Symbolbild: Getty Images / iStock / Getty Images Plus / Karl-Hendrik Tittel

Franziska lebt am Existenzminimum: „Hoffnung habe ich keine“

Wie ist es, in diesen Tagen als alleinerziehende Mutter von Hartz IV zu leben? Franziska* weiß das nur zu gut.

Zu Besuch in Plauen, Sachsen. Die im Tal liegende Innenstadt beeindruckt mit ihrer Schönheit. Neubau-Villen, breite Straßen und das viele Grün passen eigentlich nicht ins Bild. Denn in dieser Stadt wohnt auch Franziska* [Name von der Redaktion geändert] mit ihren beiden Kindern – am Existenzminimum. Im zweiten Stock eines schlichten, gelben Mietshauses hat sie eine Bleibe gefunden.

Franziska ist Mitte 30 und hat lange, dunkle Haare. Ihre Augen sind groß und leuchten. Wenn sie lacht, lachen zwei Grübchen in ihren Mundwinkeln gleich mit. Die Sächsin wohnt allein mit ihren zwei Kindern (6 und 13 Jahre) in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Aufgeteilt ist diese in zwei Kinderzimmer und ein Wohnzimmer. Franziska schläft in Letzterem. Nachts klappt sie das Sofa auf. „Manchmal ist mir das unangenehm, wenn fremde Menschen mich besuchen kommen. Aber es ist mir wichtiger, dass es meinen Kindern gut geht und sie ein eigenes Zimmer haben.“

Dass es den Kindern gut geht, ist Franziska in allen Lebensbereichen das Wichtigste. Doch da sie Hartz IV bekommt, muss sie dafür kreativ werden. Früher schon, doch jetzt aufgrund der steigenden Kosten noch mehr. Ihren Kindern soll es an nichts mangeln. Franziska erzieht bindungsorientiert und auf Augenhöhe und achtet darauf, dass sie den Kids ihre Wünsche erfüllen kann. Oftmals muss sie dabei trotzdem verzichten.

Ausgewogene Ernährung? Fehlanzeige!

Zum Beispiel darauf, den Kindern eine ausgewogene, biologische und nachhaltige Ernährung bieten zu können. Stattdessen kauft sie das billige Fleisch und die abgepackte Wurst. Die letzten zehn Tage des Monats sind immer finanziell schwierig. Normalerweise backt sie dann Eierkuchen oder versucht, Nudeln in allen möglichen Varianten zu kochen. Im vergangenen Monat ging dafür ihr letztes Sonnenblumenöl zur Neige. In diesem Monat sind Nudeln so teuer geworden, dass Franziska sich neue Essensvariationen einfallen lassen muss, die ihre Kinder auch gern essen.

„Das Geld rinnt mir durch die Hände“

Auch Kleidung für die Kinder und Schuhe kauft die Mutter gebraucht. Franziska sucht lange, bis sie schöne Kleidung für die Kinder findet. Das macht sie online über eine App. Bewusst sucht sie nach Menschen, die mehrere Teile verkaufen. So spart sie Porto.

Damit die Mittdreißigerin weiß, welche Schuhe ihren Kindern passen, geht sie mit ihnen vorher zum Anprobieren in einen Schuhladen. Gefallen den Kindern Schuhe, sucht sie nach genau nach diesen Exemplaren gebraucht online. Es ist umständlich, aber gar nicht anders möglich bei dem knappen Budget, das Franziska hat. Die dringend benötigten Fußballschuhe müssen aktuell warten, denn da gab es bisher Second Hand keine, die gepasst hätten. „Ich frage mich immer, wie andere Eltern das machen. Ich kann gut mit meinem Geld umgehen, aber aktuell steigen die Kosten und es rinnt mir durch die Hände.“

Drogenabsturz mit Crystal

Franziska gießt Kaffee mit aufgeschäumter Milch in stilvolle Gläser, die sie vor zwei Jahren im Resterampenverkauf erworben hat. In ihrer Küche ist nicht zu erkennen, dass die Familie unter der Armutsgrenze leben muss. Ebenso im Rest der Wohnung: Die Kinderzimmer sind gefüllt mit Spielzeug, liebevoll und gemütlich eingerichtet. Das Wohnzimmer ist stilvoll und alles ist sauber und aufgeräumt.

Beim Kaffee erzählt die Mutter von ihrer Vergangenheit: Franziska hat nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht. In dieser Zeit stürzte sie mit Drogen ab und nahm Crystal. In keinem anderen Bundesland lässt sich diese Droge so günstig erwerben wie in Sachsen. Und nirgendwo sonst wird so viel Crystal im Abwasser gefunden wie hier. Hergestellt in tschechischen Laboren, gelangt es über die Grenze zwischen Erzgebirge und sächsischer Schweiz auf den deutschen Markt.

„Ich habe mich für ein Leben in Armut entschieden“

Aufgrund ihrer Abhängigkeit wurde Franziska nach der Ausbildung nicht übernommen und hangelte sich in den folgenden Jahren von Minijob zu Minijob, immer mit dem Spagat, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen und sich eine Zukunft aufzubauen.

Ihre zwei Kinder waren nicht geplant. Sie nicht zu bekommen, stand für Franziska aus ethischen Gründen nicht zur Debatte. Trotzdem fragt sie sich manchmal, „ob es nicht besser gewesen wäre, erst Karriere zu machen und Geld zu verdienen, als zuerst die Kinder zu bekommen. Ich habe mich damit für meine Kinder, die ich über alles liebe, und für ein Leben in Armut entschieden“, sagt sie – und zuckt dabei resigniert mit ihren Achseln.

Luxusgut Döner

Als die Pandemie begann, hatte Franziska gerade eine Ausbildung begonnen. Dann kam der Lockdown und sie verbrachte 14 Stunden am Tag am Laptop und musste, wie so viele andere Eltern, gleichzeitig auf ihre Kinder achten. Nach einem Jahr konnte sie diesen Spagat nicht mehr aushalten, hatte das Gefühl, auszubrennen. Sie brach die Ausbildung mit guten Noten ab, um gesund zu bleiben und für ihre Kinder da sein zu können. Heute arbeitet sie nun wenige Stunden als Essenslieferantin für Kindergärten und Schulen. Vom Trinkgeld kann sie ihren Kindern freitags endlich mal einen Döner kaufen oder den Wunsch eines Pullovers für zehn Euro realisieren.

Stromnachzahlung bedeutet Mahnung

Trotzdem: Franziskas Ausgaben müssen genau abgestimmt sein. Nichts darf dazwischenkommen, damit die Haushaltskasse ausgeglichen bleibt. Passiert etwas Unvorhergesehenes, zum Beispiel durch eine Stromnachzahlung oder durch neue Fußballschuhe, dann kommt Franziska aus der Misere nicht mehr heraus und muss Rechnungen wochenlang schieben und Mahnungen in Kauf nehmen. Franziska zahlt aktuell 95 Euro für Strom und bangt jetzt schon vor der nächsten Erhöhung. Wie sie diese bezahlen soll, weiß sie nicht.

Der Bremer Erwerbslosenverband warnt in einem Beitrag der NDR Sendung „buten un binnen“ vor genau diesen sozialen Folgen. Wenn die Menschen ihre Rechnungen nicht gleich zahlen können, zieht das immer weitere Schulden nach sich. Laut Expertinnen und Experten reichte das Geld von Empfängerinnen und Empfängern von Hartz IV schon vorher nicht für eine gesunde Ernährung. 155, 82 Euro bekommt eine alleinstehende Person im Monat für Lebensmittel überwiesen.

Sexarbeit ist keine Lösung

„Manchmal bin ich so verzweifelt, dass ich mir nachts überlege, getragene Unterwäsche von mir zu verkaufen, Telefonsex anzubieten oder zu OnlyFans [eine Online-Plattform, bei der unter anderem Nacktbilder verkauft werden, Anm. d. Red.] zu gehen. Aber wie soll ich das den Kindern erklären, wenn das jemals rauskommen würde?“, sagt Franziska: „Ohne Geld kommt man aus der Lage nicht heraus. Ich kann nicht mal wegziehen aus Plauen. Würde ich woanders anfangen mit dem wenigen Geld, das ich habe, würde ich in einer teureren Stadt vielleicht noch weniger haben oder noch schlechter wohnen.“

Plauen liegt im Südwesten von Sachsen, im Vogtland. Es ist die fünftgrößte Stadt des Landes. Trotzdem fühlt sich Franziska abgehängt in der sächsisch grünen Idylle. Immerhin werden nun zwei neue Spielplätze gebaut. Die Mieten sind günstig. 75 Quadratmeter gibt es schon für 375 Euro kalt.

„Hoffnung habe ich keine“

Es gibt kein Entkommen aus der Situation ohne Netzwerk und ohne ausreichend Geld. Franziska hat depressive Tage, wartet dann nur darauf, dass das wacklige Kartenhaus zusammenbricht. Sollte das passieren, hofft sie, dass sie irgendwoher Hilfe bekommt. „Hoffnung habe ich keine. Meine Kinder sind diejenigen, für die ich jeden Morgen aufstehe und weiterlebe“, sagt die Mutter mit ernster Stimme.

Und sie fügt hinzu: „Ich sehe uns trotzdem nicht als typische Hartz-IV-Familie mit all den Vorurteilen, die damit einhergehen. Bei uns ist es sauber, meinen Kindern geht es gut. Ich spreche in der Öffentlichkeit nicht über unsere Armut, damit wir in keine Schublade gesteckt und die Kinder nicht gemobbt werden. Mit einer Vorabmeinung über uns hätten wir noch weniger Chancen.“

Auto ist das große Glück

Vor zwei Jahren hat sie ein altes Auto geschenkt bekommen, das war ihr großes Glück. Damit konnte sie den Kindern etwas Bildung ermöglichen und fuhr in die nächsten Ortschaften, an Seen, in ein Spaßbad. Damit konnte sie ihnen etwas geben, was es in Plauen nicht gibt. Nun wird das Benzin teuer und diese Option fällt damit weg.

Was sie sich wünschen würde, wenn ihr alle Möglichkeiten offenstehen würden? Wie aus der Pistole geschossen sagt Franziska: „Ich würde als Erstes einmal mit meinen Kindern in den Urlaub fahren, ein neues Auto kaufen, was nicht gleich kaputt geht, eine größere Wohnung mit einem Schlafzimmer für mich und Kleidung für die Kinder. Und ich würde einmal mit ihnen ins Restaurant gehen.“ Franziskas größter Wunsch ist, dass ihre Kinder es besser machen als sie und schaffen, aus Plauen wegzukommen. Sie wünscht ihnen, dass sie nicht auf die falsche Bahn geraten.

Von Priska Lachmann