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Täter und Opfer? Paarexpertin verrät, warum es nicht so einfach ist

In Krisensituationen weisen sich Paare gegenseitig die Schuld zu: Wer ist Täter, wer Opfer? Paartherapeutin Piroska Gavallér-Rothe zeigt, wie wir Verantwortung übernehmen und zu tiefer Versöhnung finden können.

Ein Paar kommt zu mir in die Praxis. Er ist tief verletzt und stellt den Fortbestand der Ehe infrage: Auf einer Dienstreise hatte seine Frau ein einmaliges erotisches Intermezzo mit einem Kollegen – entgegen ihrer gemeinsamen Vereinbarung, sich sexuell treu zu sein. Als er davon erfährt, ist er tief enttäuscht, wütend und verzweifelt und hat das Gefühl, von seiner Frau betrogen worden zu sein. Und tatsächlich: Wer diesen Vorfall isoliert betrachtet, findet die Rollen von Opfer und Täter schnell verteilt. Ganz offensichtlich war es die Frau, die den Mann zum Opfer ihrer Untreue machte. Oder anders ausgedrückt: Sie hat gesündigt und Schuld auf sich geladen.

Schuld – schafft Ordnung und klare Verhältnisse

Schuld ist ein tragender Bestandteil unserer Kultur – tief verankert in rechtlichen und sozialen Denkmustern, aber auch als moralisches Konzept in der christlichen Tradition. Sie strukturiert unsere Vorstellung von richtig und falsch, schafft Ordnung, verlangt Ausgleich. Wer Opfer ist, darf Strafe fordern. Wer Täter ist, muss büßen.

In meiner Praxis nutze ich gerne mein 4-Stühle-Modell, um zu veranschaulichen, welche Auswirkungen das Denken in Schuld auf den einzelnen Menschen und zwischenmenschliche Beziehungen hat:

Stuhl 1: Ich bin schuld. Ich bin falsch. Ich habe versagt. Das ist der Ort der Selbstvorwürfe, der Selbstabwertung und der Scham. Die Folge ist oft der Rückzug ins Schneckenhaus – oder ins Büßerhemd.

Stuhl 2: Du bist schuld. Du bist falsch. Du hast mich verletzt. Wer dort sitzt, ist überzeugt: Mich trifft keine Schuld! Wenn jemand schuld ist, dann bist das du! Menschen auf Stuhl 2 klagen an, zeigen mit dem Finger auf andere – und fühlen sich moralisch im Recht. Die Rollen sind klar verteilt: Der oder die andere ist Täterin oder Täter – man selbst ist fein raus.

Weil sich die Schuldfrage in der Regel auf ein einzelnes moralisch oder rechtlich zu verurteilendes Verhalten fokussiert, ist es einfach, in Schuld zu denken. Doch sie verengt auch den Blick: Wie die Situation entstanden ist, bleibt unerheblich. Die Frage: „Wer ist schuld?“ spaltet zusammengehörendes Beziehungsgeschehen und reduziert das Geschehen auf Opfer und Täter.

Obwohl ich es im Grunde weiß, bin ich doch immer wieder überrascht – und erschrocken zugleich –, wie viele Menschen in den Haltungen von Stuhl 1 und Stuhl 2 verhaftet sind. Das zeigt, wie sehr Schuld- und Täter-Opfer-Narrative unser Denken und unsere Gesellschaft prägen. Und wie sehr ein solch vereinfachtes Denken Versöhnungsprozesse bremst oder sogar verhindert.

Schuld oder Beitrag zum Beziehungsgeschehen?

Zurück zu meinem Paar. Wie so häufig verändert sich der Blick auf die Situation, als es ausführlicher zu erzählen beginnt: Es stellt sich heraus, dass die Sexualität zwischen den beiden seit einigen Jahren nur noch auf Sparflamme läuft. Die drei Kinder, die berufliche Selbstständigkeit der beiden und die zahlreichen sozialen Aktivitäten fordern Kraft, Zeit und körperliche Ressourcen. Während der Mann mit der gegebenen Situation „den Umständen entsprechend zufrieden“ ist, sieht die Frau die Situation nicht so entspannt. Ihre insbesondere in den letzten Monaten zunehmende Unzufriedenheit hatte sie ihrem Mann bereits mehrfach explizit zum Vorwurf gemacht – ohne damit aber wesentliche Veränderungen der Situation bewirkt zu haben.

In der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 wird es mit diesen neuen Informationen kurzfristig recht ungemütlich, denn hinsichtlich der dort alles entscheidenden Schuldfrage ergibt sich durch die Erzählungen ein neues Bild:

Wenn es tatsächlich so ist, wie die beiden erzählen – ist dann die Frau immer noch schuld? Oder liegt die Schuld nun doch eher beim Mann, der offenbar so geflissentlich die Bedürfnisse seiner Frau ignorierte? Und auch wenn damit die Ahnung von der Mitverantwortung des Mannes „um die Ecke weht“, wird häufig am Ende doch die „moralische Keule“ gezückt. Der finale Schlag klingt in der Welt von Stuhl 1 und Stuhl 2 etwa so: Auch wenn der Mann sich sicherlich im Hinblick auf die sexuellen Bedürfnisse seiner Frau „nicht ganz richtig“ verhalten habe, so könne man ihm ja nicht den „Vorwurf“ machen, dass er jetzt „schuld“ sei, wenn ihn seine Frau am Ende betrüge. Mit diesem Denken in schwarz und weiß kommt schnell wieder Ordnung in die Welt, denn so bleibt es einfach auszumachen, wer letztlich die Schuld an der ganzen Misere trägt.</p>

Verantwortung übernehmen – eine Haltung der Reife

Anders gestaltet sich auf Stuhl 3 und Stuhl 4 der Blick auf die Welt: Während Stuhl 1 und Stuhl 2 den Fokus auf die Schuldfrage legen, eröffnen Stuhl 3 und Stuhl 4 den Raum für neue Perspektiven:

Stuhl 3: Worum geht es mir im Grunde? Statt Rückzug oder Vorwurf richtet sich der Blick auf Stuhl 3 nach innen: Welche Bedürfnisse wurden verletzt? Welche Sehnsucht steht hinter meinem Schmerz? Und nicht zuletzt: Was ist mein Anteil daran, dass sich dieses Bedürfnis nicht erfüllt hat?

Stuhl 4: Worum geht es dir im Grunde? Stuhl 4 ist der Raum, in dem auch das Gegenüber Platz bekommt. Wer hier sitzt, hört zu, fragt nach, lässt sich berühren vom Erleben des oder der anderen – von seiner Not oder ihrer Sehnsucht.

Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit als Paartherapeutin ist es, Menschen zu sich selbst – und damit auf Stuhl 3 – zu begleiten. Für unser Paar bedeutet das:

Er erkannte, wie wichtig ihm Vertrauen und Ehrlichkeit sind – aber auch Würdigung, Wertschätzung sowie der achtsame Umgang mit der Exklusivität ihrer sexuellen Beziehung. Statt sich weiter auf die Schuld seiner Frau zu fokussieren, begann er zu spüren, wie sehr ihn das Geschehene schmerzt – ohne ins Drama eines Opfer-Narrativs zu fallen.

Sie wiederum begann zu begreifen, wie groß ihre eigene Not eigentlich war und wie sehr sie sich danach sehnt, von ihrem Mann nicht nur als Mutter und Alltagsbewältigerin, sondern auch als Frau gesehen und begehrt zu werden.

Stuhl 4 wiederum ermöglicht es, das Gegenüber einfühlsam aufzunehmen und emotional mit dem Gesagten in Verbindung zu kommen. Wenn Menschen nicht nur Argumente verstehen, sondern innere Beweggründe auf der Gefühls- und Bedürfnisebene nachvollziehen können, kann sich auch die Bedeutung eines ursprünglich verletzenden Verhaltens verändern.

Eine neue Perspektive

Diese einfühlsamen und bedürfnisorientierten Sichten auf sich selbst und das Gegenüber sind wichtig, damit die Beteiligten sich aus Schuldzuweisungen und Vorwürfen lösen und stattdessen nach und nach den Blick auch auf die eigene Verantwortung für das Geschehene richten können. Das eröffnet nicht nur Räume des persönlichen Lernens, sondern ebnet auch den Weg zu einer tiefgreifenden Versöhnung.

Nicht: Wer hat recht?

Sondern: Was ist geschehen – und was lernen wir daraus?

Nicht: Wer ist Täter, wer Opfer?

Sondern: Welche Verantwortung trage ich – und welche trägst du?

Für das Paar bedeutete das:

Auf Seiten der Frau:

  • Wie klar und eindeutig habe ich meine „Bedürfnisse in Not“ an meinen Mann herangetragen?
  • Habe ich mich und meine Bedürfnisse – jenseits meiner Ausbrüche im Streit – wirklich ernst genommen und sie nachhaltig zum Ausdruck gebracht?
  • War ich mir selbst überhaupt bewusst, wie sehr ich mit meinen unerfüllten Bedürfnissen in Not war?

Auf Seiten des Mannes:

  • Wie ernst habe ich die geäußerte Unzufriedenheit meiner Frau genommen?
  • Wie sehr habe ich es mir in unserer Beziehung bequem eingerichtet – und darauf vertraut, dass „es schon passt“, egal, was meine Frau sagt?
  • Was hält mich davon ab, mit meiner Frau regelmäßig und für beide erfüllend intim zu werden?

Erst durch die Auseinandersetzung mit diesen Fragen konnte ein Bewusstsein dafür wachsen, wo jeweils die eigene Verantwortung für das oberflächlich sichtbare Problem („erotisches Intermezzo“) liegt. So entstand ein gemeinsames Lernfeld. Darin konnten beide Seiten miteinander und aneinander wachsen – im Blick auf die Ursachen der Krise ebenso wie auf ihren persönlichen Umgang damit.

So kann Entwicklung entstehen – persönlich wie gemeinsam. Das 4-Stühle-Modell lässt sich auf viele andere Situationen übertragen und ermöglicht Menschen, das zu bewirken, was uns innerlich Frieden schenkt: Versöhnung, die verbindet.

Piroska Gavallér-Rothe ist Paartherapeutin und Autorin von „Wertschätzend Klartext reden“. In Vorträgen und Seminaren vermittelt sie zudem ihr 4-Stühle-Modell als praxisnahes Werkzeug für gelingende Kommunikation und reife Beziehungsgestaltung.

 

Das 4-Stühle-Modell: Wege aus der Schuldspirale

Stuhl 1: Ich bin schuld.

Selbstvorwürfe, Scham, Rückzug – oft verbunden mit Hilflosigkeit.

Stuhl 2: Du bist schuld.

Vorwürfe, Rechthaberei, moralische Überlegenheit – oft mit viel Wut.

Stuhl 3: Was brauche ich?

Selbstverbindung, Klärung der eigenen Bedürfnisse und Anteile.

Stuhl 4: Was brauchst du?

Empathie, Zuhören, Bereitschaft, das Gegenüber wirklich zu sehen.

Wer tiefer einsteigen möchte: In ihrem Buch „Wertschätzend Klartext reden“ beschreibt Piroska Gavallér-Rothe ausführlich, wie der Wechsel von Stuhl 1 und Stuhl 2 in die Welt von Stuhl 3 und Stuhl 4 gelingt – von der inneren Selbst(bewusst)werdung bis zur Kunst des einfühlsamen, bedürfnisorientierten Zuhörens.