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Anders als erwartet: Eltern berichten über ihr erstes Baby-Jahr

Zwischen Erwartung und Wirklichkeit: Fünf Mütter und ein Vater erzählen, was sie im ersten Baby-Jahr erlebt haben – ehrlich, herausfordernd und ermutigend.

Lena, 32, Redaktionsleiterin, bekam ihren ersten Sohn im ersten Corona-Lockdown. Die Geburt war traumatisch: Ihr Sohn kam direkt auf die Intensivstation, das gemeinsame Kennenlernen blieb aus. „Statt Kuscheln und Bonding saß ich auf der Station und konnte nur hoffen. Ich war mit der Situation überfordert, zumal mein Mann nicht ins Krankenhaus kommen durfte.“

Corona hat ihre Erwartungen an das erste Baby-Jahr auf den Kopf gestellt. Statt Krabbelgruppen gab es Abstand, statt Familie viel Alleinsein. „Am Ende hat das Zuhause-Sein unserem Sohn sogar gutgetan, um seine Geburt zu verarbeiten, aber es war anders als zunächst geplant.“ Besonders deutlich wurde Lena, dass sich Kinder in ihrem eigenen Tempo entwickeln. Sie machte sich anfangs viele Gedanken, wann ihr Sohn trocken wird oder den Schnuller abgibt. Letztlich meisterte er alles in seinem Tempo und auf seine Art.

Seit anderthalb Jahren ist Lena alleinerziehend. „Ich habe unterschätzt, was ein Kind mit der Paarbeziehung macht. Wir hätten uns mehr um die Ehe kümmern müssen.“ Umso wichtiger wurde ihr das Thema Selbstfürsorge: „Kinder können emotionale Knöpfe drücken. Sie halten uns den Spiegel vor. Das fordert heraus, eröffnet aber auch die Chance, viel über sich selbst zu lernen, persönlich zu wachsen und Generationsmuster zu durchbrechen.“

Lenas Glaube wurde durch das Muttersein nicht erschüttert, sondern vertieft. „Ich habe gelernt, dass ich mein Leben nicht kontrollieren kann. Ich darf es Gott überlassen und seinem Plan vertrauen.“ Anderen Eltern empfiehlt sie: „Stellt euch darauf ein, dass ihr regelmäßig an eure Kapazitätsgrenzen kommt. Das ist normal. Doch wenn ich meine Situation von außen betrachte und mich frage: ‚Was würde ich jetzt meiner besten Freundin raten?‘, dann hilft mir das, Prioritäten richtig zu setzen und mir weniger Druck zu machen.“ Daneben sei es wichtig, der Paarbeziehung und eigenen Interessen, die vor den Kindern gutgetan haben, genügend Raum zu geben, um genug Energie für den Familienalltag zu haben.

Zwischen Erwartung und Erschöpfung

Zoe, 33, typografische Gestalterin, erlebte ihr erstes Baby-Jahr als eine Serie von Herausforderungen: „Ich hatte erst Panik vor der natürlichen Geburt, war dann aber bereit dazu. Und dann musste doch ein Kaiserschnitt her – nach 28 Stunden.“ Auch das Stillen war anders als erwartet: „Das Stillhütchen war Fluch und Segen zugleich. Ohne hätte es nicht geklappt, aber es wieder loszuwerden, war mühsam. Und die Schmerzen – niemand hatte mich auf so etwas vorbereitet. Ich hatte erwartet, Stillen würde ohne Schmerzen klappen, und deshalb das Gefühl, ich mache etwas falsch.“ Die Nächte waren hart: Stillen im Zwei-Stunden-Takt. „Diese ständige Müdigkeit – zum Glück hat mir vor dem Kind keiner gesagt, wie hart das ist.“ Ihr fehlte für alles die Energie – vor allem für Sport, den sie früher gern gemacht hatte. Nach sechs Monaten fing Zoe wieder an zu arbeiten – in der Schweiz gibt es keine Elternzeit. Der Papa brachte ihren gemeinsamen Sohn mittags zum Stillen vorbei, weil er zunächst die Flasche verweigerte. „Diese totale Abhängigkeit und das permanente Gefühl, dass es nicht ohne mich geht, waren belastend.“

Was ihr geholfen hat? Der Austausch mit anderen Müttern: „Echter Real Talk, nicht verklärte Erinnerungen.“ So merkte sie, dass sie nichts falsch macht und nicht allein ist mit ihren Herausforderungen. Die Erfahrungen im ersten Baby-Jahr forderten auch Zoes Glauben heraus. Dennoch: „Ich schaffe das nur mit Gott. Wenn ich denke, ich kann nicht mehr, dann ist er da.“ Trotz allem wünscht sich Zoe ein zweites Kind. „Ja, es ist anstrengend. Aber es gibt einem so viel. Das erste bewusste Lächeln, das fröhliche Lachen – das kann man nicht rational erklären.“

Zwischen Ratgebern und Bauchgefühl

Anders als gedacht war das erste Baby-Jahr auch für Robert, 29, Postzusteller. Der inzwischen zweifache Vater hatte sich mit vielen Ratgebern auf das erste Baby-Jahr vorbereitet. Durch ein übersehenes KiSS-Syndrom trank sein erster Sohn jedoch fast nichts. Roberts Frau litt dadurch an starken Selbstzweifeln und Versagensgefühlen. „Ich musste meine Frau ständig aufbauen. Ich habe in dieser Zeit nur für sie existiert.“ Als das Kind später die Flasche bekam, konnte auch er sich mehr einbringen und die Beziehung zu seinem Sohn vertiefen. Sein Rat: „Wenn das Bauchgefühl bei Aussagen von Ärzten nicht stimmt – holt euch eine zweite Meinung.“

Für Robert war besonders wertvoll, die Kinder als gleichwürdige Persönlichkeiten zu sehen – und sich als Paar gemeinsame Erziehungsziele zu setzen. Auch der Austausch mit anderen Eltern war entscheidend: „Ob Hebamme, PEKiP-Kurs oder Onlinegruppen – das hat uns sehr geholfen.“

Zwischen Grenzerfahrung und Dankbarkeit

Diana, 30, IT-Fachkraft und zweifache Mutter, hat ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Bereits ihre Schwangerschaft war geprägt von Vorfreude und Liebe einerseits sowie Sorge und Angst andererseits. Familiäre Probleme verursachten zusätzlichen Stress. Das Gefühlschaos blieb auch nach der schwierigen Geburt: „Ich war voller Liebe, aber auch voller Angst, das Baby zu verlieren.“ Ihr Kind schrie ununterbrochen. Widersprüchliche Tipps von außen, ständige Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Gefühle der Überforderung mündeten in starke Selbstzweifel. „Manchmal dachte ich, ich werde vor Erschöpfung einfach umfallen und sterben. Dennoch wollte ich für mein Kind um jeden Preis überleben.“

Erst nach sechs Monaten konnte Diana die Babyzeit genießen. Eine empathische Nachsorgehebamme, die Unterstützung durch ihren Mann, ehrliche Gespräche und kleine Momente des Lichts – angenehme Besuche, ein Lächeln oder die Nähe beim Tragen – brachten neue Kraft. „Manchmal hilft es schon, wenn jemand sagt: Du bist nicht allein.“ Ihr Tipp für andere Eltern: „Geht gut mit euch selbst um, achtet aufeinander und lasst Fehler zu. Und seid euch sicher: Egal, wie dunkel und schwer es gerade aussieht – irgendwann kommt wieder Licht.“

Zwischen Unverständnis und Gelassenheit

Christin (Name geändert), 33, freie Grafikerin, hat zwei Kinder – und zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ihre erste Tochter litt unter heftigen Schreianfällen, oft stundenlang. „Es hat mich an meine Grenzen gebracht. Wir wussten nicht mehr, was wir tun sollten. Von außen kam oft Unverständnis oder sogar Vorwürfe.“ Die stressige Geburt und ihre eigene Hochsensibilität ließen sie lange zweifeln, ob sie Schuld an der Situation trug. Der Rückbildungskurs musste ausfallen, soziale Isolation verstärkte die Belastung. „Ich hätte gern vorher gewusst, dass so etwas passieren kann – und dass man sich Hilfe holen darf.“

Beim zweiten Kind verlief alles anders: eine ruhige Wassergeburt im Geburtshaus, ein Baby, das deutlich weniger weinte. „Ich durfte eine neue Seite erleben – mit mehr Leichtigkeit, Gelassenheit und Ruhe.“ Die Schreianfälle ihres ersten Kindes forderten ihren Glauben heraus. Doch der Glaube half ihr auch, durchzuhalten – und dankbar zu sein: „Ich schätze umso mehr all die schönen Momente mit meinen Kindern. Und Gott ist gnädig und kann auch wieder Zeiten der Ruhe schenken.“

Christin hat gelernt, Prioritäten anders zu setzen. Beim ersten Kind war sie überfordert mit allem, was neben dem Baby noch zu tun war. Heute lässt sie sich unterbrechen, genießt kleine Momente mit ihren Töchtern: „Ich weiß jetzt, dass ich vieles nicht kontrollieren muss – und dass soziale Teilhabe auch mit Kindern möglich ist, wenn man sich auf ihren Rhythmus einlässt.“ Anderen Eltern rät sie: „Nehmt jede Phase für sich und stellt euch darauf ein, dass sich die Dinge – und auch der Schlafrhythmus – jederzeit wieder ändern können. Meistert Herausforderungen als Team, freut euch an den schönen Momenten und seid gewiss, dass ihr mit Schwierigkeiten nicht allein seid.“

Zwischen Unsicherheit und Verbundenheit

Auch Mandy, 34, medizinische Dokumentations­assistentin in Elternzeit, hatte sich das erste Jahr mit Baby einfacher vorgestellt. „Ich dachte, man weiß als Mutter intuitiv, was zu tun ist, und alles funktioniert automatisch. Stattdessen war ich oft überfordert.“ Ihre Tochter war sensibel, nahm Reize stark wahr. „Ich wusste oft nicht, warum sie schrie. Ich liebte sie sehr, aber ich kannte ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse noch nicht. Die Erwartungen meiner Schwiegereltern: ‚Das weiß man doch als Mutter!‘, machten alles schlimmer.“

Ein Schlüsselmoment war eine Babymassage, in der ihre Tochter nur weinte. „Die Hebamme nahm sie hoch, und sie hörte sofort auf. Das war mir peinlich. Aber die Hebamme war verständnisvoll. Sie erklärte mir, dass mein Kind meine Unsicherheit spürt.“ Mandy blieb dran. Trotz Scham, Angst und dem Gefühl, keine gute Mutter zu sein, ging sie in Kurse, suchte den Austausch in Mama-Gruppen und lernte ihre Tochter besser kennen. „Nach und nach wusste ich, was sie brauchte. Die Bindung zu ihr ist gewachsen.“

Ein Schmerzpunkt bleibt der Konflikt mit den Schwiegereltern. „Ich dachte, wir wachsen als Familie enger zusammen. Aber sie hielten an unrealistischen Idealvorstellungen fest. Als unsere Tochter zu fremdeln begann, zeigten sie wenig Verständnis. Das hat das Verhältnis zu ihnen und auch die Beziehung zu meinem Mann belastet.“ Am meisten geholfen hat Mandy ihre Hebamme: „Mein Rat: Sucht euch eine Hebamme, die zu euch passt. Und: Haltet nicht an Idealvorstellungen fest. Plant nicht zu viel, sondern gebt euch Zeit und vertraut darauf, dass ihr in Situationen reinwachst.“

Lisa-Maria Mehrkens ist Psychologin und freie Journalistin und lebt mit ihrer Familie in Chemnitz.