Nach einer Frühgeburt will Lena Bischoff nie mehr schwanger sein. Doch in ihr wächst der Wunsch nach einem zweiten Kind.
Nachdem mein Sohn in der 33. Schwangerschaftswoche zu früh auf die Welt kam, konnte ich mir lange Zeit kein weiteres Kind vorstellen. Ich war ziemlich traumatisiert und erschüttert von den Erlebnissen und einfach nur froh, dass es meinem Sohn gut ging. Ich wollte nicht noch einmal eine Schwangerschaft durchstehen, war sie doch von Anfang an geprägt von Ängsten und Zweifeln. Gerade da ich nun schon ein Kind zu Hause hatte, wollte ich nicht in die Situation kommen, zwischen zwei Kindern hin und hergerissen zu sein.
Und trotzdem erwachte in mir der leise, zaghafte Wunsch, es noch einmal zu versuchen. Wir genossen die Zeit mit ihm und fanden es schön, ein Kind in unserem Leben zu haben. Und was, wenn es diesmal gut gehen würde? Was, wenn ich eine schöne Schwangerschaft erleben würde oder gar eine natürliche Geburt? Was, wenn der kleine Sohn zum großen Bruder werden würde? Je näher der zweite Geburtstag unseres Sohnes rückte, umso stärker wuchs der Wunsch einer erneuten Schwangerschaft in mir. Umso mehr rückten auch die Erinnerungen und Erlebnisse in den Hintergrund. Meinem Mann ging es ähnlich. Noch einmal. Dachten wir uns. Noch einmal wagen. Noch einmal aufbrechen.
Ein Lied gibt Lena Kraft
Ich musste in dieser Zeit des Ringens immer an das Lied „Ich brech‘ noch einmal auf“ von Cae Gauntt denken, das mich ermutigte. Denn ich war, wie im Lied beschrieben, auf der Suche. Auf der Suche nach dem richtigen Weg. Als Christin war ich auf der Suche nach Gottes Antwort auf unseren Wunsch. Ich wusste, ich würde ihn brauchen, wenn wir es wagen würden. Ich wusste, allein konnte ich es nicht schaffen. Aber ich wollte es schaffen. Mut und Angst. Mein Dauerthema.
Aber es war definitiv an der Zeit für einen Mutausbruch. Mein starker Wunsch zeigte mir das. Und wie es in dem Lied heißt: „Ich lass zurück, was mich hält und ich geh … und die Frage, wie und wo es weitergeht, wird zum Gebet“. Natürlich ist das Lied nicht auf meine Situation zugeschrieben worden, aber ich sah es als mein Mutmachlied an, denn ich hatte Sehnsucht und ich wollte den Weg gehen. Und das nicht allein.
Risikoschwangerschaft
Und entgegen meiner Erwartung wurde ich sofort schwanger, nachdem wir den Entschluss gefasst hatten. Ich bin sehr dankbar dafür, denn ich weiß nicht, ob ich meine Meinung nicht doch geändert hätte, wenn es lange gedauert hätte. Wir freuten uns sehr.
Die Schwangerschaft war geprägt von Vorsorge und Kontrolle. Ich war in mehrfacher Hinsicht risikoschwanger, und die Klinik und mein Arzt wollten mich engmaschig kontrollieren. Das tat mir gut und gab mir Sicherheit. Natürlich hätte es im Ernstfall nicht wirklich helfen können, aber dennoch brauchte ich für das Aufrechterhalten meines Mutausbruches diese medizinische Bestätigung.
Furcht ist omnipräsent
Ich dachte immer wieder an Gottes Zusage: „Fürchte dich nicht!“ Es war wie eine Stimme in der Nacht, wie eine kleine Erinnerung im stressigen Alltag, immer wieder kam ein leises, kleines „Fürchte dich nicht!“ in meine Gedanken gehuscht und ließ mich aufatmen. Ich wollte vertrauen. Ich wollte mutig sein. Ich wollte Zuversicht haben. Und doch fürchtete ich mich. Immer wieder. Immer mehr.
Von Woche zu Woche spitzte sich mein schlechtes Gefühl zu. Ich betete und fragte mich, wie ich die Wochen, diese hoffentlich vielen, vielen Wochen überstehen sollte, wenn mein Mutgerüst schon am Anfang zu wanken begann. Ich betete. Meine Gebete sind meistens „Bitte, Gott“ oder „Danke, Gott“. Und ich vertraue darauf, dass er versteht. Dass er mich kennt.
Eine Enttäuschung wird zum Segen
Am nächsten Tag hatte ich wieder einen dieser vielen Vorsorgetermine. Ich war etwas erschüttert, als man mir sagte, dass mein Arzt krank sei, aber die Vertretung mich sehen würde. Ich hatte Vertrauen in ihn, war er doch vor der Schwangerschaft sorgfältig von mir ausgesucht worden. Ich konnte mich schlecht darauf einlassen, mir von einem anderen Arzt eine Meinung geben zu lassen. Ich war in dieser Zeit sehr abhängig davon, was die mir vertrauten Schulmediziner zum Kind in meinem Bauch sagen. Mein eigentlich gesundes Bauchgefühl hatte sich von meiner Angst in den Hintergrund drängen lassen. Und in Zeiten, in denen man sein Kind noch nicht dauernd spürt, fiel es mir schwer, zuversichtlich zu bleiben.
Ich saß etwas geknickt im Behandlungszimmer und wartete auf die Vertretung. Herein kam eine junge Ärztin, selbst Mutter von zwei Söhnen, einfühlsam, empathisch, freundlich, zugewandt. Der erste Arzt, der mich in diesen 16 Wochen fragte, wie es mir seelisch ging. Dem Baby ging es bestens, aber sie sah meine Vorgeschichte und fragte, ob ich Hilfe hätte und wie ich durch die Wochen käme.
Entscheidender Tipp
Augenblicklich musste ich weinen. Ich merkte, wie viel sich in mir angestaut hatte, wie sehr ich mich immer zusammenriss – für meinen Mann, meinen Sohn und mich. Ich sagte, dass ich es aktuell nicht mehr gut schaffen würde. Sie gab mir eine Nummer einer Hebamme, die geschult war in „Emotioneller Erster Hilfe in der Schwangerschaft“. Das kannte ich bis dahin nicht. Es klang aber gut.
Ich rief an und sprach mit einer freundlichen Frau, die aufmerksam zuhörte, mich gut spiegelte und reflektierte und versprach, vorbeizukommen. Dieser Anruf war die beste Entscheidung in meiner Schwangerschaft. Fortan begleitete mich diese vom Himmel geschickte Hebamme in allen meinen Ängsten, Freuden, alten Lasten, neuen Sorgen und Herausforderungen. Sie wurde wichtig für unsere ganze Familie.
Die Hebamme hilft
Sie fing nicht nur mich auf, sie sah auch meinen Mann und meinen Sohn. Sie spürte Stimmungen – ich konnte ihr nichts vormachen. Sie schaffte es, dass ich mir selbst authentisch begegnen und meine vorherige Schwangerschaft aufarbeiten konnte. Dass ich Frieden damit fand und versöhnt wurde mit meiner Geschichte. Es kamen bereits vergessen geglaubte Gefühle hoch, die ich ernsthaft angehen und auflösen konnte. Geblieben ist die Freude über meinen Erstgeborenen, die große Dankbarkeit für sein Leben, seine Gesundheit, seinen Charakter, der uns täglich bereichert.
Neues Vertrauen
Es gab eine Zeit, in der ich richtige Panik durchlebte, was an uns allen zehrte. Diese Hebamme war neben meinem Mann und meiner Familie wie ein Anker für mich, ein Lichtblick, eine kleine Rettungsweste, an die ich mich klammerte. Sie wusste genau, was ich wann brauchte, sei es ein Gespräch, medizinische Ratschläge, Hebammenwissen oder eine Ganzkörpermassage, um mich wieder zu erden. Sie half mir, hinter meinem Mutausbruch zu stehen, mich auf das Baby zu freuen, Vorfreude überhaupt erst zuzulassen und dem kleinen Menschen in meinem Bauch den Platz in unserer Mitte einzugestehen, den er verdient hatte.
Sie half uns, gemeinsame Rituale zu entwickeln, um Kontakt zum Babybruder aufzunehmen und den Großen mit einzubinden. Sie gab mir Sicherheit und Vertrauen in meine eigenen Instinkte zurück. Ich begann am Ende der Schwangerschaft sogar zu träumen, mir Wünsche einzugestehen, mich auf die Geburt vorzubereiten und es für möglich zu halten, dass es diesmal anders kommen würde.
Eine tolle, schöne Geburt
Und es wurde belohnt. Nicht nur durch einen wundervollen zweiten Sohn, sondern auch durch eine tolle, schöne Geburt, die mich mit vielem versöhnte, mir einen großen Frieden schenkte und mir ein erholsames, entspanntes Wochenbett erlaubte, wo wir alles sacken lassen konnten und uns fallen ließen. Es flossen Tränen der Freude und Erleichterung, der Anspannung und der Entspannung. „Ich brech’ noch einmal auf“.
Ich wünsche jeder Schwangeren, die traumatisiert ist, schwere Erlebnisse hatte oder einfach Angst hat, so eine Begleitung. In vielen Ländern in Europa finden sich Hebammen mit dieser Zusatzqualifikation (emotionelle-erste-hilfe.org). Die Leistungen werden komplett von der Kasse übernommen. Die Hebamme hat uns allen diese Monate erleichtert und ist uns die erste Zeit mit zwei Kindern immer mit viel Herz und Liebe zur Seite gestanden.
Von Lena Bischoff
Sohn (4) fürchtet sich vor Monster unterm Bett – Was tun?
Wenn Kinder Angst vor Monstern haben, sollten Eltern das ernst nehmen, sagt Erzieherin Anika Schunke. Und: Das Biest lässt sich gemeinsam bekämpfen!
„Unser Sohn (4) kommt nachts immer in unser Bett, weil ein Monster unter seinem Bett ist. Wie gehen wir richtig mit seiner Angst um, und wie können wir ihm helfen?“
Zuerst einmal ist es wichtig, die Angst ernst zu nehmen, auch wenn Sie sich nicht erklären können, wo sie herkommt. Dann sollte Ursachenforschung betrieben werden, um mit der Angst umzugehen. Fragen Sie Ihr Kind am Tag danach, ob es das Monster beschreiben und vielleicht auch malen kann. So ist die Angst nicht mehr abstrakt. Zeigen Sie ihm aber auf keinen Fall Bilder von Monstern, das schürt die Angst nur unnötig!
Wovor hat das Monster Angst?
Vielleicht wird hierbei schon klar, woher die Angst kommt. Wenn nicht, fragen sie nach: Wo kommt es her? Was will es von dir? Und die wichtigste aller Fragen: Wie können wir es bekämpfen oder verschwinden lassen? Wovor hat das Monster Angst? Was mag es gar nicht? Wenn sich Ihr Kind damit auseinandersetzt, lernt es Lösungswege kennen, die ihm auch in anderen Situationen helfen können. Wenn das Gespräch Ihr Kind zu sehr aufwühlt, machen Sie eine Pause, lassen Sie es spielen und greifen das Thema später wieder auf. Fragen Sie auch im Kindergarten nach, vielleicht können die Erzieherinnen oder andere Eltern Ihnen beim Forschen helfen.
Besprechen Sie beim Abendessen, was Ihrem Kind helfen kann, die Nacht in seinem Bett zu verbringen. Und was helfen kann, das Monster zu verjagen oder zu verhindern, dass es kommt. Gehen Sie auf die Vorschläge ein und setzen Sie diese mit Ihrem Kind zusammen um. Falls es selbst keine Vorschläge bringt, schlagen Sie einiges vor: die Tür öffnen, das Licht anlassen oder eine schützende Höhle bauen. Wenn nichts hilft, geben Sie ihm als letzten Ausweg die Möglichkeit, dass es Sie rufen kann und Sie dann bei ihm im Zimmer schlafen. So wird die Routine, ins Elternbett zu kommen, durchbrochen und Sie zeigen ihm andere Wege auf, mit der Situation umzugehen.
Braucht er mehr Nähe?
Wenn Sie einen Lösungsweg besprochen haben, machen Sie daraus ein Ritual für die Bettgehzeit. Führen Sie das neue Ritual jeden Abend für mindestens drei Wochen durch. Wenn Ihr Sohn es dann noch nicht schafft, allein in seinem Bett zu bleiben, oder wenn ständig neue Monster auftauchen, sollten Sie noch einmal das Gespräch mit ihm suchen. Es kann sein, dass er einfach bei Ihnen sein möchte. Vielleicht macht er gerade einen Entwicklungsschritt und braucht dabei mehr Nähe als sonst.
Ihr Bedürfnis nach erholsamen Schlaf dürfen Sie hierbei aber nicht außer Acht lassen! Vielleicht können Sie vereinbaren, dass er an bestimmten Tagen oder erst ab einer gewissen Uhrzeit zu Ihnen ins Bett kommen darf. Eventuell müssen Sie auch darüber nachdenken, wie Sie Ihren Alltag etwas entschleunigen können, um entspannt, konstant und mit voller Aufmerksamkeit Zeit mit Ihrem Kind verbringen zu können.
Anika Schunke lebt in der Nähe von Karlsruhe und ist Erzieherin. Außerdem ist sie Autorin des Buchs „Kleine Räume, großer Spaß“.
Ergotherapeutin erklärt: Das ist das geeignete Alter, um das Fahrradfahren zu lernen!
Ab wann sollten Kinder den Drahtesel zähmen? Und wie stellen Eltern das am besten an? Ergotherapeutin Susanne Ospelkaus weiß Antworten.
„Ab welchem Alter sollten Kinder Fahrradfahren lernen? Warum ist das wichtig und wie bringe ich es ihnen richtig bei?“
Wenn wir mit dem Fahrrad unterwegs sind, ist uns nicht bewusst, wie komplex die Bewegungsabläufe und wie vielfältig die Informationsverarbeitungen sind. Radfahren ist ein Zusammenspiel aus Motorik, Planung, Orientierung, Geschwindigkeit, Gleichgewicht, Sequenzierung von Handlungen und Regelwerk. Aus diesem Grund findet die Fahrradprüfung erst in der 4. Schulklasse mit neun oder zehn Jahren statt.
Wann ist das richtige Alter, um Fahrradfahren zu lernen?
Obwohl man schon für Kleinkinder Fahrräder kaufen kann, bedeutet dies nicht, dass es das ideale Lernalter ist. Erst wenn Kinder von sich aus Interesse am Rad zeigen, sollten sie es ausprobieren. Dabei sind manche ein Kindergartenkind und andere gehen schon in die Schule.
Lassen Sie sich nicht verunsichern, wenn jüngere Kinder durch die Straßen sausen und Ihres noch auf einem Laufrad herumkurvt. Lernen braucht Zeit, und die Voraussetzungen fürs Radfahren lassen sich gut mit Roller und Laufrad trainieren. Das Kind entwickelt ein Gespür für Balance und Geschwindigkeit. Es wird merken, wie schnell es sein muss, um die Beinchen zu heben. Und es wird wissen, wie ruckartig es den Lenker drehen kann, ohne auf die Nase zu fallen. Viele Eindrücke müssen eingeordnet werden: Geräusche, Bewegungen von Personen und Autos oder Hindernisse auf dem Weg. Das Kind lernt Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, und nach und nach automatisieren sich Bewegungsabläufe. Wenn es dann ein Fahrrad ausprobieren möchte, kann auch ein Rad von Geschwistern oder Nachbarskindern hilfreich sein. Eine Anschaffung lohnt sich erst, wenn sich Fahrerfolg einstellt. So sparen Sie sich zum Beispiel ein kleines 12-Zoll-Rad und können gleich ein größeres anschaffen.
Ohne Stützräder fahren!
Vermeiden Sie Stützräder. Sie sind eher hinderlich als hilfreich, denn mit ihnen lässt sich nicht der entscheidende Gleichgewichtssinn trainieren. Am Anfang fehlt den Kindern häufig die Kraft, um anzufahren. Geben Sie dem Rad einen Schubs, aber schieben Sie es nicht ständig. Das lenkt Ihr Kind ab, und es guckt mehr nach hinten als nach vorne. Sie sollten außerdem darauf achten, nicht ständig zu reden, denn ihr Kind ist mit so vielen Dingen auf einmal beschäftigt, dass es kaum auf Ihre Worte achten wird. Fahrradfahren ist körperbetont, es lässt sich nicht durch verbale Erklärungen erlernen. Wenn Sie Ihr Kind anfeuern wollen, dann rennen Sie vor und lotsen es ins Ziel, so fokussiert es sich nach vorne. Mancher Sturz lässt sich nicht vermeiden, sorgen Sie mit Helm, Knieschützern und robuster Kleidung vor.
Radeln Sie selbst gerne? Ihre Begeisterung wird andere anstecken. Machen Sie aus dem Radelausflug ein schönes Familienerlebnis. Suchen Sie sich ruhige Wege und leicht erreichbare Ziele: einen Lieblingsplatz im Park, die Eisdiele, den Bäcker oder das Tiergehege. Nichts ist frustrierender, als wenn aus dem Genussradeln ein Pedalenkampf wird. Die Freude wächst mit der Routine und dann „kommt Radfahren dem Flug der Vögel am nächsten“ (Louis J. Halle).
Susanne Ospelkaus lebt mit ihrer Familie in Zorneding bei München, bloggt unter susanne-ospelkaus.com und arbeitet als Autorin und Therapeutin.
Depression, Angststörung und Co.: Wohin kann ich gehen? Diese Adressen helfen konkret
Psychische Erkrankungen sind kein Sonderfall. Wenn die Belastung zu groß wird, gibt es viele Hilfen – sogar ohne lange Warteliste!
Wenn das Knie schmerz oder der Kopf brummt, wissen wir genau, an wen wir uns wenden müssen. Und zumindest beim Hausarzt müssen wir nicht lange auf einen Termin warten. Doch wenn die Psyche belastet ist, sieht das oft ganz anders aus.
Es ist längst kein Tabu mehr, eine Psychotherapie zu machen. Prominente reden offen darüber, es wird immer bekannter, dass niemand „verrückt“ ist, der eine Therapie braucht oder wünscht. Immerhin sind laut Aussagen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) jedes Jahr 27,8 Prozent der Menschen in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen und etwa die Hälfte aller Menschen erlebt im Laufe seines Lebens zumindest einmal eine Depression, Angststörung oder andere psychische Erkrankung. Somit zählen seelische Belastungen nicht zur Ausnahme, sondern sind ein normaler, häufiger Bestandteil des menschlichen Lebens.
Lebensberatungsstelle hilft gegen Wartezeiten
Und doch gibt es noch immer viel zu wenige Therapieplätze, weil zu wenige Kassensitze zur Abrechnung freigegeben werden. Deshalb sind die Wartezeiten oft lang, sie betragen laut Bundespsychotherapeutenkammer durchschnittlich vier bis fünf Monate. Zur Überbrückung sind häufig Termine in einer Lebensberatungsstelle oder, für Kinder und Jugendliche, in einer Erziehungsberatungsstelle hilfreich. Dort arbeiten ausgebildete psychosoziale Fachkräfte, die zwar noch keine Therapie anbieten können, aber stabilisierende und klärende Beratung im Angebot haben. Kostenlose Anlaufstellen in der Region (z. B. von der Diakonie, Caritas und AWO) sind beispielsweise über den Online-Beratungsführer dajeb.de zu finden.
Beratungsstellen sind generell die richtige Adresse, wenn es nicht unbedingt um eine psychische Störung (oder nur mit leichten Symptomen), sondern eher um die Klärung schwieriger Lebensfragen und -situationen geht. Hier kann auch eine Seelsorge gute Dienste leisten. Seelsorge ist eine geistliche Beratungsform, bei der neben bekannten Beratungstechniken zusätzlich Aspekte des Glaubens einbezogen werden. Die Beziehung zu Gott kann in den Prozess integriert werden, auch das Gebet kann zu einem seelsorgerlichen Gespräch dazugehören. In vielen Kirchengemeinden gibt es Seelsorgeangebote, zudem lassen sich Adressen in Verzeichnissen wie cstab.de oder acc-deutschland.org finden.
Bei Krankheit hilft Psychotherapie
Wenn hingegen die Belastung Krankheitswert bekommt, ist auf Dauer Psychotherapie zu bevorzugen. Krankheitswert bedeutet, dass die Symptome (z. B. Ängste, starke Niedergeschlagenheit, ausgeprägte Antriebslosigkeit) so stark sind, dass sie die Funktionsfähigkeit im Alltag deutlich einschränken oder drohen, dies bald zu tun.
Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind unter therapie.de oder über die Psychotherapeutenkammer des Bundeslandes (z. B. „Psychotherapeutensuche Psychotherapeutenkammer NRW“ in eine Suchmaschine eingeben) zu finden. Hilfreich sind auch die sogenannten Terminservicestellen der Bundesländer. Dort können Betroffene sich melden und bekommen dann einen ersten Kontakt zu einer therapeutischen Praxis vermittelt. In den sogenannten Sprechstunden können sie überprüfen, ob die „Chemie“ zum Therapeuten stimmt – wenn nicht, dürfen sie selbstverständlich wechseln. Klientinnen und Klienten sollten hier nicht zögern – wie bei körperlichen Symptomen dürfen sie erst einige Ärzte „testen“, bis sie den richtigen gefunden haben.
Versichertenkarte reicht
Psychiaterinnen und Psychiater sind übrigens Ärztinnen und Ärzte, die auf die Behandlung psychischer Erkrankungen spezialisiert sind. Sie bieten jedoch keine ausführliche Therapie an, sondern meistens nur gelegentliche Gespräche und Medikation. Dies kann anfangs oder zur Überbrückung sinnvoll sein, ersetzt jedoch keine gründliche Therapie.
Übrigens, ein häufiger Irrtum: Für den Besuch bei einem Psychotherapeuten braucht man keine Überweisung – die Versichertenkarte reicht völlig aus.
Bei besonders schweren psychischen Belastungen kann es sein, dass eine ambulante Behandlung, beispielsweise einmal pro Woche, nicht ausreicht. Dann kann eine Behandlung in einer psychiatrischen Klinik sinnvoll sein. Auch das kann in einer ambulanten Therapie geplant werden.
Melanie Schüer ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Autorin (neuewege.me).
Der Angst ins Gesicht schauen
Sara Bohlen hat mit „Furchtlos“ ein Buch geschrieben, in dem sie sich intensiv mit einer Strategie gegen die Angst auseinandersetzt.
Bist du furchtlos?
Gute Frage. Ich glaube nicht, dass man wirklich dahin kommt, komplett ohne Angst zu sein. Ich glaube auch nicht, dass es das Ziel ist, keine Angst mehr zu haben. Angst ist eine Emotion, die Gott uns gegeben hat. Der Titel meines Buches ist von daher vielleicht ein bisschen provokant. Trotzdem glaube ich, dass ich immer mehr reflektieren kann, wo ich von Furcht geleitet bin oder war und mich bewusst entscheiden kann, mutige Entscheidungen zu treffen. Das ist das Ziel: Die Angst zu kennen und ihr ins Gesicht zu schauen und dann zu sagen: Ich möchte aber diese Richtung einschlagen und mutig meine Bestimmung leben.
Was sind denn Dinge, vor denen du Angst hast?
Ich kämpfe immer wieder mit der Frage: Was denken Leute über mich? Ich habe Angst, als Leiterin oder als Mama zu versagen. Das hat auch mit meinem eigenen Anspruch an mich selbst zu tun.
Und wie war das für dich in der Corona-Zeit?
Corona war schrecklich und hat sehr viele Ängste hochgeholt, die mir gar nicht so bewusst waren. Wir leiten eine junge Kirche, und bis zu Corona hatten wir eine wahnsinnige Dynamik. Es kamen viele Leute, und wir waren eher ein bisschen überfordert mit dem Wachstum. In der Corona-Zeit war es total schwierig zu merken: Man spürt die Leute nicht. Und die Leute sind vielleicht nicht so verbunden mit der Gemeinde, wie wir uns das gewünscht hätten. Auf einmal kommen Frust und komische Gespräche und Kritik. Ich hatte nicht viel Angst vor dem Virus selbst, sondern Angst, nicht allem gerecht zu werden, Angst, zu versagen, Angst, Leute zu verlieren, Angst vor Kritik und davor, dass ich mich nicht mehr erfolgreich fühle. Da hat Gott mich entlarvt und ich habe gemerkt: Ich möchte nicht, dass ich davon motiviert bin.
Was hat dir geholfen?
Mir hat tatsächlich die Auseinandersetzung mit dem Thema für das Buch geholfen. Ich habe das Gefühl, dass es ein Trick war von Gott, dass ich mich damit auseinandersetzen musste, weil ich mich vorher nicht unbedingt als furchtsamen oder ängstlichen Menschen bezeichnet hätte. Aber die Auseinandersetzung mit dem Thema hat mir gezeigt, dass Angst oft anders aussieht, als man denkt. Nicht nur die haben mit Angst zu kämpfen, die sich die Decke über den Kopf ziehen und sich einigeln, wenn Corona kommt. Angst kann ganz unterschiedlich aussehen. Die Auseinandersetzung mit diesen inneren Glaubenssätzen, mit den Ursachen und den Schutzfunktionen, die man ergreift, wenn man ängstlich ist, hat mir total geholfen. Und das Gebet, Gott zu suchen, um Hilfe zu rufen.
Hast du eine Strategie, wenn du merkst: Jetzt kommt Angst in mir hoch?
Wir haben in dem Kurs, der meinem Buch zugrunde liegt, eine Formel entwickelt: See, Reflect, Choose, Act. Das sind vier Schritte, vier Fragen, die man sich stellen kann. Und das mache ich tatsächlich immer mal wieder. „See“ bedeutet: Was fühle ich gerade? Und auch: Wie reagiert mein Körper? Warum bin ich grad so negativ? „Reflect“ heißt: Wo kommt das her? Wann hat das angefangen? Und „Choose“ bedeutet: Was möchte ich denken? Mein Inneres ist in irgendeine Richtung abgebogen, aber es gibt auch einen anderen Weg, für den ich mich entscheiden kann. Und „Act“ ist dann, diesen Weg zu gehen und entsprechend zu handeln. Diese Formel, diese vier Fragen gehe ich immer mal wieder durch.
Jesus sagt ja häufig: „Fürchtet euch nicht.“ Aber wie passt das zusammen mit seiner Aussage: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“?
Ich glaube, dass Angst etwas Normales ist und dass wir keine Angst vor der Angst zu haben brauchen. Wenn Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst“, bedeutet das: Angst gehört zu uns, zu unserer Menschlichkeit und auch zu dem Umfeld, in dem wir leben, dazu. Das ist nun mal nicht sicher, es ist bedrohlich für uns und auch gefährlich. Jesus sagt: „Ihr habt Angst, das ist normal, das gehört dazu.“ Und diese Aussage „Fürchtet euch nicht“ in der Bibel ist eigentlich immer verknüpft mit „… denn ich bin bei dir“. Das finde ich so stark, dass es nicht heißt „Fürchte dich nicht!“ im Sinne von „Du sollst das nicht fühlen!“. Sondern: „Hey, du brauchst dich nicht zu fürchten, denn ich bin bei dir. Es gibt eine größere Realität in dieser Situation jetzt gerade. Gott hat Macht über unser Weltgeschehen.“ Oder: „Gottes Sicht von mir ist wichtiger als die Sicht von Menschen.“ Wir gucken dann nicht mehr auf das, was uns beängstigt, sondern eben zu Jesus und zu seinen Alternativen.
Du hast einen Bibelvers aus dem 2. Timotheus-Brief als Motto über dein Buch gestellt: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Was fasziniert dich an diesem Vers?
Je mehr ich mich damit auseinandersetze, desto mehr sehe ich, dass Kraft, Liebe und Besonnenheit nicht nur theologisch, sondern auch psychologisch richtige Pfunde gegen die Angst sind. Wenn ich weiß, ich habe die nötige Kraft, ich habe das nötige Beziehungsfundament, ich habe die nötige Unterstützung und ich habe Besonnenheit – was bedeutet, ich reagiere nicht impulsiv, sondern mit Weisheit, mit einer bewussten Entscheidung –, sind das auch psychologisch Schlüssel gegen die Angst. Aber da steht eben auch: Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern einen Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit. Dass der Heilige Geist das mitbringt in unser Leben und diese Sachen in unserem Leben etablieren möchte, finde ich toll. Dass wir nicht nur angewiesen sind auf Psychologie, sondern dass wir eine Kraft an unserer Seite haben. Ich finde es unglaublich schön, dass wir nicht allein sind, sondern Gott an unsere Seite kommt, um uns in die Freiheit zu führen.
Interview: Bettina Wendland
Sara Bohlen leitet zusammen mit ihrem Mann Renke die „Kirche im Pott“ mit Standorten in Bochum, Dortmund und Münster. Für ihre Gemeinde hat sie zusammen mit einer Psychologin den Kurs „Fearless“ entwickelt, auf dessen Grundlage ihr Buch „Furchtlos“ (SCM R.Brockhaus) entstanden ist. Sara lebt mit Renke und ihren drei Töchtern Amie, Mila und Ella in Bochum.
„Mein Kind schwänzt die Schule“ – Experte rät: Ruhe bewahren!
Wenn der Sohn nicht mehr zur Schule möchte, ist das oft nur ein Symptom, sagt Experte Michael Felten. Das Problem sollte man an der Wurzel packen.
„Vor kurzem habe ich erfahren, dass mein Sohn (15) regelmäßig die Schule geschwänzt hat. Ich habe Angst, dass er seinen Abschluss so nicht schafft. Gespräche über das Thema wehrt er immer ab. Was kann ich tun?“
„Mein Kind ist ein Schulschwänzer“ – das zu realisieren ist für Eltern meist ein Schock. Schließlich ist der Schulbesuch ja nicht nur Pflicht, sondern auch ein bedeutsamer Faktor im jugendlichen Reifungsprozess – und eine wichtige Vorbereitung aufs Berufsleben. Tröstlich mag sein: Sie sind nicht allein! Pubertät, Lernunlust, Schulverweigerung – das müssen Jahr für Jahr tausende Eltern durchstehen. Doch Jugendliche kann man kaum noch zwingen. Vielmehr muss man ihnen dabei helfen, selbst zu einer vernünftigen Entscheidung zu kommen.
Mobbing oder Hochbegabung?
Mögliche Gründe fürs Schule-Schwänzen gibt es viele: Mobbing oder Stress mit der Clique, eine familiäre Beziehungsstörung oder berufliche Aussichtslosigkeit – vielleicht auch „nur“ anhaltende Überforderung oder aber die Langeweile eines Hochbegabten. Man müsste also genauer wissen: Seit wann existiert das Problem, in welcher Form und in welchem Ausmaß? Was sagt Ihr Sohn selbst dazu? Wie waren seine bisherigen Schulerfahrungen? Was sind seine Pläne, was seine Wünsche für die Zukunft? Nicht zuletzt: Wie ist Ihre familiäre Situation, die Beziehung zwischen Sohn und Eltern?
Eltern sollten versuchen, nicht panisch zu reagieren, sondern die „Ordnungswidrigkeit“ als Symptom anzusehen. Als eine Art Notlösung, eine Revolte, einen Hilferuf aus vermeintlicher Sackgasse. Dann fällt es leichter, ungünstige Erstgefühle wie Ärger oder Hilflosigkeit hintanzustellen. Ganz wesentlich ist jetzt nämlich, dass Sie wieder miteinander ins Gespräch kommen. Versuchen Sie, mit Ihrem Sohn gemeinsam auszuloten, wie sich das Problem angehen lässt, wo Auswege liegen könnten. Gleichzeitig ist es günstig, das Blaumachen zu erschweren: ihn zur Schule bringen oder Abholdienste durch Mitschüler arrangieren, sich regelmäßig mit dem Klassenlehrer austauschen und bei Erkrankung Arbeitsaufträge organisieren. Das kann man auch schriftlich vereinbaren – mit Aussagen über Belohnungen oder Sanktionen.
Mentor kann helfen
Man hat übrigens gute Erfahrung damit gemacht, wenn bei problematischen Entwicklungen im Jugendalter ein nichtelterlicher Erwachsener mithilft. Er muss Sicherheit und Reife ausstrahlen und der strauchelnde Jugendliche müsste ihm ein persönliches Anliegen sein bzw. werden (der Familienpsychologe Steve Biddulph nennt das „Mentor“). Vielleicht haben Sie das Glück, dass ein Lehrer bereit und in der Lage ist, Ihren Sohn eine Zeit lang besonders unter seine Fittiche zu nehmen, etwa ein früherer Grundschullehrer, den er noch in unbelasteter Erinnerung hat.
Dieser Mentor könnte mit Ihrem Sohn seine Stärken sowie berufliche Perspektiven durchsprechen – und ihm anbieten, ihn im nächsten halben Jahr besonders zu unterstützen. Das kann durch regelmäßige Begleitung, Kontrolle seiner schulischen Arbeiten oder auch in kleinen Lerngesprächen geschehen. Oder gibt es einen Onkel oder Opa (oder sonstigen vertrauenswürdigen männlichen Freund der Familie), der diese Mentorenrolle übernehmen kann? Ein solcher Mentor dürfte sich natürlich von ersten Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern müsste eine Weile dicht am Ball bleiben. Ich kenne jedenfalls zahlreiche Jugendliche, die innerhalb kürzester Zeit wie umgedreht waren, wenn sie sich erst einmal von einem vernünftigen externen Älteren verstanden, in ihren Potentialen ermutigt und sinnvoll unterstützt fühlten.
Michael Felten hat 35 Jahre als Gymnasiallehrer gearbeitet, jetzt ist er in der Lehrerweiterbildung tätig. Neben Erziehungsratgebern veröffentlichte er zahlreiche Beiträge zu Bildungsfragen. eltern-lehrer-fragen.de
Wenn ich nochmal erziehen könnte …
Stefanie Diekmann reflektiert, was sie als Mutter gut gemacht hat. Und was sie ändern würde, wenn sie nochmal neu anfangen könnte.
Vor mir turnt ein kleiner Mensch im Kinderwagen herum. Gleich wird er sich aus den Gurten herausgewunden haben. Der Kassenbereich eines Drogeriemarktes ist leider kein Ort für diese Expeditionen. Der Vater greift beherzt und auch entnervt zu. Seufzend fährt er sich durch die Haare. Diese Bewegung kenne ich von mir. Und auch das Seufzen. Am liebsten würde ich distanzlos ein paar ermutigende Worte hinüberrufen.
ZUCKER UND MONSTERPUPPEN
Unsere Kinder sind groß. Ich war gern mit ihnen unterwegs. Ein zusammengeliebtes Expeditionsteam. Jeder Tag war für mich voller intensiver Momente: turnende Kinder im Kinderwagen, Zahn-Putz-Kämpfe, Haare raufen wegen einer schier endlosen To-do-Liste. Mit vollem Eifer haben mein Mann und ich unsere Kinder erzogen. Angefeuert von Büchern, Magazinen, Elternkursen, einem Schwung handfester Tipps zur Beherrschung des Chaos und Hinweisen, wie Kinder zu prägen und zu handhaben sind. Während ich in der Schlange im Drogeriemarkt stehe, realisiere ich: Die Bedürfnisse unserer Kinder haben in den Regeln, die auf diesen Grundlagen entstanden sind, nicht immer Platz gefunden. Auch wenn mehr als offensichtlich war, dass unsere Kinder ganz unterschiedlich auf Ansprache oder Körperkontakt reagierten. Ich wollte alles so richtig machen. Und das war so anstrengend. Wie oft ich am Tag gedacht habe: „Wehret den Anfängen! Das darf nicht, das auch nicht und am besten gleich für alle drei.“ Mir fallen Debatten um Zucker, dubiose Hörspiele oder Monsterpuppen ein, bei denen ich immer noch motiviert meinen Weg gehen würde. Mir fallen auch Kraftfresser ein, die ich heute leichter nehmen würde: Schwimmkurs, Kleid-Drama am Sonntag, schnell durch den Tag kommen, eincremen. Das Chaos zähmen und beherrschen – muss das wirklich sein?
LANGSAMER LEBEN
Ich denke an ein Zitat von Søren Kierkegaard: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.“ Was würde ich anders machen? Den Eifer würde ich behalten wollen, aber meinen Tag langsamer leben. Mich mehr im Moment verorten. Den Geruch meines gerade aufgestandenen tapsigen Kleinkindes aufsaugen, das Plappern des Kindergarten-Mädchens oder die Sport-Reportagen des Teen-Boys … Ich war so schnell unterwegs und oft getrieben von dem Wunsch, so viel zu wuppen wie die anderen Familienteams.
Unsere Kinder waren sehr laut und wild. Der Esstisch war ein Boot in Seenot, das schwere Sofa wurde durch das Wohnzimmer geschoben und diente als erdachtes Tierheim. Das fiel mir nicht schwer und ich habe es sehr genossen: Trubel, Kreativität und ihr eigenständiges und versunkenes Spiel. Was ich nicht gut konnte: meine Erschöpfung bemerken und rechtzeitig Grenzen ziehen durch Aufräumen, ruhigere Spielphasen oder Mahlzeiten. Mein Agieren im „Ich kann nicht mehr“-Modus hat meinen Kindern wenig Vorbild ermöglicht, um eigene Kraftphasen abzugrenzen. Heute sehe ich bei meinen erwachsenen Kindern, wie sie einer Sache über Gebühr Kraft schenken. Ich habe die Chance verpasst, ihnen vorzuleben, leidenschaftlich zu sein und Grenzen zu setzen.
DIE KRAFT DES KINDES STRAHLEN LASSEN
Schwer zu tragen waren Gedanken wie: Mein Kind ist nicht ganz einfach, unpassend, fordernd. Die ersten Begegnungen damit haben mich umgehauen. Bewertungen zu unseren Kindern habe ich geschluckt. Angenommen, dass ich diese Rückmeldungen verarbeiten muss. Dass ich dafür zuständig bin, dass mein Kind vermeintlich normaler, lieber und angepasster wird.
Wenn ich heute mit Eltern arbeite, versuche ich, die Kraft des Kindes strahlen zu lassen. Ich erinnere mich, wie Menschen mit solchen positiven Rückmeldungen mir als Mutter gutgetan haben und meine Offenheit für einen Prozess der Reflexion viel größer war als nach einem schroffen, negativen Kommentar über mein Kind. Mit dem Vertrauen, dass mein Kind Entwicklungsmöglichkeiten hat, können wir zusammen besser Themen ansehen, die Aufmerksamkeit brauchen. Eine Zurechtweisung, eine Festlegung durch Fremde, Familie oder Schule würde ich heute weniger zulassen.
VORWÄRTS LEBEN
Das Zitat von Søren Kierkegaard besteht aus einem weiteren Satz, der mich aus meiner Erinnerungsreise ins Heute zurückholt: „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.“ Vorwärts … Aber ist nicht das Prägen längst beendet?
Wir sind mit unseren drei erwachsenen Kindern in der Phase, wo sie Geschichten aus ihrer Kindheit erzählen, die ich ganz anders bewertet habe. Manchmal finde ich es wunderschön, manchmal erschreckt mich ihre Wahrnehmung. Nicht selten haben wir als Eltern unsere Kinder schon gefragt: Haben wir zu streng gehandelt? Was hättest du dir gewünscht, als du nicht zum Zahnarzt wolltest? War es okay für dich, mit zehn Jahren allein durch Deutschland mit dem Zug zu fahren? In diesen Runden haben wir uns immer wieder auch auf den Weg der Vergebung gemacht. Wir leben davon, dass Gott Neuanfänge liebt, und konnten den anderen dabei aus der Last eines Fehlers entlassen. So bleibt in vielen Themen zwar eine „Retroliebe“, wie Wehmut auch heißen könnte. Der Schmerz über Fehler darf durch Vergebung weniger werden.
Vorwärts leben heißt für mich, aus den Beobachtungen des Gestern zu lernen. Heute kann ich achtsamer meine Begegnungen leben und meinen Kindern zuhören, wenn sie ihre Weltsicht teilen. Das Expeditionsteam Familie ist nicht vorbei, es hat nur eine andere Art, die Welt zu entdecken. Wir leben derzeit an drei Standorten, bald vier. Manches wird mir Kraft rauben und mich explodieren lassen, manches kann ich gut füllen. Wir haben uns verletzt, ermutigt, gesegnet und gestärkt. Und wir werden es auch für die nächste Etappe tun. Anders und neu.
Stefanie Diekmann ist Gemeindereferentin in Göttingen, verheiratet und Mutter von drei erwachsenen Kindern.
Fragen für eine Austauschrunde mit den großen Kindern
Lena wagt eine zweite Schwangerschaft – obwohl die erste traumatisch war
Nach einer Frühgeburt will Lena Bischoff nie mehr schwanger sein. Doch in ihr wächst der Wunsch nach einem zweiten Kind.
Nachdem mein Sohn in der 33. Schwangerschaftswoche zu früh auf die Welt kam, konnte ich mir lange Zeit kein weiteres Kind vorstellen. Ich war ziemlich traumatisiert und erschüttert von den Erlebnissen und einfach nur froh, dass es meinem Sohn gut ging. Ich wollte nicht noch einmal eine Schwangerschaft durchstehen, war sie doch von Anfang an geprägt von Ängsten und Zweifeln. Gerade da ich nun schon ein Kind zu Hause hatte, wollte ich nicht in die Situation kommen, zwischen zwei Kindern hin und hergerissen zu sein.
Und trotzdem erwachte in mir der leise, zaghafte Wunsch, es noch einmal zu versuchen. Wir genossen die Zeit mit ihm und fanden es schön, ein Kind in unserem Leben zu haben. Und was, wenn es diesmal gut gehen würde? Was, wenn ich eine schöne Schwangerschaft erleben würde oder gar eine natürliche Geburt? Was, wenn der kleine Sohn zum großen Bruder werden würde? Je näher der zweite Geburtstag unseres Sohnes rückte, umso stärker wuchs der Wunsch einer erneuten Schwangerschaft in mir. Umso mehr rückten auch die Erinnerungen und Erlebnisse in den Hintergrund. Meinem Mann ging es ähnlich. Noch einmal. Dachten wir uns. Noch einmal wagen. Noch einmal aufbrechen.
Ein Lied gibt Lena Kraft
Ich musste in dieser Zeit des Ringens immer an das Lied „Ich brech‘ noch einmal auf“ von Cae Gauntt denken, das mich ermutigte. Denn ich war, wie im Lied beschrieben, auf der Suche. Auf der Suche nach dem richtigen Weg. Als Christin war ich auf der Suche nach Gottes Antwort auf unseren Wunsch. Ich wusste, ich würde ihn brauchen, wenn wir es wagen würden. Ich wusste, allein konnte ich es nicht schaffen. Aber ich wollte es schaffen. Mut und Angst. Mein Dauerthema.
Aber es war definitiv an der Zeit für einen Mutausbruch. Mein starker Wunsch zeigte mir das. Und wie es in dem Lied heißt: „Ich lass zurück, was mich hält und ich geh … und die Frage, wie und wo es weitergeht, wird zum Gebet“. Natürlich ist das Lied nicht auf meine Situation zugeschrieben worden, aber ich sah es als mein Mutmachlied an, denn ich hatte Sehnsucht und ich wollte den Weg gehen. Und das nicht allein.
Risikoschwangerschaft
Und entgegen meiner Erwartung wurde ich sofort schwanger, nachdem wir den Entschluss gefasst hatten. Ich bin sehr dankbar dafür, denn ich weiß nicht, ob ich meine Meinung nicht doch geändert hätte, wenn es lange gedauert hätte. Wir freuten uns sehr.
Die Schwangerschaft war geprägt von Vorsorge und Kontrolle. Ich war in mehrfacher Hinsicht risikoschwanger, und die Klinik und mein Arzt wollten mich engmaschig kontrollieren. Das tat mir gut und gab mir Sicherheit. Natürlich hätte es im Ernstfall nicht wirklich helfen können, aber dennoch brauchte ich für das Aufrechterhalten meines Mutausbruches diese medizinische Bestätigung.
Furcht ist omnipräsent
Ich dachte immer wieder an Gottes Zusage: „Fürchte dich nicht!“ Es war wie eine Stimme in der Nacht, wie eine kleine Erinnerung im stressigen Alltag, immer wieder kam ein leises, kleines „Fürchte dich nicht!“ in meine Gedanken gehuscht und ließ mich aufatmen. Ich wollte vertrauen. Ich wollte mutig sein. Ich wollte Zuversicht haben. Und doch fürchtete ich mich. Immer wieder. Immer mehr.
Von Woche zu Woche spitzte sich mein schlechtes Gefühl zu. Ich betete und fragte mich, wie ich die Wochen, diese hoffentlich vielen, vielen Wochen überstehen sollte, wenn mein Mutgerüst schon am Anfang zu wanken begann. Ich betete. Meine Gebete sind meistens „Bitte, Gott“ oder „Danke, Gott“. Und ich vertraue darauf, dass er versteht. Dass er mich kennt.
Eine Enttäuschung wird zum Segen
Am nächsten Tag hatte ich wieder einen dieser vielen Vorsorgetermine. Ich war etwas erschüttert, als man mir sagte, dass mein Arzt krank sei, aber die Vertretung mich sehen würde. Ich hatte Vertrauen in ihn, war er doch vor der Schwangerschaft sorgfältig von mir ausgesucht worden. Ich konnte mich schlecht darauf einlassen, mir von einem anderen Arzt eine Meinung geben zu lassen. Ich war in dieser Zeit sehr abhängig davon, was die mir vertrauten Schulmediziner zum Kind in meinem Bauch sagen. Mein eigentlich gesundes Bauchgefühl hatte sich von meiner Angst in den Hintergrund drängen lassen. Und in Zeiten, in denen man sein Kind noch nicht dauernd spürt, fiel es mir schwer, zuversichtlich zu bleiben.
Ich saß etwas geknickt im Behandlungszimmer und wartete auf die Vertretung. Herein kam eine junge Ärztin, selbst Mutter von zwei Söhnen, einfühlsam, empathisch, freundlich, zugewandt. Der erste Arzt, der mich in diesen 16 Wochen fragte, wie es mir seelisch ging. Dem Baby ging es bestens, aber sie sah meine Vorgeschichte und fragte, ob ich Hilfe hätte und wie ich durch die Wochen käme.
Entscheidender Tipp
Augenblicklich musste ich weinen. Ich merkte, wie viel sich in mir angestaut hatte, wie sehr ich mich immer zusammenriss – für meinen Mann, meinen Sohn und mich. Ich sagte, dass ich es aktuell nicht mehr gut schaffen würde. Sie gab mir eine Nummer einer Hebamme, die geschult war in „Emotioneller Erster Hilfe in der Schwangerschaft“. Das kannte ich bis dahin nicht. Es klang aber gut.
Ich rief an und sprach mit einer freundlichen Frau, die aufmerksam zuhörte, mich gut spiegelte und reflektierte und versprach, vorbeizukommen. Dieser Anruf war die beste Entscheidung in meiner Schwangerschaft. Fortan begleitete mich diese vom Himmel geschickte Hebamme in allen meinen Ängsten, Freuden, alten Lasten, neuen Sorgen und Herausforderungen. Sie wurde wichtig für unsere ganze Familie.
Die Hebamme hilft
Sie fing nicht nur mich auf, sie sah auch meinen Mann und meinen Sohn. Sie spürte Stimmungen – ich konnte ihr nichts vormachen. Sie schaffte es, dass ich mir selbst authentisch begegnen und meine vorherige Schwangerschaft aufarbeiten konnte. Dass ich Frieden damit fand und versöhnt wurde mit meiner Geschichte. Es kamen bereits vergessen geglaubte Gefühle hoch, die ich ernsthaft angehen und auflösen konnte. Geblieben ist die Freude über meinen Erstgeborenen, die große Dankbarkeit für sein Leben, seine Gesundheit, seinen Charakter, der uns täglich bereichert.
Neues Vertrauen
Es gab eine Zeit, in der ich richtige Panik durchlebte, was an uns allen zehrte. Diese Hebamme war neben meinem Mann und meiner Familie wie ein Anker für mich, ein Lichtblick, eine kleine Rettungsweste, an die ich mich klammerte. Sie wusste genau, was ich wann brauchte, sei es ein Gespräch, medizinische Ratschläge, Hebammenwissen oder eine Ganzkörpermassage, um mich wieder zu erden. Sie half mir, hinter meinem Mutausbruch zu stehen, mich auf das Baby zu freuen, Vorfreude überhaupt erst zuzulassen und dem kleinen Menschen in meinem Bauch den Platz in unserer Mitte einzugestehen, den er verdient hatte.
Sie half uns, gemeinsame Rituale zu entwickeln, um Kontakt zum Babybruder aufzunehmen und den Großen mit einzubinden. Sie gab mir Sicherheit und Vertrauen in meine eigenen Instinkte zurück. Ich begann am Ende der Schwangerschaft sogar zu träumen, mir Wünsche einzugestehen, mich auf die Geburt vorzubereiten und es für möglich zu halten, dass es diesmal anders kommen würde.
Eine tolle, schöne Geburt
Und es wurde belohnt. Nicht nur durch einen wundervollen zweiten Sohn, sondern auch durch eine tolle, schöne Geburt, die mich mit vielem versöhnte, mir einen großen Frieden schenkte und mir ein erholsames, entspanntes Wochenbett erlaubte, wo wir alles sacken lassen konnten und uns fallen ließen. Es flossen Tränen der Freude und Erleichterung, der Anspannung und der Entspannung. „Ich brech’ noch einmal auf“.
Ich wünsche jeder Schwangeren, die traumatisiert ist, schwere Erlebnisse hatte oder einfach Angst hat, so eine Begleitung. In vielen Ländern in Europa finden sich Hebammen mit dieser Zusatzqualifikation (emotionelle-erste-hilfe.org). Die Leistungen werden komplett von der Kasse übernommen. Die Hebamme hat uns allen diese Monate erleichtert und ist uns die erste Zeit mit zwei Kindern immer mit viel Herz und Liebe zur Seite gestanden.
Von Lena Bischoff
Ist es eine Sekte?
„Meine Tochter und ihr Mann gehen in eine Gemeinde, in der ganz wilde Theorien verbreitet werden, wie etwa, dass Krankheit allein durch Unglauben entsteht. Die Leitung tritt auch sehr autoritär auf. Mein Mann und ich sehen das alles kritisch und haben Sorge, dass sie da in was Schlimmes hineingeraten sind. Was können wir tun?“
Manchmal ist es ja eine Geschmackssache, wenn einem etwas an anderen Gemeinden missfällt. Unsere religiös vielfältige Gesellschaft präsentiert uns eine breite Angebotspalette unterschiedlicher Möglichkeiten, Glauben zu leben. Neben den beiden großen Konfessionen und neben den Freikirchen treffen wir auf zahlreiche unabhängige Gemeindeneugründungen.
Wer sich in unserem Pluralismus eher unsicher fühlt, bevorzugt eine strenge Gemeinschaft mit klaren Vorgaben und dezidierter Leitung, die genau festlegt, wie man als Christ zu leben hat, meist kombiniert mit einer sehr strengen Ethik und Gemeindezucht. Wer dagegen geistliche Erlebnisse und Erfahrungen sucht, findet dies im pfingstlich-charismatischen Spektrum mit modernen Gottesdiensten und Lobpreiskultur.
SCHATTENSEITEN
Aber diese Vielfalt und ihre Wahlmöglichkeiten haben auch ihre Schattenseiten. Statt klarer Orientierung trifft man auf Härte und Gesetzlichkeit. Oder geistliche Erlebnisse werden manipuliert und inszeniert. Statt Freiheit zu erleben, gerät man unter Druck und in Abhängigkeit.
Möglicherweise ist das in dieser Gemeinde auch der Fall. Dann ist es ja nicht nur eine Geschmackssache. Dass dunkle Erfahrungen von Leid und Krankheiten sehr schnell und viel zu einfach auf mangelnden Glauben zurückgeführt werden, hat mit Jesu befreiender Botschaft nicht viel zu tun. Oder dass Leitungspersonen nicht mehr kritisiert werden dürfen, sich in apostolischer Vollmacht sehen, blendet unsere menschliche Begrenztheit aus und setzt Menschen an Gottes Stelle.
IN KONTAKT BLEIBEN
Was kann man tun, außer darauf hinzuweisen und vor solchen problematischen Lehren und Praktiken zu warnen? Schließlich bedeutet Religionsfreiheit auch die Freiheit, sich unglücklich zu machen. Wir sind zum Glück nicht ganz hilflos. Das Wichtigste ist: Lassen Sie den persönlichen Kontakt nicht abreißen! Aber kritisieren Sie die neue Gemeinde möglichst wenig, sondern ermuntern Sie die beiden, zu erzählen. Und dann stellen Sie Ihre eigenen Erfahrungen und Deutungen daneben – nicht dagegen! Und lassen Sie Gefühle zu! Oft wird in den wirklich problematischen Gemeinschaften nicht nur ein bestimmter Glaube, sondern auch ein normiertes Erleben gefordert. Gefühle zuzulassen und sich darüber auszutauschen, stärkt nicht nur Ihre Beziehung, sondern lässt auch die neue Gemeinde nochmal in einem anderen Licht erscheinen. Und vielleicht entsteht auch eine gesunde kritische Haltung. Beten Sie, wenn Sie mögen, auch miteinander. Und vertrauen Sie auf Gottes bewahrendes Handeln.
Andreas Hahn ist verheiratet, Vater von zwei erwachsenen Kindern und Sekten- und Weltanschauungsbeauftragter der westfälischen Landeskirche. Illustration: Sabrina Müller, sabrinamueller.com
Fremdverliebt: Zum Hochzeitstag bekommt Sina einen Liebesbrief – vom falschen Mann
Aus dem Nichts verliebt sich Sina Wendel [Pseudonym] in einen Vater aus der Kita. Plötzlich steht ihre Ehe vor dem Abgrund.
Es ist ganz plötzlich passiert. Ein Bekannter aus der Kita kommt zu Besuch und reißt mich aus dem Trott der Gefühle. Die sprichwörtlichen Schmetterlinge toben durch meinen Bauch, völlig unerwartet und ungewollt. Warum er? Warum trifft es mich so? Mir wird schnell klar: Er verkörpert all das, wonach ich mich zutiefst sehne. Die Zeit, die er sich für seine Kinder und auch für mich nimmt. Die tiefgreifenden Fragen, die er stellt. Die Art, wie er das ausspricht und mit Begeisterung tut, was ihm in den Sinn kommt. Er springt in eine Lücke meines Herzens und öffnet dort einen Raum der Sehnsucht.
Als ich mich in den Mann aus der Kita verliebe, gleicht meine Ehe eher einer Fahrt durch ein Industriegebiet als durch blühende Landschaften. Unsere beiden Kleinkinder brauchen viel Aufmerksamkeit und Geduld, manchmal mehr, als mein Mann und ich zu geben haben. Außerdem sind wir beide beruflich und ehrenamtlich sehr gefordert. In unseren Gesprächen und in der körperlichen Beziehung zueinander kämpfen wir ständig mit Ampeln und Staus, kurzum: Unsere Ehe läuft nicht mehr richtig rund.
Er erwidert die Gefühle
Nach der Begegnung mit dem anderen Mann möchte mein Herz unbedingt in dieser neuen, schönen Landschaft weiterfahren, doch mein Verstand erkennt die Gefahr und bremst mich. Nach einer Woche Schlaflosigkeit gestehe ich ihm, dem Bekannten, meine Gefühle – mit der Bitte um Abstand. Er empfindet auch etwas für mich, wie er unumwunden zugibt. Damit bringt er alles ins Rollen und treibt mich nach und nach fort aus meinem vertrauten Leben. Ich erfahre etwas, das ich so bisher nicht kannte – eine zweigeteilte Liebe in mir: erfrischendes Verliebtsein auf der einen Seite, tiefe Verbundenheit auf der anderen. Auf der Geisterfahrt meines Herzens entferne ich mich immer mehr von meinem Mann und allem, was mir bislang wichtig war: meinem Glauben, meinen Freunden und meinen Kindern. Denn trotz des Versuchs, Abstand zu halten, kommt es immer wieder zu zufälligen Zusammentreffen, die mir sehr nahe gehen. Ich verzweifle an der Macht, die mich mit aller Wucht gepackt hat und mich unwillkürlich in Richtung Ehebruch zieht.
In unserer Kleinstadt weiß jeder fast alles über den anderen. Ich bete und flehe und weiß keinen anderen Weg als den der Ehrlichkeit: Ich beichte das Verliebtsein meinem Mann, den ich eigentlich schonen wollte. Er reagiert verletzt und wütend. Ich bin getroffen von seiner großen Distanz mir gegenüber und der Distanz, die ich von nun an zum Anderen in aller Konsequenz halten soll. Der tägliche Kampf gegen den Wunsch, ihn wiederzusehen, mit ihm zu reden, ihm zu schreiben oder auch nur an ihn zu denken, beginnt. Jeder Tag erscheint mir wie eine Schlacht, die all meine Kraft kostet. Fast alles andere um mich herum weicht der Auseinandersetzung mit mir selbst in dieser Phase des Fremdverliebtseins.
Liebesbrief vom falschen Mann
Doch das innere Loslassen braucht wesentlich mehr Zeit als angenommen. Immer wieder gibt es Rückschläge durch unvermeidliche Begegnungen in der gemeinsamen Kita. Ein ständiges Auf und Ab. Dabei bin ich mir bewusst, dass mein Handeln weitreichende Konsequenzen für sieben andere Menschen hat. Denn der andere Mann ist sogar bereit, mit mir ein neues Leben anzufangen. Was ich nicht wusste: Die innerliche Trennung von seiner Partnerin hatte schon vor unserer Begegnung stattgefunden. Mein Mann spürt die Entfremdung zwischen uns als Ehepaar deutlich und ist im Alltag schnell gereizt. Mir wird ebenfalls alles zu viel: die Eifersucht und der Vertrauensverlust meines Mannes, das auf mich gerichtete Verliebtsein des Anderen und meine eigene Sehnsucht und Angst. Ich bin am Ende meiner Kräfte. In all diesem Durcheinander, das ich anrichte, hilft mir mein Glauben. Der christliche Glaube erzählt mir, dass Gott mich auch jetzt noch liebt. Nicht nur als brave Kirchgängerin, als Vorzeigemama oder Ehefrau. Ganz neu lese ich die Passagen in der Bibel. Jesus hört zu, verurteilt nicht gleich. Auch die Psalmenbeter leiden mit mir, wenn ich einfach nur traurig bin. Dafür bin ich unendlich dankbar und erfahre eine neue Tiefe des Glaubens, die mir zuvor verschlossen war.
Der Höhepunkt des Fremdverliebtseins ist zugleich der Tiefpunkt unserer Ehe. An einem Sommertag sehe ich den anderen Mann durch Zufall allein in der Stadt. Er umarmt mich und spricht davon, dass er meine innere Einsamkeit sieht, die mein Mann nicht erkennen kann. Am nächsten Morgen erhalte ich einen Liebesbrief zum Hochzeitstag, allerdings vom falschen Mann. Mein Ehepartner erfährt nichts von dem Treffen und dem Brief, aber er ahnt es instinktiv. Es kommt zu einem riesigen Streit mit meinem Mann, der zu tiefen Verletzungen auf beiden Seiten führt. Unser Vertrauen ineinander hat einen heftigen Schlag abbekommen. Ich erkenne, dass es so nicht weitergehen kann und beschließe deshalb, dass meine Kinder nach den Ferien die Kita wechseln werden. Der Wechsel klappt mit nur einem Anruf, meine Kinder werden beide zusammen in meiner Wunschkita aufgenommen. Was für eine Erleichterung in dieser schwierigen Situation!
Schleichende Besserung
Die dringend notwendige Behebung der Ursachen erfolgt schleichender. Uns wird bewusst, dass mein Fremdverliebtsein aufzeigt, was sich in den letzten Monaten und Jahren in die falsche Richtung entwickelt hat. Im verflixten siebten Jahr unserer Ehe sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir desillusioniert voreinander stehen. Farblos und langweilig erscheint uns der geliebte Mensch, alles andere ringsherum wirkt lebendiger. Mein Mann und ich brauchen beide Zeit, um uns gegenseitig ein „Ja“ wieder neu zusprechen zu können.
Bewusst suche ich die Nähe zu meinem Mann und gebe dafür die Kinder öfter bei den Schwiegereltern ab. Er ist zwar gekränkt, es hilft ihm jedoch, dass ich mit dem anderen nicht geschlafen habe. Ich erkenne mehr denn je, dass wir nur Hand in Hand alles andere in unserem Leben bestehen können: vom Ehrenamt über die Hausarbeit bis hin zur Kindererziehung. In einer Gesprächstherapie nimmt unser eingeschlafener Ehemotor schließlich langsam wieder Fahrt auf. Oft stotternd, grummelnd, holprig, doch der Dialog ist wieder da.
Froh über das „Nein“
Unser gemeinsames Navigationssystem, die Bibel, trägt mich und meinen Mann durch die schwierigsten Zeiten am Abgrund. Sie zeigt Grenzen auf und macht deutlich, dass Ehebruch einfach falsch ist und nichts Gutes bringt. Mein Mann hält an unserem Eheversprechen fest, es trägt ihn in all den Zweifeln an mir. Gleichzeitig lerne ich auf dieser Irrfahrt meine inneren Schätze neu kennen. Durch kreative Methoden wie Gedichte schreiben, in der Bibel zeichnen und ein Dank-Tagebuch führen kann ich einige Lebensthemen aufarbeiten.
Mittlerweile bin ich froh, dass ich dieses kleine „Nein“ dem Anderen gegenüber immer wieder ausgesprochen habe und die Krise überwunden ist. Es ist zum Symbol meiner Stärke, meiner Treue zu mir selbst, zu all meinen Werten und zu meinem Glauben geworden. Ich verstehe, warum Verzicht eine grundsätzliche Lebenskunst ist, die alle Religionen lehren und die jeder Mensch irgendwann lernen muss. Ich habe mich dafür entschieden, das Unperfekte in meinem Mann anzunehmen und er in mir. Wir sind wieder gemeinsam unterwegs und können dank unserer Gegensätzlichkeit viele Schwierigkeiten auf unserem Weg besser meistern. Zusammen setzen wir voll Zuversicht und neuer Freude unseren Weg fort.
Unter dem Pseudonym „Sina Wendel“ beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen zum Fremdverliebtsein auch in einem Blog. Neben Tagebucheinträgen und Heilmitteln hat sie dort auch viele Gedichte zum Thema veröffentlicht. fremdverliebt.wordpress.com
Immer mehr Pickel
„Mein Sohn (13) bekommt immer unreinere Haut. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht richtig darum kümmert und befürchte, dass er gehänselt wird, wenn es so weitergeht. Wie kann ich ihm helfen und was kann man bei unreiner Teenager-Haut unternehmen?“
„Mein Sohn (13) bekommt immer unreinere Haut. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht richtig darum kümmert und befürchte, dass er gehänselt wird, wenn es so weitergeht. Wie kann ich ihm helfen und was kann man bei unreiner Teenager-Haut unternehmen?“
Bei Ihrem Sohn liegt wahrscheinlich eine pubertätsbedingte Akne vor. Die Akne ist eine der häufigsten Hauterkrankungen weltweit und tritt meistens ab dem Zeitpunkt der Pubertät auf. Zunächst einmal sollten Sie sich keine allzu großen Sorgen machen. Ihr Sohn ist mit diesem Problem nicht allein, denn fast 80 Prozent aller Teenager neigen zu unreiner Haut.
Das ist vor allem auf die hormonelle Veränderung während der Pubertät zurückzuführen. Im Teenageralter entwickeln die Sexualorgane vermehrt verschiedene Hormone, unter anderem auch Androgene. Ein Beispiel ist das männliche Sexualhormon Testosteron, welches unter anderem für das Wachstum der Körperbehaarung verantwortlich ist oder bei Jungen den Stimmbruch auslöst.
Aknenarben durch Pickel vermeiden
Die Androgene regen die Talgproduktion der Haut an, wodurch es bei Teenagern während der Pubertät häufig zu Unreinheiten und Pickeln im Gesicht und/oder auf der Rückenpartie kommt. Mit der richtigen Pflege und medizinischen Behandlung kann das Ausmaß der Akne glücklicherweise enorm gemildert werden. Das ist vor allem wichtig, um sogenannte „Aknenarben“ zu vermeiden, die häufig dann entstehen, wenn es zu Entzündungen kommt und diese nicht richtig behandelt werden.
Es ist wichtig, dass Sie hier, am besten gemeinsam mit Ihrem Kind, eine geeignete Pflegeroutine entwickeln und im besten Fall auch ein Auge darauf behalten, dass diese entsprechend durchgeführt wird. Um langfristige Erfolge zu erzielen, ist es essenziell, diese Routine konsequent durchzuführen und nicht abzubrechen, auch wenn Besserungen zu erkennen sind, sonst kann es zu einem Rückfall und einem erneuten Ausbruch der Akne kommen.
Worauf Sie bei Pflegeprodukten achten sollten
Es gibt unzählige Produkte zur Behandlung von Aknehaut. Bei der Auswahl sollten Sie einige Dinge beachten. Aknehaut neigt dazu, eher fettig zu sein, weswegen eher „leichte“ statt fettende Produkte verwendet werden sollten, die die Haut nicht noch zusätzlich verschließen. Auf diese drei Stichworte sollten Sie beim Kauf der Produkte Acht geben: Sie sollten „nicht komedogen“ bzw. „komedolytisch“ oder „keratolytisch“ sein. Pflegeprodukte, die diese drei Kriterien erfüllen, eignen sich gut zur Behandlung der Akne. Sie machen die Poren frei, helfen Pickel und Mitesser aufzulösen und lösen abgestorbene Hautzellen. Bei der Reinigung sollten milde, am besten pH-neutrale Produkte verwendet werden, um die Haut nicht weiter zu reizen. Meistens reicht jedoch bei einer Akne keine lokale Hautpflege aus, sondern rezeptpflichtige Wirkstoffe werden benötigt.
Ist die Akne stark ausgeprägt, kann in Absprache mit dem behandelnden Dermatologen auch eine medikamentöse Therapie mit Hormonpräparaten, Antibiotika oder Vitamin A-Säure-Präparaten angeordnet werden. Diese muss aber genau auf das Hautbild abgestimmt werden. Auch chemische Peelings können helfen, die Akne zu bekämpfen. Diese sollten ausschließlich von geschultem Fachpersonal durchgeführt werden.
Dr. med. Alice Martin ist Ärztin und Mitgründerin der Online-Hautarztpraxis dermanostic.com.