden. Es gab Ressourcen und Potenziale, die wir zwanzig intensive Familienjahre lang für nichts nutzen konnten außerhalb der großen, geliebten, selbst gewählten Aufgabe. Aber jetzt war Raum und Zeit für etwas, das auch in uns war, sich entfalten wollte und durfte. Das klingt glatter, als es war. Mir half gute Lektüre und seelsorgerliche Begleitung zu vielen Themen die in der Lebensmitte aufbrechen. Aber keinem hätte ich geglaubt, der mir gesagt hätte, welche Überraschungen das Leben noch für mich bereit hielt nach dem Abflug der Kinder.
ALTER LEBENSTRAUM
Ich liebe mein Leben, so wie es ist. Ich habe es geliebt, mit den Kindern unter einem Dach zu leben, Familienleben aufzubauen, Verantwortung zu tragen, ihre Entwicklung mitzuerleben, sie zu lieben und ihre Liebe zu tanken. Und, ja, alles hat seine Zeit. Kaum ein anderer Satz aus der Bibel kommt mir so oft in den Sinn. Nach dem Verlassen dieses intensiven Lebensraumes begann etwas erstaunlich Neues. In der Ruhe, die einkehrte, stieg ein alter Lebenstraum in uns hoch, der die Chance barg, Wirklichkeit zu werden, weil nun die Zeit reif dafür war. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragte Werner und ich lernte den Pionier an meiner Seite noch einmal von einer neuen Seite kennen – und er mich. Wohl wissend, dass wir nicht mehr die Jüngsten sind und unsere Zeit in Gottes Hand steht, begannen wir gemeinsam mit Freunden ein Projekt, das zu einem neuen Lebensschwerpunkt wurde. Ich liebe es, wenn unsere Zugvögel ihr Nest aufsuchen und wir weiterhin, punktueller nun, Leben teilen. Aber ich liebe auch meine alte neue Freiheit mit den Möglichkeiten eines Lebens mit geringerer Verantwortung.
Bianka Bleier betreibt zusammen mit Freundinnen das Ladencafé Sellawie und lebt mit ihrem Mann in Forst/Baden.
Adventszeit – Lesezeit
Was gibt es Gemütlicheres als eine gemütliche Lesestunde im Advent? Mit Keksen, Kerzen, Kuscheldecke und guten Büchern? Euch fehlen noch die Bücher? Vielleicht sind diese Tipps ja passend für euch:
Bilderbücher
„Kleiner Stern ganz groß“ ist vor zehn Jahren erschienen und hat nichts von seinem Reiz verloren. Ausgerechnet der unscheinbare kleine Stern erhält einen wichtigen Auftrag. Er soll drei Sterndeutern den Weg weisen. Eine Weihnachtsgeschichte, die Kindern Mut macht – wunderschön illustriert von Nina Dulleck. Für Kinder ab 4 Jahren.
https://www.scm-shop.de/kleiner-stern-ganz-gross.html
In „Malte und das schönste Geschenk der Welt“ geht es um den Sinn des Schenkens. Malte möchte seiner Mama ein Geschenk kaufen. Er besitzt aber nur 47 Cent. Dafür bekommt er kein schönes Geschenk. Oder vielleicht doch? Für Kinder ab 3 Jahren wird hier ganz alltagsnah der Sinn von Weihnachten erklärt.
https://www.scm-shop.de/malte-und-das-schoenste-geschenk-der-welt.html
Adventskalender-Bücher
„Wie lange noch bis Weihnachten?“ enthält 24 Geschichten von Niko, der alles über Weihnachten wissen will. Sein Opa erklärt ihm verschiedene Weihnachtsbräuche, außerdem erhält Niko geheimnisvolle Briefe, in denen seine Fragen beantwortet werden. Ideal für die abendliche Vorlesezeit mit Kindern zwischen 6 und 8 Jahren.
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„Das Geheimnis der Weihnachtskugel“ erzählt in 24 Kapiteln von den Abenteuern der Kinder einer Dorfschule. Sie versuchen, eine gestohlene Halskette zu finden. Und was hat es bloß mit dieser Weihnachtskugel auf sich? Für Kinder zwischen 4 und 8 Jahren.
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In „Flucht aus dem Adventskalender“ machen sich die Schokoladenstückchen von Florians Adventskalender selbstständig. Dabei hat Florian schon genug Sorgen. Wie bekommt er seinen Fußball zurück, der beim Nachbarn gelandet ist? Und was ist mit dem geheimnisvollen Mädchen am Fenster? Besonders toll: Die Seiten müssen jeden Tag erst aufgeschnitten werden, um die Geschichte weiterlesen zu können. Für Kinder ab 8.
Dazu passend gibt es eine Hörspiel-CD und ein Krippenspiel, das kostenlos heruntergeladen werden kann.
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„Besuch uns doch mal!“
„Unsere Tochter (20) ist vor kurzem ausgezogen und wohnt in der Nachbarstadt. Wir sind unsicher, ob wir sie nun aktiv und regelmäßig einladen oder lieber warten sollen, dass sie von allein bei uns vorbeikommt.“
Sie haben Ihre Tochter bis zu diesem wichtigen Schritt in die Selbständigkeit begleitet. Nun wird sie neuen Herausforderungen begegnen, die sie ohne die direkte elterliche Hilfe meistern muss. Hier dürfen Sie Ihrer Erziehung zutiefst vertrauen. Aber es werden auch für Sie Veränderungen anstehen, die von vielen Fragen begleitet sind. Eine davon haben Sie formuliert. Ich möchte Ihnen dazu drei Gedanken mit auf den Weg geben.
1. EIN NEUES ZUHAUSE VERBINDET NEUE VERANTWORTUNG MIT NEUER FREIHEIT
Mit dem Auszug hat Ihre Tochter eine wichtige Entscheidung getroffen. Weitere Entscheidungen werden folgen. Sie sollten die Entscheidungsfähigkeit Ihrer Tochter fördern, indem Sie sich zurückhalten und diese Entscheidungen akzeptieren. Bieten Sie Hilfe an, aber übernehmen Sie keine Entscheidungen. Ihre Tochter wird sich neben dem neuen Wohnumfeld auch einen neuen eigenen Wirkungskreis suchen. Das braucht Zeit. Soziale Kontakte, Freundschaften und Freizeitgestaltung bedürfen eines „inneren Angekommenseins“. Gönnen Sie Ihrer Tochter diese Zeit ohne Eifersucht und halten Sie Kontakt durch ein Telefonat.
2. HEIMAT BLEIBT HEIMAT UND RIECHT WIE DAS ALTE ZUHAUSE
Seien Sie sicher, dass Ihre Tochter ein gutes Gespür dafür hat, was ihr Heimat bedeutet. Wer die Heimat besucht, kennt die Straßen und Orte, die Gerüche und Farben. Ein Besuch bei den Eltern weckt alte Erinnerungen. Die Gegebenheiten sind vertraut und die Abläufe klar. Das macht die Heimat so angenehm. Deshalb dürfen Sie getrost davon ausgehen, dass Ihre Tochter gern und aus eigenen Stücken zu Besuch kommt. Halten Sie das Haus offen und ein Bett bereit. Das muss aber nicht das alte Kinderbett, sondern kann durchaus das Gästebett sein.
3. AUSZUG BEDINGT EINE NEUE QUALITÄT DER ELTERN-BEZIEHUNG
Wenn die Kinder das Haus verlassen, braucht es ein Umlernen und Neusortieren zwischen den „verlassenen“ Eltern. Es wächst eine neue Qualität der Beziehung und des Gesprächs jenseits der Themen Kindererziehung und Co. Ähnlich den Veränderungen, die ein Kind mit sich bringt, wenn es in die Zweierbeziehung tritt, muss auch der Prozess des „Verlassens“ gestaltet werden. So ermutige ich Sie, auf den Besuch Ihrer Tochter fröhlich zu warten, aber über dem Warten nicht die eigene neue Entwicklung zu versäumen. Und Sie dürfen auch gern über Ihre Besuchskultur nachdenken. Der Sehnsucht nach einer Begegnung mit Ihrer Tochter kann man auch mit einem eigenen Besuch begegnen. Ihre Tochter freut sich sicher über einen Besuch von Ihnen, bei dem Sie gern auch die obengenannte Frage besprechen können. Sie zeigt Ihnen stolz die neu eingerichtete Wohnung, entdeckt mit Ihnen gern die umliegenden Cafés oder Spazierwege. Dabei wünscht sich Ihre Tochter sicher ein väterliches Lob und eine mütterliche Anerkennung. Wenn Sie die Welt Ihrer Tochter kennenlernen, wird sich ein Gefühl von Stolz und Dankbarkeit einstellen. Also liebevoll warten und fröhlich starten.
Gottfried Muntschick ist Geschäftsführer der CVJM Familienarbeit Mitteldeutschland e.V. und Vater von sechs Kindern, von denen vier bereits ausgezogen sind.